Rezept ’n Portrait: Auf eine gebackene Melone mit Medina und Badiyel

Essen verbindet. In meiner neuen Blogrubrik „Rezept ’n Portrait‘ stelle ich euch ganz wunderbare Menschen vor, die mich alle auf ihre Art inspiriert haben. Menschen, die wie du und ich Teil unserer deutschen Gesellschaft sind – aber ursprünglich aus einem ganz anderen Land stammen. Sie alle leben Integration aus vollem Herzen und tiefster Überzeugung – haben sich aber auch Liebgewonnenes aus ihrem Heimatland bewahrt. Wie Rezepte mit ihren unverwechselbaren Geschmäckern und Düften, die sie hier gemeinsam mit ihrer Geschichte mit uns teilen.

Auf eine gebackene Melone mit Medina und Badiyel

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Zutaten:

  • Olivenöl
  • ½ Zwiebel
  • 1 Esslöffel Pinienkerne
  • 1 Esslöffel Korinten
  • ½ Glas Reis
  • Biryani-Gewürz
  • Salz
  • 1 Glas Wasser (lauwarm)
  • 1 Melone (Galia- oder Honigmelone)

 

Zubereitung (Originalrezept von Medina):

Den Ofen auf 180 Grad vorheizen. Die Melone halbieren. Das Kerngehäuse mit einem Löffel vorsichtig auslösen. Ist die Aushöhlung für die Füllung zu klein, ein wenig Fruchtfleisch auskratzen – aber nicht zu viel, denn es sollte noch eine dicke Schicht Fruchtfleisch stehen bleiben.

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In einer Pfanne das Olivenöl erhitzen und die Zwiebeln für 3-4 Minuten bei mittlerer Temperatur dünsten. Pinienkerne und Korinthen hinzugeben, Temperatur leicht erhöhen und unter Rühren für 1-2 Minuten rösten. Danach den Reis hinzugeben, leicht braten und das Glas Wasser hinzugeben. Auf minimale Temperatur stellen, Deckel drauf und ziehen lassen.

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Die Melone mit der Reismischung füllen, gelegentlich etwas andrücken, damit alles reinpasst. Danach mit Alufolie abdecken und bei 180 Grad Hitze ca. 60 Minuten backen.

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Afiyet olsun (guten Appetit)!

 

Bei einem leckeren Essen lässt es sich ganz besonders gut plaudern

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Zu Besuch bei Medina (rechts) und Badiyel (links) in ihrem Erfurter Restaurant Bâ Badiyel.

Was hat dich oder deine Familie nach Deutschland geführt?

Medina: Ich bin hier geboren. Mein Vater kam in den 60-er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland.

Badiyel: Ich war Journalist in der Türkei und habe einen Artikel geschrieben, welcher dem damaligen Regime nicht genehm war und deshalb ein Haftbefehl gegen mich erlassen wurde. So war ich gezwungen, das Land zu verlassen.

Welche Herausforderungen warteten auf dich und/oder deine Familie in der ersten Zeit?

Medina: Für mich gab es keine erste Zeit. Ich habe Deutschland von vornherein als meine Heimat wahrgenommen, auch wenn alles in der Umgebung in Berlin Wedding türkisch/migrantisch geprägt war. Aber zugeben muss ich, dass ich meine ersten deutschen Freund*innen mit 17 Jahren erst in NRW hatte, als ich damals dorthin gezogen bin. Und das war schon eine kulturelle Herausforderung. Ich bemerkte im Nachgang, dass ich in Wedding in einer Blase aufgewachsen war, die kaum Kontakt zu der Mehrheitsgesellschaft hatte.

Badiyel: Oh, es war kein Zuckerschlecken! Ich wurde der Unterkunft in Prenzlau (Brandenburg) zugeteilt. In der Region waren kaum Ausländer und ich habe kein Wort Deutsch gesprochen. Zudem fühlte ich mich dort nicht willkommen. Aber mit der Zeit, als die Bewohner mich kennengelernt haben, öffneten sie sich, was wiederum angenehm war. Was ich aber ganz schlimm fand war, dass ich über Jahre nicht arbeiten durfte, weil die Asylbewerbergesetze damals viel schlimmer waren. Ich muss zugeben, dass ich die Geflüchteten heute in Deutschland teilweise beneide. Es gibt Integrationskurse, Anerkennungsstellen und oftmals die schnelle Erteilung von Arbeitserlaubnissen. Das gab es alles in den 90-er Jahren so leider nicht, was uns den Integrationsprozess um vieles erschwerte.

Was machst du heutzutage?

Medina: An sich arbeite ich als Konferenzdolmetscherin und Moderatorin. Aber im Restaurant meines Mannes habe ich viele Funktionen: Buchhalterin, Personalführerin, Kellnerin, Koch, Spülkraft und und und 😊 Also ich mache alles, was anfällt und wo ich in dem Moment benötigt werde.

Badiyel: Ich betreibe ein türkisches Restaurant und mache den Einkauf und bin für die gesamten Speisen in unserem Menü verantwortlich. Ich bin also momentan der einzige Koch. Wie Medina erwähnt, manchmal muss sie auch mal nach hinten in die Küche, um mir zu helfen. Schließlich habe ich fast alle Mezevariationen von ihr gelernt.

Begegnet dir das Thema Migrationshintergrund im Alltag?

Medina: Oh ja. Ein Thema, welches mich in den letzten Jahren sogar ziemlich müde gemacht hat. Entweder gibt es viele neugierige Deutsche, die mehr über meine Herkunft wissen wollen und ich immer wieder dieselben Fragen beantworte. Oder aber Freund*innen wenden sich an mich, weil sie Diskriminierung erfahren haben und ich versuche mich für sie zu engagieren. Ich habe mir allerdings seit dem Zuwachs von Rechtspopulismus in Thüringen vorgenommen, nicht mehr diese Müdigkeitserscheinungen zu zeigen, sondern so engagiert wie möglich alle potenziellen Demokraten für die Demokratie zu gewinnen und für alle Fragen zur Verfügung zu stehen.

Badiyel: Ich bin eher jemand, der kaum Kontakt zu Menschen hat und mehr im Hintergrund steht. Deshalb begegnet mir das Thema kaum. Ich denke, Medina macht schon genug und ich versuche ihr – so gut ich kann – Rückendeckung zu geben.

Fühlst du dich angekommen?

Medina: Ich denke schon.

Badiyel: Ja, vor allem Erfurt als Stadt liebe ich sehr und fühle mich hier sehr wohl.

In welcher Sprache träumst du nachts?

Medina: Oftmals in der türkischen Sprache (da Muttersprache). Aber kontextbezogen auch in der deutschen Sprache 😊

Welchen Teil der Kultur des Landes aus dem du oder deine Familie migriert ist, hast du dir hier in Deutschland erhalten?

Medina: Ich bin zwar in Deutschland aufgewachsen, aber anfangs nur kurdisch und türkisch sozialisiert. Ich liebe das Essen, die Flexibilität, die Musik und die Gastfreundschaft.

Badiyel: Ähnlich wie Medina sehe ich es auch.

Was schätzt du besonders an typisch deutschen Normen und Werten?

Medina und Badiyel: Die gelebte Demokratie, die Offenheit, dass sich Menschen an die Gesetze halten. Die Ordnung. Brezel, den guten Kaffee, das reine Leitungswasser. Die Förderung von Integration anhand von verschiedenen Institutionen und Projekten

Gibt es typisch deutsche Verhaltensregeln, die dir schwer fallen?

Medina: Die mangelnde Flexibilität.

Badiyel: Nein, eigentlich nicht.

Wie hast du die deutsche Sprache gelernt und wie gut sprichst du sie?

Medina: ich denke ziemlich gut. Level = Muttersprache

Badiyel: B2-Niveau. Da ich aber jemand bin, der insgesamt nicht so viel redet, mangelt es manchmal an der einen oder anderen Stelle. Aber ich komme ziemlich gut zurecht.

Begegnen dir im Alltag auch nicht gut integrierte Ausländer?

Medina: Ja.

Badiyel: Ja.

Was denkst Du dann?

Medina: Ich versuche die Hintergründe zu verstehen und ihnen so gut ich kann, zu helfen. Integration ist ein langer Prozess und braucht viel Atem. Aber wenn ich Personen sehe, die sich nicht integrieren wollen, investiere ich – anders als früher – keine Zeit mehr für sie. Und manche spreche ich offen an und versuche sie dafür zu sensibilisieren, dass sie es langfristig nicht einfach haben werden, wenn sie sich um Integration nicht bemühen.

Badiyel: Ich rege mich über sie auf. Ich hatte es im Vergleich zu vielen Migranten, die jetzt in Erfurt leben, viel schwieriger. Fast zehn Jahre durfte ich nicht arbeiten, weil mein Asylantrag nicht beschieden wurde. Trotzdem habe ich erst auf dem Bau gearbeitet, später im Dönerladen. Nun bin ich Besitzer eines Restaurants. Wenn man sich vorstellt, dass ich vorher in der Türkei als Journalist gearbeitet habe, habe ich so ziemlich viele Tätigkeiten ausgeübt, die nicht meinen Ansprüchen entsprachen. Trotzdem war ich mir für nichts zu schade und bin ein Teil dieser Gesellschaft geworden und zahle meine Steuern. Ich wünsche mir von den neu zugezogenen auch Bemühungen.

Essen verbindet. Was ist dein persönliches Lieblings-Rezept, das du gerne für Freunde kochst?

Badiyel: Ein traditionelles Gericht aus der Heimatstadt. Eksili Köfte. Ein Eintopfgericht mit Bohnen, Linsen, Kichererbsen, Bulgurbällchen. Für viele nichts spannendes 🙂

Medina: Meine Lieblingsrezepte ändern sich von Zeit zu Zeit. Im Moment ist es die gebackene Melone.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade #bloggersindbunt. Wie ich zu der Idee für „Rezept ’n Portrait“ kam, erfahrt ihr hier.

Wollt ihr auch bei #bloggersindbunt mitmachen? Die Blogparade läuft bis 15. Januar 2020, Details findet ihr hier.