Corona Diary 2.0 – auf eine Box to go.

Mal kein Rezept. Ein besonderes Projekt in besonderen Zeiten: In meinem Corona-Diary teile ich während der Monate des Shutdowns meine ganz persönlichen Eindrücke und Gedanken in der Zeit der Krise. Aus der Sicht eines Gastronomen – auf eine Box to go aus unserem Fensterverkauf. Eine Zeitkapsel – zum Innehalten, Nachdenken und Weitervererben an nachfolgende Generationen.

Was bisher geschah … Das Corona-Diary 1.0 aus dem ersten Lockdown findest du hier (Link zum Buchshop) und Auszüge online hier.

Montag, 07.06.2021

Heute haben wir das erste Mal unsere Türen geöffnet. Nach fast 8 Monaten. Was für eine lange Zeit!

Es fühlte sich nicht nur für uns verrückt an, sondern auch für viele unserer Gäste. Und ich bin ungemein erleichtert, dass nicht nur ich Zeit brauche, mich an die plötzlichen Lockerungen zu gewöhnen. Viele wühlen draußen vor der Tür erst einmal in ihrer Tasche nach der Maske und schauen dann über den Bügel hinweg vorsichtig durch den Türrahmen: „Können wir wirklich reinkommen?“ Die meisten möchten gerne draußen sitzen oder bleiben bei ihrer Box to go, an die sie sich über die lange Zeit schon so sehr gewöhnt haben. Ich muss lachen, trotz aller Anspannung, und gestehen, dass ich wirklich über jeden Gast froh bin, der gerne noch das to go Angebot nutzt. Es gibt auch mir, meinem Mann und unserem Team etwas Zeit, uns wieder einzufinden, in unsere Abläufe. Ich stand bis auf wenige Ausnahmen kaum an der Kasse und muss erst einmal wieder die passenden Tasten suchen, für unsere vielen Komponenten. Aber es scheint wie Fahrrad fahren zu funktionieren – nach 2 Anläufen bin ich wieder drin, im alten Modus.

Und der ist straff durchgetaktet. Der Kolibri-Modus, den der Betrieb mit geöffneten Türen wieder erforderlich macht, macht mir körperlich ganz schön zu schaffen, nach der ganzen Zeit. Kein Wunder, dass ich Corona-Speck angesetzt habe – ich habe mich die letzten Monate bestimmt nur halb so schnell bewegt, wie außerhalb des Lockdowns. Was für ein unfassbar großer Aufwand dahinter steckt, unser Café-Bistro täglich im strahlenden Glanz unseren Gästen zu präsentieren, wird mir nach der langen Zeit der Schließung noch intensiver bewusst, als es mir jemals war.

Und genau hier liegt die Tücke der Öffnung im Corona-Modus: Wir brauchen plötzlich fast die vollständige Team-Power und wuseln – statt zu zweit im Wechsel – gleichzeitig zu viert durch’s Café. Um das zu finanzieren, müssten wir mindestens den doppelten Umsatz im Vergleich zum reinen Fensterverkauf erzielen. Ohne Corona-Einschränkungen wäre das kein Problem. Aber auch wenn leider allzu viele offenbar da draußen – schmerzhafter Weise auch innerhalb unseres direkten Umfeldes – dem Irrglauben verfallen, alle Zeichen stünden wieder auf „normal“, so ist das ein Trugschluss. Ein Trugschluss, der wohl vor allem denjenigen unterläuft, die nie wirklich existenzbedrohend unter den Auswirkungen dieser Krise leiden mussten.

Die Maskenpflicht – außer am Tisch – gilt nach wie vor, ebenso wie die Mindestabstände von 1,5 m zwischen den Tischen, Beschränkung der Personenzahlen je Tisch und die Kontaktdatenerfassung. Neben der Angst vor Ansteckung, die viele unserer Gäste beschäftigt, die noch nicht vollständig geimpft sind, sind das die Faktoren, die genau zu dem geführt haben, was ich zumindest am ersten Tag für ein langsames Herantasten an die Lockerungen erhofft, wirtschaftlich betrachtet jedoch befürchtet hatte: Es kamen nur 5 Personen herein und nahmen tatsächlich an einem Tisch Platz. Während unserer ganzen heutigen Öffnungszeit: 5. Alle anderen wünschten sich trotz schlechten Wetters einen der wenigen Plätze draußen oder die liebgewonnene Box to go. Normal sieht anders aus.

Über allem schwebt derweil der Inzidenzwert – mit einem Wert unter 35 ist das oben beschriebene die zur Zeit best mögliche neue Normalität. Steigt der Wert aber doch wieder über 35, kommt die Testpflicht hinzu – sodass wir dann voraussichtlich gleich wieder die Innenräume schließen werden müssen, da sich nicht nur 5, sondern niemand mehr hineinsetzen will.

Der imaginäre Workshop geht in die nächste Runde. Aber vielleicht lerne ich dabei wirklich etwas hinzu. Diejenigen, die ich in der Zeit des Fensterverkaufs so richtig ins Herz geschlossen habe, waren auch heute einfach zauberhaft: Ein älteres Ehepaar brachte uns Blumen vorbei, zur emotionalen Unterstützung während der „Neueröffnung“ und hatte sich sogar extra die LUCA-App installiert. Ein jüngeres Paar scannte, ohne dass irgendeine Erklärung notwendig gewesen wäre, gleich den Luca-Code auf unserer Theke und „checkte ein“. Und mir wird klar, wie wertvoll Gesten wie diese sind, Menschen, die mitdenken, die Lage richtig einschätzen und nicht dem fatalen Irrglauben verfallen, alles sei wieder „normal“, wie es leider so viele andere tun. Normal ist zur Zeit noch gar nichts, nicht für uns Gastronomen und auch nicht für alle anderen existenzbedrohend eingeschränkten Branchen, von Einzelhandel bis Kultureinrichtung. Jeder Mensch, der mir zu verstehen gibt, dass er sich dessen bewusst ist und so viel dazu beiträgt, die Auswirkungen zu lindern, wie er es persönlich kann, gibt mir die Kraft, diesen Workshop durchzustehen.

Dienstag, 01.06.2021

Der Sommer der Lockerungen. Er ist da. Draußen strahlender Sonnenschein, Temperaturen über 20 Grad und eine stabile Inzidenz in Erfurt unter 35. Der Thüringer Landtag tagt an diesem strahlenden Tag und beschließt, dass das Leben in Erfurt ab morgen wieder etwas normaler sein darf. Mit etwas Glück einen ganzen Sommer lang.

Die Gastronomie darf nicht nur außen, sondern ab einer Inzidenz unter 50 auch innen öffnen, bei einer Inzidenz unter 35 sogar ohne Test und Terminvereinbarung. Pensionen, wie unser kleines Bed & Breakfast, dürfen unter gleichen Konditionen von einem Tag auf den anderen wieder Zimmer an touristische Besucher vermieten, der Posteingang ist nach 8 Monaten gespenstischer Ruhe überfüllt von Buchungsanfragen.

Es klingt nach eitel Sonnenschein. Und dennoch wirkt alles befremdlich.

8 Monate im Lockdown sind eine lange Zeit. 8 Monate, deren Spuren nicht einfach per Beschluss weggewischt werden können.

Im Nachrichtenfeed meines Handys tauchen Berichte auf, vom sogenannten Cave Syndrom. Während viele Menschen jubelnd die neuen Möglichkeiten nutzen, Freunde und Familie treffen, zur Gartenparty einladen, sich ins Getümmel zwischen Eisdielen, Restaurants und Shoppingmöglichkeiten stürzen, als existiere per Beschluss kein Virus mehr, gibt es ebenso viele, die erst einmal vorsichtig abwarten und Kontakte zunächst weiter meiden. Ja, diejenigen, die die Regelungen wirklich ernst genommen und konsequent in ihren neuen Pandemie-Alltag integriert haben, sind sehr gut darin geworden, das soziale Miteinander auf ein Minimum zu reduzieren.

Der Mensch braucht 6 Wochen, um neue Verhaltensmuster zu verinnerlichen, sagen Forscher. Nach nunmehr 8 Monaten sind diese Verhaltensmuster auch für mich fester Lebensbestandteil und können nicht per Beschluss des Thüringer Landtages einfach wieder aufgehoben werden. Denn die Änderung von Verhaltensmustern dauert ihre Zeit.

Vielleicht sind es wirklich wieder die 6 Wochen, von denen Wissenschaftler sprechen, die auch das Zurückkehren zu alten sozialen Mustern braucht. Ich hätte diese Wochen der Umgewöhnung wirklich gut gebrauchen können, darf sie mir aber als Gastronom nicht nehmen. Denn es wäre wirtschaftlich betrachtet Wahnsinn, beim Fensterverkauf zu bleiben, obwohl geöffnet werden darf – ich habe keine andere Wahl, als umgehend am Montag zu öffnen. Ich bin gespannt, wie lange es dauern wird, mich daran zu gewöhnen, dass fremde Menschen auf meiner Couch im Café-Wohnzimmer sitzen, auf der 8 Monate lang nur ich saß und mein Corona-Diary schrieb. Stellt euch vor, ihr kommt aus eurer Küche, lauft mit eurer frisch gebrühten Tasse Kaffee ins Wohnzimmer und es sitzt ein euch völlig Unbekannter auf eurem Sofa und wünscht sich einen Cappuccino. Ja, so in etwa stelle ich mir das Gefühl vor, das mich ab nächster Woche erwartet.

Auf einem der Tische nahe der Couch steht noch der Adventskranz aus dem letzten Jahr. Wie ein Mahnmal aus der Zeit, in der die Gastronomie ein zweites Mal per Verordnung in den Dornröschenschlaf versetzt wurde. Das Lametta unserer Weihnachtsdeko hängt noch im Schaufenster, zwischen den verwaisten Tischen stehen Pakete mit Gewürzgläsern und Kochbüchern, deren Versand uns gemeinsam mit dem Fensterverkauf bis zum heutigen Tag vor allem mental und ein wenig auch finanziell über Wasser gehalten hat.

Das über Wasser halten war bitter nötig, in den letzten Monaten. Denn einen Unternehmerlohn als Entschädigung für vom Lockdown betroffene Unternehmer – der sowohl symbolisch als auch finanziell eine wichtige Stütze und ein Zeichen der Gleichbehandlung gewesen wäre – hat es bis heute nicht gegeben. Die Überbrückungshilfe fokussierte sich bis zuletzt ausschließlich darauf, dass wirtschaftliche Strukturen gesichert bleiben: Vermieter erhalten ihre Miete, Mitarbeiter Gehalt und Sozialversicherung, Versicherungen ihre Beiträge, Telekommunikationsunternehmen, Stromversorger, die Liste wirkt schier unendlich – sie alle erhalten, was ihnen zusteht. Dem Unternehmer stand lediglich die Ehre zu, sich um den bürokratischen Aufwand zu kümmern, der dahintersteckt, das alles am Laufen zu halten, unterstützt vom Steuerberater, der selbstverständlich auch vollumfänglich für seine Arbeit bezahlt wird. Ja, in diesem ganzen Konstrukt gab es nur einen, der diese Arbeitsleistung während des Dornröschenschlafes unbezahlt auf sich genommen hat: den Unternehmer selbst.

Die Möglichkeiten waren in den vergangenen 8 Monaten sehr begrenzt. Von Grundsicherung zu leben und 10 % der betrieblichen Fixkosten für den geschlossenen Betrieb über Monate hinweg – womöglich noch von der Grundsicherung – selbst zu zahlen, war die eine Option, die Unternehmern wie Gastronomen und anderen Kulturschaffenden in den letzten 8 Monaten als Überlebensmodell angeboten wurde.

Durch harte Arbeit unter erschwerten Bedingungen, neben der ehrenamtlichen Betreuung des Überbrückungshilfe-Projekts „Wirtschaftssicherung“, wenigstens aus eigener Kraft heraus im Fensterverkauf ein kleines Einkommen zu erarbeiten und im Gegenzug einen Großteil der Wirtschaftsförderung selbst zu stemmen, die andere. Egal für welche der beiden Optionen sich ein Einzelunternehmer entschieden hat: Die letzten 8 Monate waren hart.

Wie offen können wir alle, die auf diese Art und Weise über einen so langen Zeitraum hinweg um ihre Existenz gekämpft haben, auf die plötzlichen Lockerungen reagieren? Wie geht es den anderen Lockdownbetroffenen, Kulturschaffenden aller Art, Einzelhändlern, Dienstleistern? Wir alle haben eines gemeinsam: Es wird jetzt plötzlich wieder unsere Aufgabe sein, Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, sie willkommen zu heißen, ihre Wünsche zu erfüllen, Inspiration zu vermitteln. Können wir das noch? Wie wird es sich anfühlen, als Dienstleister auch die Menschen zu erfreuen, die vielleicht bis auf Maskenpflicht und Kontaktbeschränkung, nicht wirklich existenzbedrohend unter der Krise gelitten haben und sich nun in alter Manier von denjenigen umsorgen lassen möchten, die mit die größte Last dieser Pandemie tragen? Vielleicht zählt der ein oder andere Gast, Kunde oder Besucher sogar zu denjenigen, die uns existentiell Betroffenen empfohlen hatten, sich beruflich doch etwas anderes zu suchen. Ja, hätten wir diesen Ratschlag alle angenommen, dann gäbe es jetzt keinen Biergarten mehr, in dem sich die Rat gebenden gemütlich auf ein Bier setzen können, keine hübschen Läden zum Stöbern und Staunen, kein Theater, kein Kino, nichts. Die Innenstädte wären leer gefegt. Die meisten haben durchgehalten. Ja, wir sind entgegen dieser Ratschläge fast alle noch da und öffnen, fast als sei nichts gewesen.

Und nun? Strahlen wir in bester Dienstleistermanier? Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Statt Jubel ist mir eher zum Weinen zumute. Es ist zum Einen der Druck, der abfällt, weil ich weiß, dass für ein paar Monate wieder ein wenig mehr Normalität in unser Leben Einzug halten könnte. Aber es ist auch das aufwühlende Gefühl von Ungerechtigkeit, ja Ungleichbehandlung, die sich – seit dem Winter sehr lange Zeit unterdrückt – wieder Bahn bricht. Denn das Gefühl zu unterdrücken, macht die Ungerechtigkeit nicht ungeschehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Enttäuschung darüber wieder aufkeimt.

Vor allem, da ich ahne, dass das noch nicht alles war. Das Virus zieht sich von Natur aus zurück, in den Sommermonaten – und nicht etwa weil sich die Mehrheit der Gesellschaft so vorbildlich verhalten hätte, dass sie aktiv daran beteiligt war, die Inzidenz nach unten zu treiben. Die Inzidenz sinkt von allein – und wenn die Menschen mehrheitlich wenig dazugelernt haben, wird sie steigen, sobald sich dem Virus die Gelegenheit bietet, sich wieder auszubreiten. Auch die steigende Impfquote wird dem wenig entgegen zu setzen haben, solange die Gesellschaft nicht mehrheitlich geimpft ist. Zähle ich Kinder und Impfverweigerer zusammen, ist mir selbst als Laie klar, dass im Herbst keine Impfquote von 70 % erreicht werden kann. Werden wir gastronomischen Betriebe dann wieder als aller erste geschlossen und ohne Entschädigung in den ehrenamtlichen wie unentgeltlichen Dienst der Wirtschaftsförderung gestellt? Oder werden diejenigen, denen die Aufgabe obliegt, uns sicher durch die Pandemie zu führen, diesen ‚Sommer der Vorbereitung auf die nächste Welle‘ nicht ungenutzt verstreichen lassen und sich andere Wege der Pandemiebewältigung suchen?

In meinem Leben waren es immer 2 Dinge, die mir auch in schwierigen Zeiten die Kraft gegeben haben, weiter zu machen: Das eine ist Dankbarkeit. Das andere ein Gedankenspiel: Der Workshop.

Ich lasse es mal darauf ankommen. Vielleicht hilft es mir auch in diesem Moment weiter.

Was es mit dem Workshop auf sich hat? Er ist ein Gedankenspiel, das mir bisher in unangenehmen Situationen immer hilfreich zur Seite stand. Egal, was mir passierte, der Gedanke, dass es sich dabei um einen Workshop handelt, aus dem ich etwas gelernt habe, hat mir immer weiter geholfen. Wird es auch dieses Mal funktionieren? Dieser Workshop ist mit Sicherheit der längste, den ich bisher besucht habe, seit März 2020 sind nun bereits 16 Monate vergangen. Es ist mit ebenso großer Sicherheit der mit Abstand teuerste Workshop, der zeitaufwändigste und der intensivste. Aber was hat er mir für diese großen Investitionen an Erfahrungen gebracht? Kann ich aus diesem Workshop etwas mitnehmen? Ja, ich habe viel gelernt, über unsere Gesellschaft, über Politik und beider Möglichkeiten. Leider war mein Bild von beiden vor der Pandemie sehr viel besser, als nach diesem Workshop. Ist mein klarerer Blick auf die Realität vielleicht ein Fortschritt? Da ich viel Motivation aus meinem mir eigenen positiven, wenn auch offensichtlich naiven, Blick auf die Welt ziehe, sehe ich diese Entwicklung eher als Rückschritt. Hier scheitert das Gedankenspiel, denn es ist eine Erkenntnis, für die ich diesen langen und teuren Workshop lieber nicht besucht hätte. Ein Gewinn ist vielleicht das Wissen, dass wir die Kraft haben, trotzdem Zeiten wie diese durchzustehen. Nur: So richtig glücklich macht mich dieser Gedanke nicht.

Also hoffe ich auf meinen zweiten Kraftgeber: Dankbarkeit.

Wofür bin ich dankbar? Für Vieles, tatsächlich. Meine wundervolle kleine Familie, mit niemandem hätte ich die Zeit des Lockdowns lieber verbracht und ich freue mich so sehr, dass ich sie jeden einzelnen Tag um mich hatte. Unsere große Familie, die zwar räumlich von uns getrennt war, aber uns immer über alle Kommunikationswege hinweg zu verstehen gegeben hat: Wir sind füreinander da. Unsere Stammgäste, die uns teilweise täglich die Treue gehalten und unseren Fensterverkauf genutzt haben – sie werden auch mit der Öffnung keine Fremden sein, die plötzlich auf der Couch sitzen, sondern lieb gewonnene Menschen, viele sogar Freunde, mit denen wir durch Dick und Dünn gehen können. Aber auch diejenigen, die nicht die Möglichkeit hatten, uns auf eine Box to go zu besuchen, die uns alle auf ihre individuelle Art unterstützt haben – sei es mit aufmunternden Worten oder großen und kleinen Gesten der Wertschätzung und Unterstützung. Unsere Mitarbeiter, die die ganze Zeit des Lockdowns stets da waren, wenn sie gebraucht wurden aber auch die Möglichkeiten der Kurzarbeit zu wertschätzen wussten, wenn nicht genug zu tun war. Ich bin euch allen von Herzen dankbar.

Aber da ist sogar noch mehr. So nah das Virus uns auch gekommen ist, es gibt niemanden in meinem näheren Kreis, der so ernsthaft an Corona erkrankt ist, dass langfristige Beeinträchtigungen zu befürchten sind. Als Kind hatte ich es nie verstanden, warum die Älteren immer auch Gesundheit zum Geburtstag wünschten, mittlerweile weiß ich, wie wertvoll diese ist. Und bei aller Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung – wir wurden auch vom Staat nicht vollständig allein gelassen. Auch wenn die Hilfen vor allem unseren Gläubigern zu Gute kommen und nicht uns, so haben sie uns immerhin das wirtschaftliche Überleben ermöglicht. Und dafür, dass wir als Familienbetrieb noch existieren, bin ich dankbar.

Das hilft.

Was an Zweifel und Enttäuschung noch bleibt, wird hoffentlich die Zeit richten. 6 Wochen heißt es? Das sollte nach 8 Monaten gefühlt in einem Wimpernschlag vergehen, oder? Wenn – ja wenn – die Zeichen auf Lockerung bleiben und die Unachtsamkeit großer Teile unserer Gesellschaft oder die plötzlich sehr raschen Lockerungen durch den Thüringer Landtag nicht wieder zu einem Ansteigen der Inzidenz führen.

Denn ich ahne bereits, wer dann als erstes wieder schließen muss. Aber bevor es so weit ist, werden hier Adventskranz und Lametta erst einmal wieder beiseite geräumt und der Dornröschenstaub aus dem Café gefegt. Vielleicht hält der Sonnenschein ja auch für uns eine Weile an. Ich würde ihn auch so gerne genießen können.

Freitag, 21.05.2021

Die ersten Lockerungen seit fast 8 Monaten.

Sie fühlen sich seltsam an.

Die Inzidenz in Erfurt fällt das erste Mal seit einer Ewigkeit mehrere Tage unter hundert, Läden dürfen seit Beginn dieser Woche öffnen, mit Termin und Corona-Test. Heute folgt die Außengastronomie, ebenfalls mit Termin aber ohne Test. Wir warten trotzdem erstmal ab.

Ihr erinnert euch vielleicht, ich schrieb schon vor Monaten, dass eine Öffnung der Außengastronomie für uns eine Verschlimmbesserung bedeutet. Während Biergärten sicher trotz der Hürde ‚Terminvergabe‘ profitabel arbeiten können, bedeutet die Öffnung für Innenbereich-fokussierte Betriebe wie uns Probleme. Der reine Fensterverkauf wird, das ist so verständlich wie sicher, leiden, wenn als Alternative diverse Biergärten und die Außengastronomie am Erfurter Domplatz, Fischmarkt und Wenigemarkt locken. Unsere 10 Außensitzplätze auf dem Bürgersteig vor dem Café werden da nicht mithalten können, das meiste spielt sich bei uns in der normalen Welt drinnen ab.

Wir suchen nun also nach Lösungen, um diese neuen Probleme anzugehen, aber es gestaltet sich holprig. Die Zahnarztpraxis über uns wäre so freundlich, uns als Übergangslösung einen ihrer Parkplätze für weitere Stühle zu überlassen, um uns zu unterstützen. Aber nur eingeschränkt bis 14, vielleicht 15 Uhr. Klimaschutz und autofreie Innenstädte hin oder her, die wenigsten Patienten möchten es sich nehmen lassen, mit dem Auto zu ihrem Behandlungstermin zu fahren. Corona trägt dazu sicher auch noch seinen Anteil bei, selbst wir sind für Einkauf und Lieferungen von Straßenbahn auf E-Bike umgestiegen, um uns nicht unnötigen Infektionsrisiken auszusetzen. Wenn täglich auf und abgebaut werden muss, lässt sich natürlich kein schöner Biergartenersatz mit Schirmen und Blumenkübeln zaubern – es wird eine Notlösung werden. Dennoch besser als nichts.

Ein weiterer Strohhalm könnte der gegenüberliegende Bürgersteig sein – das daran angrenzende Frauenzentrum hat Unterstützung und Offenheit signalisiert, nun liegt die Anfrage auf Erlaubnis einer Corona-bedingten Sondernutzung beim Amt. Schließlich wurde mehrfach betont, dass städtische Behörden in diesen schweren Corona-Zeiten helfen werden, wo sie können. Nun bietet sich die Gelegenheit, den Worten Taten folgen zu lassen. Ich bin gespannt. Die Antwort bisher: Keine. Auch 7 Tage nach Versenden der Anfrage bleibt es spannend.

Auch wir lassen uns also erstmal zwangsläufig Zeit. Die Wetterprognose für Dienstag bis Freitag geht eher Richtung ‚kühl und bedeckt‘, vielleicht wird unserer Fensterverkauf die Woche auch noch rege genug genutzt, um kein Minus dadurch einzufahren, dass wir arbeiten.

Hoffnung bringt eine weitere aktuelle Meldung: Erfurt will ab einer stabilen Inzidenz unter 50 die Innengastronomie unter Auflagen öffnen. Der Erfurter Citymanager – eine mit einem ehemaligen Kommilitonen recht neu besetzte städtische Stelle, die in Corona-Zeiten zunehmend an Bedeutung gewinnt – setzt sich mit spürbar wachsendem Engagement für Einzelhändler und Gastronomen ein. Auf ihre Nachfrage hin bestätigte das Erfurter Gesundheitsamt nun sogar, dass die Luca-App zur Kontaktverfolgung genutzt werden kann, eine Schnittstelle zum Amt wurde eingerichtet. Wer kein Handy hat, kann natürlich weiterhin Zettelchen ausfüllen, aber die App dürfte Gastronomen und Einzelhändlern wie auch Gästen und Kunden viel Aufwand ersparen. Besonders bemerkenswert fand ich ihren Schritt, ihre Handynummer zwecks Kontaktaufnahme freizugeben, sollten allzu aggressive Zeitgenossen Händlern und Gastronomen bei der Erfassung der Kontaktdaten das Leben noch zusätzlich schwer machen. Ich bin neugierig, wie rege ihr Angebot von aufgebrachten Kontaktdatenverweigerern genutzt wird.

Ja, es verläuft holprig das Lockern. Wie ein Motor, der nach 8 Monaten das erste Mal gestartet werden soll und beim Anlassen noch kräftig ruckelt. Aber spätestens wenn die Inzidenz unter 50 fällt, könnte die neue Normalität, wie wir sie uns schon vor Beginn der zweiten Lockdowns eigentlich erhofft hatten, Fahrt aufnehmen.

Vielleicht sind die zuständigen Instanzen dieses Mal besser vorbereitet und erliegen nicht nahezu untätig dem Prinzip Hoffnung, wie im letzten Jahr. Wenn Politik auf Bundes-, wie auch Länder- und kommunaler Ebene ebenso wie alle ausführenden Organe – von Gesundheits- bis Ordnungsamt – die warmen Sommermonate nicht effizient nutzen, wird eine vierte Welle ab Herbst leichtes Spiel haben, solange nicht die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist. Letztes Jahr war ich noch sicher, dass alle schlicht alles daran setzen würden, auf die nächste Welle so gut vorbereitet zu sein, dass kein erneuter bundesweiter Lockdown notwendig wird.

Dieses Mal bin ich mir nicht mehr sicher – es ist mittlerweile auch bei mir nicht mehr als eine vage Hoffnung.

Montag, 17.05.2021

Es ist an der Zeit, dass diese Pandemie zu einem Ende kommt.

Während sich das soziale Leben zwangsläufig in die digitale Welt verlagert, Kommunikation und Austausch fast nur noch über das World Wide Web möglich sind, zeigen sich im digitalen Raum zunehmend die Schattenseiten unserer Pandemie-geplagten Gesellschaft.

Es tut dem sozialen Wesen Mensch nicht gut, im realen Leben über mehr als ein Jahr hinweg auf Abstand gehen zu müssen und den sozialen Austausch in die digitale Welt zu verlagern. Denn an diesem surrealen Ort entsteht mit den Wochen und Monaten ein Zerrbild unserer eigentlich vielschichtigen menschlichen Gefühle – es wirkt im Netz, als seien Hass und Wut zunehmend vorherrschend, in dieser Corona-Pandemie. Es sind nicht die Menschen, die sich beeinflusst durch digitale Medien grundlegend verändert haben. Wer Hass und Wut im Internet säht, hat Hass und Wut sicher schon lange vor Corona auch außerhalb der digitalen Welt in sich gespürt. Aber die Wucht, mit der diese Gefühle ungefiltert ins Netz gespült werden, ist durchaus dem Medium geschuldet. Umgeben von vermeintlicher Anonymität, hinterfragen viele Menschen ihre Aussagen nicht mehr. Natürliche Schutzmechanismen unserer Gesellschaft aus dem realen Leben entfallen zu großen Teilen in dieser surrealen Welt. Blicken Menschen ihrem kommunikativen Gegenüber nicht mehr persönlich in die Augen, fehlen soziale Mechanismen, die im Austausch Angesicht zu Angesicht davon abhalten würden, jedem ungefiltert das spontan Gedachte an den Kopf zu werfen. Laute, von Wut geleitete Stimmen nehmen so Schritt für Schritt überhand, wirken omnipräsent in den digitalen Netzwerken – während gleichzeitig Menschen, die sich von dieser Entwicklung abwenden, zunehmend auch der digitalen Welt ihren Rücken kehren und sich ungehört in die Stille ihres kleinen Mikrokosmoses zurückziehen. Ohne dabei auf eine andere, ja, die essentielle Form der gesellschaftlichen Kommunikation zurückgreifen zu können, um aktiv zu werden: Den persönlichen, realen Austausch im direkten Kontakt zueinander. Hass und Wut stehen damit immer stärker im Fokus – digital verbreitet, doch gefühlt auch in unserem analogen Pandemie-Alltag.

Die Tücken der digitalen Welt, in der wir uns zur Zeit zwangsläufig verstärkt bewegen, zeigen sich nicht nur in der Art der Kommunikation. Während auf der einen Seite die Rufe nach einer zügigen Digitalisierung immer lauter werden, zeigt sich an anderer Stelle, wie abhängig wir bereits von bisher implementierter Digitalisierung sind.

Im Supermarkt um die Ecke sind die Regale leer. Seit Wochen. Keine Milch, kein Käse oder Fleisch, Nüsse oder gar Chips und Kekse. Alles leer. Für einen kurzen Moment, als ich den Blick durch die leeren Gänge gleiten lasse, fühlt es sich an, als seien wir im Krieg, abgeschnitten von der Versorgung durch die Außenwelt. Aber dieser Krieg ist digital: Hacker sind in die Bestell- und Kommunikationssysteme des Konzerns eingedrungen, sodass alle Systeme heruntergefahren werden mussten. Betroffen sind mehrere hundert Filialen in Deutschland, die Bestellung erfolgt nun provisorisch telefonisch anhand handschriftlicher Notizen. Da aber alle Lieferketten betroffen sind, bringen die Laster nahezu blind wenig Ware nach dem Zufallsprinzip, die meisten Regale bleiben leer. Es ist noch gar nicht so lange her, knapp 20 Jahre vielleicht, da erfolgten Bestellungen und die Kommunikation über alle Lieferketten hinweg auf analogem Weg und funktionierten. Heute jedoch? Undenkbar.

Relativ schnell stehe ich an der Kasse und lege meine wenigen Fundstücke auf das Band. Was mögen das wohl für Menschen sein, die in schweren Zeiten wie diesen alles daran setzen, den Alltag noch schwerer zu machen, frage ich mich, während der langen Wartezeit aufs EC-Gerät, dessen Signale auf die provisorisch installierte Umleitung ihres Bezahlvorgangs warten. Wir alle versuchen, in dieser Pandemie einen kleinen Rest Normalität aufrecht zu erhalten und dann wird dieser kleine Rest durch menschliches Handeln zielgerichtet zunichte gemacht? Warum? Der Supermarktkassierer wird mir vermutlich kaum eine Antwort darauf geben können, also packe ich schweigend meine kleine Ausbeute in den Einkaufsroller.

Auf dem Rückweg durch unsere Gasse treffe ich einen Gast, sie ist Lehrer an der städtischen Musikschule. Auch ihren Erzählungen entnehme ich, welche Auswirkungen das Vorhandensein – oder eben das Fehlen – der digitalen Kommunikationswege auf unsere Gesellschaft hat. Denn auch die städtische Musikschule hat zu kämpfen. Über 700 Musikschüler wurden in den vergangenen Monaten abgemeldet, da in den Lockdownmonaten bis heute kein adäquater Onlineunterricht als Ersatz für Präsenzunterricht angeboten werden konnte. Die Möglichkeiten hätte es technisch sicherlich gegeben, doch scheuten sich die Verantwortlichen vor den Regelungen der DSGVO und vor allem vor ihrer unerbittlichen Auslegung durch unseren Thüringer Datenschutzbeauftragten.

Da ist sie wieder, die DSGVO. Auch sie macht es in diesen Pandemiezeiten unglaublich schwer, ein Stück Normalität in der uns verbleibenden digitalen Welt aufrecht zu erhalten. Denn anstatt alle verbleibenden Kommunikationswege vollumfänglich zu nutzen, legt sich eine Frage bleischwer über jeden Impuls aktiv zu werden:

„Ist das denn DSGVO-konform?“

Tatsächlich schaut unser Thüringer Datenschutzbeauftragte ungewöhnlich intensiv auf alle über der Tastatur ruhenden Finger, viel wurde bereits über ihn diskutiert. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht in einem Artikel der Tageszeitung erwähnt wäre – denn die digitale Welt umfasst alle Bereiche: Schulen, Unternehmen, Ministerien, Verwaltungen, Privatpersonen – es existiert zur Zeit kein Entrinnen vor der DSGVO. Die Meinungen über die Vorgehensweise unseres Datenschutzbeauftragten sind sehr kontrovers. Manche fühlen die Handlungsfähigkeit in Thüringen von ihm auf allen Ebenen regelrecht bedroht und fordern seinen Rücktritt – andere sagen, der Mann macht einfach nur seinen Job. Ja, das tut er – vielleicht einfach nur etwas zu gut. Denn damit macht er offensichtlich, wo das wahre Problem liegt: In der konkreten Ausgestaltung der DSGVO. Die Fehler macht tatsächlich nicht der, der die bestehenden Regelungen durchsetzt. Der Fehler liegt in den Regelungen selbst. Was vor Jahren in theoretischen Überlegungen am Schreibtisch entstand, zeigt sich in der realen Lebenswelt als bürokratisches Ungetüm mit nicht zu unterschätzender zerstörerischer Kraft. In den Auswirkungen fast so fatal, wie ein Hackerangriff: Die Regale der Möglichkeiten sind, die DSGVO im Nacken, zur Zeit sehr leer. Wer nicht den Mut hat, diesem undurchschaubaren Ungetüm zum Trotz Wege der digitalen Kommunikation zu suchen, tut alternativ das eine, das ihm in diesen Corona-Zeiten bleibt: Nichts. Und so leeren sich auch die Schülerreihen in der städtischen Musikschule.

Die Leere, die sie alle hinterlassen, seien es Hater, Hacker oder die DSGVO, lassen mich erneut an die unendliche Geschichte denken. Das Nichts – eine große, bleierne Leere, die in Phantásien alles verschlingt, schlicht, weil sie mangels blühender, bunter Phantasie der Menschen nicht aufgehalten wurde.

Ja, es ist an der Zeit, dass diese Pandemie zu einem Ende kommt. Denn auch wenn das medizinische Ende dieser Pandemie noch nicht absehbar ist, lässt sich ihr sozial ersehntes Ende merklich spüren. Das Verlagern unseres Lebens in eine unausgereifte digitale Welt, die für eine solch lebensbestimmende Nutzung nicht vorbereitet ist, tut uns, unserer Gesellschaft, nicht gut.

Mit jedem Tag mehr.

Freitag, 14.05.2021

Das erste Mal seit Beginn dieser Pandemie bin ich von einem Teilbereich der staatlichen Pandemiebewältigung beeindruckt: Der Organisation der Impfung im Impfzentrum Messe Erfurt. Es hatte etwas futuristisches, als mein Mann und ich mit der nahezu leeren Straßenbahn vorfuhren und im riesigen Messekomplex von Station zu Station durch das wirklich gut durchdachte Impfprozedere geschleust wurden.

Bereits die Terminvereinbarung zuvor verlief überraschend zügig und strukturiert. „Termine für die Priorisierungsgruppe 3 sind freigeschaltet“, las ich im Facebookfeed auf meinem Handy. Ich rief sogleich die Online-Terminvergabe-Seite auf – und war zunächst enttäuscht: „Ab spätem Nachmittag stehen Ihnen wieder Termine zur Verfügung.“ Kurze Zeit später war die Seite komplett überlastet und schickte Terminsuchende ins digitale Wartezimmer mit 95 Minuten Wartezeit. Entnervt checkte ich derweil meinen E-Mail-Posteingang und fand eine sehr erfreuliche Nachricht. Der Newsletter der Impfzentrums, den ich schon vor langer Zeit abonniert hatte, informierte mich, dass nun Termine für meine Priorisierungsgruppe freigeschaltet sind. Mit einem 24 h gültigen Link wurde ich direkt zur Terminvereinbarung weitergeleitet – endlich ein Newsletter, der wirklich einen Mehrwert bietet. Ab diesem Moment verlief alles reibungslos – 3 Minuten später hatten mein Mann und ich jeweils beide Impftermine mit Moderna erhalten.

Die lange Wartezeit auf die Freischaltung der Termine hatte mir immerhin die Zeit gegeben, mich näher mit dem mRNA-Verfahren auseinander zu setzen. Das Internet war glücklicherweise nicht meine einzige Quelle, selbst Gespräche mit Ärzten und Pathologen, aka Mamas und Papas, im Wartepulk auf Abstand vor Kindergarten und Schule drehten sich in den letzten Monaten meist ums Impfen. Das mRNA Verfahren wirkte auf mich mit der Zeit weniger furchteinflößend als noch im Herbst und mein Vertrauen in Astrazeneca hatte durch die Debatten der letzten Wochen über seine Nebenwirkungen sehr gelitten. Aber auch das Gebaren des Astrazeneca-Konzerns bei Absprachen und die unverantwortlichen Lieferverzögerungen gaben mir kein gutes Gefühl, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit sieht anders aus. Rein faktisch betrachtet, ist das Risiko einer im Schlimmstfall tödlichen Hirnvenenthrombose oder Lungenembolie bei Moderna und Biontec wohl kaum wesentlich niedriger, als bei Astrazeneca, aber die emotionale Komponente ist für mich bei einer Impfentscheidung nicht unwesentlich. Mit Moderna und Biontec fühle ich mich aus dem Bauch heraus wohler – auch wenn ich schon vor der Impfung weiß, dass der Hypochonder in mir jede kleinste gesundheitliche Regung meines Körpers exakt analysieren wird. Mein Mann freut sich insgeheim sicher schon auf die nächsten Tage.

Am ersten Schalter vor dem Impfzentrum mussten wir Personalausweis und Berechtigungsschein abgeben und wurden freundlich weitergewunken. Dann folgte Handdesinfektion, digitales Fiebermessen am Handgelenk, Taschenkontrolle. Am zweiten Schalter empfing uns ein junger Soldat der Bundeswehr, die die Impfzentren in Deutschland personell unterstützt, er las die Krankenversichertenkarte ein und gab uns unsere gemeinsame Wartenummer und einen Laufzettel für die nächsten Stationen. Neben seinem Drucker war mit Tesafilm ein großer Ausdruck befestigt: „Ehepaare bitte nur eine Nummer“. Na dann, zu zweit fühlte ich mich in dieser surrealen Welt durchaus wohler.

Die Stühle im riesigen, schwarzen Wartesaal der Messehalle standen im 2-Meter-Abstand in Reih und Glied, 80, vielleicht 100. Belegt war sicher nur ein Fünftel. Große digitale Anzeigen verkündeten, welche Wartenummer zu welcher Tür laufen darf, nach nur 5 Minuten wurden wir zur Tür I gebeten. Drinnen erwartete uns ein freundlicher, wie routinierter Arzt, stellte die üblichen Fragen nach Vorerkrankungen und Allergien und beantwortete unsere Fragen. Geimpft wurden wir jedoch nicht von der netten Frau, sondern einen weiteren Warteraum und eine weitere buchstabierte Tür weiter durch eine fröhliche Kinderkrankenschwester. Sie fand es sehr spaßig, dass ich mich darüber freute, wie tapfer wir die Spritze über uns ergehen ließen. Ich hielt meinen Arm so locker es mir irgend möglich war und siehe da: Es tat wirklich nicht weh. Unsere Kids wären stolz auf uns gewesen, hätten sie dabei gesessen. Nach erfolgter Impfung wurde ein grüner oder ein gelber Zettel mit der Impfuhrzeit auf die Brust geklebt. Warum, erschloss sich mir im letzten Warteraum – während wir mit dem grünen Aufkleber 15 Minuten Platz nehmen sollten, zeigte die digitale Anzeige für gelbe Aufkleber 30 Minuten Wartezeit an. Inmitten der wieder im 2 Meter Abstand aufgestellten Stuhlreihen saßen zwei Bundeswehrsoldaten und zwei Sanitäter auf einem erhöhten Podest mit Rundumblick. Letztere lasen in dicken Büchern: „Um jederzeit bereit zu sein, falls einer umkippt“, sagte mein Mann, als ich verwundert fragte, warum sie denn nicht während ihrer Bereitschaft irgendwelche Bürotätigkeiten erledigen. Es leuchtete mir ein. „Moment, ich muss erst die Datei abspeichern, dann bin ich gleich bei Ihnen“, dürfte mir als Reaktion wohl kaum gefallen, sollte ich tatsächlich in Ohnmacht fallen. Während mein Mann noch darüber philosophierte, dass er gerade das erste Mal einen weiblichen Feldjäger sieht, holte ich mir etwas Wasser aus dem Spender. Ein kleiner Junge, der seine Mama begleitete, tat es mir nach. Kids haben selten Durst, wenn man sie fragt – aber wenn so ein tolles Gerät da steht, muss es inspiziert werden, denke ich, schaue auf meinen Becher und ertappe mich dabei, dass auch ich des Spenders wegen plötzlich Durst hatte.

Wenige Minuten später stehen wir wieder draußen, die Straßenbahn fährt vor wie bestellt – und nach 15 Minuten sitzen wir bereits wieder zu Hause.

Es war das erste Mal, dass ich in den letzten 15 Monaten das Gefühl hatte: Es geht voran. Bleibt nur zu hoffen, dass das auch an anderen Stellen bald sichtbar wird.

Freitag, 23.04.2021

Die BUGA und ich, wir werden einfach keine Freunde. Dabei begann alles so schön. Ich hatte sofort Bilder von blühender Natur im Kopf, als ich das erste Mal hörte: Die BUGA kommt 2021 in die Blumenstadt Erfurt. Mehr Grün, weniger Beton, dazu viele kreative Ideen, die unser schönes Erfurt noch schöner machen.

Die Ernüchterung kam bereits 2019, als die Fällungen begannen. Allein 600 Bäume im Nordpark, unter anderem für Parkplätze. Altehrwürdige Bäume auf dem Petersbergplateau, die im Dunkeln des Morgengrauens zum Entsetzen der Erfurter abgesägt wurden und gepflasterten Gehwegen wichen. Ich lernte schnell – der Garten, den viele BUGA-Planer vor Augen hatten, hatte nichts, aber auch wirklich gar nichts mit den blühenden, naturnahen Gärten mit großen, schattenspendenden Bäumen, die gut durchdacht in Planungen eingebunden werden, zu tun, die ich spontan vor Augen hatte.

Heute wurde die BUGA eröffnet.

Allen Widrigkeiten zum Trotz setzt sie in Rasenmäher-Manier ihren unbeirrbaren Weg fort. Was nicht passt, wird zur Seite geräumt. Apelle der Bundesregierung verhallen ungehört im Tulpenbeet, denn zur heutigen Eröffnungsfeier wird auf das Vorlegen negativer Corona-Test verzichtet. Hereinspaziert, hereinspaziert, ganz offiziell gilt die Bundesnotbremse mit Testpflicht ja erst ab Samstag, gelle? Da kann die Chance ja noch schnell genutzt werden, um die Inzidenz hoch zu treiben, diesen einen Tag noch, wir freuen uns schon sehr auf die bis zu 6.000 angemeldeten Besucher am Eröffnungstag.

Woher diese wohl kommen, frage ich mich, denn die Erfurter wirken – zumindest in den Sozialen Medien – mehrheitlich wenig BUGA-begeistert. Reisen etwa 6.000 Menschen von Außerhalb an, wo sich doch seit November 2020 Kulturschaffende aller Art inklusive uns Gastronomen im existenzbedrohenden Lockdown befinden – mit dem erklärten Ziel der Regierung, die Mobilität der Menschen zwecks Eindämmung des Virus auf ein absolutes Mindestmaß zu reduzieren? Und nun sollen nicht hunderte, nein, tausende zur Eröffnungsfeier anreisen – und die Wochen danach bitte auch tägliche Besucherströme von bis zu 24.000?

Fassungslos betrachte ich die Bilder zur BUGA-Eröffnung im Netz – und das nicht nur Quarantäne-bedingt ausschließlich online. Denn ich werde mir kein Ticket kaufen, um in der sengenden Hitze des Sommers gepflasterte Wege entlang zu flanieren, die an bis zur Unkenntlichkeit gestutzten Buchsbäumen, akkuraten wie wenig lebendigen Beeten und einem blauen Baustellen-Absperrband – einer Kunstinstallation aus Kunststoff – vorbeiführen. Das Seitens Initiatoren viel gepriesene Highlight auf dem Petersberg-Plateau: Ein metallener Baum, ungefähr an der Stelle, an der die lebendigen echten Riesen standen. Es handelt sich ebenfalls um eine Kunstinstallation, der ich in einem Museum oder einer Kunsthalle mit viel Offenheit und Interesse begegnet wäre, die nun an diesem unpassenden Ort in die Fußstapfen lebendiger Bäume treten soll, die sie niemals ersetzen kann.

Ich verbringe den Sommer lieber im Garten. In meinem, wohlgemerkt. Ohne Menschenmassen. Ohne Beton und Kunstinstallationen aus Plastik und Metall. Dafür mit viel echter Natur und schattenspendenden Bäumen.

Der sengenden Hitze des nahenden Sommers soll auf dem Petersbergplateau mit XL-PVC-Sonnensegeln begegnet werden. Die großen, schatten-, wie Co2 und Lebensraum spendenden Bäume stehen zu lassen, wäre sicher die bessere Alternative gewesen.

Quelle Besucherzahlen: https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/erfurt/buga-eroeffnung-trotz-corona-100.html

Nachtrag – im Verlauf der ersten BUGA-Woche:

Die Wellen schlagen hoch, zur Eröffnungswoche der BUGA. Verärgerung auf allen Seiten:

Potentielle BUGA-Besucher, die von Nah und Fern zu Tausenden angereist waren, ärgerten sich darüber, dass ab Samstag zwar Corona-Testpflicht herrschte, viele aber nach stundenlangem Anstehen an den wenigen Erfurter Testzentren abgewiesen wurden. So ein schöner Tagesausflug! Anreise nach Erfurt, 2 oder 3 Stunden Ausharren in der längsten Warteschlange, die ich jemals medial mitverfolgen durfte, bis die Öffnungszeiten des Testzentrums vorbei sind und die Türen vor der Nase geschlossen werden. Und dann wieder ab nach Hause, ohne Test und ohne BUGA-Besuch. Vorausgesetzt, die Nicht-Getesteten haben nicht alternativ beschlossen, vor der Heimreise durch die Erfurter Innenstadt zu flanieren, um den Erfurter Inzidenzwert so hoch zu treiben, dass Schulen und Kindergärten noch lange, lange geschlossen bleiben. Wie nennt man das nochmal? Genau, ein Gastgeschenk. Da freuen sich Erfurter Eltern und Kinder.

Statt Schule können sich die Kids dafür auf der sogenannten „Todesrutsche“ der BUGA austoben, wie sie von Einwohnern getauft wurde. Eine von 3 Riesenrutschen, umrahmt von Kohlrabi-Feldern, die binnen weniger Tage von den vielen Petersberg-Hasen leergefressen wurden. Ich erinnere mich noch gut an einen Spaziergang auf dem Petersberg-Plateau im Februar, als ich aus der Ferne die Rutschen sah und dachte: „Oh Gott, sieht das gefährlich aus. Das kriegen sie doch niemals durch den TÜV!“ Haben sie aber. Der TÜV gab sein Go und bereits am ersten Tag mussten die BUGA-Sanitäter fünf Mal ausrücken, um die Verletzten zu behandeln. Hui, was für ein Spaß!

Aber zurück zum Ernst: Während Kulturstätten, Hotels und Gastronomie geschlossen bleiben müssen, um die Mobilität und das Reiseverhalten der Menschen auf ein Mindestmaß zu reduzieren, macht es sich die BUGA also zum erklärten Ziel, bis zu 24.000 Menschen täglich nach Erfurt zu locken. Ich versuche noch, diese Logik zu begreifen, als ich auf wütende Posts in den sozialen Netzwerken aufmerksam werde. Zu sehen sind Limonade schlürfende Touristen in gemütlichen Liegestühlen oder Bratwurst verzehrend auf Bierbänken verweilend, am Tisch unter bunten Sonnenschrimen. Natürlich haben sich auch die BUGA-Verantwortlichen an geltende Corona-Regelungen gehalten, keine Frage. Aber bei der Auslotung der Grauzonen sind sie so weit gegangen, dass jedem Gastronomen in der Erfurter Innenstadt beim Anblick dieser Bilder das Blut in den Adern gefrieren muss: Essen und Getränke werden zwar nur zum Mitnehmen angeboten. Aber sobald der gebotene Radius von ein paar Metern um die Ausabbestelle herum überschritten ist, herrscht gesellige Biergartenatmosphäre auf dem Petersberg-Plateau.

Das ist in etwa so, als hätten sich alle Gastronomen der Innenstadt zusammen getan, das Aufstellen hübscher Außenbestuhlung für hunderte Menschen auf dem Erfurter Domplatz, Fischmarkt, Wenigemarkt und Anger initiiert, um dann mit ihrem ToGo-Angebot Menschenmassen in die Innenstadt zu locken. Tun sie aber nicht. Zum Einen, weil es nie genehmigt würde. Zum Anderen, weil damit die Schließung der Gastronomie ad absurdum geführt wäre.

Mehrfach auf diesen Fauxpas hingewiesen, unter anderem von der CDU-Stadtratsfraktion, zeigen die BUGA-Verantwortlichen hingegen wenig Einsicht, sondern erwägen statt dessen ihre Ankläger zu verklagen. Die Bierbänke und -tische werden zwar Zähne knirschend unter dem öffentlichen Druck teilweise zur Seite geräumt, aber statt einlenkender Worte wird mit dem Anwalt gedroht. Von Rufschädigung ist die Rede, als die BUGA-Chefin sich entrüstet ob der Entrüstung an die Medien wendet. Da hat sie vielleicht sogar recht. Einen guten Ruf hat sich die BUGA in Erfurt bisher eher nicht erarbeitet – aber Schuld tragen daran sicher nicht diejenigen, die auf die Missstände aufmerksam machen.

Ich beobachte das Geschehen in meiner letzten Quarantäne-Woche mit etwas Abstand. Der Quarantäne-Effekt: Die Welt da draußen tobt vor sich hin, aber bis zu mir dringt nur die gefilterte Quintessenz durch, wie in einem Zusammenschnitt in einer Fernseh-Doku. Ich bin gespannt, wie es weiter geht, im BUGA-Reality TV. Wenigstens wird es in der Quarantäne nicht langweilig.

Montag, 19.04.2021

Das Gesundheitsamt hat sich doch gemeldet. Per Brief.

Geht ja bekanntlich am schnellsten, in unserem digital und per Telefon in Echtzeit vernetzten Zeitalter. Da meine Tochter und ich als ihre Betreuungsperson, wie es im bürokratischen Jargon so schön heißt, komplett in Isolation gegangen sind und auch mein Mann Kontakte so gut es geht meidet, hat er nicht täglich den Briefkasten gecheckt. Schließlich trifft man in einem Ärztehaus, wie unserem, mit viel Publikumsverkehr bei nahezu jedem Gang zum Briefkasten Patienten an, das wollen wir nach Möglichkeit komplett vermeiden.

Nun halten wir also 5 Tage nach Beginn der Quarantäne das offizielle Schreiben in der Hand. Nur nicht mehr Informationen. Bleibt weiter nur die Eigenrecherche über das Internet, um wenigstens einen Teil meiner Fragen zu klären. Immerhin ist der Bescheid endlich ein offizielles Dokument, das die Quarantäne bestätigt – es hat sich doch sehr seltsam, ja, fast surreal, angefühlt, nur auf Zuruf durch den Kindergarten in Isolation zu gehen. Vor allem, weil es in unserem Fall damit unausweichlich ist, auch unseren Fensterverkauf im Café zu schließen und damit unsere einzige verbleibende Einnahmenquelle, die dieser Corona-Lockdown uns noch gelassen hatte, für 2 Wochen wegfällt. Es bleibt für mich nur noch zu hoffen, dass die Beantragung der Verdienstausfallentschädigung auf Basis des Infektionsschutzgesetzes nicht in einem unbezwingbaren bürokratischen Aufwand mündet. Das Schreiben hilft übrigens auch in diesem Punkt nicht weiter, es wird lediglich darauf hingewiesen, dass eine Entschädigung nach §§56, 57 IfSG möglich ist – zum genauen Prozedere: keine Angabe.

Was die Informationsbeschaffung angeht, scheinen wir wirklich im digitalen Zeitalter angekommen zu sein. Denn ohne Internet wüsste ich gar nicht, was in einer Quarantäne zu beachten ist. Doch auch die digitale Informationsbeschaffung funktioniert nur eingeschränkt – jedes Gesundheitsamt hat andere Regelungen, so sind die genauen Verhaltensrichtlinien je nach Wohnort sehr unterschiedlich. Darf der Müll herausgebracht werden? Darf man zum Briefkasten? Wer darf einkaufen und wer nicht? Das alles ist unter anderem davon abhängig, wo man wohnt. Welche Informationen im World Wide Web nun die richtigen sind, die auf den persönlichen Wohnort zutreffen? Das können mir die unendlichen digitalen Weiten beim besten Willen nicht beantworten.

Mein Mann bleibt derweil unser Kontakt zur Außenwelt. Ich übe mich in guter Vorratshaltung und bin selbst erstaunt, wie viel Essbares ich in vorbildlicher Preppermanier für Krisenzeiten im Schrank finde – aber heute waren Milch und Kaffee alle. Also musste mein Mann (der nicht die offizielle Betreuungsperson ist) raus, in die Außenwelt – Quarantäne ohne Cappuccino geht schlicht gar nicht.

Während er Milch und Kaffee geholt hat, habe ich endlich die Website für die Antragsstellung der Entschädigung gefunden. Scheint auch nur ein bisschen kompliziert zu sein. Vielleicht trinke ich doch lieber erstmal einen Cappuccino.

Freitag, 16.04.2021

Jäh wurde ich aus meiner Eskapismus-Welt gerissen. Ich hätte wirklich gerne noch eine eine Weile dort verweilt.

Zum Start in diese Woche erhielten wir – kurzfristig wie immer am Wochenende davor, aber immerhin – die Information der Grundschule, dass die Schüler aller Klassen ab Montag 1-2 Mal die Woche getestet werden. Ergänzend gilt Maskenpflicht auch im Unterricht, statt wie bisher nur auf den Gängen. Während ich hinsichtlich der Tests noch dachte „endlich!“, war mir die Sinnhaftigkeit der erweiterten Maskenpflicht nach erfolgtem Test nicht klar. Wenn sich nur noch negativ getestete Kinder im Klassenraum aufhalten, warum sollten Grundschüler dennoch, selbst am Tag der Tests, durchgängig eine Maske tragen müssen?

Die Antwort schwappte noch am Sonntag in meinen Social-Media-Feed: Viele Eltern machen gegen die Tests mobil – und haben die Möglichkeit, ihr Kind per Widerspruchsformular von der Testpflicht befreien zu lassen. Paradoxerweise machen augenscheinlich eben diese Eltern die Maskenpflicht notwendig. Denn sitzt ihr Kind ungetestet im Klassenraum und ist gleichzeitig unwissend mit dem Corona-Virus infiziert, könnte es alle Klassenkameraden anstecken. Die Maske bietet dann natürlich nur noch einen kleinen Schutz, aber immerhin besser als keinen.

Die Argumentationen der Eltern sind emotional: Kindern würde mittels Test psychischer Schaden zugefügt. Ergänzend haben viele Eltern den wirklich unangenehmen Nasen-/Rachen-Abstrich vor Augen und haben häufig vor lauter Panik gar nicht wahrgenommen, dass für Grundschüler sogenannte Lollitests bereit gestellt werden, die lediglich 2 Minuten im Mund behalten werden müssen. Selbst für Erstklässler durchaus zumutbar.

Ob ein Kind das Testen als Bedrohung wahrnimmt und dadurch vielleicht wirklich psychischen Schaden davonträgt, liegt wohl viel mehr in der Hand der Eltern, als vielen bewusst ist. Leben die Eltern ihren Kindern vor, dass die Tests etwas Schreckliches sind, dann glaubt das Kind, dass Tests schrecklich sind. Wenn ihre Eltern ihnen erzählen, wie peinlich es sei, vor der ganzen Klasse einen positiven Test in den Händen zu halten, ja, dann schämt sich das Kind vielleicht wirklich in Grund und Boden, wenn es passiert.

Ich habe meiner Tochter erzählt, dass ich gute Nachrichten habe. Dass ab Montag endlich auch in den Schulen getestet werden kann und sie sich extra für Kinder einen Lollitest haben einfallen lassen, der viel angenehmer ist, als die Tests für Erwachsene. Ich habe ihr genau erklärt, wie er funktioniert, und ihre einzige Enttäuschung war, dass es die Lollitests nicht in verschiedenen Geschmacksrichtungen, sondern nur in der Sorte „geschmacksneutral“ gibt. „Und wenn ich positiv getestet werde?“ „Dann hast du schulfrei und kannst dich zuhause ausruhen und eine Folge Checker Tobi gucken. Und wenn’s dir gut geht, dann machen wir ein paar Tage Homeschooling“ war meine Antwort, und das wirkte auf sie durchaus zufrieden stellend. Nur die Maskenpflicht im Unterricht sorgte auch bei meiner Tochter für Unmut. Umso erleichterter war ich, als sie am Montag nach der Schule Freude strahlend nach Hause kam, und verkündete, dass das mit der Maske gar nicht so schlimm war. Es wurde viel gelüftet und während dessen gab’s Maskenpausen. Und beim Essen mussten sie ja dann eh alle ihre Maske ausziehen. Logisch, sonst kann man ja nicht essen. Aber ob die Maskenpflicht so noch irgendetwas bringt? Wäre es nicht sinnvoller, die Tests wirklich verpflichtend einzuführen und Eltern, die sich partout nicht mit dem Testen arrangieren können, die alternative Möglichkeit zu geben, ihr Kind vom Präsenzunterricht zu befreien? Dieser Schritt würde es sicher ermöglichen, den Unterricht in den Klassen ohne Maske durchzuführen.

Statt dessen wird geklagt. In Weimar zunächst mit Erfolg. Ein Gericht, das bereits zuvor ein sehr Maßnahmengegner-freundliches Urteil zu einem Bußgeld wegen nicht eingehaltener Maskenpflicht gefällt und damit gleichermaßen für Aufsehen wie für Entsetzen gesorgt hatte, befreite zwei Schüler von Test- als auch Maskenpflicht. Vornehmlich basierend auf Expertenmeinungen dreier Professoren, die bekanntermaßen Kritiker der Corona-Politik sind und seit geraumer Zeit von der Querdenker-Szene gefeiert werden. Ganz ehrlich, wäre ich Schüler, wäre ich nicht wegen eines eventuell positiven Corona-Tests vor Scham im Erdboden versunken, sondern viel eher, wäre ich mit einem solchen Gerichtsurteil in der Hand von meinen Eltern in die Schule geschickt worden, das mir eine Sonderrolle vor allen anderen Schülern einräumt. Das Urteil entfaltete aber noch mehr Wirkung, als einen belastenden Start in die Schulwoche für die beiden betroffenen Schüler: In der Fehlannahme, dieser Gerichtsbeschluss würde die Test- und Maskenpflicht für alle Schüler aufheben oder zumindest die Grundlage für diese Forderung liefern, wurde der Beschluss bereits am Sonntag vor Schulbeginn exzessiv geteilt und per Messenger oder WhatsApp verbreitet. Der Effekt: Verunsicherung, teilweise sogar aggressive Kundgebungen vereinzelter Eltern vor vielen Schulen. Der Querdenker-Szene sicher sehr dienlich. Der Bekämpfung der Ausbreitung des Virus sicherlich nicht.

Währenddessen rückt das Virus näher. Das erste Mal seit Beginn der Pandemie vor mehr als einem Jahr rückt das Virus so nah, dass wir von einer Quarantäne betroffen sind. Im Kindergarten unserer kleinen Tochter war ein Corona-Fall gemeldet worden. Wir wurden an der Kindergartenpforte mitten in der Woche mit dem Bettwäschebeutel empfangen, den es sonst immer erst Freitags gibt, begleitet von den Worten: Der Kindergarten geht wegen eines Corona-Falls ab sofort in Quarantäne. Nicht nur, dass die Betreuung durch den Kindergarten unvermittelt ausfällt – auch unsere Tochter ist 14 Tage unter Quarantäne gestellt. Obwohl sie gesund ist. Obwohl wir übrigen der Familie alle negativ getestet sind.

Ein gesundes Kind in Quarantäne ist für uns beruflich sehr viel problematischer, als ein krankes Kind mit normaler Erkältung zuhause. Denn es bedeutet, dass es uns nicht erlaubt ist, uns innerhalb unseres Familienbetriebs um unsere Kleine zu kümmern, sie muss räumlich isoliert werden. Tja. Was macht ein Koch beruflich im Kleinkind-ist-in-Quarantäne-Homeoffice? Genau! Gar nichts. Schließlich kann ich keine Fotos des Mittagessens via Internet als Ersatz für die 50 allein am ersten Quarantäne-Tag vorbestellten Essen verschicken. Und wenn ich nicht koche, kann auch nichts durch unsere Mitarbeiter ausgegeben und verkauft werden. Also mussten wir schweren Herzens allen Vorbestellern absagen und mit unserem Mittagessen-Fensterverkauf für die Zeit der Kleinkind-Quarantäne pausieren.

Wir machen das Beste daraus. Ich genieße es sogar, mich voll und ganz der Betreuung meiner Kinder zu widmen. Denn auch unsere große Kleine muss mit ihrem Schnupfen zu Hause bleiben, negativer Corona-Test hin oder her, durchgängig laufende Schniefnasen sollte man in Zeiten wie diesen nicht in die Schule schicken. Während wir Suppe kochen und Lieder singen, warte ich auf den Anruf des Gesundheitsamtes. Schließlich sind tausend Fragen offen. Wie lange dauert die Quarantäne nun genau? Gibt es über die Informationen hinaus, die wir in Eigeninitiative im Internet finden konnten, noch mehr zu beachten? Wo bekomme ich das Formular für die Verdienstausfallentschädigung, die erst kürzlich glücklicherweise für Fälle wie diese eingeführt wurde? Auch für Selbständige wie mich. Wie funktioniert die Beantragung genau?

Es sind nun bereits fast 2 Tage vergangen und wir wurden noch nicht vom Gesundheitsamt kontaktiert. Für mich sehr irritierend. Was, wenn wir uns nicht proaktiv im Internet informiert hätten? Was, wenn wir ohne Anweisung des Gesundheitsamtes unwissend spazieren gegangen wären, manch einer kommt vielleicht sogar auf die Idee, mit seinem Kind einkaufen zu gehen. Warum ist das Gesundheitsamt da nicht schneller? Der Eindämmung des Infektionsgeschehens ist das sicher nicht dienlich.

Eigentlich reicht das für eine Woche an Realität. Dennoch hält das Leben die Überraschung für mich bereit, dass die Dosis unerbittlich erhöht werden kann. In der Hoffnung, etwas Aufmunterung zu finden und positive Kraft zu sammeln, schaue ich im Internet, ob vielleicht ein weiteres Exemlar meines neuen Kochbuches bestellt wurde oder ob jemand eine paar Erfahrungswerte mit meinem neuen Buch aus der heimischen Küche für mich dagelassen hat, sei es als Bewertung oder als Nachricht mit Fotos selbstgekochter Versionen meiner Rezepte, die mich in den letzten Tagen regelmäßig erreichen.

Statt dessen finde ich etwas anderes: Der Redakteur eines mir bis dato unbekannten Mediums beschloss am 23. März, einem Gastronomen, der in diesen schweren Corona-Zeiten bereits seit einem Jahr um seine Existenz kämpft, mit Widrigkeiten, wie Schließungen, bedrohlichen Umsatzeinbrüchen, Quarantäne und Zukunftsängsten kämpfen muss und jedes Quentchen Kraft einsetzt, um trotz allem den Mut nicht zu verlieren und den Kopf oben zu behalten, einen verbalen Dolch in den Rücken zu stechen.

Und dieser Gastronom war ich.

Warum er sich ausgerechnet mich auserkoren hatte, bleibt mir ein Rätsel. Seine Redaktion hatte, wie meine Recherchen ergeben haben, proaktiv ein Rezensionsexemplar meines neuen Kochbuches angefordert und schlussendlich besagtem Redakteur in die Hände gelegt. Doch statt eine fundierte Buchrezension zu verfassen, ließ er sich dazu hinreißen, seine unverhohlene Abneigung gegenüber Menschen, die Anglizismen verwenden, Bloggern, die ihre persönlichen Online-Tagebücher doch tatsächlich aus der Ich-Perspektive schreiben, und Menschen, die sich aus gesundheitlichen oder ethischen Beweggründen alternativen Ernährungsformen zuwenden, kund zu tun. Ernährungsweisen, die er – so sagt er es höchstselbst – allesamt für „krank“ hält, sei es vegetarisch, vegan, glutenfrei, laktosefrei, paleo oder lowcarb. Diese Abneigung mündete zum kröndenden Abschluss in persönlichen Beleidigungen, die meines Wissens ins Strafrecht gemäß Paragraph 185 StGB fallen. Selbst das Presserecht steht für einen derartigen Missbrauch durch diejenigen, die es schützen soll, nicht bereit – denn als Deckmantel für persönliche Beleidigungen darf es nicht herangezogen werden. Schließlich ist das Presserecht ein wertvolles Gut und muss vor Missbrauch geschützt werden.

Ihr kennt mich, ich habe mich – zumindest noch nicht – in erster Instanz für eine Anzeige entschieden. Sondern ich habe noch das letzte bisschen Kraft, das mir die Realitäten dieser Woche gelassen haben, genutzt, um mit Redakteur und Redaktion in den Dialog zu treten. Denn so sehr mich diese Beleidigungen verletzt haben, denke ich, dass dem Gegenüber immer die Möglichkeit eingeräumt werden sollte, erfolgte Fehler einzugestehen, zu korrigieren und sich für sie zu entschuldigen. Wir werden sehen, ob besagter Redakteur die Größe besitzt, bisher habe ich von ihm noch keine Rückmeldung auf meine E-Mail (er würde sicher E-Brief bevorzugen) erhalten – bis auf eine: Er hat 24 Tage nach Veröffentlichung seines Beitrags im Anschluss an meine Mail schnell das Wort „Glosse“ in seinem Beitragstitel ergänzt. Ob er hofft, dass er hierdurch massive persönliche Beleidigungen ungeschehen machen kann? Da die mangelnde Professionalität seines Beitrags bereits erahnen ließ, dass sich die ‚professionelle‘ Herangehensweise in dieser Form fortführen könnte, haben sowohl ich als auch die Presseabteilung des Verlags die Originalversion vor seiner Änderung für den weiteren Austausch zu diesem Thema dokumentiert. Der Chefredakteur hat zwischenzeitlich signalisiert, sich der Angelegenheit anzunehmen. Seine erste Rückmeldung lässt mich ein wenig hoffen.

So. Jetzt ist es Freitag Nachmittag. Die Woche hat noch zweieinhalb Tage – aber das war definitiv genug Realität für mich, für eine Woche.

Darf ich jetzt wieder in meinen Eskapismus verschwinden?

Samstag, 10.04.2021

Der Eskapismus ist mir endlich gelungen. Vielleicht sogar etwas zu gut: Denn ich habe ganz schön den Überblick verloren, über die aktuellen Entwickungen.

Ist das das neue Normal? Die täglichen Corona-Nachrichten plätschern wie alltägliche Nachrichten vor der Pandemie unaufgeregt an mir vorbei, ich nehme sie wahr, manchmal zur Kenntnis. Aber große Emotionen lösen sie nicht mehr aus. Weder Nachrichten vom niemals endenden Lockdown, noch neue Regelungen, die am nächsten Tag sowieso keine Gültigkeit mehr haben oder von jedem Bundesland, jeder Kommune anders ausgelegt werden. Die Nachrichten sind meist eh schon überholt, bevor ich sie überhaupt gelesen habe. Also lese ich sie kaum noch.

Das Leben geht tatsächlich weiter. Auch mit allen erforderlichen Maßnahmen und mit Corona – und das selbst für uns als Gastronomen in einer der nach wie vor am stärksten betroffenen Branchen. In den vergangenen Wochen hielt der neue Alltag sogar ein paar Highlights für mich bereit:

Die Veröffentlichung meines neuen Kochbuches ließ sich von Corona nicht aufhalten, ganz im Gegenteil. All der negativen Nachrichten überdrüssig, machte die Thüringer Presse meine Tätigkeit als Autor sogar zum landesweiten Titelthema. Ich konnte es kaum fassen, als mein Mann mir die Zeitung neben den Frühstückscappuccino legte und sagte: Schau mal, wer da von der Titelseite strahlt.

Vielleicht wäre das ohne Corona gar nicht möglich gewesen. In verrückten Zeiten wie diesen sehnen sich die Menschen nach positiven Nachrichten aus dem Alltag. Auch – oder vielleicht sogar gerade – aus dem Alltag derer, die die Krise wirtschaftlich am härtesten getroffen hat. Für mich hat die Veröffentlichung vor allem emotionalen Wert – sie gibt mir die Möglichkeit, wieder mit Menschen gemeinsam zu kochen. Nicht in meiner Küche, im Bistro oder im Kochkurs, aber über das Medium Kochbuch mit all meinen Rezepten trotzdem emotional miteinander verbunden. Sozialen Medien sei Dank kann ich Vielen sogar für einen kurzen Moment über die Schulter schauen und mich mit ihnen freuen, dass Fetasticks oder gefüllter Ofen-Kürbis genau so gelungen sind, wie mein Original. Viele Leser teilen ihre persönlichen kleinen Geschichten mit mir, sei es, dass ihr kürbismeidender Mann beim ersten Bissen in den Hokkaido staunt: „Das schmeckt ja!“ oder dass Kapern als Speckersatz für die vegetarische Variante richtig gut ankommen. Ich weiß gar nicht, ob sie alle wissen, wie viel Freude es mir tatsächlich macht, diese schönen Kleinigkeiten auf digitalem Weg miterleben zu können. Auch das ist Teil des wunderbar funktionierenden Eskapismus: Es ist mir momentan so viel wichtiger, ob die Fetasticks aus meinem Salatrezept gut gelungen sind, als die Meldung, welches Bundesland nun welches Testshopping unter kommunalen Sonderbedingungen geplant hat, das am Ende Dank stetig steigender Inzidenzwerte sowieso nicht umgesetzt wird.

In unserem Garten erwacht die Natur aus ihrem Winterschlaf und jede Blüte, die ihren Kopf aus der Erde steckt, erscheint mir bedeutungsvoller als die meisten Corona-Nachrichten. Ich widme mich meinem Kräuter- und Blütengarten mit ebenso viel Hingabe, wie dem Programmieren meines kleinen Online-Shops, während ich mich am Kamin meines kleinen Gartenateliers an trüberen Gartentagen etwas aufwärme. Mein Blog erstrahlt mit der Hilfe ebenso kompetenter wie lieber Nachbarn in neuem Glanz und bietet mir endlich die technische Möglichkeit, alles auzuprobieren, das ich immer schon einmal ausprobieren wollte. Nächste Woche werde ich 4 Sorten meiner neuen Gewürzmischungen in meinem selbst eingerichteten Web-Shop online stellen können, deren Rezeptur ich in der Atelierküche meines Gartens in den vergangenen Wochen ausgetüftelt habe. Selbst mein Shooting mit den Produktfotos ist bereits im Kasten.

Parallel entdecken immer mehr Lebensmittel- wie Küchengerätehersteller die Möglichkeiten der sozialen Medien für sich, sodass ich auch hier zunehmend Anfragen erhalte und meine Leidenschaft für Foodfotografie und Rezeptentwicklung ausleben und uns wirtschaftlich damit etwas stabilisieren kann, während Großteile unseres Cafés und Bed & Breakfasts Coronaschlaf halten. Parallel läuft auch unser Bistro-Fensterverkauf weiter – es wirkt schon fast wie ein Fels in der Brandung, wie mein Mann jeden Wochentag im Eingangsbereich sitzt – und ebenso unerschütterlich wirken unsere treuen Gäste, die sich genau so sehr über ihr tägliches Mittagessen freuen, wie wir über ihre Unterstützung. Ein neues Normal auf Zeit, aus dem wir alle gemeinsam das Beste machen.

Als das macht die innere Flucht vor der Tatsache, dass wir uns in bedrohlichen Pandemiezeiten befinden, möglich. Trotzdem: In ruhigen Momenten liegt dennoch eine bleierne Schwere über allem, die sich nicht abschütteln lässt. Die Gewissheit, dass diejenigen, die uns im Hintergrund durch diese Pandemie steuern, in den letzten Monaten zu allzu vielen Gelegenheiten offen gelegt haben, dass sie weder genau wissen, was sie tun, noch gemeinsam an einem Strang ziehen, taucht alles in ein bedrohlich wirkendes Licht, das sich nicht ganz ausblenden lässt.

Aber ein wenig ignorieren – ja, das geht, schlicht um es besser zu ertragen. So lange, bis doch wieder eine klare Linie erkennbar ist, bei den Entscheidungsträgern, die die Aufgabe haben, uns durch diese Krise zu führen. So lange das nicht passiert, bleibt Eskapismus wohl der einzige Ausweg. Ich probiere jetzt erstmal ein neues Rezept aus, in meiner Gartenküche. Mit ein paar Blüten und Kräutern aus meinem frisch angelegten Frühlingsbeet.

Mittwoch, 10.03.2021

Der Weg aus der Krise scheint klar:
Zügiges Impfen.
Umfassendes Testen
Lückenlose Kontaktverfolgung.

Woran scheitert es? Ich spüre zunehmend, wie das Unverständnis in der breiten Bevölkerung wächst: Bund und Länder, Ministerien und Ämter, sie alle wirken orientierungslos, zögerlich und langsam. Versprechen, konkrete Ankündigungen mit Stichtag aus politischen Reihen, werden nicht gehalten. Erst tröpfelte die Impfstoffbeschaffung besorgniserregend langsam vor sich hin und ist im März immer noch nicht auf optimalem Stand, dann wurden kostenlose Schnelltests in Apotheken, bei Ärzten und eigens dafür angelegten Testzentren erst für den 1. März, später für den 8. versprochen. Und sind heute, am 10. März, hier in Erfurt immer noch nicht verfügbar. Auf den Webseiten verärgerter Ärzte ist zu lesen, dass bis heute noch nicht einmal eine entsprechende Verfügung für Thüringen existiert, sie also selbst bei Verfügbarkeit der Schnelltest noch nicht kostenlos testen dürfen.

Dabei ist der Wille in der Bevölkerung groß. Die ersten im 5er Pack erhältlichen Selbsttests beim Discounter Aldi waren am Samstag Vormittag binnen weniger Stunden ausverkauft, Mitbewerber Lidl bot die Selbsttests online an, worauf die Internetseite wegen des digitalen Besucheransturms binnen Minuten zusammenbrach. Auf Facebook tummeln sich User in den Stadt-Erfurt-Gruppen mit ein und derselben Frage: Wo kann ich mich in Erfurt kostenlos testen lassen? Die Antwort: „Noch nirgends“. Und Tests in Schulen für Schüler? Inexistent.

Die effiziente Kontaktverfolgung wäre eigentlich mittels der Software Sormas für die Gesundheitsämter, die seit letztem Frühjahr existiert, in Kombination mit einer Kontakt-App, wie der im Dezember entwickelten App Luca, gesichert. Entwickelt wurde Luca von Rapper Smudo von den Fantastischen 4 in Zusammenarbeit mit weiteren Kulturschaffenden und einem Berliner Startup. Die Funktionsweise ist so simpel wie brillant: Nutzer tragen ihre Kontaktdaten in die App ein. Die erzeugt daraufhin wechselnde QR-Codes, welche von Gastronomen, Veranstaltern, Kulturschaffenden, Händlern oder auch bei privaten und beruflichen Treffen gescannt werden können. Oder die App-Nutzer scannen ihrerseits beim Besuch einen QR-Code des entsprechenden Ortes.
Verlässt man den Ort wieder, wird man über eine Geofencing-Erkennung automatisch ausgecheckt, wenn man den Radius des Ortes verlässt. Bei einem Infektionsfall werden alle Anwesenden einer Location informiert, die sich zur relevanten Uhrzeit dort aufgehalten haben. Parallel werden die Gesundheitsämter informiert, die dann erst – das ist wichtig für den Datenschutz – Zugriff auf die zugehörigen Kontaktdaten haben. Denn die generierten Daten werden dezentral verschlüsselt und teilen sich auf die drei Schnittstellen Gastgeber, Gast und Gesundheitsamt auf. Nur im Falle einer Infektion setzen sich die Kontaktinformationen wie bei einem Puzzle zusammen und sind dann für das Gesundheitsamt lesbar. Datenschutzkonform und dennoch effizient. Wären die Gesundheitsämter auf die digitale Kontaktverfolgung vorbereitet, wäre die App sofort einsetzbar. Die Digitalisierung ist aber erst bei 12 von 22 Gesundheitsämtern in Thüringen erfolgt. 1 Jahr ist vergangen und 10 der Ämter arbeiten immer noch mit Zettel und Stift.

85 % unserer Bevölkerung haben bestätigt, dass die Corona-Krise lange schwelende Missstände unserer Gesellschaft ans Licht bringt. Die Leistungsfähigkeit unseres politischen Systems ist einer davon – zu bürokratisch, zu langsam, zu wenig zielorientiert. Würden Menschen in anderen Branchen so arbeiten, wäre unsere Wirtschaft am Boden. Egal, in welchem Bereich.

Dementsprechend groß, ist die Fassungslosigkeit unserer leistungsorientierten Gesellschaft, die ich überall um mich herum wahrnehme. Der anhaltende Lockdown, die umfassenden Einschränkungen, die wir alle mit viel Kraftaufwand über Monate hinweg überstehen müssen, liegt mittlerweile nicht mehr nur in den Händen eines unkontrollierbaren Virus. Die Dauer dieses Lockdowns liegt zwischenzeitlich vor allem in den Händen unserer Politiker und ihrer ausführenden Organe auf allen Ebenen. Denn erst wenn diese die zwischenzeitlich zur Verfügung stehenden Instrumente effizient zum Einsatz bringen können, wird unsere Gesellschaft ihren sicheren Weg und durchdachten aus dem Lockdown finden können.

Ich denke, wir alle sind mehr als bereit.

Aber sind es diejenigen, die die Instrumente auf ihren Weg bringen müssen, nach mittlerweile einem Jahr auch?

Montag, 08.03.2021

Verschlimmbessern. Eine Wortkreation, die ich in dieser Form nur aus Deutschland kenne.

Werfe ich einen intensiven Blick auf die Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz vom vergangenen Mittwoch, erhalte ich mehr als eine grobe Ahnung, was mit diesem Wort gemeint ist.

Dabei bin ich ein Freund komplexer Systeme. Der Fahrplan für Lockerungen geht in mehreren Schritten vor, die sich an Inzidenzwerten orientieren. Konkrete Termine werden nur als ‚frühestens ab‘ formuliert – was auch Sinn macht, schließlich hat das Virus keinem einen Einblick in seinen Terminkalender gewährt. Es sind also weder die komplexe Kleinteiligkeit der Lockerungen, noch das Fehlen eines konkreten Stichtages, die mich an das Wort ‚Verschlimmbessern‘ denken lassen.

Es sind die Details der in Aussicht gestellten Lockerungen, die auf mich als Gastronom schlimmer wirken, als der aktuelle Ist-Zustand:

Das ausschließliche Öffnen der Außenbereiche der Gastronomie ab einem gewissen Inzidenzwert wäre für viele gastronomische Betriebe ein betriebswirtschaftliches Minusgeschäft. Viele Gastronomen verfügen nur über sehr wenige bis keine Außensitzplätze. Für die wenigen Gäste, die draußen bewirtet werden können, übersteigen daher die Kosten, die für das Hochfahren der betrieblichen Prozesse anfallen würden, bei vielen den zu erwartenden Umsatz. Hinzu kommt die Unbeständigkeit des Wetters – ohne Ausweichmöglichkeit nach drinnen ein Desaster. Die Terminbuchungen, die ab einer Inzidenz von 50 aufwärts zwingend erforderlich sein sollen, schaffen da keine Abhilfe. Regnet oder stürmt es – oder ist es schlicht zu kalt – wird kaum ein Gast draußen Platz nehmen, ob nun zuvor gebucht oder nicht. Ganz im Gegenteil, die avisierten Terminbuchungen verschlimmbessern es für viele Gastronomen noch, viele leben vom schnellen Spontanbesuch, vor allem im Mittagsangebot- und Imbiss-Bereich, ein schnelles Mittagessen in der Mittagspause wird meist nicht im Vorfeld gebucht.

Anders bei uns. Wir sind in diesem Punkt Paradiesvögel in der gastronomischen Welt des Mittagsgeschäfts. Seit jeher bieten wir unser Mittagessen nur auf Vorbestellung an. Und auch unsere Tische werden bereits seit über einem Jahrzehnt für die entspannte Stunde Mittagspause in unserem Bistro nur auf Reservierung vergeben. Problematisch wird die Neuregelung für uns trotzdem: Im Fensterverkauf sind unsere Prozesse zwischenzeitlich hervorragend eingespielt, die Gäste holen im 5-Minuten-Takt ihr vorbestelltes Essen, das pünktlich exakt zur angegebenen Uhrzeit in der ToGo Box bereit steht. Es entstehen keine Warteschlangen, kein Stau in der Küche.

Kommen dann plötzlich wenige Außensitzplätze hinzu, wird unser ausgeklügeltes Fensterverkaufssystem durcheinandergewirbelt. Wir sind ein Selbstbedienungsbistro – unsere gesamte Preiskalkulation basiert auf diesem Prinzip, so dass wir qualitativ, geschmacklich und optisch hochwertiges Essen zu einem Preis anbieten können, der schon fast mit der Bulette mit Salzkartoffel beim Metzger mithalten kann. Würden wir bedienen, müssten wir unsere Preise empfindlich anheben – was im Mittagsgeschäft unter der Woche das Aus wäre. An Selbstbedienung führt also kein Weg vorbei. Das wird ein reges Treiben, wenn die Gäste aus dem Außenbereich neben der sich dann doch bildenden Schlange am Fensterverkauf sitzen. Denn die Prozesse lassen sich bei einer solchen Mischform nicht mehr optimal aufeinander abstimmen. Der Fensterverkaufsbereich im Eingang müsste entfallen, schon allein damit die Außengäste auf die Toilette gehen können, was wiederum zur Folge hat, dass alle hereinkommen müssen – vom ToGo-Gast bis Vor-Ort-Draußen-Esser. Um ihre Bestellung auszulösen, um das Essen entgegen zu nehmen, um zu bezahlen. In der Rückgabe würde sich wieder Geschirr stapeln, so dass ein Mitarbeiter mehr für den Abwasch sowie die regelmäßige Desinfektion und Reinigung der Tische und Toilette gebraucht wird. Bei gleichbleibendem Umsatz im Vergleich zur Jetzt-Situation, würden die Personalkosten durch die Außengastronomie in die Höhe schnellen.

Die Überbrückungshilfe III interessiert das herzlich wenig – sie erstattet lediglich 20 % der Fixkosten als Pauschale für geleistete Arbeitsstunden. Egal, wie viel gearbeitet wurde. Es wäre also auch für uns ein Minusgeschäft mit großem Aufwand. Außer, uns fällt noch ein grandioser Plan ein.

Schon fast bin ich erleichtert, dass der Inzidenzwert in Thüringen entsprechende Verschlimmbesserungen noch gar nicht zulässt. Wurden diese Überlegungen mit Vertretern unserer Branche abgestimmt? Wurde beispielsweise mit der Dehoga als Branchenverband gesprochen, bevor dieser Plan in der Bund-Länder-Konferenz verabschiedet wurde, um seine Praktikabilität und wirtschaftliche Sinnhaftigkeit zu überprüfen?

Für die Erfurter Innenstadt verkündet derweil unser Erfurter Oberbürgermeister ein weiteres potentielles Öffnungsszenario. Und auch hier frage ich mich: Wurde im Vorfeld mit den betroffenen Einzelhändlern gesprochen, um die Sinnhaftigkeit und Praktikabilität im Vorfeld zu überprüfen? Das Szenario ist bislang weder vom Land Thüringen noch vom Bund bestätigt, viele Eckpunkte entsprechen in meinen Augen nicht den Vorgaben der Bund-Länder-Konferenz – insofern besteht die Möglichkeit, dass die Erfurter Händler und Einwohner von diesem Experiment verschont bleiben:

Es sollen für ein Wochenende im März auf Kosten der Stadt mehrere Massentest-Zentren, beispielsweise hier auf dem Domplatz, aufgebaut werden. Getestet werden sollen ausschließlich Erfurter Bürger, die nach Vorlage ihres Personalausweises und negativem Corona-Testergebnis ein Bändchen erhalten. Dieses Bändchen soll den Zutritt zu den Läden der Erfurter Innenstadt ermöglichen. Gemäß just veröffentlichtem Stufen-Katalog müssten sich aber alle Shopping-Willigen per Termin vorab in den Läden anmelden. Das wäre wahrlich für Händler und Einkaufende eine logistische Meisterleistung an diesem Shoppingmarathon-Wochenende. Wer positiv getestet wird, soll sich gleich beim Gesundheitsamt melden und sich in Quarantäne begeben. Das Gesundheitsamt steht also am Wochenende für die Entgegennahme der Daten positiv Getesteter bereit, während sich die Betroffenen umgehend und ohne weitere Kontakte in Selbstquarantäne begeben? Wohl kaum.

Für die Händler würde die zweitägige Öffnung bedeuten, ihr Click-and-Collect-Prinzip, das zwischenzeitlich bei vielen logistisch durchdacht aufgebaut ist, wieder umzuwerfen. Zu effizienten Versandlagern umgebaute Einkaufsläden müssten plötzlich wieder für Kundenbesuch umgestaltet und dekoriert werden – eine Lagerhalle mit Ware in Kartons dürfte das Shoppingerlebnis sonst sehr trüben. Dabei bleibt ungewiss, ob das Experiment angesichts der vielen Auflagen von Kunden überhaupt angenommen wird. Wenn nicht, war aller Aufwand umsonst. Wenn ja, drohen eine überfüllte Innenstadt, das Ausbreiten weiterer Infektionsherde – und tatsächlich auch wirtschaftliche Einbußen für viele der Händler. Denn wird das Experiment ein ‚Erfolg‘, wird der Umsatz kurzfristig in die Höhe schnellen. Im schlechtesten Fall verlieren viele für diesen Monat ihren Anspruch auf Überbrückungshilfe III oder rutschen in eine niedrigere Erstattungsstufe, und das bei wenig bis keinem Gewinn. Denn der Aufwand, für 2 Tage zu öffnen, ist voraussichtlich höher, als die zu erwartenden zusätzlichen Einnahmen. Gewinn-Verlust-Rechnungen interessieren die Überbrückungshilfe ebenso wenig, wie die steigenden Personalkosten. Es zählt ausschließlich der erzielte Umsatz als Berechnungsgrundlage.

Damit wäre unterm Strich weder den Händlern geholfen, noch den Shopping-Fans unter den Einwohnern. Lediglich der „Massentest durch die Hintertür“, wie unser Oberbürgermeister es formulierte, hat einen gewissen Nutzen. Wenn das Gesundheitsamt die Kontaktverfolgung und Sicherstellung der Quarantäne nicht sofort vornimmt, ist aber auch hier nicht viel mehr gewonnen, als die massenhafte Ausbreitung der Infektionsherde in den überfüllten Testzentren.

Wurden Überlegungen wie diese bei Erstellung des Erfurter Test-Konzepts „Shoppingmarathon“ beachtet? Vielleicht macht auch hier der Inzidenzwert allzu praxisorientierte Überlegungen überflüssig, denn er steigt in Thüringen und auch in Erfurt zuverlässig. Ab einer Inzidenz von 100 wird auch Erfurt keine Shopping-Experimente mehr verantworten können

Ich vermisse derweil die Pläne, die ich wirklich herbeisehne: Eine zügige, effiziente Impfstrategie, zum Beispiel. Oder die umfassende Zurverfügungstellung von Selbsttests. Ohne Massenansammlungen zu Shoppingzwecken, stattdessen für den Hausgebrauch – und in größerem Umfang dort, wo sich Menschenansammlungen nicht vermeiden lassen, wie in Schulen und Großbetrieben. Oder Informationen rund um erfolgte Optimierungen in zuständigen Ämtern und Behörden. Sind beispielsweise die Gesundheitsämter zwischenzeitlich strukturell und personell besser aufgestellt, als im Vorjahr? Mit digital vernetzter Kontaktverfolgung statt Handzettel und Fax? An 7 Tagen die Woche?

Das sind die Pläne, die ich wirklich gerne in der täglichen Presse lesen würde. Nur gefunden habe ich diese Nachrichten bislang nicht.

Noch suche ich danach.

Dienstag, 02.03.2021

Mit einer gewissen Neugierde warte ich auf die morgigen Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz. Bis wann wird der Lockdown verlängert? Wie viel wird gelockert und an welchen Stellen? Und vor allem: Welche Maßnahmen stehen eventuellen Lockerungen gegenüber? Das ist der springende Punkt: Lockerungen sind nur zu halten, wenn sie durch konsequente Strategien von Regierung und Ländern und ihre ebenso konsequente Umsetzung in den Ländern und Kommunen flankiert werden.

Ich spreche bewusst von Neugierde. Denn meine Erwartungshaltung haben die Erfahrungen der vergangenen Monate sehr geerdet. Während ich bis in den Spätsommer hinein ein sehr gutes Bild von der Leistungsfähigkeit und Konsequenz unserer politischen Entscheidungsträger und aller ausführenden Organe hatte, ist meine Erwartungshaltung zwischenzeitlich auf ein recht niedriges Niveau gesunken. Es bewahrt mich schlicht vor Enttäuschungen und Wut – und gibt mir die Möglichkeit, etwas entspannter in die Zukunft zu blicken. Mit Neugierde. Die jeden kleinen Schritt in die richtige Richtung begrüßt. Reiner Selbstschutz.

Einer der vorausschauendsten Sätze aus politischen Reihen, der mir in unserer Corona-Zwischenwelt begegnete, stammt von Jens Spahn: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Wie recht er hatte! Sicherlich meinte er damit nicht nur die politischen Entscheider – der Satz hat schon fast etwas philosophisches, denn er umfasst ebenso auch die ausführenden Organe, wie auch die maßnahmenmüde Bevölkerung selbst, die es zunehmend leid ist, politische Versäumnisse durch den Lockdown ausgleichen zu müssen.

Nichts desto trotz: Meine Erwartungshaltung sinkt nicht auf Null. Weder gegenüber unserer Gesellschaft. Noch gegenüber der Politik: Während die Pandemie-Bekämpfung bis heute mangels vorausschauender strategischer und vor allem konsequenter Planung ineffizient und langsam vorangeht, funktioniert die nachträgliche Schadensbegrenzung verpasster Chancen etwas besser. Die praktische Umsetzung versprochener Hilfen unterliegt zwar der gleichen politischen Schwerfälligkeit, wie so viele andere Bereiche – aber immerhin existieren sie. Und im Gegensatz zum Virus üben wir Betroffenen uns, wenn auch unfreiwillig, in Geduld, bis die Mühlen der Bürokratie ihre Arbeit getan haben.

Vielleicht ist es gar nicht so richtig, von Hilfen zu sprechen, denn tatsächlich handelt es sich um Entschädigungsleistungen für all die politischen Versäumnisse in der Pandemie-Bekämpfung der vergangenen 12 Monate, die das Verzeihen ein wenig erleichtern. Das wird so natürlich nie gesagt. Schließlich würde damit ein Rechtsanspruch auf Entschädigungsleistungen angedeutet, wie ihn die Dehoga, der Branchenverband des Gastgewerbes, seit Ende letzten Jahres einzuklagen versucht. Einzig die Gerichtsbeschlüsse im Rahmen der Klagewelle vieler Gastronomen im November deuteten es bisher an: Eine Verhältnismäßigkeit der zweiten Schließung der Gastronomie seit bald 5 Monaten wurde von den Gerichten vor allem auf Grund der Zahlung entsprechender Entschädigungsleistungen, namens Hilfen, bestätigt.

Es sind diese Entschädigungsleistungen, aka Hilfen, die es mir – neben der anhaltenden Solidarität unserer Gäste – erlauben, mit Neugierde nach vorne zu blicken. Die Luft hier unten in der seit Winter anhaltenden Talsole ist dünn, aber es lässt sich wenigstens atmen. So lange, bis in der zunehmend wahrnehmbaren Frühlingsluft vielleicht doch die richtigen Schritte in einem effizienten Tempo gesetzt werden.

Impfen und Testen – es scheinen die beiden Schlüsselbegriffe einer vorausschauenden Strategie zu sein. Erst wenn ausreichend Menschen geimpft sind und hinreichend getestet wird, kann die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden. So viel Einigkeit besteht gemäß erster Medienberichte bereits vor der Bund-Länder-Konferenz. Aber das reicht mit Sicherheit bei weitem nicht aus. Sind Ministerien, Ämter und Kommunen – die ausführenden Organe aller Entscheidungen – nicht optimal aufgestellt, werden selbst erste zaghafte Lockerungen nicht lange aufrecht erhalten werden können. Aber sind sie es? Strukturell, personell und technisch optimal ausgestattet? Bereit für klare Handlungsanweisungen und eine effiziente und zügige Umsetzung aller Beschlüsse?

Ich bin gespannt, wie lange ich neugierig bleiben darf.

Dienstag, 23.02.2021

Lernkurven. Ich vermisse sie, in unserer Corona-Zwischenwelt.

Und das in nahezu allen Bereichen:

Schulen und Kindergärten haben in Thüringen seit Montag wieder im eingeschränkten Regelbetrieb geöffnet. Die nach wie vor hohen und schrittweise bereits wieder steigenden Inzidenzwerte haben die meisten Landkreise nicht daran gehindert, an den Öffnungsplänen festzuhalten. Erst ab einer Inzidenz von 200 bleiben die Einrichtungen in den betroffenen Gebieten geschlossen – und selbst dieser Schritt wurde erst im Hauruck-Verfahren am Freitag Nachmittag kommuniziert. Also dann, wenn Eltern kaum mehr die Möglichkeit haben, bereits getroffene Vereinbarungen und Termine für diese Woche wieder rückgängig zu machen.

Derweil gehen Erzieher und Lehrer ungeimpft wieder in den Regelbetrieb Stufe gelb über. Rasche Impfungen werden ihnen zwar – ebenfalls im Hauruck-Verfahren – plötzlich doch in Aussicht gestellt. Da eine Immunisierung aber erst ab der zweiten Impfung zuverlässig einsetzt, ist dieser Schritt viel zu spät gesetzt. Es hätte viel Zeit gegeben, Lehrern und Erziehern ein Impfangebot zu unterbreiten, bevor die Schulen wieder öffnen. Auch die zu erwartende Ausfallquote von rund 10 % auf Grund von Impfreaktionen wäre im Schul-Lockdown in der Personalplanung sehr viel leichter zu handhaben gewesen, als im laufenden Betrieb.

Für die Schüler ändert sich im Vergleich zu den Sommermonaten 2020 wenig, sie verbleiben in den altbekannten Klassenräumen, weder Klassenteilungen noch größere Unterrichtsräume sind vorgesehen, Abstandsregelungen sind somit nahezu unmöglich umzusetzen. Von Lüftungssystemen ist gar keine Rede mehr.

Die Impfungen laufen weiterhin schleppend voran, der einzige erkennbare Unterschied zum holprigen Start am Jahresanfang ist das wachsende Image-Problem des Impfstoffs Astra Zeneca, der sich auf Grund der Impfreaktionen und vergleichsweise niedrigeren Wirksamkeit von 60-70 % im Vergleich zu den beiden mRNA-Impfstoffen keiner großen Beliebtheit erfreut. Die eh schon knapp bemessenen Impfdosen bleiben daher häufig liegen.

Während in Israel bereits deutlich mehr als ein Drittel der Bevölkerung ihre erste Impfung erhalten hat und Ende März alle Bewohnern des Landes über 16 ein Impfangebot erhalten sollen, plätschert das Impfgeschehen in Deutschland vor sich hin. Erst 4,1 % der Bevölkerung haben auf heutigem Stand ihre erste Impfung erhalten – wie ein Frachtdampfer quälen sich die Beschaffungsprozesse durch die bürokratischen Mühlen der EU, während Nicht-EU-Staaten, wie Israel und Großbritannien mit ihren Wasserjets an diesem vorbeijagen.

Der kleine Hoffnungsschimmer „kostenlose Schnelltests ab 1. März“ rückt derweil ebenfalls in weitere Ferne, die Pläne sollen erst in der nächsten Bund-Länder-Konferenz am 3. März besprochen werden. Der Ausgang der Gespräche ist ungewiss.

Ein wenig Sonnenschein tut bei all der Misere gut, dachte sich unterdessen die lockdownmüde Bevölkerung und brach über’s Wochenende zum kollektiven Sonnenspaziergang auf – zu großen Teilen ohne Abstand und Maske im Pulk bei plötzlich frühlingshaften 17 Grad den Stadtfluss entlangschlendernd, versteht sich.

Schließlich winkt ja bald schon das in Aussicht gestellte Lockerungs-Datum 7. März. Dass diese Lockerungen an den Inzidenzwert von 35 geknüpft sind, scheint bei vielen jedoch in Vergessenheit geraten zu sein. Oder wurde schlicht nie so verstanden – anders kann ich mir die Lernkurven hinsichtlich der Einhaltung der geltenden Maßnahmen nicht erklären. Vielleicht war es auch ein Kommunikationsproblem zu glauben, Datum plus Inzidenzwert könne das Bedürfnis nach konkreten Perspektiven befriedigen. Unter’m Strich ist das Datum nichts wert, wenn der Inzidenzwert nicht fällt.

Vielleicht wird er es auch nicht mehr, in der nächsten Zeit. Spätestens mit Blick auf die Lernkurven bereite ich mich innerlich bereits darauf vor. Während die Mutationen auf heutigem Stand 25 % der Infektionen ausmachen, werden sie nun in Kindergärten, Schulen und per anschließendem Frühlingsspaziergang im Pulk maßnahmenmüder Menschen im Rekordtempo weitergetragen.

Fast könnte man meinen, die Lernkurve des Virus sei weitaus besser, als unsere eigene. Dabei kann das Virus gar nicht lernen. Im Gegensatz zu uns.

Dienstag, 16.02.2021

Während ich schon als Laie die Inzidenz 35 angesichts der Mutationen als mutig empfand, haben Forscher nun nachgerechnet – und kommen zum gleichen Schluss. Oder vielmehr: Sie bestätigen, dass das Infektionsgeschehen bei einer Inzidenz 35 vor dem Hintergrund der sich ausbreitenden Mutationen nicht beherrschbar sein wird.

Das bedeutet im Klartext: Wir werden die Inzidenz von 35 mit dem aktuell noch vorherrschenden Wildtyp des Virus voraussichtlich zwar bis 7. März erreichen können, wenn die Menschen nicht allzu maßnahmenmüde werden. Aber sie wird sich, sobald Lockerungen greifen und die Mutationen die dominierende Rolle im Infektionsgeschehen einnehmen, nicht halten lassen. So wie Deutschlands begrenzte Mittel zur Pandemiebegrenzung aktuell aufgestellt sind, prognostizieren Forscher bereits seit Bekanntwerden der Mutationen eine Handlungsfähigkeit erst ab einer Inzidenz von 10. Alles darüber könnte binnen weniger Wochen, vielleicht Tagen, außer Kontrolle geraten.

Ein wenig Hoffnung macht das Signal der Bundesregierung, endlich die Testkapazitäten ausweiten zu wollen. Mit kostenlosen Schnelltests für die gesamte Bevölkerung durch geschultes Personal in lokalen Testzentren – und bezahlbaren Schnelltests mit 1 Euro Eigenbeteiligung für den Hausgebrauch.

Das wäre ein Anfang. Ob es ausreicht, um das Wagnis umfassender Lockerungen bei 35 umzusetzen, bleibt offen.

Ich tue derweil das, was ich kann:

Warten und das Beste aus der Situation machen. Oder vielmehr: Es mir im Lockdown so gemütlich machen, wie es mir möglich ist, um nicht täglich darauf hoffen zu müssen, dass er vorbei ist. Unser Fensterverkauf ist eingespielt, Vormittags kaufe ich ein und koche, Nachmittags tüftele ich an meinen Gewürzmischungen und einem Online-Shop als neue Vertriebsmöglichkeit und entwickle Rezeptideen. Statt meiner 10-14 Stunden Arbeit täglich genügen zur Zeit 8, ich habe sogar Zeit für eine Mittagspause von einer halben Stunde, statt meiner sonst eher üblichen 15 Minuten auf Abruf im regulären Betrieb. Das ‚Gemütlich machen‘ gelingt mir bereits so gut, dass ich schon mehr Angst vor Lockerungen habe, als vor unserem Existenzkampf in der jetzigen Situation. Im Lockdown wirkt alles noch einigermaßen kontrollierbar. So lange die finanziellen Hilfen für Betroffene fließen und unsere Gäste uns mit dem Kauf unserer Box to go unterstützen, halten wir im Lockdown eine Weile durch. Lockerungen hingegen, im Auge der Mutanten, klingen nicht nur wie der schlechte Titel eines Horrorfilms, sie könnten tatsächlich Infektionszahlen mit sich bringen, die mich beim bloßen Gedanken daran erschaudern lassen.

Ich fühle mich mit diesem Gefühl in meiner Branche recht einsam. Die Rufe nach Lockerungen werden immer lauter. Tief im Herzen wünsche ich mir jedoch, dass wir erst öffnen dürfen, wenn die Lage tatsächlich beherrschbar geworden ist. Bin ich damit wirklich allein?

Montag, 15.02.2021

Rosenmontag. Vielleicht ist es für manch einen Karnevalisten hier in Thüringen ein Trost, dass die bis heute noch hartnäckigen Schneeberge einen Umzug bei Minusgraden auch ohne Corona schwierig bis unmöglich gemacht hätten.

Derweil warnt der Landesverband der Karnevalsvereine vor Betrug: Als Karnevalisten getarnte Querdenker rufen unter dem Deckmantel eines neu gegründeten Vereins die Bevölkerung zu Rosenmontags-Umzügen und Rathausstürmungen zwecks traditioneller Karnevalisten-Schlüsselübergabe auf. Nur dass es weder diese Karnevalsumzüge noch die Rathausstürmungen wirklich gibt, denn die echten Karnevalsvereine unterstützen die Umsetzung der Maßnahmen nach Kräften und haben alternativ mit viel Kreativität Online-Angebote möglich gemacht und selbstverständlich keine Umzüge geplant.

Dass es andernfalls nicht nur fassungsloses, kollektiv-gesellschaftliches Kopfschütteln, sondern auch empfindliche Strafen in Höhe von bis zu 3.000 Euro nach sich ziehen kann, hatten bereits ein paar Unverbesserliche im Thüringer Jüchen festgestellt, deren Umzug mit knapp 90 Teilnehmern ein paar Tage früher stattgefunden hatte.

Daher waren rund 100 Feierwütige im sächsischen Marienberg gestern wohl besonders gut vorbereitet: Als die Polizei eintraf, um eine unerlaubte Karnevalsfeier aufzulösen, entfernten sich die Karnevalisten in Windeseile auf Skiern und verschwanden in der schneebedeckten Landschaft.

Ein lautloses „Tätää, tätää“ hallt mit, als ich diese Meldungen lese und es klingt wie Hohn in meinen Ohren. Denn lustig ist das gar nicht. Jeder Einzelne dieser Menschen trägt seinen Teil der Verantwortung dafür, dass wir uns alle in einem anhaltenden Lockdown befinden, dessen Ende weiter ungewiss bleibt. „Wolle mer Corona dann mal reinlasse?“ Tätää, tätää. Da bleibt das Lachen wirklich im Halse stecken.

Freitag, 12.02.2021

Ich blättere ein paar Tage zurück. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn vor mir liegen die Tageszeitungen der letzten 3 Tage. Ich war im Spagat zwischen Einkauf und Kochen für den Fensterverkauf, Formularen zur Bewältigung des anhaltenden Lockdowns, Teilzeit-Homeschooling und Betreuung der Kids schlicht nicht dazu gekommen, Zeitung zu lesen.

Als ich heute auf meine Mittagsbox to go doch den Moment für eine schnelle Lektüre gefunden hatte, dachte ich nur: Wie wahr. Nichts ist älter als die Zeitung von gestern.

Ebenso wie der Thüringer Stufenplan, der in der Mittwochsausgabe präsentiert wurde. Tatsächlich bin ich erleichtert, diesen Plan erst nach der Bund-Länder-Konferenz gelesen zu haben, alte Wut wäre sonst schnell wieder hochgekocht. Wie kommt unsere Landesregierung auf den Gedanken, bei einer Inzidenz von 100 Lockerungen in Aussicht zu stellen? Wird erneut nicht vorausschauend geplant? Sollen sich die Fehler des Spätsommers und Herbstes denn immer und immer wiederholen? Angesichts der hoch ansteckenden Mutationen, die schon bald die vorherrschenden Treiber des Infektionsgeschehens auch hier in Thüringen sein werden, über Lockerungen bei einer Inzidenz von 100 zu philosophieren, wirkt auf mich im besten Falle naiv. Schließlich empfand ich bei der gestrigen Verkündung der deutschlandweit beschlossenen Vorgaben bereits eine Inzidenz von 35 für den Schritt der Lockerungen als sehr mutig. Gerade als vom Lockdown betroffener Unternehmer ist mir sehr daran gelegen, dass Lockerungen deutlich länger Bestand haben als der ad acta gelegte Thüringer Stufenplan.

Dem Beschluss der Bund-Länder-Konferenz sei Dank, kann ich die alten Zeitungsseiten mit den Thüringer Plänen von vorgestern nun also getrost bei Seite legen. Manchmal ist es wirklich besser, unausgereifte Pläne wie diese einfach etwas liegen zu lassen. Mit etwas Glück landen sie am gleichen Ort, wie die alte Zeitung selbst. Im Papierkorb.

Das schafft Platz für Neues. Und für vorausschauend durchdachte Pläne mit längerem Bestand.

Donnerstag, 11.02.2021

Eine erste Perspektive. Nach nun bereits 15 Wochen Lockdown 2.0.

Bund und Länder haben nach ihren gestrigen Beratungen den Lockdown bis 7. März verlängert. Ab 1. März dürfen Friseure bereits zuvor öffnen, zu groß scheint die Not zu sein, die eine schlecht sitzende Frisur mit sich bringt. Ich gönne es jedem, Friseuren wie ihren Kunden gleichermaßen. Bereits Ende Februar wird auch die Öffnung der Schulen und Kitas in Aussicht gestellt, den genauen Fahrplan erstellen die Länder.

Es ist nicht das wiederholte Ausrufen eines Termins, das Perspektiven mit sich bringt. Der Stichtag 7. März ist ein Datum ohne große Bedeutung. Denn es sind die angegebenen Inzidenzwerte, die wirklich anzeigen, wann es womit weitergeht. Bei einer Inzidenz unter 35 sollen der Einzelhandel, Museen und Galerien sowie die sogenannten Betriebe mit körpernahen Dienstleistungen wieder öffnen dürfen. In den Bereichen Gastronomie, Kultur, Sport, Freizeit und Hotelgewerbe wollen Bund und Länder eine, wie es heißt, „sichere und gerechte Öffnungsstrategie“ entwickeln. Rutscht ein Gebiet zurück nach oben auf eine Inzidenz über 50, werden wieder sehr viel härtere Auflagen gelten, die sicher einem lokal begrenzten Lockdown gleichen werden.

Ist das eine Perspektive? Zaghaft, immerhin. Diese Perspektive gibt ein Ziel vor und sagt vor allem eins: Es liegt an euch. Denn der Inzidenzwert als Richtwert nimmt jeden Einzelnen mehr in die Pflicht als jeder politisch entschiedene Stichtag.

Die Verantwortung für das Erreichen dieses Ziels liegt bei uns allen.

Was nicht so deutlich kommuniziert wurde, aber in meinen Ohren dennoch deutlich mitschwingt: Bund und Länder stecken mit der Inzidenz 35 die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sie glauben, handlungsfähig bleiben zu können – mit ihren, leider immer noch sehr begrenzten, Mitteln. Wege handlungsfähiger zu werden, gäbe es viele – von einer zügigen und effektiven Impfstrategie, bis optimal aufgestellten und digital vernetzten Gesundheitsämtern zur Kontaktverfolgung, einer App, die nicht, auch Dank DSGVO, lediglich als teures Placebo wirkt, Massentests, Lüftungsanlagen in Schulen, um nur wenige Beispiele der vielen Möglichkeiten zu nennen. So lange das alles nicht umgesetzt ist, ist die Inzidenz 35 sogar recht mutig gewählt. Ich möchte dennoch gerne glauben, dass Bund und Länder, vor allem angesichts der Mutationen aus Großbritannien und Südafrika, mit dieser Zielvorgabe wirklich handlungsfähig bleiben.

Aber zurück zum jetzt gesetzen Ziel, der ersten, zaghaften Perspektive: Würde jedes Mitglied unserer Gesellschaft an einem Strang ziehen, wäre es schnell geschafft. Aber genügt es, wenn sich nur etwa die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland an die Maßnahmen hält, um eine Inzidenz von 35 zu erreichen? Angesichts der großen Zahl an Querdenkern, Maßnahmengegnern, Corona-Leugnern, Verschwörungsgläubigen und me-first-Hedonisten sehe ich dieses ’schnell‘ in weiter Ferne.

Es ist schon ein wenig paradox zu ahnen, wie zügig wir dieses Ziel eigentlich erreichen könnten, wenn unsere Gesellschaft zur großen Mehrheit dazu bereit wäre – aber gleichzeitig zu wissen: Schnell wird es nicht gelingen. Wann eine gewisse neue Normalität einkehrt, das entscheidet jeder einzelne von uns. Mit seinem individuellen Handeln.

Und das ist Perspektive und Problem zugleich.

Montag, 08.02.2021

Flockdown. Was für eine schöne Wortkreation.

Not macht ja bekanntermaßen erfinderisch, das gilt auch für unseren Wortschatz. Ich mag das Wort, denn es zeigt: Menschen behalten auch in Krisenzeiten ihren Humor.

Während ganz Thüringen unter den Schneemassen des Schneetiefs Tristan begraben liegt, scheint die Mehrheit der Menschen in der Erfurter Altstadt das ungewöhnliche Schneetreiben recht entspannt zu sehen. Schließlich sind wir bereits im Lockdown, da werden wir mit dem zusätzlichen Flockdown in Form weicher, weißer Schneeflocken ja nun allemal fertig.

Die Schulen wurden thüringenweit geschlossen, meine große Kleine lief jubelnd durch’s Café – bis ihr klar wurde, dass sie – digitalem Homeschooling sei Dank – doch Schule hat, sogar mit Deutschtest am Tablet am Montagmorgen. Jepp, im Lockdown kann selbst der stärkste Schneefall das Voranschreiten des Unterrichts nicht trüben, selbst Hackerangriffe auf die Schulcloud blieben überraschend aus oder wurden abgewehrt, so krisenerprobt ist unser neues digitales Schulsystem bereits. Durchaus beeindruckend. Auch wenn meine Tochter von schulfrei sehr viel mehr beeindruckt gewesen wäre.

Heute Früh schaffte ich es, Dank Vordach, sogar die Haustür zu öffnen, ohne dass mir die Schneemassen entgegenfielen und kämpfte mich zu Fuß durch Tiefschnee zum Supermarkt um die Ecke. Dort strahlte mir bereits meine liebste Supermarktmitarbeiterin an der Kasse sitzend entgegen, sie hatte es doch tatsächlich mit 40 km/h über die B4 bis in die Erfurter Innenstadt geschafft. Die Regale waren stellenweise leer, für Lastwagen mit Lieferung gab es kein Durchkommen. Aber dennoch war ich positiv überrascht, wie viel ich trotzdem, mit etwas Improvisation, für unsere Mittagsbox to go alles finden konnte. Zu Hilfe eilte mir vermutlich ein anderes Unglück: Am Freitag konnte der gesamte Supermarkt über Stunden nicht öffnen, weil alle Kassensysteme ausgefallen waren. Ob das wohl auch ein Hackerangriff war? Wie dem auch sei, die Lager blieben daher gut gefüllt, so dass selbst heute, mitten im Schneechaos, noch reichlich Zutaten zu finden waren. Ein bisschen Improvisation bei ihrer Auswahl ist für uns Krisenerprobte ja nun kein Problem mehr. Unterdessen wurden alle Supermarkt-Mitarbeiter gefeiert, die es auch zur Arbeit geschafft hatten und auch meine zauberhafte rechte Hand in der Küche, ohne die ich aufgeschmissen gewesen wäre, kam freudestrahlend mit rosigen Wangen durch den Schnee ins Café gestapft. Zu Fuß, vom Wiesenhügel am anderen Ende der Stadt, weil keine einzige Straßenbahn fuhr. Müssten wir nicht auf Abstand achten, ich hätte sie gedrückt vor lauter Freude, dass sie’s geschafft hat.

Unsere Vorbestellerliste macht auch Hoffnung, die meisten unserer treuen Fensterverkaufs-Gäste sind eh im Homeoffice und wohnen oder arbeiten um die Ecke. Sie schaffen es bestimmt zu Fuß zu uns. Ich blicke aus dem Schaufenster: Mit einem Lächeln auf den Lippen stapfen alle durch den weißen Schnee der Altstadt – es scheint, als lenke das Schneechaos für einen kurzen Moment von den anderen Sorgen ab, die unsere Corona-Zwischenwelt im Ausdauermodus mit sich bringt. Schneemassen sind nicht nur so viel greifbarer als das Virus, wir wissen auch, dass diese Krise nur recht kurzer Natur sein wird. Und nicht zuletzt hilft es, dass hier endlich alle selbst aktiv mit anpacken können:

Wäre das schön, wenn wir auch Corona einfach mit dem Schneeschieber bei Seite räumen könnten.

Freitag, 05.02.2021

Überall werden die Rufe nach Beendigung des Lockdowns laut. Schaufenster werden mit der Forderung beklebt, der Ruf hallt parallel quer durch alle sozialen Medien. Viele Politiker greifen den Wunsch auf und machen Hoffnung auf seine baldige Erfüllung.

Auch ich hoffe auf ein baldiges Ende des Lockdowns – und genau deshalb plädiere ich für seine Verlängerung.

„What?!“ mag der ein oder andere unter euch jetzt denken. Was paradox klingt, folgt einer simplen Logik: Wird zu früh gelockert, besteht ein enormes Risiko, dass umgehend der nächste Lockdown folgt. Und das muss meines Erachtens in jedem Fall vermieden werden. Nichts schadet einem Unternehmen und der Wirtschaft mehr, als ein immer wieder kehrendes Hoch- und Herunterfahren der Geschäftsprozesse.

Im September 2020 hätte es die Chance gegeben, ohne Lockdown durch die zweite Welle zu kommen. Die Zahlen gingen gen 0 – wer hier länger mitliest weiß, dass ich damals noch der festen Überzeugung war, dass alle Instanzen auf die zweite Welle vorbereitet sein würden. Sie waren es nicht. Das wurde mir in dem Moment klar, in dem der ebenso unüberlegte wie ineffektive Lockdown light ausgerufen wurde: Blinder Aktionismus, der so lange an den falschen Stellen ansetzte, bis angesichts unaufhörlich steigender Zahlen kein anderer Ausweg blieb, als in den effektiven harten Lockdown zu gehen.

Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich der verpassten Chance im September nachtrauere. Der Chance, den Inzidenzwert auf 0 zu halten. Eine Zero-Covid-Strategie hätte Ende des Sommers sofort – ohne banges Warten auf fallende Inzidenzwerte – umgesetzt werden können. Hätte. Aber was bringt es, verpassten Chancen nachzutrauern? Genau, gar nichts. Und deshalb blicke ich nach vorne und hoffe, dass dieser Fehler nicht wiederholt wird: Die massive Fehleinschätzung der Lage.

Sind unsere Gesundheitsämter denn heute bereit, für eine effiziente Kontaktverfolgung? Ist die Software in allen Ämtern installiert, sind alle Mitarbeiter geschult? Ist die deutschlandweite Vernetzung sichergestellt? Wurden alle personellen Engpässe beseitigt? Sind Lüftungssysteme in allen Schulen installiert? Sind mindestens 75 % unserer Gesellschaft geimpft? Wurde in Krankenhäusern geschultes Personal auf den Intensivstationen aufgestockt, um nicht nur freie Betten sondern auch Behandlung und Pflege sicherzustellen? Ist jedes Mitglied unserer Gesellschaft bereit und fähig, eigenverantwortlich zu handeln und auf Basis von Empfehlungen anstatt auf Basis verbindlicher Vorgaben Infektionsketten zu unterbinden?

Es genügt, auch nur eine dieser Fragen mit nein zu beantworten, um mit Sicherheit sagen zu können, dass ein Inzidenzwert von knapp unter 100 und sogar unter 50 innerhalb weniger Wochen nach oben schnellen und unser Gesundheitssystem überlasten wird. Angesichts der ansteckenderen Virusmutationen, die längst in Deutschland verbreitet sind, in atemberaubende Höhen, die uns umgehend in den nächsten, sehr viel längeren Lockdown katapultieren würden.

Für ein kurzes Luft holen wirkt dieser Preis zu hoch. So lange die oben benannten Fragen nicht mit Ja beantwortet werden können, erscheint mir die Inzidenz Null das einzig realistische Ziel, um langfristig möglichst schnell aus einem Lockdown-Ping-Pong zu finden. Denn nur dann können wir mit den wenigen Mitteln, die uns derzeit zur Verfügung stehen, die Ausbreitung des Virus in Schach halten. Begleitet von finanziellen Hilfen für Betroffene, die wirklich ankommen, umfassender Unterstützung für Eltern und Kinder und weiteren Hilfsmaßnahmen, die den Lockdown für alle erträglich genug gestalten, um den Atem noch eine Weile anhalten zu können. Für eine Inzidenz größer Null sind wir schlicht nach wie vor nicht vorbereitet.

Wenn wir jetzt einen längeren Atem haben, dann können wir vielleicht wirklich früher aufatmen.

Sonntag, 31.01.2021

Ich habe sie mir angeschaut. Die ganze Samstags-Demo gegen die Corona-Maßnahmen der vergangenen Woche, online im Live-Stream, ins World Wide Web gesendet direkt vom Erfurter Domplatz.

Ich wollte verstehen können, was Menschen dazu bringt, eine Veranstaltung wie diese zu besuchen.

Es fiel mir noch nie so schwer, eine Veranstaltung 1 Stunde und 15 Minuten lang anzusehen. Aber ich habe durchgehalten, bis zum Schluss. Danach saß ich erst einmal etwas ratlos auf meiner Couch. Denn was ich auf der ganzen Veranstaltung von ausnahmslos allen Rednern vermisste, waren Argumente. Nein nicht nur fundierte Argumente – überhaupt irgendwelche. Lag es an mir, dass die vielen, emotional aufgeladenen Worte, die von der Bühne über den Domplatz hallten, in meinen Ohren keinerlei Argumentationskette enthielten? Erst etwas später wurde mir die Antwort klar: Es ging hier gar nicht darum, mit Argumentationsketten zu überzeugen. Es ging darum, bereits bestehende Meinungen zu spiegeln, zu bestätigen und laut und hörbar durch die Stadt und die sozialen Medien zu rufen.
Ein Song, am Ende der Veranstaltung als Abschluss eingespielt, fasste den O-Ton der Veranstaltung in wenigen Minuten zusammen. Ich zitiere: „Steckt euch“ … nun wurde modular, von Impfung, bis Maskenpflicht, Abstand und Kontaktbeschränkungen, alles eingesetzt, das vermeintlich störte … „in den Arsch“. Ich bin kein Freund von Fäkalsprache in der Öffentlichkeit, aber um den Kern der Dinge dieser Veranstaltung treffend zu beschreiben, muss es mal ausnahmsweise sein. Vorgetragen wurden die Worte von einer freundlich-sonoren Frauenstimme, die mich sehr an Alexa oder Siri erinnerte. Einer von beiden wurde vermutlich die Aufgabe zuteil, das alles für den ‚Song‘ einzusprechen.

Wozu das dient? Als Ventil. Und als mir das klar wurde, fand ich meinen inneren Frieden mit dieser Veranstaltung, die mich zunächst so ratlos zurückgelassen hatte. Denn Menschen, die Wut verspüren, sich unverstanden fühlen, die sich sicher sind, auf Missstände hinweisen zu müssen – sie alle brauchen ein Ventil. Und dieses Angebot machte diese Veranstaltung auf dem Domplatz. Genau deshalb ist das Recht auf Versammlung ein wichtiger Eckpfeiler unserer Gesellschaft – auch dann, wenn sich das Gesagte im Wesentlichen darauf fokussiert, was sich diverse Politiker alles – ihr wisst wohin – schieben sollen, untermalt von emotional aufgeladener Musik, während die rund 1000 Teilnehmer LED-Lichter, Knicklichter für die Kinder und dazwischen die Reichsfahne schwenken. Damit sich die aufgeladenen Emotionen mangels Ventil nicht anderweitig entladen, wie es am selben Wochenende in den Niederlanden der Fall war.
Neben dieser Erkenntnis konnte ich der Veranstaltung sogar noch etwas anderes entnehmen, das zu meinem inneren Frieden beitrug: Die große Mehrheit gab sich – völlig unerwartet – wirklich Mühe, die Abstandsregeln zu beachten und Masken zu tragen. Nicht immer, gerade die Mikrofonübergaben auf der Bühne sowie überaus herzliche Begrüßungen und Verabschiedungen im Backstagebereich führten Abstand und Maskenpflicht ad absurdum. Aber der Wille war erkennbar und in großen Teilen da – zumindest für 1 Stunde und 15 Minuten – um im Gegenzug diese Veranstaltung abhalten zu dürfen.

Während mich diese Beobachtungen ausgeglichener zurückließen, beunruhigte mich in dieser Woche aber eine ganz andere Entwicklung. Nachdem wir selbst zwei lange, bange Monate ausgeharrt hatten, bis die Auszahlung der Hilfen endlich im Januar begann, häufen sich die verzweifelten Berichte der Menschen in den sozialen Medien, die, statt Erleichterung und Zuversicht für die noch kommenden harten Wochen, Ablehnungsbescheide erhielten. Warum fallen so viele Menschen durchs Raster? Warum erhalten sie jetzt – nach langen Wochen des Bangens – nicht die Hilfen, sondern die Information, dass ihnen 0,- EUR Unterstützung zustünde? Was ist da passiert? Ich war mir so sicher, dass sich jetzt endlich, ab Mitte Januar, alles zum Guten wenden würde – wir haben tatsächlich zwischenzeitlich die Novemberhilfe erhalten und auch die Abschlagszahlung für Dezember. Aber woran scheitert es bei den vielen Stimmen, die ich gerade in den sozialen Medien wahrnehme? Einzelfälle? Oder fällt ein hilfsbedürftiges Unternehmen nach dem anderen durch zu bürokratische Raster? Ich halte Augen und Ohren offen.

Denn auch das möchte ich verstehen können.

Samstag, 23.01.2021

Wie das halt so ist, mit übermütigen Hoffnungen in Pandemie-Zeiten:

Als hätte Christian Drosten meinen letzten Corona-Diary-Eintrag gelesen, sagte er: „Nur weil es Sommer wird, wird es nicht automatisch besser.“ Beim morgendlichen Frühstückscappuccino lese ich heute diese Zeilen in der Tageszeitung: „Drosten hat denjenigen, die allzu große Hoffnungen auf den Sommer hegen, verdeutlicht, dass keineswegs ausgemacht ist, dass es mit steigenden Temperaturen zu einer Entspannung kommt.“ (FAZ 23. Januar 2021).


Während nun also auch meine Hoffnung auf das Wetter schwindet, baut sich wenige Meter von unserem Café entfernt schon die nächste Enttäuschung auf: Auf dem Domplatz wird heute demonstriert. Von der üblichen bunten Mischung aus Querdenkern, Impfgegnern, Reichsbürgern und Rechtsextremisten – allen Zahlen zum Trotz, ungeachtet der erschreckenden Sterberate, die aktuell die der Grippe um das Zehnfache übersteigt. Verboten werden kann die Demonstration, im Gegensatz zum Dezember, dieses Mal nicht. Auf Grund der neuerdings erfreulichen Entwicklung der Zahlen in Erfurt, besteht hierfür einfach keine Rechtsgrundlage – das Recht auf Versammlung ist auf der einen Seite ein wertvoller Eckpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft, aber erfordert auf der anderen Seite ein sehr hohes Maß an Eigenverantwortung und Weitsicht, um nicht missbraucht zu werden. Würden auf dieser Veranstaltung wirksame Masken getragen, 1,5 m Abstände eingehalten, würden Menschen aus Gebieten mit sehr hohen Inzidenzwerten nicht anreisen, dann wäre beides gegeben: Versammlungsrecht und verantwortliches Handeln. Aber hier kippt die Balance – denn während das Recht auf Versammlung ausgeübt werden darf, ist schon jetzt abzusehen, dass von eigenverantwortlichem Handeln und Weitsicht auf dem Domplatz heute Nachmittag nicht viel zu sehen sein wird. Was damit auch bald kippen könnte, wäre die erfreuliche Entwicklung der Zahlen in Erfurt, denn die Demonstranten werden neue Infektionsketten als kleines Souvenir mit lieben Grüßen in der ganzen Stadt verteilen.


In den sozialen Medien sieht es mit dem eigenverantwortlichen, weitsichtigen Handeln nicht viel besser aus. Allein diese Woche wurden stoisch wie störrisch selbst unter meinem eigenen Facebook-Bekanntenkreis täglich veraltete Beiträge Kekulés geteilt, die belegen sollen, dass die Covid-Sterberate unbedenklich sei. Allen, die diese Information jetzt im Januar teilen, möchte ich sehr ans Herz legen, ein wenig die eigene Medienkompetenz zu hinterfragen. Schließlich ist es kein Kunststück, das Veröffentlichungsdatum geteilter Beiträge zuvor zu überprüfen: Die Einschätzung Kekulés erfolgte am 8. Oktober 2020. Seitdem musste auch er, angesichts der Zahlen im Winter, schon lange eingestehen, dass er einer massiven Fehleinschätzung unterlag.


Aber es gibt auch Lichtblicke im World Wide Web: Immer häufiger stoße ich auf Kommentare naher oder ferner Facebook-Freunde, die Querdenkern und Verschwörungsgläubigen in den sozialen Medien nicht das Feld überlassen wollen. Sanft und ruhig wird auf Basis gut recherchierter Fakten gerade gerückt, was verzerrt werden soll. Während regionale Medien, wie die Thüringer Allgemeine, ihre soziale Pflicht, die Kommentare unter ihren Facebook-Beiträgen zu moderieren, schlicht ignorieren, springen nun Bürger ehrenamtlich ein, um das verbale Online-Gemetzel etwas einzudämmen. Gleichzeitig unterstützen sich Facebook-Nutzer bei Fragen wie: „Wie kann ich Verschwörungsgläubigen in meinem direkten Umfeld helfen?“. Denn Corona hat tatsächlich seit Beginn der Pandemie ein noch nicht benanntes Co-Virus im Gepäck, das nicht minder bedenklich ist – die Symptome: Wut, Hass, Verzweiflung, kombiniert mit hoher Anfälligkeit für Verschwörungsmythologien und Missinformationen aller Art. Auch dieses Virus wäre, wenn es zu stark um sich greift, für unsere demokratische Gesellschaft tödlich. Ich hoffe sehr, dass auch hier die Fallzahlen möglichst bald sinken werden. Die kleinen Lichtblicke in den sozialen Medien tun ihr Möglichstes – es werden hoffentlich immer mehr. 


Aber zurück zu meinen Hoffnungen. Wenn das Wetter nicht hilft, was dann? Ist doch die von Wissenschaftlern empfohlene Zero-Covid-Strategie ein Ausweg? Auch hier kam die Antwort auf meinen letzten Corona-Diary-Eintrag aus den politischen Reihen prompt: Jens Spahn bestätigte meine Vermutung, dass eine Zero-Covid-Strategie mit unseren geografischen – und leider eben auch gesellschaftlichen – Strukturen unmöglich erscheint.
Ein fiktiver Dialog, versteht sich, ich denke nicht, dass Spahn und Drosten meine Zeilen wirklich mitlesen, aber die zufällig prompten Antworten auf meine Gedanken gehören tatsächlich zu den weiteren kleinen Lichtblicken meines Corona-Alltags im Lockdown.

Seither habe ich mich, meiner eigenen Vermutung zum Trotz, näher mit der Zero-Covid-Strategie auseinandergesetzt (für alle, die sich gerne genauer einlesen möchten: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2021-01/no-covid-strategie-coronavirus-initiative-lockdown). Sie hätte einen wesentlichen Vorteil: Sie könnte das eigenverantwortliche Handeln unserer Gesellschaft stärken und Perspektiven schaffen. Ziel wäre es, zunächst durch einen verschärften Lockdown, den Inzidenzwert unter 10 zu senken. Danach würde es, gemäß Kalkulation der Wissenschaftler, etwa 3-4 Wochen dauern, um auf eine Inzidenz von 0 zu kommen. Jede Region, der das gelingt, könnte im Status grün zur Normalität zurückkehren, mit Kunst, Kultur, Café, Restaurant und sozialen Kontakten wie beliebt. Regionen, denen dies nicht gelingt, würden im Status rot bei allen Einschränkungen verbleiben, bis auch hier der Inzidenzwert 0 erreicht wurde. Der eigenverantwortliche, gesamtgesellschaftliche Druck wäre dann automatisch ungemein hoch – schließlich werden alle das Ziel haben, endlich zur Normalität zurückzukehren. Die Augen wären nicht mehr nur auf politische Entscheidungen gerichtet, die reagierend statt agierend einen neuen Lockdownzeitraum nach dem anderen verkünden. Die eigene Einflussnahme jedes Einzelnen auf Stufe grün oder rot – normales Leben oder Leben im Lockdown – würde sehr viel stärker in den Fokus gerückt. Hierfür müssten die Grenzen aber lückenlos – mit konsequenter Quarantäne für alle Einreisenden und einem Schleusen-Prinzip für Lieferungen – geschlossen werden. Nicht nur zu benachbarten Ländern. Auch innerhalb Deutschlands wäre das Pendeln oder Reisen zwischen grünen und roten Zonen nicht mehr möglich. Ob das gelingen kann? Es wäre ein Kraftakt außerhalb meiner persönlichen Vorstellungskraft.

Dennoch: Das mutierte Virus B.1.1.7 aus Großbritannien und die düstere Prognose von 100.000 Neuinfektionen und mehr pro Tag in den Sommermonaten, sollte sich die Mutation ausbreiten, im Nacken, erscheint die Strategie „neue Normalität mit dem Virus“ obsolet. Denn die Mutation wäre, wenn sie zu stark um sich greift, nicht mehr kontrollierbar, von „neuer Normalität“ würde dann niemand mehr sprechen. Würde im Corona-Sommer 2.0 umgesetzt, was im chancenreichen Sommer 1.0 kläglich versäumt wurde – eine Zero-Covid-Strategie – gäbe es tatsächlich Gründe für aufkeimende Hoffnung auf etwas Normalität in diesem Jahr. Wage ich es zu hoffen, nachdem Politik und Gesellschaft im Sommer 1.0 so eindrücklich gezeigt haben, zu welch weitsichtiger Pandemiestrategie und deren Umsetzung sie fähig sind?

Ganz ehrlich? Nein, denn sonst werde ich ebenso enttäuscht, wie 2020.

Aber ich lasse mich gerne überraschen.

Mittwoch, 20.01.2021

Als Brite rede ich gerne übers Wetter. Bekanntermaßen. Nicht nur, um das Klischee zu erfüllen, nein, zur Zeit setze ich viel Hoffnung darauf.

Denn das Wetter erlaubt eine Prognose. Eine Prognose, die unabhängig davon ist, wie wir politisch und gesellschaftlich mit dieser Pandemie umgehen: Wenn es wärmer wird, dann werden die Zahlen fallen. Mit großer Sicherheit ab Ende März und einen ganzen schönen Sommer lang.

Bis dahin werden wir uns wohl noch eine Weile im Lockdown befinden. Gestern wurde seine Verlängerung bis 14. Februar beschlossen. Während die Bild reißerisch seit Tagen vom Mega-Lockdown spricht, bringt er für mich in der Realität weder viel Neues noch Unerwartetes. Dass die Zahlen, wenn der Dezember-und Januar-Lockdown einigermaßen Wirkung zeigt – erst gegen Ende Januar fallen werden, kursierte als Kalkulation bereits Mitte Dezember in meinem Facebook-Feed, simpel wie plausibel von einer Privatperson berechnet – insofern gehe ich davon aus, dass diese erwartete Entwicklung auch Fachleuten geläufig war. Tatsächlich kenne ich persönlich niemanden, der mit einem Ende dieses Lockdowns vor dem kommenden Frühjahr rechnet.

Warum titelt Bild also „Mega-Lockdown“? Dass die Regelungen für Homeoffice verschärft werden, war ebenfalls absehbar – es hat sich in den vergangenen Monaten seit März 2020 schlicht immer wieder gezeigt, wie unsere freiheitliche Gesellschaft mit Empfehlungen umgeht: Gibt es eine Möglichkeit, etwas Unbequemes nicht zu tun, wird diese Möglichkeit mehrheitlich auch gerne genutzt. Empfehlungen bleiben so wirkungslos – was klare Regelungen unausweichlich macht.

Was von „Mega“ übrig bleibt, ist die FFP2-Maske. Die einzige wirkliche Veränderung der Ist-Situation, die ich den neuen Beschlüssen auf den ersten Blick entnehmen kann. Denn auch wenn ich persönlich kein großes Problem darin sehe, meine bisherige Maske gegen FFP2-Masken auszutauschen, um Bus und Bahn zu fahren und Lebensmittel zu kaufen, so zeigen mir die Erfahrungen der letzten Wochen und Monate, dass die Umsetzbarkeit dieses Punktes in der Praxis schwierig wird.

Ich stelle mir bereits mit Grauen die unendlichen Diskussionen im Vorraum des kleinen Supermarktes bei mir um die Ecke vor. Die Mitarbeiter haben bereits jetzt genug damit zu tun, ihre lieben Kunden davon zu überzeugen, dass ihnen der Zutritt nur mit Maske oder wenigstens einem enganliegenden Schal gewährt werden kann. Wenn jetzt auch noch ein bestimmter Maskentyp vorgeschrieben wird – eine Einwegmaske, die 2,50 – 6,00 EUR das Stück kostet – wird die bereits aufgeheizte Stimmung im Supermarkt-Vorraum kippen. Und dann? Werden die Kunden einfach ohne FFP2 Maske hineinmarschieren? Werden sie hinausbefördert?

Das wird spannend. Um es optimistisch zu formulieren: Da kann ich mir beim allmorgendlichen Einkauf gleich Popcorn mitnehmen, das Unterhaltungsprogramm ist gesichert. Von Herzen leid tun mir die Supermarktmitarbeiter, die das mitnichten unterhaltsam finden werden. Die FFP2-Maskenpflicht wird den Effekt nach sich ziehen, dass sie zum Ventil einer ganzen, aufgeheizten Gesellschaft werden. Denn einkaufen muss jeder, vom Maßnahmenbefürworter bis zum Querdenker. Ob die FFP2-Maskenpflicht vor diesem Hintergrund wirklich durchdacht ist? Schwierig wird es auch in Punkto Bart – denn spätestens hier greift die Maske in Persönlichkeitsrechte ein. Während heutzutage kein Arbeitgeber das Recht hat, seinen Mitarbeitern vorzuschreiben, ob sie Bart tragen oder nicht, wäre es im Rahmen einer wirksamen FFP2-Maskenpflicht für den Supermarktbesuch unumgänglich. Denn die FFP2 Maske entfaltet mit Vollbart schlicht keine Wirkung. Ich vermute, dass es bei einer Empfehlung bleiben wird, mehr ist in unserer freiheitlichen Gesellschaft wohl kaum möglich – Sinn macht die FFP2-Maske dann allerdings nicht.

Reicht das für die Betitelung dessen, was gestern beschlossen wurde, als Mega-Lockdown? Mit Sicherheit nicht.

Während die Bild-Zeitung bereits ihr Pulver verschießt, reichen Wissenschaftler eine Empfehlung bei der Bundesregierung ein, die den Titel wirklich verdient hätte. Die Zero-Covid-Strategie. Ein Ansatz, der nicht zum Ziel hat, mit Covid und einem Inzidenzwert von 50 oder 25 eine neue Normalität zu leben, sondern mit einem wirklich drastischen, harten Lockdown die Zahl auf Null zu senken, bevor wir – ganz ohne Covid – zu einem normalen Leben zurückkehren.

Ich bin ein großer Fan konsequenter Konzepte, aber die Erfahrungen der letzten Monate hat mir gezeigt: Das wird in einer freiheitsliebenden Gesellschaft unmöglich werden. Die Zero-Covid-Strategie basiert darauf, dass sich alle Menschen an die dann notwendigen harten Lockdownmaßnahmen halten. Dabei schafft es gefühlt die Hälfte der Bevölkerung ja schon jetzt nicht. Wenn wir bei dem Umsetzungswillen warten, bis die Inzidenz auf 0 sinkt, ob wir dann das Ende dieses Lockdowns wohl noch erleben dürfen? Gut Spaß bei Seite, das wird nichts. Selbst wenn, müssten wir alle Grenzen schließen, damit das Virus nicht einfach aus den vielen Nachbarländern herüberschwappt. Wir sind schließlich nicht Australien und umgeben von Meer so weit das Auge reicht. Denn dort hat die Zero-Strategie tatsächlich funktioniert und kann aufrecht erhalten werden. Ein klarer geografischer Vorteil – und vielleicht auch ein gesellschaftlicher.

Derweil schaue ich aus dem Fensterverkaufs-Fenster und hoffe auf gutes Wetter. Das gibt es ja zum Glück nicht nur in Australien, sondern bald auch hier. Das wäre dann wirklich: „mega“.

Donnerstag, 14.01.2021

Es wird, es wird. Meine Neujahrsgrüße endeten diesen Januar immer mit dem Satz „Auf dass das Jahr Stück für Stück immer besser werde“. Und tatsächlich: Das neue Jahr bringt der anhaltenden Pandemie zum Trotz jeden Tag viel Positives mit sich.

#Gemeinsamschaffenwirdas ist nicht nur ein inhaltsleerer Hashtag. Unsere Gäste leben den Gedanken und kommen auch jetzt im sonst eher trüben Januar regelmäßig, viele sogar täglich, um ihre Box to to mit Mittagessen bei uns abzuholen. Die Box to go ist nicht nur das Symbol dieses Corona Diarys und ein Symbol des Lockdowns – sie ist auch ein Symbol dafür, wie viel Kraft ein solidarisches Miteinander haben kann. So macht unser Glücklich-Essen in der Box noch glücklicher, als ich es mir jemals hätte vorstellen können – nicht nur aus Ernährungsperspektive oder weil es unseren Gästen schlicht gut schmeckt, sondern weil auch wir, die es zubereiten, angesichts zu viel Zuspruch und Unterstützung voller Zuversicht in die Zukunft blicken können.

Nach langen Monaten des Wartens, werden nun im Januar bald auch die November- und Dezemberhilfen ausgezahlt. Immerhin wurden die Anträge zwischenzeitlich bearbeitet und auch bestätigt, sodass das Softwareproblem endlich gelöst zu sein scheint. Die „Hilfen im Schaufenster“, wie sie in den vergangenen Wochen oft betitelt wurden, werden nun – ironischerweise zeitgleich mit dem Startschuss für das Click- & Collect Prinzip für den Handel – tatsächlich aus der Auslage geholt. Für alle kleinen Unternehmen, wie unseres, wird der Januar damit viel Erleichterung mit sich bringen und den vielen Betroffenen den Atem geben, den sie brauchen, für diesen anhaltenden Lockdown.

Für größere Unternehmen sieht die Lage leider etwas weniger rosig aus: Vor einigen Tagen ging ein Aufschrei durch die vom Lockdown light betroffenen Branchen: Denn für Unternehmen mit zu Grunde gelegten Umsätzen über 1 Millionen Euro könnten nachträgliche Änderungen auf Basis des EU-Beihilferechts nicht nur für die Überbrückungshilfen 2021, sondern rückwirkend auch für die November- und Dezemberhilfen Anwendung finden. Die Lage ist noch unklar und sehr komplex, es wurde bereits gemunkelt, dass die Softwareprobleme nicht der einzige Grund für die verzögerte Auszahlung der Hilfen waren. In einem Brief lobte Finanzminister Olaf Scholz kürzlich die Fortschritte bei der Auszahlung der Hilfen und verwies nebenbei auf ein paar Links mit detaillierten Informationen zu ihrer Ausgestaltung. Dass diese nachträglich im Kleingedruckten geändert wurden, war seinen Zeilen leider nicht zu entnehmen, was ein großes Versäumnis war. So wurden erst Steuerberater und Anwälte darauf aufmerksam, dass Änderungen auf Basis des EU Beihilferechts vorgenommen wurden, die die versprochene pauschale 75 % Umsatzentschädigung für große Konzerne ins Wanken bringen und auf eine ausschließliche Erstattung von Fixkosten bei nachweislichen Verlusten hinauslaufen könnten. Der ein oder andere mag denken, „die meisten Großkonzerne werden es schon aushalten, wenn sie zuvor gesund aufgestellt waren“ – aber ich denke, es geht hier um mehr: Um die Zuverlässigkeit gemachter Zusagen durch die Regierung. Hier würde ein Tabu gebrochen, das bisher in Deutschland sehr ungewöhnlich war – erboste Vertreter der Branchen sprachen bereits von ‚Betrug‘, mindestens von ‚Täuschung‘ und auch wenn diese Begriffe sicher nicht hundertprozentig zutreffend sind, so bezeichnen sie doch sehr treffend die emotionale Lage der Betroffenen: Sie fühlen sich hintergangen. Dass die Änderungen nahezu heimlich im Hintergrund vorgenommen wurden, anstatt offen kommuniziert zu werden, verstärkt dieses Gefühl sicherlich. Wie es ausgehen wird, ist noch unklar – ich bin dankbar, dass kleinere Unternehmen nicht betroffen sind und sich aus dieser emotional sehr aufgeladenen Schlacht der Großen heraushalten können. Ich hoffe gleichzeitig sehr, dass auch die großen Konzerne sich auf Zusicherungen des Staates verlassen können – denn Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit sind gerade in Pandemiezeiten, vor allem auch auf politischer Ebene, für den Erhalt des Vertrauens in der Bevölkerung unerlässlich.

Aber zurück zum Klein-klein des Pandemie-Alltags. Ich habe die Zeit zwischen den Jahren genutzt, um an Rezepten zu tüfteln. Bei meiner Recherche für ein Glückskeks-Rezept, stieß ich auf viele glücksbringende Sprüche, die gerade in den für uns alle schweren Pandemiezeiten, wie kleine Lichter, eine noch sehr viel stärke Strahlkraft haben, als im normalen Trott unseres Alltags vor Corona: Gedanken wie „Die Welt ist voller kleiner Freuden. Die Kunst besteht nur darin, sie zu sehen.“ haben zur Zeit schlicht eine Relevanz wie nie.
Ich fand endlich die Zeit, ein Rezeptvideo zu drehen, das erste selbstgedrehte Video, das nicht nur top-down meine Hände zeigt, sondern mich komplett in Aktion in meiner Bistro-Küche begleitet. Obwohl ich es ohne jeden technischen Schnickschnack mit meinem Handy aufgenommen habe, kam es so gut an, dass es sogar im mdr Thüringen Journal als Online-Tipp vorgestellt wurde. Ich konnte es kaum fassen – dass ein kleines YouTube-Video direkt nach Veröffentlichung im Fernsehen vorgestellt wird, ist wahrlich nur in Pandemiezeiten möglich. Ich fand sogar die Zeit, an Rezeptur und Gestaltung meiner eigenen kleinen Gewürzgläser zu tüfteln und letztere mit unserem lieben Nachbarn aus dem Grafik & Design Kollektiv schräg gegenüber in druckfähige Form zu bringen. Gestern kamen die finalen Etiketten-Kleber für meine Gewürzgläser an, es hat sich angefühlt wie Weihnachten, als ich das Paket öffnete. Der Januar scheint viele kleine Lichtblicke bereit zu halten, und sei es, die Zeit für Ideen, die schon lange auf den richtigen Moment warteten.

Im starken Kontrast zu den positiven Lichtblicken meines kleinen, isolierten Corona-Alltags stehen die aktuellen Pandemie-Entwicklungen: Die Zahlen steigen unaufhörlich, Thüringen belegt den erschreckenden Spitzenplatz in Deutschland. Die Auslastung der Intensivbetten nähert sich regional seinen Kapazitätsgrenzen, nicht wegen fehlender Betten, sondern mangels Personal.

Die Gründe dafür, dass dieser zweite Lockdown so viel ineffizienter ist, als der erste, sind kein Geheimnis, ich sehe sie tagtäglich auf offener Straße: Viele, zu viele, halten sich schlicht nicht an die Regeln. Es ist so paradox: Gerade diejenigen, die am lautesten nach mehr Freiheiten rufen und jedwede Einschränkungen schlicht ignorieren, forcieren durch ihr pandemietreibendes Verhalten strengere Regelungen und die fortschreitende Verlängerung des Lockdowns. Aber auch die breite Masse, die die Maßnahmen grundsätzlich unterstützt, wird maßnahmenmüde. Es ist nicht nur eine Ahnung, dass die Regeln in diesem zweiten Lockdown deutlich weniger Anwendung finden: Tatsächlich lässt es sich durch Faktoren, wie die Mobilität der Menschen, nachweisen, wie das Robert-Koch-Institut auf Basis aktueller GPS Handy-Daten heute bestätigte: Im ersten, sehr viel effektiveren Lockdown war ein Mobilitätsrückgang von 40 % zu verzeichnen. Jetzt sind es nur noch 10-15 %. Und das bei Infektionszahlen, die um ein Vielfaches höher liegen, als im Frühjahr.

Eine Unvernunft, die nicht nur in mangelnder Einsicht oder Weitsicht begründet ist, sondern in zunehmender Resignation nach der langen, zehrenden Zeit. Resignation, auch forciert durch mangelnde Kontrollen und fehlenden Durchsetzungswillen seitens exekutiver Organe, sei es das Ordnungsamt oder die Polizei. Denn fehlende Kontrollen und der erschreckend lasche Umgang mit Maßnahmenverweigerern sorgt wiederum bei verantwortungsbewussten Menschen für Verdrossenheit, die darin mündet, dass selbst dieser Teil der Bevölkerung zusehends die Kraft verliert, konsequent auf die Einhaltung aller Maßnahmen zu achten. Ein Teufelskreis, der in unserer freiheitlich orientierten Gesellschaft nicht überwindbar scheint. Eine Lösung für unsere freiheitsliebende Gesellschaft wäre – statt immer längerer und umfassenderer Einschränkungen – die Impfung. Aber auch hier greifen die gleichen Phänomene: Zu wenig Bereitschaft auf der einen und zu wenig Durchsetzungskraft auf der anderen Seite. Die Bereitschaft fehlt, um die Irrationalität an die Spitze zu treiben, vor allem in der Bevölkerungsgruppe, die auch die Alternative zur Impfung – nämlich Lockdown und Einschränkungen – ablehnt. Parallel gleicht aber auch die Regierung den fehlenden Durchsetzungswillen ihrer exekutiven Organe nicht durch eine überzeugende Impfstrategie aus. Das Projekt „Impfung“ tröpfelt im Januar ebenso langsam wie fehlerbehaftet vor sich hin, wie bereits die Pandemiebewältigung der verpassten Sommermonate davor.

Was ich dem allem Positives abgewinnen kann? Ich rege mich nicht mehr darüber auf. Während ich die ersten beiden Monate dieses 2. Lockdowns noch Wut darüber verspürte, nehme ich die Unvernunft der Menschen und die vielen Fehler in der Pandemiebewältigung mittlerweile als unausweichliche Faktoren hin. Und versuche in unserer eigenen kleinen Welt das Beste aus der Situation zu machen. So lange, bis uns die warmen Sonnenstrahlen des Frühjahrs und Sommers von allein erlösen und der tröpfelnden Impfstrategie und Pandemiebewältigung etwas Zeit verschaffen, doch noch auf einen effizienten Weg gebracht zu werden. Besonders gefreut hat mich die Nachricht, dass jetzt auch ein dritter Impfstoff zugelassen wird, der neben den beiden mRNA basierten auf ein klassisches Impfverfahren setzt.

Das muss bisher an Verbesserungen reichen, die dieses Jahr Schritt für Schritt für mich bereit hält. Immerhin, denke ich mir, den Glückskeks-Spruch aus meinem eigenen Rezeptspecial noch vor Augen: „Die Welt ist voller kleiner Freuden. Die Kunst besteht nur darin, sie zu sehen. „

Wie wahr.

Samstag, 09.01.2021

Ich hab’s mir die Tage sehr gemütlich gemacht, in unserer Talsohle. Das geht gut, wir Menschen haben die erstaunliche Gabe, uns mit so vielem zu arrangieren, wenn wir es nicht ändern können.

Die Änderungen, sie kommen trotzdem – wie so oft von heute auf morgen. Am heutigen Samstag Nachmittag wurde die neue Thüringer Verordnung bekannt gegeben, die zunächst bis Ende Januar gelten soll. Start ab Sonntag. Offiziell. Aber gab‘ es da nicht die Regelung: „Erst einen Tag nach der Veröffentlichung in der regionalen Tageszeitung“? Diese erscheint Montag. Also greift alles verbindlich erst ab Dienstag? Die Verwirrung ist komplett. Nein – denn sie wird doch noch weiter ergänzt: Um wirklich komplett zu verwirren, gilt, wie so oft, auch dieses Mal in allen Bundesländern etwas anderes. Föderalismus, eben.

Aber auch dem gewinne ich in meiner wohligen Talsole etwas Positives ab, denn es gibt mir die euphemistische Hoffnung, dass der ein oder andere Mensch in der Innenstadt schlicht komplett den Überblick verloren hat. „Mama, hätte der Mann da nicht eigentlich eine Maske aufhaben müssen? Mama, warum halten die keinen Abstand zu uns? Mama, warum dürfen da 8 Kinder gleichzeitig auf dem Karussel sitzen, wenn ich warten soll?“ „Verwirrt, mein Schatz. Sind alle grad ganz schön durcheinander“ „Ach so. Aha.“ Meine Tochter ist schlau. Sie glaubt mir nicht, genau so wenig wie ich mir selbst. Aber egal – der Gedanke fühlt sich schlicht besser an, als seine Alternative, die wohl eher der Wahrheit entspricht.

Also gilt dann ab morgen, oder ab Dienstag, und vermutlich nur für alle, die nicht zu verwirrt sind: Kontaktbeschränkung auf einen Haushalt plus 1. Keine Ausnahmen für Kinder. 15 km-Bewegungsradius ab Wohnortgrenze ab einem Inzidenzwert von 200 – in Thüringen aber nur als Empfehlung. Außer die Kommune entscheidet strenger. Ist das dann der Föderalismus innerhalb des Föderalismus? Ich muss spontan an Matroschkas denken. Kennt ihr die kleinen Holzpuppen? Matroschka für Matroschka wird die Kraft der Regelungen kleiner. Aber weiter im neuen Corona-Knigge: Schulen und Kitas bleiben geschlossen, bis auf die Notbetreuung bis Klasse 6, die Winterferien werden vorgezogen. Parallel wird diskutiert, ob Homeoffice – überall dort, wo möglich – verpflichtend sein soll. Und ich frage mich: Gilt das denn nicht schon längst?

Tatsächlich scheint ‚das Büro‘ bisher in einer Art Schlupfloch gelebt zu haben, in einem kleinen Land vor unserer Corona-Zeit. Während die Maskenpflicht in Einzelhandel, Gastronomie und Kultureinrichtungen seit Frühjahr durchgängig bestand, durften in Büros bis auf den letzten Drücker Corona-Parties gefeiert werden. Selbst auf heutigem Stand wird die Umsetzung einer Maskenpflicht bzw. Abstandsregelung in Büros nicht überprüft. Homeoffice ist eine Empfehlung, aber bis heute – auch bei nachweislicher Umsetzbarkeit – keine Pflicht. Während der private Raum ebenso wie Gastronomie, Einzelhandel, Kultureinrichtungen immer schärferen Regelungen unterliegt, wurde ‚das Büro‘ schlicht außer Acht gelassen.

Diese Inkonsistenz der Regelungen sorgt nicht nur für Verwirrtheit, sondern auch für Unverständnis derjenigen, die nicht verwirrt sind. Ja, ich kann es mir noch eine ganze Weile gemütlich machen, in meiner Lockdown-Talsohle mit Fensterverkauf, der uns finanziell vor dem Ruin rettet, während die Hilfen immer noch auf die Programmierung ihrer Software warten. Aber verstehen kann ich diese Inkonsistenz nicht. Was bewirkt sie, bis auf eine immer wiederkehrende Verlängerung des Lockdowns? Ganz ehrlich, so unfassbar gemütlich finde ich es hier unten dann auch nun wieder nicht.

Denn der finanzielle Wind weht eisig. Während wir im Januar – bis auf eine kleine Abschlagszahlung kurz vorm Jahreswechsel – nach wie vor auf die Goldlösungen Namens November- und Dezemberhilfe warten, frage ich mich, ob wohl auch die Software für das November-Kurzarbeitergeld gleichzeitig neu programmiert wird? Denn auch für dieses erhielt ich dieses Mal erst die Bescheinigung, als der Antrag für den Folgemonat bereits abgeschickt war, Ende der zweiten Januarwoche. Wie lange unser Dispo diese ‚Goldlösungen‘ wohl noch aushalten wird? Seit Beginn des Lockdowns waren bereits 3 Mal – November, Dezember und Januar – die Kosten fällig, jedes Mal im 5-stelligen Bereich.

Das Einzige, das ich aktiv tun kann, ist kochen. Nein, nicht vor Wut, das habe ich zwischen den Jahren aufgegeben. Sondern Mittag. Am Montag geht’s wieder los, mit unserem Fensterverkauf. Ich muss jetzt nur noch rauskommen, aus meiner gemütlichen Talsohle. Wie sehr freue mich schon darauf, endlich wieder ein paar Dinge selbst in die Hand nehmen zu können! Und sei es nur, dass das Mittagessen für unsere lieben Gäste pünktlich im Fensterverkauf bereit steht. Ein Stück Normalität in dieser verwirrten Welt.

Donnerstag, 31.12.2020 – Silvester

Das Jahr 2020 neigt sich seinem Ende zu.

Ein Jahr, das als das Jahr der ersten weltweiten Pandemie in die Geschichtsbücher eingehen wird. Wir sind alle Teil davon – und wünschen uns nichts sehnlicher, als dass es bald geschafft sein soll.

Meine persönliche Hoffnung für das kommende Jahr? Dass wir jetzt die Talsole erreicht haben. Dass die Zahlen nicht weiter steigen werden, sondern zum Start ins neue Jahr wenigstens stagnieren. Mehr wage ich – nach den Weihnachtstagen, an denen viele jeder Vernunft zum Trotz Corona-Roulette im großen Familienkreis gespielt haben, nach den Meldungen der trotz geschlossener Lifte überfüllten Skigebiete und Rodelhänge zwischen den Jahren – nicht zu hoffen.

Der Gedanke, vielleicht die Talsole erreicht zu haben, lässt mich zuversichtlicher in das neue Jahr blicken – denn wenn sich diese Hoffnung bewahrheitet, dann kann es nur noch besser werden.

Ich bin mit solchen Hoffnungen allerdings sehr vorsichtig geworden.

Ich habe die letzten Tage genutzt, um ein wenig in meinen Aufzeichnungen aus dem ersten Lockdown zu blättern. Wie überzeugt war ich damals, zu Beginn des ersten Lockdowns, dass alle gemeinsam an einem Strang ziehen würden. Ja, dass Vernunft und Weitsicht für die Mehrheit unserer Gesellschaft so selbstverständlich sind, dass selbst eine Maskenpflicht nicht nötig sei, da jeder auf Augenhöhe bereits aus eigener Motivation dazu bereit sein würde, seinen Teil solidarisch zur Eindämmung des Virus beizutragen.

Ich wurde eines Besseren belehrt.

Verschwörungsmythen keimten auf, noch erschreckender war die Zahl derer, die ihnen Glauben schenkte. Die Querdenkerbewegung wurde geboren, deutschlandweit vernetzt durch Telegram, ein Kommunikationssystem, das gemäß Wikipedia auch durch Darknet-Gruppierungen, Rechtsextreme und Terrororganisationen Anwendung findet. Und nun von herzchenverteilenden Verschwörungsgläubigen genutzt wurde, um ihre Kinder mit Luftballons bewaffnet an vorderster Front ihrer Demonstrationen zu platzieren, während der Initiator der Querdenkerbewegung mit seinen Merchandisingartikeln, organisierten Demo-Busfahrten und den Schenkungen seiner Anhänger von Investigativjournalisten im Satireformat zum Corona-Unternehmer des Jahres gekürt wurde.

Ich erlebte die alkoholgeschwängerte Ignoranz feiernder Menschenmassen in lauen Sommernächten hinter der beliebten Erfurter Krämerbrücke ebenso wie die Ignoranz der vielen Passanten, die bis heute im öffentlichen Raum oder in öffentlichen Verkehrsmitteln ihre Maske unter Nase und Kinn oder schlicht keine Maske tragen, selbst wenn sie sich anderen Menschen auf wenige Zentimeter nähern.

Ich hörte von so vielen Orten, darunter auch einzelnen gastronomischen Betrieben, die sich an keinerlei Maßnahmen hielten, sodass ich regelmäßig in die Verlegenheit geriet, irritierte Gäste darüber aufklären zu müssen, dass die Bestimmungen mitnichten plötzlich wieder aufgehoben seien. Unlauterer Wettbewerb blühte auf, in diesem Sommer, und kündigte es bereits wie ein Vorbote an, dass diejenigen, die Deutschland durch diese Pandemie führen sollten, nicht vorbereitet sein werden, auf die zweite große Welle im Herbst:

Ich hätte bereits im Sommer stutzig werden sollen, als keine, nicht eine Kontrolle bei uns vorbeischaute, um die Umsetzung unseres Hygienekonzepts zu überprüfen. Nicht ein einziges Mal nach einem der vielen, vielen Kontaktzettel für die Rückverfolgung gefragt wurde.

Ich ahnte nicht, dass die damals hoch gepriesene Kontaktverfolgung durch die Gesundheitsämter nicht etwa deutschlandweit vernetzt mit der bereits im März vorgestellten Software Sormas erfolgte, sondern – DSGVO sei Dank – per handschriftlicher Notizen und Fax, die durch ihre Ineffizienz und fehlende Vernetzung eine vollständige Überlastung zu einer Frage von Wochen machten. Dem Hoffnungsträger ‚Warnapp‘ wurde hingegen eine ausgezeichnete DSGVO-Kompatibilität zugesprochen, nur für die Eindämmung des Virus erwies er sich – vielleicht auch gerade deshalb – als völlig ineffizient.

Ich ahnte nicht, dass weder die Implementierung funktionierender Lüftungssysteme für Präsenzunterricht in Schulen noch die Digitalisierung für ein funktionierendes Homeschooling mit höchster Priorität geplant und umgesetzt wurden.

Ich schenkte den Aussagen Glauben, dass eine neue Normalität auch während der erwarteten zweiten Welle möglich sein würde, wenn Gaststätten, Kultureinrichtungen, Geschäfte und andere Betriebe sich an umfassende Hygienekonzepte halten. Sichere Orte, die den Wunsch des Menschen nach Begegnung, Austausch und Inspiration auch in Pandemiezeiten befriedigen und damit die Gefahr der Verbreitung des Virus im privaten Raum hätten reduzieren können. Ich war mir sicher, dass konsequente Kontrollen die Umsetzung sicherstellen und schwarze Schafe aller Branchen für die nötige Zeit aus dem Verkehr ziehen würden – um unlauteren Wettbewerb zu unterbinden und um die Eindämmung des Virus zu unterstützen.

Ich rechnete mit umfassenden Reisebeschränkungen im Sommer und absoluten Reiseverboten und der Schließung der Grenzen ab Herbst, um eine länderübergreifende Verbreitung neuer Infektionsherde zu verhindern.

Maßnahmen, die – vorübergehender und zweckgebundener Natur zum Schutz unserer Gesellschaft – durchaus noch vereinbar gewesen wären, mit den demokratischen Freiheitsidealen unserer westlichen Welt.

Maßnahmen, die einen Bruchteil der Hilfspakete gekostet hätten, die jetzt geschnürt werden müssen, um unsere Wirtschaft in diesem zweiten Lockdown vor einem Kollaps zu bewahren.

Ich war sicher, dass geeignete Instrumente für den Notfall, wie Software für die Beantragung von Hilfspaketen, bereits im Sommer eingerichtet würden, um für den Fall gewappnet zu sein, dass allen Anstrengungen zum Trotz ein erneuter Lockdown erforderlich wird. Damit sichergestellt ist, dass Hilfen ohne bürokratische Verzögerung dort ankommen, wo sie dringend gebraucht werden, bevor es für viele zu spät ist.

Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass die Politik auf Bundesebene, auf Länderebene und auf kommunaler Ebene die Sommermonate mit größter Kraftanstrengung nutzte, um all das – neben dem Hoffnungsträger ‚Impfungen‘ – auf den Weg zu bringen.

Ja, ich bin vorsichtig geworden, in diesem Corona-Herbst und -Winter, der mir die Realität ins Gesicht brüllte, wie ein zu laut gestellter Jahresrückblick auf RTL II.

Aber ich habe dabei auch erfahren, wie viel Kraft wir aus uns selbst heraus schöpfen können. Kraft, die uns hilft, trotzdem mit der Welt, so wie sie gerade ist, umzugehen.
Meine Fassungslosigkeit zu Beginn des Lockdown light wich zunächst Wut, dann Ratlosigkeit, dann Resignation. Die innere Talsole. Wir Menschen haben die wunderbare Gabe, uns inmitten der Talsole namens ‚Resignation‘ anzupassen, an die Gegebenheiten. Es ist zum einen reiner Pragmatismus, der uns die Kraft gibt, im Rahmen der Möglichkeiten weiter zu machen. Aber es ist auch der unverwüstliche Blick für die vielen kleinen schönen Dinge, die uns selbst in Krisenzeiten stetig umgeben. Wir müssen sie nur sehen – und Dankbarkeit für diese kleinen Dinge macht sie für uns sichtbar.

Wenn, ja wenn, wir jetzt die Talsole der Pandemieentwicklung erreicht haben, dann wird das Jahr 2021 viel Schönes mit sich bringen. Denn dann kann es nur noch besser werden. Jeden Tag ein wenig mehr.

Eine große kleine Hoffnung – für ein Happy New Year!

Sonntag, 27.12.2020

Ich liebe diese wunderbare Erfindung unserer Gesellschaft, die Zeit ‚zwischen den Jahren‘. Eine weitere, kleine Zwischenwelt inmitten unserer Corona-Zwischenwelt, die Eskapismus par excellence möglich macht.

Während ich Michael Bublés Version von „Have yourself a merry little Christmas“ seit Tagen rauf und runter höre, wird mir zum ersten Mal die Bedeutung der Zeilen wirklich bewusst: „Have yourself“ trifft es bereits auf den Punkt – ja, wir alle besitzen die Kraft, selbst etwas Lametta in die Weihnachtstage zu streuen, auch wenn wir uns in Social Distancing üben und Weihnachten nicht mit der ganzen großen Familie feiern konnten. Weihnachten mit meinen Kindern und meinem Mann, umringt von gutem Essen, festlicher Musik und Kerzenschein, mit Weihnachtsbaumschmücken, Videokonferenzen und Telefonaten mit der ganzen Familie. Es hat sich fast noch etwas besinnlicher angefühlt als sonst, beim alljährlichen Familien-Hopping mit Zug und S-Bahn quer durch Deutschland.

Seit dem 24. Dezember hat sich erstmals seit Beginn des Lockdown light vor 2 Monaten ein friedliches, ausgeglichenes Gefühl in mir ausgebreitet, voller Dankbarkeit dafür, dass wir alle gesund sind und wir die Möglichkeit haben, uns und unsere Lieben durch das Social Distancing zu schützen. Gleichzeitig bereitet mir die Zeit zwischen den Jahren das Geschenk, unsere Existenzängste wenigstens in diesem kleinen Niemandsland zwischen den beiden Krisen-Jahren zu vergessen. Zeit zum Durchatmen, zum Kraft tanken und seligen Nichts-Tun. Das, was die Videos der Bundesregierung im November eingefordert haben, was mir im Lockdown-Kampf um unser wirtschaftliches Überleben schier unmöglich erschien, gelingt mir jetzt, in diesem Niemandsland.

Die Kraft, die ich aus diesen wertvollen Tagen schöpfe, werde ich brauchen. Die wenigen Facebook-Posts, die ich in meinem Niemandsland gelesen habe, lassen mich nichts Gutes erahnen. Während ich in meinem persönlichen Umfeld tatsächlich nur Menschen kenne, die die Weitsicht hatten, ihr persönliches Weihnachtslametta mit Social-Distancing zu kombinieren, schwebt das ungute Gefühl durch die sozialen Medien, dass es viele – zu viele – nicht so gehandhabt haben. Ich wage es zu hoffen, dass sich die Befürchtungen nicht bewahrheiten werden. Der direkte Effekt – ob positiv oder negativ – wird sich erst in den nächsten Tagen zeigen. Die Impfungen starten heute, in Deutschland. Auch bis sich ihr Effekt zeigen wird, wird Zeit vergehen, allerdings hier nicht Tage, nicht Wochen, sondern Monate. Bis dahin bleibt nur, auf die Weitsicht der Menschen zu hoffen – und auf den Frühling, dessen Wärme die Verbreitung des Virus von ganz allein etwas eindämmen wird. Ich mache mich emotional bereit dafür, falls das neue Jahr mit einem ähnlich langen Kraftakt startet, wie das alte für uns endete.

Draussen zieht gerade ein Sturm auf – der Wind bläst kräftig über die Dächer unserer Stadt, während ich diese Zeilen schreibe. Schnell schließe ich das Dachfenster und stelle die Weihnachtsmusik lauter:

„Let your heart be light. From now on our troubles will be out of sight. Have yourself a merry little Christmas“.

Wenigstens jetzt, in meinem kleinen Niemandsland „zwischen den Jahren“ bewahre ich mir diese kleine Eskapismus-Insel der Glückseligkeit.

Samstag, 12.12.2020

Ende nächster Woche ist es spätestens so weit, vielleicht auch schon ein wenig früher. Und ja, ich sehne ihn herbei, den harten Lockdown. Wirklich. Denn der aktuelle Lockdown light ist so viel härter, als es der harte Lockdown jemals war.

Das mag für die große Mehrheit der Bevölkerung, die in Umfragen beständig angibt, aktuell keine oder geringe finanzielle Auswirkungen der Krise zu spüren, überraschend klingen. Aber genau das ist bezeichnend für diesen Lockdown light, dessen von der Politik erhoffte Schlagkraft gegen das Virus ausbleibt und statt dessen ein gesellschaftliches Problem binnen weniger Wochen auf ein unerträgliches Maß wachsen lässt: Soziale Ungerechtigkeit.

Die Spaltung der Gesellschaft, ich habe sie in meinem ganzen Leben nie so stark wahrgenommen, wie in den vergangenen 5 Wochen dieses Teil-Lockdowns:

Einzelne Branchen wurden im Lockdown light Kraft politischer Entscheidungen ausgewählt, um ihre Existenz zu kämpfen. Nicht, weil sie nachweislich zum Infektionsgeschehen beigetragen hätten, nein, ganz im Gegenteil – obwohl sie mit hervorragenden Hygienekonzepten nachweislich zur Eindämmung des Virus beigetragen hatten – schwarze Schafe aller Branchen ausdrücklich ausgeschlossen. Kulturschaffende, einschließlich uns Gastronomen, Veranstalter und die Reisebranche, tragen unverschuldet den Großteil der finanziellen Last und Existenzängste auf ihren Schultern, während der Rest der Gesellschaft im Teil-Lockdown mehrheitlich und in großen Teilen weitermacht, wie bisher.

Mit weitreichenden Folgen: Denn die Angst, die Sorgen, die seelischen Wunden, die dieser Lockdown light in aller Härte bei uns Betroffenen hinterlässt – sie sind von außen für die Mehrheit der Gesellschaft kaum sichtbar. Ein Existenzkampf im Verborgenen, leise, fast nicht spürbar und damit so wenig greifbar für alle, die es nicht betrifft. Und nicht nur nicht greifbar: Viele wünschen sich von Herzen, dass diese Wunden gar nicht existieren. Ich werde täglich angesprochen: ‚Mensch, klasse dass das mit eurem Fensterverkauf so toll läuft, da braucht ihr euch keine Sorgen machen, gell?“‚ Jetzt habt ihr endlich mal so richtig schön viel freie Zeit, nicht wahr?“. „Genießt ihr es, dass ihr jetzt endlich Projekte in Angriff nehmen könnt, für die bisher nie die Gelegenheit da war?“

Nein. Die Antwort lautet nein.

Aber bevor ich die Antwort aussprechen kann, sind viele schon wieder verschwunden: „Na, klasse, wie ihr das macht. Dann macht’s mal gut, gell!“ Denn die wenigsten möchten die wahre Antwort hören. Das ist keine Böswilligkeit, nein ganz im Gegenteil. Viele können den Gedanken schlicht nicht ertragen, dass Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung, in ihrem direkten sozialen Umfeld, so hart von diesem Lockdown light getroffen sind, wenn sie selbst nur wenige Auswirkungen spüren. Manche wünschen sich so sehr, dass es uns Betroffenen gut geht, dass sie das stille Leid tatsächlich nicht sehen können.

Ja, ich weiß. Ich bin hier in diesem Corona Diary nicht ganz so still. Im Alltag vielleicht – ich lächele, morgens beim Einkauf, beim Winken durch die Café-Scheibe, beim Schwatz auf Abstand auf der Straße, auf dem Schulhof, vor dem Kindergarten. Fast immer. Es ist meine Natur, ich lasse den Kopf nicht hängen. Ja, ich besitze die viel beschworene Fähigkeit, die Dinge für den Moment so anzunehmen, wie sie sind. Ich kann Chancen erkennen und das Beste aus der Situation machen. Ich spüre jeden Tag die Dankbarkeit für jeden einzelnen wunderbaren Menschen, der uns mit seiner Bestellung in unserem Fensterverkauf unterstützt. Ich bin jeden Tag dabei, das Beste aus der Situation zu machen und ja, das wird uns durch die Krise bringen. Auch mein Mann besitzt diese Fähigkeit, manchmal sogar mehr als ich, und dafür bin ich ihm besonders dankbar, wenn ich für einen kurzen Moment die Kraft verliere, nach vorne zu blicken. Aber das bedeutet nicht, dass es für mich der richtige Weg ist, die Missstände, die ungerechte soziale Verteilung der Lasten dieser Krise, die dieser Lockdown light auf dieses unerträgliche Maß wachsen lässt, still und leise hinzunehmen.

Ich erwarte nicht, dass die Menschen um mich herum ihr Verhalten ändern. Ich möchte es Menschen, die nicht die Kraft haben, diese Missstände wahrzunehmen, nicht zumuten, die Härte der realen Situation zu sehen. Denn sie werden sie nicht ändern können.

Warum ich trotzdem diese Zeilen schreibe und unermüdlich Zeit in dieses Corona Diary investiere?

Es hat zwei Gründe: Der eine seid ihr. Weil ihr – ja, jeder einzelne von euch, der hier mitliest – die Kraft besitzt, gemeinsam mit mir hinter die Kulisse zu blicken. Weil ihr alle die Kraft habt, im Kleinen, in eurem direkten Umfeld wachsende soziale Ungleichheit einzudämmen, einfach indem ihr wachen Blickes bleibt und ehrliches, offenes Interesse zeigt, an den wahren Antworten auf eure Fragen. Und ihr zeigt uns, jeder auf seine individuelle Weise, dass ihr da seid, dass ihr wirklich seht, was um euch herum passiert. Wie mit dieser Adventskarte von zauberhaften Menschen aus unserer Pergamentergasse, Worte, die den Kern der Dinge mit so viel Einfühlungsvermögen begreifen, dass ich die Worte gerne mit euch teilen möchte. Ich lächele fast immer, aber diese Karte hat mich zu Tränen gerührt. Es war ein ganz besonderer Moment des sich Verstanden fühlens:

Der zweite Grund: Weil ich hoffe, mir wünsche und in Teilen sogar weiß, dass die Politik, wie ich sie immer nenne, hier mitliest. Entscheider im Kleinen, vielleicht auch Entscheider im Großen wie auch Entscheider von morgen. Politiker, die von ‚Goldlösungen‘ sprechen, aber beim Thema ‚Unternehmerlohn‘ als gleichberechtigtes Pendant zu Kurzarbeitergeld das Thema wechseln und schulterzuckend mitteilen, dass Novemberhilfen wie auch Abschlagszahlungen wegen einer Software, die schon im Sommer hätte programmiert werden können, erst im Januar erfolgt, wenn es für viele bereits zu spät ist. Ich möchte, dass die Politik diesen Kurs ändert, dass sie es kein weiteres Mal dazu kommen lässt, durch einen Lockdown light eine derartige soziale Ungleichheit zu provozieren.

Im harten Lockdown war diese soziale Ungleichheit sehr viel weniger zu spüren. Die Lasten waren schlicht auf mehr Schultern verteilt, die Soforthilfe kam tatsächlich schnell, (wenn auch hier der Unternehmerlohn ignoriert blieb). Ja, der erste, spontane, völlig unvorbereitete Lockdown war im Kern so viel durchdachter, effektiver und gerechter, als das Konstrukt, das jetzt als Ergebnis langer Sommermonate der Vorbereitung auf diese zweite Welle herhalten muss.

Es ist an der Zeit, dass der Lockdown light abgelöst wird. Ein harter Lockdown wird die Welle – nach einem nicht mehr zu verhindernden Anstieg – deutlich abflachen lassen. Käme er sofort, vielleicht sogar schon Anfang Januar, dann wären die Zahlen mit solidarischer Anstrengung und etwas Glück wieder auf heutigem Niveau und stetig weiter abfallend. Kommt der harte Lockdown erst am 19. Dezember, wird es sicher bis Mitte oder Ende Januar dauern, bis die Zahlen wieder heutiges Niveau erreicht haben. Und dann? Wenn es nach Wochen des harten Lockdowns geschafft ist, in einem solidarischen – und vor allem gemeinsamen – Kraftakt unserer Gesellschaft die Zahlen weit genug zu senken? Dann müssen bessere Lösungen implementiert werden, als ein Gesellschaft spaltender Lockdown light.

Dieser war hoffentlich der erste und letzte seiner Art. Vielleicht sollten nicht nur wir Betroffenen uns darin üben, Chancen zu sehen. Die Krise ohne einen weiteren Lockdown light zu bewältigen, ist die große Chance der Politik zu zeigen, dass sie uns mit wahren, sozial gerechten ‚Goldlösungen‘ durch diese Krise steuern kann.

Samstag, 05.12.2020

Wir tüfteln gerade an mehr Lametta. Denn wenn von außen erstmal keine Perspektiven kommen, schaffen wir uns unsere Perspektiven eben selbst. Von innen heraus.

Eine Dozentin für Psychologie hat mir in einem Uni-Seminar diesen Gedanken mitgegeben, der mir schon seit über 20 Jahren in so vielen Situationen weitergeholfen hat: Wenn du merkst, dass außen gerade keine Verbesserung möglich ist, dann ändere das Einzige, auf das du zuverlässig immer Einfluss hast: Dein eigenes Denken und Handeln.

Wir kreieren Gewürzmischungen, kochen große Töpfe Lieblingssauce für die Wochenendverpflegung unserer lieben Gäste, backen Kuchen und Torten, dekorieren unser großes Schaufenster im Café neu, um Passanten auch an dem ganzen Lametta teilhaben zu lassen. Wir kochen jeden Vormittag mit viel Liebe Mittagessen für die Box to Go im Fensterverkauf. Und der Funke springt über: Spaziergänger drücken sich an unserem ‚Mehr-Lametta‘ -Schaufenster die Nase platt, es ist morgens beim Kochen immer eine kleine Freude ihnen vom Herd aus zuzusehen. Meine erster Schwung Glück im Glas, 20 Gläser gefüllt mit einer meiner liebsten Gewürzmischungen, ist schon ausverkauft, am Montag befülle ich gleich nochmal 20 Gläser. Der Fensterverkauf wird angenommen – und das ist unser großes Glück, denn ohne ihn hätten wir schon jetzt keine Rechnungen mehr bezahlen können.

Während wir uns innen mit Lametta umgeben, so gut wir es mit viel Fantasie und viel Arbeit schaffen, wütet draußen ein Sturm. Er wütet leise. Fast windstill. Die angekündigten Novemberhilfen sind nicht da, am 1. Dezember waren Miete und andere Verbindlichkeiten fällig, wir müssen auf den teuren Dispokredit unserer Bank zurückgreifen, der noch mehr Kosten verursacht. Mitte Dezember werden alle Gehälter und Kranken- und Sozialversicherungsbeiträge folgen, die wir trotz teilweiser Kurzarbeit in voller Höhe vorstrecken müssen. Selbst kleine Betriebe wie wir müssen Kosten im 5-stelligen Bereich stemmen – jeden Monat – bevor ich auch nur einen Cent Einkommen für mich und meine Familie erarbeitet habe.

Nicht auszudenken, hätten wir uns auf die versprochene Abschlagszahlung des Bundes, den Vorschuss zur Novemberhilfe, verlassen – denn auch diese ist nicht da. Selbst die erfahrenen Mitarbeiter unserer Steuerkanzlei schlagen angesichts der bürokratischen Hürden der als unbürokratisch angekündigten Hilfen die Hände über dem Kopf zusammen, der Antrag ist nicht nur komplex, er wird auch jetzt noch, mitten im Bearbeitungsprozess, immer wieder geändert und ergänzt, ein Geschäftsbereich nach dem anderen fällt durchs Raster.

Dass der reguläre Außer Haus Verkauf des Novembers 2019 aus den Hilfen herausgerechnet wird, klang sinnvoll, wenn im Gegenzug der jetzige Fensterverkauf nicht abgezogen wird. Die Schattenseiten dieser Vereinbarung werden jetzt erst sichtbar: Unser drittes Standbein, der Verkauf von Sandwiches und Suppen an externe Bibliotheks-Cafés, ist nicht förderfähig, weil er dem ermäßigten Steuersatz unterlag und dem Außer-Haus-Verkauf zugerechnet wird. Unfassbar – dieser wichtige Geschäftsbereich entfällt auf Grund des Lockdowns nahezu zu 100 % – Hilfen bekommen wir dafür keine.

Gleiches gilt auch für den Café-eigenen Buchverkauf – er fällt durchs Raster, obwohl unser interner Buchverkauf im November und Dezember eine wichtige Einnahmequelle ist und ausschließlich an Inhouse Café- und Übernachtungsgäste erfolgt. Diese Gäste sind auf Grund des Lockdowns schlicht nicht da, um das passende Buch zum soeben verzehrten Essen zu kaufen. Dennoch: Nicht förderfähig.

Mit jedem Arbeitsschritt und jeder Hürde bei Antragsstellung mehr, wächst auch der Arbeitsaufwand unserer Steuerkanzlei – und die Kosten, die für ihre Bearbeitung anfallen. So langsam fragen wir uns nicht nur, wann denn die Hilfe ankommt. Wir fragen uns, wie viel von der Hilfe noch übrig bleiben wird.

Bis dahin lautet unsere einzige Chance: Mehr Lametta. Wir tüfteln unermüdlich daran. Lametta kann Existenzen retten – zumindest vorübergehend.

Samstag, 28.11.2020

Wie schön, dass so viele von euch von Insta mit rüber gekommen sind, auf meinen Blog. Ich kann hier zwar nicht mehr sehen, wer mitliest, aber ich kann an euren Zugriffszahlen auf diesen Beitrag sehr gut erkennen, dass so viele von euch da sind. Ich danke euch, dass ihr das Interesse habt, mich noch eine Weile durch diesen zweiten Lockdown zu begleiten und mit mir gemeinsam über den Tellerrand hinauszuschauen.

Wie geht es euch? Ich merke, wie eine seltsame Ruhe in mir einkehrt. Wenn ich durch die Straßen Erfurts spaziere, um mit Maske so gut frische Luft zu schnappen, wie es eben geht, spüre ich diese Ruhe auch in den Straßen.

Ich sehe Einzelhändler durch die Schaufensterscheiben, neben gut gefüllten Regalen, aber sie stehen in ihren Läden allein – an einem Samstagnachmittag. Das Reisebüro daneben ist dunkel – dabei hatte es vor 8 Wochen erst wieder aufgemacht.

3 Künstler durchbrechen für den Moment des Vorbeilaufens die Stille und spielen virtuos Weihnachslieder, ich vermute Mitglieder eines Ensembles, das gerade nicht in den großen Häusern spielen kann. Im vorbildlichen Abstand zueinander von mehr als 2 Metern und trotzdem in perfekter Harmonie, es gelingt ihnen ganz wunderbar, alle Hygienemaßnahmen umzusetzen und den Menschen dennoch ein wenig Inspiration mit auf den Weg zu geben. Ich muss spontan an den Satz von Bundestagsmitglied Bartsch denken, der vor wenigen Tagen ganz treffend mit Blick auf die hervorragenden Hygienekonzepte der Kulturschaffenden bemerkte: „Jedes Theater hat sich besser auf den Corona-Winter vorbereitet als die Bundesregierung.“ Sie wurden dennoch geschlossen. Am Freitag hätte ich im Theater Erfurt mein Corona Diary aus dem ersten Lockdown präsentiert, im literarischen Gespräch mit Máté Sólyom-Nagy, der die Plattform #keeperfurtalive ins Leben gerufen hatte. Es ist paradox: Ohne Corona hätte es diese Lesung nie gegeben. Mit Corona aber auch nicht.

In Cafés, Restaurants, selbst in vielen Imbissen ist kein Licht zu sehen, viele haben ihren Fensterverkauf wieder eingestellt. Ja, unser Fensterverkauf unter der Woche funktioniert. Wir haben unfassbar großes Glück, dass unsere Gäste uns durch diese Zeit begleiten, es fühlt sich an, wie ein kleiner Kokon aus Solidarität, in den sie uns hüllen, jede Bestellung ein Lichtblick, der uns die Sicherheit gibt, durch diese Krise kommen zu können. Aber was ist mit all den anderen? Die nicht schon seit jeher mit einem bewährten Vorbestellsystem arbeiten, deren Gäste nicht regelmäßig auf ihr tägliches Mittagessen vorbeischauen? Oder denjenigen, die gar nicht die Möglichkeit für einen Fensterverkauf haben? Selbst wir bangen darum, ob die Abschlagszahlung der Novemberhilfe rechtzeitig kommt, am Dienstag ist die Miete fällig und die Einnahmen aus dem Fensterverkauf haben noch nicht einmal gereicht, um alle Kosten aus dem Oktober zu decken, die im November fällig waren. Die Hilfen lassen auf sich warten, das Formular wurde vom Bundesministerium erst diese Woche für die Steuerberater freigeschaltet, die Bearbeitung wird dauern. All das wäre durch eine langfristige, vorausschauende Planung vermeidbar gewesen. Ja, schon allein der Lockdown selbst. Aber auch die große zeitliche Lücke in der Finanzierung, die viele zwingt, auf kostenintensive Dispokredite zurückzugreifen. Selbst wenn den Planenden kein anderes Mittel, als ein erneuter Lockdown, adäquat erschien, dann hätte doch wenigstens dieser Lockdown vorausschauend geplant werden müssen. Dass das Prozedere für die Novemberhilfe erst Ende November definiert ist, ist mehr als ein Indiz dafür, dass der Lockdown kein Teil vorausschauender Strategien war.

Dabei ist der Virus so erstaunlich berechenbar, dass Satireblätter bereits formulieren: „Viele selbsternannte Experten hätten gerne recht. Drosten lieber nicht.“ Aber er hatte recht. Die zweite Welle kam im Herbst mit der Stärke wie vorhergesagt. Auch die Bevölkerung reagiert nahezu berechenbar unberechenbar, es war schon im ersten Lockdown und im Sommer abzusehen, dass sich eine Mehrheit, aber eben bei weitem nicht alle an die Maßnahmen halten würden. Selbst dieser Faktor kann zuverlässig in die Planungen einbezogen werden, Forscher kalkulieren bereits gut durchdachte Szenarien durch und sind sich in den wesentlichen Eckpunkten sehr einig. Was also spricht gegen eine langfristig geplante Strategie?

Am Mittwoch wäre die große Chance gewesen, nachzuholen, was bisher versäumt wurde. Natürlich, die aktuellen Beschlüsse von Bund und Ländern umfassen nichts Unerwartetes. Aber ich vermisse nach wie vor die langfristige Strategie. Erneut wird nur reagiert, für den Zeitraum von vier Wochen, statt vorausschauend agiert für den Zeitraum bis März. Denn danach werden die Zahlen mit steigenden Temperaturen von Natur aus beherrschbarer werden.

Wir alle brauchen eine Möglichkeit der Planung. Nicht nur wir Gastronomen, sondern alle Kulturschaffenden und weitere Branchen, die zur Zeit nicht wissen, wie es weitergeht. Statt dessen heißt es:

‚Nochmal vier Wochen Lockdown, dann feiern wir alle mal schön mit 10 Personen aus 5 Haushalten und 8 Kindern oben drauf Weihnachten und dann schaumer mal, gell?‘

Ich nehme die Enttäuschung nicht nur bei mir wahr, überall um mich herum fragen sich die Menschen die gleiche Frage, beim Schwatz auf dem Wochenmarkt, beim Warten vor Schule und Kindergarten: Wo bleibt die Strategie? Die Perspektive? Die langfristige Planung?

Oder gibt es sie bereits und sie wird nur nicht kommuniziert? Das wäre meine kleine Hoffnung. Sollte es so sein: Ich denke, wir alle sind mit der Krise gewachsen und sind für eine Kommunikation auf Augenhöhe bereit. Wir alle wissen, dass diese Pandemie uns mindestens bis in die wärmeren Monate hinein noch in den Ausnahmezustand versetzen wird. Wie lautet die Strategie für die nächsten Monate?

Wir alle brauchen Perspektiven.

Mittwoch, 25.11.2020

Ich weiß nicht, ob ihr es hier auf meinem Blog wisst: Den Ursprung nahm mein Corona Diary auf Instagram. Dort postete ich vor Corona bereits seit Jahren jeden Tag meinen Teller mit Rezepttipps und Inspirationen. Bis der erste Lockdown kam und es mir schlicht unpassend, ja völlig fehl am Platz, erschien, über geschwenkte Möhren und Süßkartoffelstampf zu schreiben. Als mein Teller der To go Box im Fensterverkauf wich, wichen auch meine Rezepttipps auf Instagram diesem Corona Diary.

Ich schreibe heute mein Corona Diary das letzte Mal auf Instagram. Denn mit Verlängerung des Lockdowns ist es sicher, dass dieses Projekt noch eine ganze Zeit in Anspruch nehmen wird.

Parallel sprudeln die Ideen, Krisenzeiten können erstaunlicherweise auch viel Schönes hervorbringen, sie fördern ungemein die Kreativität und den Einfallsreichtum der Menschen.

Überall um mich herum entstehen neue Ideen, neue Konzepte, Produkte und Läden. In unserer Pergamentergasse eröffnete diese Woche ein zauberhafter kleiner Laden für besondere Geschenkideen mit Gutscheinen von Künstlern und anderen Kulturschaffenden für die Zeit nach der Krise, ins Leben gerufen von der Inhaberin einer Eventagentur, deren Aufträge vollständig weggebrochen waren. Sie reagierte schnell und kreativ und ließ diesen neuen Laden entstehen. Andere funktionieren sich ebenfalls zum Geschenkeshop um, gastronomische Betriebe verkaufen statt Speisen schöne regionale Kleinigkeiten, die ein wenig Weihnachtsstimmung aufkommen lassen.

Auch in mir wächst Platz für viele neue Ideen:

Ich tüftele gerade an Gewürzmischungen, die bei uns und bald auch in vielen der kleinen lokalen Geschenke-Pop-up Stores verkauft werden. Ich habe ein Punsch Rezept entwickelt, das alkoholfrei in unserem Fensterverkauf ein wenig wohlige Wärme verbreitet und habe ihn „Feel Good Punsch“ getauft – ich teile hier bald das Rezept mit euch. Und wir backen Kuchen. Ganze Kuchen auf Vorbestellung, damit es sich unsere lieben Gäste mit ihrem Lieblingskuchen zu Hause gemütlich machen können. Wir haben diese Woche damit gestartet und es wird so wunderbar angenommen, dass es wirklich eine Freude ist. Während ich mich Vormittags über die wohltuende Beständigkeit unserer Mittagsrezepte freue, die ich nach wie vor täglich in meiner geliebten morgendlichen Routine für unsere Gäste im Fensterverkauf koche, backe ich gerade Abends ganz Neues, Lebkuchen zum Beispiel, und entwickle ein neues Rezept ganz ohne Mehl und passend für viele Ernährungsformen

Diese Ideen brauchen Platz – und deshalb habe ich beschlossen, Ihnen diesen Platz in meinem Instagram-Feed wieder frei zu räumen.

Der Instagram Algorithmus wird sich freuen – denn mehrteilige Corona Diary Beiträge passen so gar nicht in sein Konzept. Ich bin wirklich dankbar, dass meine Instagram-Follower trotz des ungewöhnlichen Experiments dabei geblieben sind, es sind sogar stetig mehr Follower dazu gekommen, was ich in dieser Zeit kaum erwartet hätte. In dem schnelllebigen Medium Instagram ist das nicht selbstverständlich.

Wenn ihr Lust habt, mich weiter auf meiner Reise mit Szenen aus dem realen Leben eines Gastronomen in dieser Pandemie zu begleiten, dann besucht mich gerne hier auf meinem Blog.

Ich werde, neben den vielen sprudelnden Ideen, an dieser Stelle weiterschreiben. Nicht mehr täglich, denn der verlängerte Lockdown wird nur hier und da neue Entwicklungen mit sich bringen. Aber immer dann, wenn ich eine neue Entwicklung spüre und sie in diesem kleinen Experiment ‚Zeitkapsel‘, auf dem ihr mich begleitet, gerne bewahren möchte.

Dienstag, 24.11.2020

Morgen ist der große Tag. Der Mittwoch, an dem verkündet wird, was wir alle schon wissen: Der Lockdown 2.0 wird verlängert. Mindestens bis 20. Dezember. Wie soll es auch anders sein, bei den stetig steigenden Zahlen. Wirklich überrascht sind da die Wenigsten.

Trotzdem habe ich mich am vergangenen Wochenende fast verschluckt, als die Eilmeldung in meinen Handyfeed gespült wurde. Denn die Headline lautete:

„Mittwoch wollen Bund und Länder eine längerfristige Strategie erarbeiten, wie Deutschland durch den Corona-Winter kommen soll.“

Und ich frage mich: Jetzt?!
Haben die politischen Entscheidungsträger denn die Sommermonate nicht genutzt? Erarbeiten sie tatsächlich jetzt, Ende November eine Strategie für diese Herbst-Wintersaison – frei nach dem Motto, lieber zu spät als nie?

Es deutete sich schon Ende Oktober an – um es sanft zu formulieren – dass eine durchdachte Strategie für diese erwartete zweite Welle fehlte. Obwohl die zweite Welle bereits seit Frühjahr prognostiziert wurde. Obwohl die drastisch steigenden Zahlen in der kühlen Jahreszeit auf der Hand lagen und schon lange vorhergesagt wurden. Obwohl bekannt war, dass ein Impfstoff frühestens zum Start ins neue Jahr vorliegen wird.

Ja, ich halte viel von unserem politischen System hier in Deutschland. Und dementsprechend hoch ist meine Erwartungshaltung. Ich war mir sicher, dass in den 8 Monaten seit Beginn des ersten Lockdowns unaufhörlich und mit großer Anstrengung an langfristigen Strategien gearbeitet wurde, die uns mit gut durchdachten Maßnahmen durch diese zweite Welle im Winter bringen werden. Dass die Implementierung dieser Strategien bereits seit Sommer im Hintergrund erfolgt, dass Bund, Länder, Ministerien, Kommunen und Ämter – mit den nötigen Instrumenten ausgestattet und geschult – wissen, welche Möglichkeiten sie haben, gezielt und vorausschauend auf das Infektionsgeschehen einzuwirken.

Statt dessen wird diese Strategie jetzt erst erarbeitet. Ende November, inmitten der großen Welle, in der nur noch Reaktion anstatt Aktion möglich ist.

Die Gesellschaft wird damit zum Spielball der Pandemie. „Ping Pong Lockdown“, begegnete mir erst kürzlich als neuer Begriff für dieses Corona-Spiel. Den Schläger hält allerdings nicht der Staat, sondern das Virus selbst.

Ein gefährliches Spiel, vor allem wenn es, wie zur Zeit, auf dem Rücken einzelner Branchen ausgetragen wird, die die Last allein kaum stemmen können, während die Mehrheit staunend am Rand steht.

Ja, ich hatte mehr erhofft. Und vor allem rechtzeitig.

Jetzt bleibt nur noch, das bereits laufende Spiel anzunehmen, bis es zu Ende gespielt ist. Und dann? Eine neue Partie „Ping Pong Lockdown“ werden die wenigsten akzeptieren.

Umso gespannter bin ich auf morgen. Wenn es der Politik gelingt, wenn auch spät, langfristig und vorausschauend durchdachte Strategien zu kommunizieren und umzusetzen, dann ist morgen wirklich ein großer Tag.

Montag, 23.11.2020

Das Leben ist wahrlich verrückt.

Es passieren gleichzeitig so schöne Dinge, dass ich vor Freude die ganze Welt umarmen möchte (wenn ich es denn dürfte).

Und fast im selben Moment verschlucke ich mich fast an meinem Mittagessen in der Togo-Box, wenn ich die aktuellen Nachrichten lese.

Aber wisst ihr was? Heute freue ich mich einfach über die Good News. Denn die haben nichts mit Corona zu tun. Sondern mit Plätzchen. Die backe ich heute mal im ZDF.

Habt ihr auch Lust auf ein bisschen Plätzchen-Eskapismus? Dann schaut in der ZDF Mediathek vorbei, im Magazin Drehscheibe widme ich mich den schönen Dingen des Lebens. Mit Alternativmehlen – ein kleiner Ausflug in meine Küche und eine kleine Welt mal ganz ohne Corona.

Ja, und mit den anderen News, da lasse mir einfach ganz entspannt Zeit bis morgen.

Plätzchen-Eskapismus kann so schön sein.

[etwas später]

Wow, da sind ja jetzt in wenigen Sekunden so viele neue Follower hier dazugekommen, dass ich euch einfach allen mal Hallo sagen möchte:

Herzlich willkommen in meiner Küche, ihr Lieben. Ich freue mich riesig über die Resonanz… was so ein zauberhafter kleiner Fernsehbeitrag so alles bewirken kann.

Ich bin im normalen Alltag Küchenchef in meinem eigenen kleinen Bistro-Café in Erfurt, entwickle flexible Rezepte für verschiedenste Ernährungsformen, schreibe Kochbücher und blogge leidenschaftlich gerne Rezepte auf meinem issdichgluecklich.blog.

Normalerweise.

Wundert euch daher nicht – zur Zeit ist in meiner kleinen Welt Ausnahmezustand, ich stecke als Gastronom mitten im Lockdown 2.0 und kann mein Essen nur noch in der To-Go-Box aus dem Fenster verkaufen. Im Lockdown 1.0 habe ich damals ein kleines Experiment gestartet und meine lieben Follower mitgenommen, auf meiner ganz persönlichen Reise durch diese außergewöhnliche Zeit. Entstanden ist daraus mein erstes Buch, das kein Kochbuch ist: Mein „Corona Diary“ , das ich sogar in diesem November im Theater Erfurt hätte präsentieren dürfen.

Aber dann kam der Lockdown 2.0.

Wenn ihr Lust habt, dann begleitet mich durch diese außergewöhnliche Zeit aus der Perspektive eines Gastronomen – bis ich dann wieder in den Alltag und die schöne Welt der Rezepte zurückkehre. Zwischendrin verrate ich euch auch jetzt im Ausnahmezustand immer mal ein paar schöne Rezeptideen. Aber vorübergehend auch noch so einige Gedanken mehr. Täglich auf eine meiner Fensterverkauf-Boxen to go.

Freitag, 20.11.2020

Der Gedanke geht mir seit gestern nicht mehr aus dem Kopf: Corona als Brennglas für die Missstände in unserer Gesellschaft.

Was mich anhaltend grübeln lässt: Diese Missstände sind nicht vorübergehender Natur. Sie waren schon vor Corona da. Und sie werden auch nach Corona noch bleiben.

Der einzige Unterschied: Die Missstände werden plötzlich so sichtbar wie nie.

Das Leben vor Corona ermöglichte es uns, bequem so Vieles auszublenden, das jetzt, während Corona, offensichtlich wird. Corona verändert unseren Blick auf die Welt, wie eine Brille, die Unsichtbares zu Tage treten lässt.

Habt ihr Menschen vor Corona beim Vorbeilaufen an der Nasenspitze angesehen, dass sie ignorant sind? Dass Solidarität für sie bleiben kann, wo der Pfeffer wächst? Nein? Ich auch nicht, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Corona-Brille macht es plötzlich offensichtlich: Es ist einfach auf den ersten Blick zu erkennen, wer in der vollen Innenstadt Maske trägt oder auf Abstand achtet und wer nicht. Wer sie im Einzelhandel unter Nase und Kinn zieht und wer nicht. Wer sie im Nahverkehr aufsetzt und wer nicht. Wer jeden Tag auf’s neue im Supermarkt über die Maskenpflicht diskutiert und wer nicht. Ich bin in Zeiten vor Corona gerne durch die Innenstadt gelaufen. Mit der Corona-Brille ist es momentan aber einfach zu bedrückend. Denn es ist nicht vereinzelte Ignoranz, die sie enttarnt. Es betrifft so unfassbar viele, dass mir jeder Spaziergang die Kehle zuschnürt. Und ich frage mich: Werde ich nach Corona mit dem gleichen, offenen, unvoreingenommenen Blick durch die Erfurter Straßen laufen können, wie zuvor?

Habt ihr vor Corona gesehen, welche Missstände in unserer Kulturlandschaft herrschen? Unter welchen prekären Arbeitsbedingungen Kulturschaffende aller Art häufig leben? Arbeitsbedingungen, die schon zu normalen Zeiten kaum ein Überleben möglich machen, Arbeitsbedingungen, die – genährt von Idealismus und Glauben an Kunst und Kultur ebenso wie von Freiheitsliebe und dem Gefühl der Selbstverwirklichung sowie die Chance auf ein wenig Ruhm – akzeptiert wurden, aber in Wahrheit völlig inakzeptabel sind? Die Corona-Brille fördert es zu Tage.

Und was mindestens ebenso schwer wiegt: Kulturschaffende, die genährt von der Begeisterung und Wertschätzung ihres Publikums diese prekären Arbeitsbedingungen auf sich genommen haben, spüren: Wenn’s darauf ankommt, ist von der Begeisterung und Wertschätzung ihres geliebten Publikums oft nicht mehr viel zu spüren. Auch das fördert die Corona-Brille zu Tage – und schmerzt mehr, als jeder finanzielle Verlust. Wird dieser Schmerz nach Corona einfach wieder verschwinden?

Habt ihr vor Corona gesehen, wie viele Menschen empfänglich sind für Verschwörungsmythologien? Die Corona-Brille macht es sichtbar: Zu Tausenden stehen sie dicht gedrängt auf Demonstrationen, um gegen Mikrochips, Zwangsimpfungen und Ermächtigungsgesetze zu demonstrieren, die gar nicht existieren, fliehen vor dem angeblich mit Impfstoff versehenen Sprühregen der Wasserwerfer, aber postieren Kinder als Schutzwall gegen eben jenen. Heißen Feinde der Demokratie in ihrem Kampf um demokratische Rechte herzlich willkommen und flankieren Fähnchen und Luftballon schwenkend Rechtsextreme, Reichsbürger und andere Gruppierungen, bei ihrem Versuch, unsere demokratische Gesellschaft ins Wanken zu bringen. Wird die Fassungslosigkeit, die diese Szenen hinterlassen, nach Corona wieder verblassen?

Oder wird all das und so viel mehr nachhaltig im Gedächtnis haften bleiben?

Vielleicht.

Aber, und das ist die gute Nachricht: Wenn Missstände zu Tage gefördert werden und sichtbar bleiben, dann ist das der erste Schritt, ja die große Chance, an dem ein oder anderen Missstand zu arbeiten. Ich bleibe eben, trotz Corona-Brille, ein unverbesserlicher Optimist. Auch das fördert sie zu Tage.

Donnerstag, 19.11.2020

Wie sehr wünschte ich, dass es fake wäre. Ich habe lange online recherchiert, in der Hoffnung, dass das, was ich im Facebook-Feed las, nicht wahr ist. Oder wenn es wahr ist, dass es dann wenigstens nicht in die Tat umgesetzt wurde.

Ich wurde in beiden Punkten enttäuscht.

Die Meldung ist wahr. Und es wurde in die Tat umgesetzt: Kinder wurden gestern in Berlin als menschliche Schutzschilde in die erste Reihe der demonstrierenden Masse aus Querdenkern, Verschwörungsmythologen, Verschwörungsgläubigen, Impfgegnern, Rechtextremen und Reichsbürgern gestellt. Von ihren eigenen Eltern. Der Aufruf lautete in der Telegram Gruppe „Berlin 18.11.2020“ im Wortlaut:

„Also, wir von Elternstehenauf <3 <3 <3 haben jetzt beschlossen, eine bunte kinderfront vornweg zu schicken. MIT ROTEN HERZLUFTBALLONS! Achtet morgen auf die roten herzluftballons in der Nähe vom Bundestag! Dort seid ihr vor Wasserwerfern sicher. Die Kinder werden uns mit ihrem Licht und ihren reinen Herzen beschützen, so wie wir sie vor dem Impfen beschützen. Kommt alle zu den roten herzchenluftballons. morgen! Egal ob Nazi, hool oder andere Gruppierungen! Jeder ist willkommen…“

Verfasser und Text sind zwischenzeitlich gelöscht. Doch der Screenshot kursiert an verschiedenen Stellen im Netz, mehrere Mitglieder der Telegram Gruppe hatten vor Verschwinden des Posts einen Screenshot erstellt. Nachzulesen ist er auch auf der Website von „Eltern stehen auf“, einem Elternnetzwerk gegen Impfung, Abstand und Maskenpflicht, deren Mitglieder in verschiedenen Telegram-Gruppen bundesweit miteinander kommunizieren – sie distanzieren sich in aller Form von dem Post. Aber auch das Elternnetzwerk kann durch die Distanzierung nicht ungeschehen machen, dass dieser Post von einem Mitglied ihres Netzwerks verbreitet wurde. Und vor allem können sie nicht ungeschehen machen, dass die Kinder wirklich dort standen, vor dem Polizeiaufgebot und als Schutzschild in der ersten Reihe postiert wurden, wie eine kleine Kinderfront.

Die Eltern, die ihre Kinder dort hingestellt haben, scheinen paradoxerweise trotz anhaltender Proteste ein großes Urvertrauen in unseren Rechtsstaat zu haben. Und tatsächlich: Die Polizei bewies, dass sie mehr Verstand und Herz hat, als die Eltern selbst, und schützte die Kinder nach allen Kräften – so wurden die Wasserwerfer als Sprinkleranlage umfunktioniert und weit über die Kinderfront hinweg gen Himmel gerichtet, in der Hoffnung, die Menschenmenge der bereits wegen Missachtung der Mindestabstände und Maskenpflicht für beendet erklärten Demonstration wenigstens durch unangenehmen Nieselregen auflösen zu können. Ich verfolge die Bilder auf www.tagesschau.de (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-784421.html), als der Reporter vom Rundfunk Berlin Brandenburg live über die Kinder in der ersten Reihe berichtet – und bin fassungslos.

Ja, es wurde mehrfach gesagt: Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas für gesellschaftliche Missstände. Aber welche unfassbaren Ausmaße diese Missstände annehmen würden – es macht mich zum ersten Mal seit Langem sprachlos.

Mittwoch, 18.11.2020

Heute gönne ich mir etwas ganz Verrücktes: Zeit.

Bis morgen, ihr Lieben.

Dienstag, 17.11.2020

Zwischenstand.

Während Kanzleramt und Ministerpräsidenten in aufgeheizten Videokonferenzen ein Zwischenfazit ziehen und beschließen, nichts zu beschließen, da über Empfehlungen hinaus keine Einigkeit besteht, lasse ich auf meine kleine Box to Go auch mal die vergangenen 2 Wochen Revue passieren.

Die Zahlen, sie stiegen in den vergangenen zwei Wochen unaufhörlich, sie liegen auf heutigem Stand bei 815.746 in Deutschland. In diesem einen Monat werden, so die aktuelle Prognose, so viele Neuinfektionen gezählt werden, wie in den vergangenen 9 Monaten zusammen. Ja, die Zahlen stiegen nicht exponentiell, hier und da zeigte der Lockdown light eine lighte Wirkung, die Kurve verlangsamt durchaus ihre Steigung. Jedoch bei weitem nicht genug.

Während sich nun einige fragen, allen voran das Kanzleramt, ob die getroffenen Maßnahmen des Lockdown light einfach zu light waren und ob zügig mit noch strengeren Beschränkungen nachgelegt werden muss, stelle ich mir seit Beginn dieses zweiten Lockdowns eine ganz andere Frage:

Hat der Lockdown light überhaupt an den richtigen Stellen angesetzt?

War es richtig, ganze Branchen – Kulturschaffende, von Künstlern bis Veranstaltern, Kreativwirtschaft und Gastronomen – über einen Kamm zu scheren und unabhängig von Qualität und konsequenter Umsetzung ihrer Hygienekonzepte zu schließen? Diese Branchen haben die Kraft, Orte der Begegnung zu schaffen, die bei der Pandemiebekämpfung mehr Sicherheit geben, als das private Umfeld. Sie haben die Kraft, als Verbündete im Kampf gegen diese Pandemie sichere Bedingungen zu schaffen, die ein dringend notwendiges Mindestmaß an Normalität, wirtschaftlicher Stabilität, Begegnung, Austausch, Kultur möglich machen. Das ist es, was ich unter einer „neuen Normalität“ in Pandemiezeiten verstehe, eine „neue Normalität“, die der Psyche des Menschen ebenso wie der Marktwirtschaft und gleichzeitig auch der Stabilität des Gesundheitssystems im Rahmen des Möglichen gerecht wird.

Aber ich sollte besser sagen: Sie hätten diese Kraft gehabt.

Denn als der erwartete Fall eintrat, für den sich die vorbildlichen Betriebe in den vergangenen 8 Monaten intensiv gewappnet hatten – die steigende zweite Welle im Herbst – als alles vorbereitet und gut eingespielt war, für den gemeinsamen Kampf gegen die Pandemie: Da wurden sie geschlossen. Statt gesicherter Begegnung auf Abstand mit Maskenpflicht und umfassendem Hygienekonzept, verlagerte sich die Begegnung verstärkt in den privaten Raum ohne jede Kontrolle. Wer von euch seit Anfang an hier mitliest, kennt diese Zeilen – ich hatte den befürchteten Effekt bereits auf einen letzten Teller im noch geöffneten Café-Bistro beschrieben, bevor der Lockdown in Kraft trat. Es war keine Vorhersehung – es lag schlicht in der Natur der Dinge.

Kopfschüttelnd nahm ich den aktuellen Beschluss des Gerichts zur aktuellen Klagewelle der Gastronomie hier in Thüringen zur Kenntnis. Die Sammelklage wurde abgelehnt. Begründung: Die Schließung der Gastronomie sei rechtmäßig, da damit tatsächlich Kontaktbeschränkungen durchgesetzt werden. Natürlich. Das ist wahr. Aber ich möchte diesen Gedanken gerne zu Ende denken: Der Kontakt, der nicht mehr im sicheren Umfeld des gastronomischen Betriebes erfolgt, fiel dann nicht etwa aus. Nein, er wurde – ohne Hygienemaßnahmen – ins private Umfeld verlagert. So ist es kein Wunder, dass die Zahlen unaufhörlich weiter steigen.

Ob ich folglich dafür plädiere, diesen Lockdown zu beenden? Nein, keinesfalls. Denn jetzt ist es zu spät. Es wird keine andere Lösung mehr geben können, als in einen härteren Lockdown zu gehen, der verstärkt dort ansetzt, wo er wirklich Wirkung zeigt: im privaten Umfeld. Auch wenn sich Ministerpräsidenten und Kanzleramt diese Woche nur auf Empfehlungen verständigt haben, ist klar: Die neue Verfügung für Dezember wird nicht etwa Lockerungen enthalten, wie sollte sie auch – der Lockdown wird fortgeführt werden und verpflichtend um die umfassenden Kontaktbeschränkungen erweitert, die bisher nur als Empfehlungen formuliert wurden. Anders ist die Lage wohl kaum noch unter Kontrolle zu bringen.

Ich bin ein pragmatischer Mensch – Pragmatismus ist, neben der realistischen Betrachtung der Lage, für mich persönlich der Schlüssel zu meiner immer noch optimistischen Haltung. Nein, ich bin nicht begeistert von diesem Lockdown 2.0, den es meines Erachtens niemals hätte geben dürfen – aber um eine kleine Metapher aus den Grundregeln des Straßenverkehrs zu bemühen: Wenn die Fußgängerampel auf deinem Weg über die Straße auf rot springt, dann laufe nicht zurück, sondern gehe zielgerichtet bis zur anderen Straßenseite. Mit der Ampel auf rot ist es der einzig pragmatische Weg, diesen Lockdown zielgerichtet zu Ende zu bringen, und zwar so lange, bis die Infektionswelle tatsächlich wieder auf ein kontrollierbares Maß eingedämmt werden konnte.

Und dann? Stehen wir wieder auf Start. Während ich mir bis zum enttäuschenden politischen Spielzug im November sicher war, dass „neue Normalität“ während der Pandemie keinesfalls einen erneuten Lockdown bedeutet, kann ich mittlerweile nur noch hoffen, dass der nächste Spielzug besser wird. Mischt die Karten neu. Und bedenkt, dass wir Kulturschaffenden aller Art, die sichere Begegnung, Austausch und Inspiration während der Pandemie möglich machen, euer Ass im Ärmel sein könnten.

Montag, 16.11.2020

Mal was zum Lachen. Lachen ist ja schließlich gesund. Und Gesundheit können wir alle gebrauchen. Vor allem in Zeiten wie diesen.

Habt ihr die neuen Videos der Bundesregierung schon gesehen? Ich kenne bislang zwei: Ein Herr gesetzten Alters, im zweiten Video in Begleitung seiner Ehefrau, berichtet rückblickend von seinen Heldentaten, aus dem Jahr der Pandemie.

Er erinnert sich an den Winter 2020, als er all seinen Mut zusammennahm und das tat, was von ihm erwartet wurde. Das einzig Richtige.

Er tat … nichts.

Cut. Rückblende. Wir sehen den Herrn als jungen Studenten auf dem Sofa, als Couchpotato par excellence. Mit Fernseher, Chips, Cola bewaffnet ist er einer der großen Helden des Winters 2020, bei der Bekämpfung der zweiten Welle dieser Pandemie.

Ich habe mich köstlich amüsiert. Wirklich. Gelungene Videos. Fein pointierter Humor. Liebe Agentur, das habt ihr richtig gut gemacht. Ich konnte wirklich, so schwer die aktuellen Zeiten sein mögen, herzhaft lachen.

Allerdings nicht lange: Denn diese Videos fokussieren sich auf den Teil der Gesellschaft, der weder größere finanzielle Einbußen hat, noch Kinder. Dann, aber nur dann, ist das wirklich witzig.

Aber tatsächlich, es wäre schon viel geholfen, wenn diejenigen, die die gleichen Möglichkeiten haben wie die dargestellten Hauptakteure, sich komplett ihrer Heldenrolle ergeben. Da machen die Videos wirklich Sinn, um diese simple wie einleuchtende Message rüberzubringen.

So. Und jetzt, liebe Agentur, könnt ihr aber mal zeigen, was ihr so drauf habt, wenn wir über weitere Teile der Gesellschaft reden.

Macht das auch mal in lustig, ja?

Den Corona-Alltag von Eltern zum Beispiel. Ganz klassisch mit 2 Kids, okay? Oh oh, lasst uns den Schwierigkeitsgrad noch erhöhen: Im Homeschooling. Erste und vierte Klasse. Was darf nicht fehlen? Homeoffice, natürlich, für beide Elternteile. Das wird ein spaßiges Video. Zoom-Konferenz mit der Abteilung plus Chef, Präsentationsabgabe: morgen. In einer 3-Zimmer-Wohnung. Mit nur einem PC.

Oder, oder: Die Inhaberin eines kleinen Lädchens, alleinerziehend mit Kleinkind. Kita hat leider gerade wegen Corona-Ausbruch geschlossen. Großeltern kommen wegen Infektionsrisiko nicht in Frage – keine Betreuung. Kein Laden. Also ist er dicht. Mama sitzt mit Kind beim Memory-Spielen am Küchentisch, daneben die Rechnungen ausgebreitet. Miete für den Laden, fällige Rechnung Wareneinkauf des Vormonats. Daneben die Unterlagen für die privaten Kosten, Miete, Versicherung. Was darf auf dem Stapel nicht fehlen? Ah ja, die Ablehnungsbescheide. Novemberhilfe? „Leider ist ihr Geschäft von den getroffenen Maßnahmen nicht direkt betroffen. Eine Bewilligung der Novemberhilfe ist daher nicht möglich.“ Daneben: Kinderzuschlag. Ablehnungsbescheid. Daneben: Grundsicherung. Ablehnungsbescheid. Daneben der Stapel Unterlagen für den Widerspruch. „Mama! Du bist dran! Mama? Lass uns spielen!“

Ach, Mensch, den Möglichkeiten der #besonderehelden sind ja schier keine Grenzen gesetzt. Die Liste lässt sich unendlich weiterführen. Habt ihr noch ein paar Vorlagen für die Agentur auf Lager?

Und dann macht ihr, liebe Agentur, damit auch ein paar schöne Videos. Mal bitte auch in witzig.

Damit wir alle schön lachen können, ja?

Freitag,13.11.2020

Heute ist mein Geburtstag.

Geburtstag hat etwas magisches, auch in diesen schweren Corona-Zeiten. Denn Geburtstag hat die Kraft, uns Menschen für den Moment mit einer Schutzhülle zu umgeben, durch die nur Gutes zu uns durchdringt. Wenn es einen Tag gibt, an dem ich dieses wohlige, verlockende Angebot gerne annehme, mich nur auf das Schöne zu fokussieren, dann heute. Und ich fühle, wie sich warme Dankbarkeit in mir ausbreitet.

Dankbarkeit, dass ich von so vielen wundervollen Menschen umgeben bin.

Meine Kinder und mein Mann, die mich morgens mit selbstgebackenen Parmesanchips überrraschen, weil ich Käse so viel mehr liebe als Kuchen und Torten. Die selbstgebastelte Karte neben dem Bauernstrauß ist mit Bedacht gewählt – das aufgeklebte Foto hatte ich im Thüringer Wald dieses Jahr selbst geschossen, ohne mir seiner symbolischen Bedeutung bewusst zu sein. Da sitzen sie, meine Kinder und mein Mann, und zeigen auf dem Bild ins Licht. Und ich spüre: Gemeinsam haben wir die Kraft, auch aus diesen Zeiten das Beste zu machen und unseren Weg zu gehen.

Meine Eltern, die mir die liebevolle Gewissheit geben, immer für mich da zu sein. Die mir alles mitgegeben haben, das ich brauche, um unsere Welt zu verstehen und meinen ganz eigenen Weg in ihr zu gehen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich dennoch immer auch Kind bleiben darf, selbst in Zeiten wie diesen. Denn kindliche Geborgenheit birgt sehr viel Kraft in sich. Jeden Tag lesen auch meine Eltern diese Zeilen hier mit und begleiten mich auch aus 288 km Entfernung auf meiner Reise durch unsere verrückte Corona-Welt. Ebenso wie unsere Familie, die immer weiter über alle Generationen hinweg wächst, sie begleitet uns, wenn auch zur Zeit auf Abstand aus der Ferne.

Meine Freunde, die ich jetzt noch seltener sehe, als im üblichen Wahnsinn des Alltags berufstätiger Eltern. Freunde, die mir – egal wie groß die Entfernung sein mag, egal wie oft wir einander sehen oder hören – die Gewissheit geben, dass wir füreinander da sind. Freundschaften aus der Schulzeit, aus der Zeit des Studiums, meiner Agenturtätigkeit, aus unserem Café und Freunde, die ich erst in diesem verrückten Jahr kennen gelernt habe

Freundschaften jeden Lebensabschnitts, die alle eint, dass sie die Kraft geben, auch Zeiten wie diese durchzustehen.

Meine Gäste, Mitarbeiter und Nachbarn, mit denen mich nach den vielen Jahren auch ein Gefühl von Freundschaft verbindet. Denn es ist nicht nur ein Marketing-Konzept, dass wir mit unserem Peckham’s einen Ort in der Erfurter Pergamentergasse geschaffen haben, an dem man sich fühlt, als sei man zu Besuch bei Freunden. Wer regelmäßig zu uns kommt, spürt, dass dieses Gefühl echt ist. Und das spüre ich auch. In Zeiten wie diesen, ganz besonders. Denn jeder, der solidarisch in unserem Fensterverkauf steht, fiebert mit uns mit und gibt uns Unterstützung und Kraft in diesen Zeiten.

Und ihr. In diesem virtuellen Raum, in dem wir uns täglich auf eine Box to Go treffen, geht es plötzlich nicht mehr nur noch um die Welt der schnellen Rezeptideen. Ich konfrontiere die schöne Instawelt vorübergehend mit sehr viel mehr, als wofür sie gedacht war. Dennoch bleibt ihr alle da, in diesem virtuellen Raum, mehr noch, es kommen immer weitere hinzu. Und ich bin euch dankbar, dass auch ihr mich auf dem Weg durch die verrückte Corona-Welt begleitet. Bis dann wieder die richtige Zeit kommt, in die wohltuend leichte Kost der schönen Rezeptewelt überzugehen.

Diese wohlig warme Dankbarkeit halte ich fest, ich spüre sie tief im Herzen. Denn von so vielen wundervollen Menschen umgeben zu sein, die diese Dankbarkeit möglich machen, das ist das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich mir wünschen kann.

Donnerstag, 12.11.2020

Wenn ich durch die Innenstadt laufe, fühle ich zunehmend tiefe Traurigkeit in mir aufkeimen. Einen schweren Kloß im Hals, der Meter für Meter, den ich an anderen Menschen vorbeilaufe, immer dicker wird. Ich muss schlucken, wenn erst der eine und dann der nächste ohne Maske an mir vorbeiläuft, ausdruckslose Ignoranz in den starr nach vorne gerichteten Augen.

Zwischendrin finde ich sie, auf meinem morgendlichen Weg Richtung Wochenmarkt, die kleinen Hoffnungsschimmer. Menschen, die kurz durch Blicke Kontakt aufnehmen, sobald sie sehen, dass wir die 1,5 m Abstand nicht werden einhalten können, ihre Maske selbstverständlich über die Nase ziehen. Manche nicken sogar freundlich, obwohl ich sie gar nicht kenne. Aber diese Lichtblicke sind selten. Zu selten.

Im Supermarkt tragen einzelne Kunden die Maske unter der Nase. Regale werden währenddessen von fröhlichen Mitarbeitern eingeräumt, die gleich ganz auf sie verzichten, während sich die Kunden im Abstand von wenigen Zentimetern an ihnen vorbeipressen.

Auf dem Weg zurück quillt gerade eine Menschentraube aus der überfüllten Straßenbahn, die Hälfte reißt sich noch im Pulk die Maske vom Kinn, obwohl im Innenstadtbereich ebenso Maskenpflicht gilt, wie im Nahverkehr.

Ein Grüppchen junger Erwachsener unterhält sich angeregt unter einem Pfeiler mit frisch aufgehängten „Maskenpflicht in der Innenstadt-“Plakaten, die abgebildete Puffbohne ist allerdings der einzige Maskenträger weit und breit. Zwei Ordnungsbeamte laufen vorbei, ins Gespräch vertieft, als sei nichts geschehen.

Eine Bekannte kommt zufällig um die Ecke, begleitet mich ein paar Meter. „Schon verrückt, was hier gerade so alles passiert, gell?“ meint sie. „Naja, zum Glück ist ja bei mir auf Arbeit alles normal, kann nicht klagen. Dann mach’s mal gut“. Sie biegt ab, in die Marktstraße. Ohne Maske. Ohne Abstand. Und ich denke mir „Wie schön, dass bei so vielen alles normal läuft. Ich mach’s dann mal gut.“

Ich flüchte mich mit meinem Einkauf zurück Richtung Café und spüre wie Traurigkeit aufkeimender Wut weicht. Da klopft jemand an die Scheibe – ob ich mal kurz herauskommen könnte, er habe die Maske nicht dabei.

Und ich frage mich: Wie ist er denn ohne Maske durch die Innenstadt überhaupt bis hierhergekommen? Auf dem Hof Baubesprechung, Vertreter verschiedener Firmen, Schulter an Schulter in geschäftigen Dialog vertieft – Maske? Fehlanzeige.

Es ist sicher nur die Spitze des Eisbergs. Kleine Alltagsgeschichten eines Wimmelbildes der Erfurter Straßen und Gassen, die mir nur eine böse Ahnung geben, wie die Maßnahmen im privaten Raum tatsächlich Anwendung finden. Es sind nicht etwa Querdenker, Aluhutträger und Verschwörungstheoretiker. Nein. Es sind Menschen, die sich der Lage bewusst sind. Sie gehören vielleicht sogar zu den 62 %, die in Umfragen sagen, dass sie die Maßnahmen wie Maskenpflicht und Kontaktbeschränkung selbstverständlich für sinnvoll halten. Die sich in der Öffentlichkeit für Solidarität aussprechen, ein aufmunterndes „gemeinsam schaffen wir das“ auf den Lippen.

Und ich frage mich: Wofür werden Restaurants, Cafés, Theater, Museen & Co, die sich wirklich für die Einhaltung aller Hygienemaßnahmen eingesetzt hatten, geschlossen?

Wofür kämpfen gerade ganze Branchen um ihre Existenz?

Wofür kämpfe ich hier gerade um meine Existenz?

Jeder einzelne, der sich nicht an die Maßnahmen hält, macht unseren Überlebenskampf zu einer einzigen Farce.

Mittwoch, 11.11.2020

Ich hatte mir den Moment ganz anders vorgestellt. Lange warte ich, wie viele, auf die erlösende Nachricht, dass ein Corona-Impfstoff gefunden wurde. Nun ist der Moment da: Der gemäß Studien wirkungsvolle Impfstoff BNT162b2 steht kurz vor seiner Zulassung.

Mein innerer Jubel bleibt jedoch unerwartet aus. Denn der Wirkstoff klingt nicht nur nach Sciencefiction, in gewissem Maße ist er das auch. Er durchdringt bisher Undenkbares, etwas, das bisher nur in fiktionalen Drehbüchern á la Gattaca durchdacht wurde: Ein Impfstoff basierend auf Gentechnik, der in einzelne Zellen unseres Körpers eindringt.

Ganz ehrlich? Puh, harter Tobak. Gleich vorweg: Ich halte Impfungen für sinnvoll. Ich informiere mich über Impfungen und ihre Wirkung gut, wäge ab, und habe mich bisher bewusst, allen möglichen Nebenwirkungen zum Trotz, zumindest für die Basis-Impfungen entschieden, die die ständige Impfkomission empfiehlt. Denn im Fokus meiner Überlegungen ist nicht nur mein individuelles Wohl, sondern vor allem auch gesellschaftliche Solidarität – Impfungen können schlicht nur dann Wirkung zeigen, wenn die Mehrheit der Gesellschaft geimpft ist. Und dazu möchte ich meinen Teil beitragen.

Aber dieser Impfstoff ist anders. Er basiert nicht auf bisher bekannten Methoden, die entweder unschädlich gemachte Erreger (aktive Immunisierung) oder Antikörper (passive Immunisierung) einsetzen. Es ist der erste Impfstoff seiner Art, ein sogenannter mRNA-Impfstoff: Es werden Erbinformationen des Corona-Virus gespritzt, mit dessen Bauplan menschliche Zellen dazu fähig sind, einzelne Bestandteile von Sars-CoV-2 nachzubauen und die fiktive Infektion als Proteine auf ihrer Oberfläche abzubilden. Sobald das menschliche Immunsystem diese fremden Proteine erkennt, kann es bereits mit der Bildung von Antikörpern beginnen und ist gewappnet, sobald das echte Coronavirus in den Körper eindringt. Vorausgesetzt, ich habe das jetzt alles richtig verstanden.

Nun bin ich, was die Reaktion des Immunsystems auf eigene Zellen angeht, sehr skeptisch. Jeder, der Zöliakie hat – eine Autoimmunerkrankung, innerhalb derer der Körper eigene Darmzellen angreift – weiß, wovon ich spreche.

Zum Anderen wird hier zum ersten Mal in unserer Geschichte eine Hemmschwelle überschritten: Die breite Verwendung eines genbasierten Impfstoffes. Geforscht wird daran bereits seit mehr als 20 Jahren, mit dem eigentlichen Ziel, eine Impfung gegen Krebs zu finden. Eine Impfung gegen Krebs wäre natürlich ein ebenso großer medizinischer Durchbruch, wie die Möglichkeit zur Impfung gegen aggressive Erreger wie Covid-19 und später auch weitere, pandemierelevante Erreger seiner Art.

Aber die Heransgehensweise lässt mich erschaudern, zumindest auf meinem aktuellen Kenntnisstand. Zumal Langzeitwirkungen unbekannt sind und mit Zulassung auch noch unbekannt sein werden, schließlich wird der Impfstoff erst seit den Sommermonaten an 43.000 Probanden getestet.

Wir fühlt ihr euch, mit dieser Nachricht?

Dienstag, 10.11.2020

Es keimt wieder auf, das Gefühl von Ungerechtigkeit.

Wie bereits im ersten Lockdown – nur dieses Mal ist es stärker. Das hat sicher viele Gründe.

Zum einen sind viele zermürbt, so einige haben weder finanzielle noch Kraft-Reserven für diesen zweiten Lockdown.

Zum anderen wird dieser Lockdown sehr viel mehr in Frage gestellt, als der Erste. Viele spüren, dass immer wiederkehrende Lockdowns keine Lösung sein können, für eine Pandemie, die uns noch lange Zeit in Atem halten wird. Das ist nicht nur mein Bauchgefühl. Selbst eine Umfrage unserer Lokalzeitung kommt zu dem selben Bild der Stimmung in unserer Gesellschaft: Umfassende Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht & Co.: ja! Mehr als 62 % befürworten diese Maßnahmen und halten sie für absolut sinnvoll. Aber der Lockdown einzelner Branchen wird von der Mehrheit stark hinterfragt: 57 % empfinden die Schließung von Gaststätten und Restaurants als den falschen Weg, befürwortet wird der Schritt nur von knapp 30 % (der Rest enthält sich). Eine fast ebenso kleine Zahl, konkret nur 39,5 %, befürwortet die Schließung kultureller Einrichtungen, die Mehrheit hält eine Wiederaufnahme des Betriebs unter Einhaltung strenger Hygieneauflagen für sinnvoll. (Quelle: https://www.thueringer-allgemeine.de/wirtschaft/mehrheit-der-thueringer-gegen-lockdown-schliessung-der-gastronomie-abgelehnt-id230857864.html)

Die Gründe für das Gefühl von Ungerechtigkeit gehen aber noch viel tiefer.

Viele, die der Lockdown direkt oder indirekt betrifft, haben das Gefühl durch das bürokratische Raster der Hilfen zu fallen. Die Einen sind schlicht falsch informiert – die anderen schätzen die Lage aber durchaus richtig ein, die Hilfen bergen auch dieses Mal so einige Tücken in sich.

Wieder tritt auch das Phänomen auf, dass Vereinzelte nicht verstehen, dass alle Hilfspakete, die für den Novemberlockdown auf den Weg gebracht werden, darauf abzielen, ausschließlich betriebliche Kosten zu decken. Das Ziel ist 0. Die Hilfen sind nicht als Einkommen für Selbständige vorgesehen und dürfen hierfür auch nicht verwendet werden. Wie bereits beim ersten Lockdown scheint diese Information noch nicht überall durchgedrungen zu sein, was wiederum ein Gefühl von Ungerechtigkeit aufkeimen lässt.

In all diesen Bereichen spüre ich jedoch Bewegung, den Willen, wirklich niemanden, der nachweislich betroffen ist, durch das Hilfsraster fallen zu lassen. „Die Politik“, wie ich sie immer nenne, sie scheint noch daran zu arbeiten. Und diese Bewegung birgt viel Hoffnung in sich.

Es ist eine ganz andere Frage, die in mir verstärkt das Gefühl von Ungerechtigkeit aufkeimen lässt. Es ist die Frage: Was ist mit denjenigen, die finanziell nicht vom Lockdown betroffen sind?
Ein Teil unserer Gesellschaft, der selten bis nie thematisiert wird. Und doch trägt dieser Teil der Gesellschaft einen wesentlichen Anteil daran, dass ein Gefühl von Ungerechtigkeit entsteht. Denn diese Pandemie geht uns alle an. Solidarität wird zu recht von jedem Mitglied unserer Gesellschaft eingefordert. Aber ist es gerecht, wenn dieser solidarische Kampf finanziell von den Schultern einzelner getragen wird – während andere Mitglieder unserer Gesellschaft keinerlei Einbußen haben?

Ich bin ein Kind des Kapitalismus – im Westen groß geworden, kannte ich es auch nie anders. Ich sehe seit jeher die Vorteile einer freien Marktwirtschaft – auch mit all ihren Schattenseiten – vor allem, wenn sie mit einem funktionierenden Sozialstaat verknüpft ist. Sozialkapitalismus nenne ich es manchmal, auch wenn sich dieser in meinen Augen noch sehr viel sozialer gestalten lässt. Aber das ist ein anderes Thema. Mit Blick auf die Auswirkungen des zweiten Lockdowns geht es mir vielmehr um die Frage, ob wir während eines Lockdowns überhaupt noch von einer freien Marktwirtschaft sprechen können. Wenn einzelne Branchen ausgewählt werden, im Rahmen eines Lockdowns zu schließen oder aber ihren Betrieb stark einzuschränken, dann durchbrechen wir alle Regeln der freien Marktwirtschaft und eines funktionierenden Kapitalismus. Was dann vom Sozialkapitalismus noch bleibt? Natürlich! Sozial. Und hier kommen nun all diejenigen ins Spiel, die bisher nicht ausgewählt wurden, die Auswirkungen der Pandemie solidarisch mitzutragen.

Gibt es Wege, alle Menschen unserer Gesellschaft in einen gemeinsamen Kampf gegen die Pandemie einzubeziehen? Gibt es Wege sicherzustellen, dass nicht ein ausgewählter Teil der Gesellschaft pandemiemaßnahmenbedingt unter oder gerade so am Existenzminimum lebt, während ein anderer Teil unserer Gesellschaft keinerlei Einbußen hat?

Eine schwere Frage. Ich bin mit meinen Gedanken hierzu noch nicht zu einem Schluss gekommen. Um so mehr interessiert mich eure Meinung dazu.

Wie seht ihr das?

Montag, 09.11.2020

Wie viel ist unserer Gesellschaft Kultur wert? Und welchen Wert gibt Kultur unserer Gesellschaft?

Diese zwei Fragen beschäftigen mich schon das ganze Wochenende. Während ich in unserem Garten zwei Tage ein wenig Eskapismus fröhnte und meine kleine Welt ohne Corona genoß, Pilze und Gänseblümchen neben herbstbuntem Ginkgo-Laub fotografierte, Schnittlauch und Petersilie vor dem nächsten Frost als Kräutertopping für unser heutiges ToGo-Essen erntete, ratterte es in meinem Kopf dennoch die meiste Zeit weiter. So viel zum Eskapismus. Meinen Kopf habe ich nunmal immer dabei.

„Sucht euch doch einfach einen anderen Job, einen mit mehr Zukunft. Mit anständiger Bezahlung. Und krisensicher.“ Sätze wie diese begegnen mir zur Zeit in den sozialen Medien häufig. Und sie verpassen mir jedes Mal einen Stich ins Herz.

Gemeint sind die Berufe, die zur Zeit am stärksten von der Corona-Krise betroffen sind. Sie alle eint, dass sie im weitesten Sinne Kultur in unserer Gesellschaft bewahren, erhalten, weiterentwickeln und vermitteln. Sprich: Sie alle halten Kultur in unserer Gesellschaft am Leben. Kulturschaffende sind nicht nur Künstler, wie Maler, Musiker oder Schauspieler, das Feld derjenigen, die Kultur schaffen, ist sehr viel breiter: Alle, die unsere Kultur durch ihr Wirken bereichern, zählen – wie auch wir Gastronomen und so viele andere vom Lockdown Betroffene – in meinen Augen zum Kreis der Kulturschaffenden dazu.

Wie wäre denn unsere Gesellschaft, wenn wir diesen Ratschlag alle annehmen würden? Wenn wir alle krisensichere, gut bezahlte Jobs suchen und unser kreatives Wirken aufgeben? Während diese Gedanken in meinem Kopf kreisen, lande ich umgehend wieder bei Huxley. War er doch eine Art Nostradamus seiner Zeit? Hat er Entwicklungen, wie diese vorhergesehen? Bereits beim ersten Lockdown musste ich unweigerlich an Brave New World denken. Während ich damals im Lockdown jedoch eher Ansätze eines mitmenschlichen Gegenmodels zu seiner dystopischen Gesellschaft erkennen konnte, führen Ratschläge wie der obere jedoch zielgerichtet in eine Gesellschaft á la Brave New World:

Die Einen verwalten, die Anderen produzieren und konsumieren. Jeder hat seine Rolle in einer hervorragend funktionierenden Gesellschaft, mittels Konditionierung zufrieden gestellt. Jeder hat seinen funktionierenden Platz in der Gesellschaft. Mit anständiger Bezahlung und krisensicher. Ein verbleibendes Restbedürfnis nach Inspiration oder emotionaler Tiefe wird durch die „Feelies“ bedient und damit ruhiggestellt. Ein Schatten von Kultur, eine illusionistische Kinoform, die mittels synthetischer Ton- und Geruchsorgeleffekte oder Tasteffekte als Ersatz dient, für unmittelbare Erfahrung und Stimulation unserer sensorischen Kanäle.

Ich habe daher auch eine Bitte an alle, die Ratschläge wie den oberen in sich spüren oder bereits formuliert haben: Lest Huxley. Lest Brave New World. Und fühlt tief in euch hinein, ob das wirklich eine Welt ist, in der ihr leben wollt.

Kulturschaffende sollen sich einen Job mit Zukunft suchen? Das haben wir bereits. Denn eine Gesellschaft ohne Kultur hat keine Zukunft. Sie wäre kalt und leer. Bei allem Reichtum, den eine funktionierende, gut verwaltete Konsumgesellschaft sicher anhäufen kann – wie arm wäre unsere Gesellschaft gleichzeitig, wenn jeder nur noch schauen würde, wo sich das meiste sichere Geld verdienen lässt.

Daher: Seid dankbar, dass es Menschen gibt, die den Kampf um ihr Überleben erneut aufnehmen. Denn sie kämpfen nicht nur um ihr eigenes Überleben, sondern auch um das Überleben der Kultur in unserer Gesellschaft. Lasst uns Kulturschaffende bei diesem Kampf nicht allein. Zeigt Kulturschaffenden, dass ihr ihre Arbeit nicht nur dann wertschätzt und gerne nutzt, wenn es uns allen gut geht. Zeigt Kulturschaffenden, dass ihr sie auch in Krisenzeiten wertschätzt und unterstützt. Solidarität wird zur Zeit groß geschrieben – gemeint sind meist diejenigen, die eine Corona-Infektion nicht überleben würden. Solidarität umfasst aber deutlich mehr. Ja, unsere Gesellschaft muss zeigen, dass sie auch solidarisch ist mit denen, die zur Zeit für die getroffenen Maßnahmen am Limit leben. Und sei es nur, indem ihr Ratschläge, wie den oben zitierten, gut überdenkt. Es wäre ein erster Schritt zurück, weg von einer Gesellschaft á la Brave New World.

Freitag, 06.11.2020

Habt ihr Prognosen?

Ich meine damit nicht die US-Wahl, auch wenn ich immer noch gefühlt jede Stunde nach den Ergebnissen gucke.

Sondern die Frage, wann „Corona“ wohl vorbei sein wird.

Meine persönliche Prognose: So richtig nie. Keine Angst, ich bin jetzt nicht plötzlich zum Pessimisten geworden. Ganz im Gegenteil: Ich ziehe meinen Optimismus meist aus der möglichst realistischen Betrachtung der Situation. Denn dann fühle ich mich etwas besser vorbereitet.

Natürlich, diese konkrete Corona-Pandemie wird irgendwann so weit eingedämmt sein, dass sie zumindest unser Leben nicht mehr durcheinander wirbeln wird. Aber unsere globalisierte Welt bietet nun einmal perfekte Bedingungen für Pandemien wie diese – insofern sollten wir, um wirklich gut vorbereitet zu sein, davon ausgehen, dass es nicht die letzte Pandemie bleiben wird. Die erste gibt uns die Chance zu lernen. Und damit umzugehen. Vielleicht werden sogar Strategien entwickelt, die Kontinenten und Ländern die Möglichkeit geben, schneller zu reagieren, um eine weltweite Verbreitung das nächste Mal wirklich zu stoppen, so lange es noch möglich ist.

Unser Lehrstück Corona wird uns, denke ich, noch etwa bis Ende nächsten Jahres in Atem halten. Als im Sommer so einige ihre Sätze begannen mit „Jetzt, wo Corona vorbei ist …“ saß ich nur mit großen Fragezeichen in den Augen da, weil ich es kaum glauben konnte, dass sich manche tatsächlich nicht dessen bewusst waren, dass die große Welle erst noch kommen wird.

In diesem Herbst und bald folgenden Winter werden die Zahlen, denke ich, weiter steigen – wir haben bei der zweiten Welle nicht das Glück wie bei der ersten, dass die kalte Jahreszeit soeben endet. Sie beginnt gerade erst und wird zum Treiber der Pandemie. Wenn soziale Kontakte durch die Kälte nach drinnen und – verstärkt durch die Schließung aller Freizeit-, Kultur, Veranstaltungs- und Gastronomie-Betriebe – umso mehr in den privaten Raum verlagert werden, ist in meinen Augen schlicht mit steigenden Zahlen zu rechnen. Wirklich greifen werden die Maßnahmen denke ich erst, wenn es gelingt, soziale Kontakte im privaten Raum wirklich auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

Gerade jetzt zur Advents-und Weihnachtszeit eine sehr schwere Aufgabe.

Angela Merkel lockte kürzlich mit der Aussicht auf ein möglichst normales Weihnachtsfest – aber wenn eine solche Aussicht verbunden ist mit der steigenden Wahrscheinlichkeit eines neuen bundesweiten Lockdowns im Januar, dann klingt das für mich nicht nach Weihnachten. Ganz ehrlich: Ich verbringe dieses Jahr gerne mal ein ganz besinnliches Weihachtsfest mit meiner kleinen Familie bei uns zu Hause. Und falls jemand allein lebt, dann spricht nichts dagegen, dass er für die Weihnachtsfeiertage seinen Lieblingshaushalt besucht. Aber gesellige Großfamilienfeiern, Weihnachtsessen mit Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen plus angeheiratete Verwandschaft und alle Kids – möchte das wirklich jemand, wenn dann mir großer Sicherheit ein Januar-Lockdown folgt? Und auch hier frage ich mich: Wie seht ihr das?

Im Frühjahr wird mit etwas Glück mit den Impfungen begonnen werden können, aber es wäre naiv zu glauben, dass das in ein paar Wochen geschieht. Wenn ich die Berichte richtig verfolgt habe,wird es allein aus organisatorischen Gründen bis Ende 2021 dauern, bis genug Menschen geimpft sind, dass wir wirklich aufatmen können.

Wollen wir bis dahin von Lockdown zu Lockdown springen? Ich würde mir als kleines Weihnachtsgeschenk wünschen, dass wir statt dessen lernen, mit Pandemien wie diesen in einem neuen Alltag umzugehen. Dass unsere Gesellschaft Strategien entwickelt, die uns nicht in Wellenbewegungen von einem bundesweitem Lockdown in den nächsten stürzen lassen. Und damit meine ich nicht die schwedische Strategie. Ich meine eine Strategie, die die Möglichkeiten der Eindämmung ohne Lockdown nutzt – von Masken bis Kontaktbeschränkungen – aber auf Schließung ganzer Branchen verzichtet. Und statt dessen diese Branchen mit guten Hygienekonzepten im Kampf gegen Corona zu ihren Verbündeten macht. Im Oktober hatte ich noch das Gefühl, dass wir auf einem richtigen Weg sind: Regionales Handeln auf Basis des individuellen Infektionsgeschehens. Dieses Handeln muss gut durchdacht, in vielen Punkten optimiert und vor allem konsequent umgesetzt werden.

Wir werden noch etwas Zeit haben, um diesen Gedanken Realität werden zu lassen. Aber ich denke, es lohnt sich. Wenn wir es geschafft haben, dann haben wir das Lehrstück Corona gut für uns genutzt, denn dann sind wir für Pandemien wie diese gewappnet.

Wie ist eure Prognose?

Donnerstag, 05.11.2020

Good News, endlich!

Gastronomen dürfen sich mit Fensterverkauf ein kleines Einkommen erarbeiten. Der ToGo-Verkauf während des Lockdowns wird nicht von den Hilfen abgezogen. Mein Weltbild, es wird wieder ein wenig gerade gerückt.

Fast hätte ich die Meldung verpasst. Während ich immer wieder den Refresh-Button meines Browsers klickte, um den Wahl-Krimi Biden vs Trump zu verfolgen, veröffentlichte Tageschau.de von mir unbemerkt bereits gestern um 18:39 Uhr die erlösende Nachricht: „Sonderregelung für Takeaway. Einnahmen aus dem Außer-Haus-Geschäft sollen Gastronomen behalten dürfen.“ Ich sah es heute Früh auf dem Handy, direkt nach dem Aufstehen. Besser hätte der Tag kaum beginnen können – zumindest während eines Lockdowns 2.0.

Die Stimmung bei uns heute Früh in der Küche war entsprechend gut. „Da hat „die Politik“, wie du sie nennst, wohl am Dienstag bei dir mitgelesen. Programm-Punkt 1 der Sondersitzung ‚Gastronomie im Lockdown‘: „Update Stand der Lage, was schreibt Karina in ihrem heutigen Post?“ lachte mein Mann, als er sich seinen Espresso holte. „Immerhin – die Medien, und da schließe ich Blogger jetzt mit ein, gelten nicht ohne Grund als 4. Pfeiler der Demokratie.“

„Was sind nochmal genau die anderen Pfeiler der Demokratie?“, fragte ich Miri, während wir Kürbis und Äpfel für’s ToGo-Mittagessen hackten. „Judikative, Legislative…?“ Okay, ich musste es googlen: „Exekutive“ fehlte.

Aber spaßige Spinnereien am Morgen mal beiseite – auch wenn ich weiß, dass tatsächlich Politiker auf kommunaler oder Landesebene hier mitlesen, so denke ich kaum, dass die Zeilen eines Bloggers es bis auf Bundesebene schaffen, um gehört zu werden. Wir sind schließlich nicht alle Rezo.

Dennoch: Die aktuelle Entscheidung zum Hilfspaket geht wirklich in die von mir erhoffte Richtung. That’s fair enough, würde die Britin in mir es formulieren: Die politischen Entscheidungsträger haben erkannt, dass es nicht Ziel der Hilfsmaßnahmen sein darf, Gastronomen dazu zu verdammen, sich mit Fensterverkauf und harter Arbeit durchzukämpfen, um ihnen dann zu untersagen, auch nur einen Cent Einkommen damit zu erwirtschaften.

Denn so wäre es ohne diese Sonderregelung gekommen: Jeder Cent über 0,- EUR Einkommen wäre vom Hilfspaket abgezogen worden.

Natürlich, wir werden mit dem Fensterverkauf in der aktuellen Lage nicht viel verdienen können. Aber darum geht es auch gar nicht. Wer seit Anfang an bei mir mitliest weiß: Als Postmaterielle geht es mir um ganz andere Dinge als um Geld. Gerechte Lösungen, zum Beispiel. Oder darum, dass die Solidarität unserer zauberhaften Gäste so ankommt, wie sie gedacht ist: Nämlich dafür, dass meine Familie und ich unsere Miete, Strom und Lebenshaltungskosten bezahlen können. Und nicht dafür, dass die Solidarität am Ende der Staatskasse zu Gute kommt. Hilfe zur Selbsthilfe – es war das Mindeste, das ein funktionierender Sozialstaat in der aktuellen Lage hätte tun können. Und ich bin dankbar, dass mein Weltbild wenigstens ein wenig wieder zurecht gerückt wird.

Womit wir wieder beim Wahl-Krimi Biden vs. Trump wären: Wird etwa auch hier mein Weltbild wieder zurechtgerückt? Wird die erschreckende Ära Trump abgewählt? Ich formuliere es bewusst so, denn ich muss gestehen, dass ich kaum Zeit hatte, mich mit der Person Biden wirklich auseinander zu setzen. Aber wie so vielen, geht es auch mir so: Ich habe das Gefühl, dass es hier nicht darum geht, dass ein bestimmter Präsidentschaftskandidat gewinnt – sondern vielmehr darum, dass der aktuelle Präsident abgewählt wird. Vielleicht ist es für Trump ja tröstlich zu wissen, dass er die Zügel seiner Abwahl selbst in der Hand hält. „Oh yes, wenn mich jemand ins politische Abseits befördert, dann ja wohl ich selbst, nicht wahr?“ Great Job Mr. President, great Job! Wie briliant ist es da, sich noch zum krönenden Abschluss per Twitter als Feind der Demokratie zu positionieren. Selbst aus den eigenen Reihen scheint ihn keiner davon abgehalten zu haben, vielleicht hoffen die Beteiligten selbst auf ein baldiges Ende dieses politischen Kapitels.

Aber zurück nach Deutschland: So sehr ich die aktuelle Entscheidung zum Fensterverkauf begrüße: Was ist mit den anderen? Was ist zum Beispiel mit Einzelunternehmern, die nicht die Möglichkeit haben, ein Produkt aus dem Fenster zu verkaufen?

Freie Theater zum Beispiel, die ebenso wie wir Fixkosten wie geschäftliche Mieten zu tragen haben und auf Grund ihrer wirtschaftlichen Komplexität voraussichtlich an den bürokratischen Hürden der Grundsicherung scheitern werden?

Ja, auch sie haben Anspruch auf das Hilfspaket. Aber von welchem Einkommen sollen diese Menschen dann leben? Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Es gibt noch so viel Ungerechtigkeit in den aktuellen Entscheidungen. Kann es unser Sozialstaat schaffen, auch hier Lösungen zu finden, die immerhin „fair enough“ sind?

Follower-Kommentar vom 06.11.2020:

„Bedeutet das, man bekommt 75% vom Vorjahresumsatz (bei den meisten dürfte das deutlich mehr als der tatsächliche Gewinn sein) und aktuelles Einkommen (ob gut oder weniger gut) wird nicht angerechnet? Soll das dann den Branchen gegenüber sozial sein, die nicht in die Förderprogramme fallen, aber vielleicht als Zulieferer noch größere Einbußen haben?“

Meine Antwort: vom 06.11.2020:

Ich danke dir für deine Rückfrage, denn sie ist wirklich sehr wichtig. Mein Mann hat mich gestern erst gefragt: Warum machst du dir eigentlich die Arbeit, statt über Essen – was viel einfacher wäre – jetzt über den Corona-Lockdown zu bloggen. Die Antwort ist: Vor allem auch um aufzuklären. Und deine gute Rückfrage gibt mir die Gelegenheit, noch weiter in die Tiefe zu gehen:  In deiner Frage schwingt mit, dass die Größen Umsatz und Gewinn nicht ganz richtig voneinander abgegrenzt sind. Der Umsatz eines Unternehmens dient in erster Linie zunächst dazu, die Kosten zu begleichen. Was übrig bleibt, ist der Gewinn. Gehen wir von einer Umsatzrentabilität (das, was nach Abzug der Kosten übrig bleibt) von 10 % aus, bleiben dem Gastronomen also von 10.000 EUR Umsatz im Monat 1.000 EUR Gewinn. Hiervon muss er noch seine Rentenversicherung, Kranken- und Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung sowie eine fiktiv durch den Staat festgelegte Pauschale für Eigenverzehr (für sich und jedes Mitglied seiner Familie) abziehen. Was übrig bleibt, ist das Einkommen eines Gastronomen als Einzelunternehmer. Die Kosten bleiben im November im Lockdown nahezu vergleichbar mit dem Vormonat. Zum Einen verändern sich Fixkosten, wie Miete nicht, zum anderen wird der Wareneinsatz häufig, wie auch bei uns, zu großen Teilen im Folgemonat beglichen. Das bedeutet, von den 75 % des November-Vorjahresumsatzes werden wir noch nicht einmal alle Kosten begleichen können, um auf 0,- zu kommen. Um keine Schulden aufzubauen, dient der Fensterverkauf also erst einmal dazu, das noch verbleibende Loch zu stopfen. Wenn dann noch etwas übrig bleibt, dann kann ich als Einzelunternehmer davon noch meine Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung zahlen. Und wenn dann immer noch etwas aus dem Fensterverkauf übrig bleibt, dann schaffe ich es vielleicht sogar noch meine Miete und die mindestens notwendigen Lebenshaltungskosten meiner Familie zu decken. Ist das sozial gerecht? Ja, ich würde sagen, gerade so. Richtig sozial gerecht wäre es, wenn unser Sozialstaat den Balanceakt schaffen würde, sicherzustellen, dass JEDER von den aktuellen Corona-Maßnahmen Betroffene mindestens 60 % seines Einkommens erhält. Ob das machbar ist, das kann allein ‚die Politik‘, wie ich sie immer nenne, entscheiden.

Ergänzend gleich zu deinem zweiten Punkt ‚Verteilung der Fördermittel‘: Ich habe mich naturgemäß vor allem in die Hilfsmittel für meine Branche eingelesen, aber ein wenig bekomme ich dabei auch aus anderen Branchen mit: Meines Wissens ist für jede von den Corona-Maßnahmen betroffene Branche ein Hilfspaket geplant. Und auch für indirekt Betroffene, die ganz oder zu großen Teilen Zulieferer der betroffenen Branchen sind, greifen die Hilfspakete. Selbständige, die kaum Fixkosten haben, werden vermutlich nicht an den bürokratischen Hürden der Grundsicherung scheitern. Komplexere Einzelunternehmen schon, und sei es allein, weil die zuständigen Sachbearbeiter die Größen Umsatz und Gewinn nicht korrekt interpretieren konnten, wie es leider im praktischen Fall passiert ist. Große Sorgen mache ich mir um alle vom Lockdown Betroffenen, die nicht die Möglichkeit haben, sich durch Ideen wie Fensterverkauf ein kleines Einkommen zu erarbeiten und gleichzeitig an den bürokratischen Hürden der Grundsicherung scheitern, weil diese offensichtlich nicht mit komplexeren Wirtschaftsstrukturen eines im Lockdownmodus befindlichen Betriebes vereinbar ist. Bist du denn auch betroffen und fällst durch ein bürokratisches Raster, wenn ich fragen darf? Vielleicht möchtest du deine Erfahrungswerte auch gerne teilen. Je mehr wir alle wissen, desto besser können wir verstehen. ❤️

Nachtrag 07.11.2020: Die aktuell veröffentlichte Ausgestaltung der Sonderregelung „Fensterverkauf Gastronomie“ umfasst ergänzend die Begrenzung aller Hilfsmittel bezogen auf den Inhouse-Verkauf des Vergleichsmonats 2019. Der ToGo-Anteil des Vergleichsmonats 2019 wird für die Berechnung der Hilfen nicht herangezogen, entsprechend weniger Hilfsmittel erhalten alle gastronomischen Betriebe.

Mittwoch, 04.11.2020

Bewirkt die Schließung der Gastronomie einen Rückgang der Zahlen?

Die aktuelle Schlagzeile in meinem Handyfeed lautet: Trotz Lockdown steigen die Infektionszahlen drastisch. 16.498 bisher bundesweit gemeldete Neuinfektionen für Mittwoch müssen sogar vom RKI noch weiter nach oben korrigiert werden.

Die aktuelle Entwicklung, sie lässt mich immer mehr an den aktuellen Schritten zweifeln.

Denn der Teil der Gastronomie, der sich vorbildlich an die Umsetzung aller Maßnahmen gehalten hatte, hat einen sehr wesentlichen Teil zur Eindämmung des Infektionsgeschehens beigetragen, da bin ich mir sicher. Wir haben einen sicheren Ort der Begegnung geschaffen, in dem eine Infektion unter Dritten nahezu ausgeschlossen werden konnte. Ja, es geht eben nicht nur darum, dass in keinster Weise nachgewiesen werden kann, dass diese Gastronomie zum voranschreitenden Infektionsgeschehen beigetragen hätte. Ganz im Gegenteil: Sie hat das Infektionsgeschehen aufgehalten.

Durch die Schließung der Gastronomie verlagert sich nun das gesellige Beisammensein in den privaten Raum.

Ohne Maske, ohne Abstand. Ohne jede Kontrolle – denn diese ist im privaten Raum schlicht nicht möglich. Oder habt ihr zu Hause eine Karina sitzen, die euch fröhlich entgegenruft: „Denkt ihr bitte an eure Maske?“ „Abstand halten bitte!“ „Bitte nur zwei Haushalte an einem Tisch“ „Vielen Dank, ihr Lieben!“. Ganz ehrlich, das wäre ja auch echt schrecklich. Aber bei uns im Café-Bistro funktioniert das – und macht uns zu einem sicheren Ort der Begegnung.

Die aktuelle Klagewelle der Gastro hat gute Aussichten auf Erfolg – aus eben diesen Gründen.
Und dann? Dann muss die Bundesregierung ihre Chance nutzen, korrekt anzusetzen:

Wenn die Gastronomie wieder öffnen darf, muss dringend unterbunden werden, dass schwarze Schafe der Branche wieder handeln können, wie es ihnen beliebt. Da ist zunächst Aufklärungsarbeit gefragt – ich habe Gespräche geführt, mit Betrieben, die sich offensichtlich nicht an alle Regeln halten, und tatsächlich schwingt häufig Unwissenheit in den Worten mit. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund, die noch nicht hundertprozentig in unsere Gesellschaft integriert sind, teils auch die deutsche Sprache noch nicht perfekt beherrschen, tun sich schwer mit der Informationsbeschaffung. Sie durchforsten nicht wie ich online jede Verordnung, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben – und würden sie es tun, wären auch sicher auf Grund von Sprachbarrieren nicht alle Punkte verständlich und werden schlicht überlesen.

Die Unterschiede werden im Lockdown plötzlich auch außen sichtbar. Während unsere zauberhaften Gäste „Zeit-Slots“ buchen, um im 5-Minuten-Takt ihr vorbestelltes Essen abzuholen, damit jede Schlange vermieden werden kann, auf Abstand achten, selbstverständlich Masken tragen, sieht es außerhalb unserer kleinen heilen Welt schon sehr anders aus. Heute musste ich unsere kleine heile Welt daher markieren – und ja, ich habe die Erfahrung gemacht, dass bewusst gewählte kindliche Naivität eine unglaubliche Kraft haben kann: Ich habe die Kreide meiner Tochter verwendet und unseren Abholbereich vom benachbarten Imbiss mit schraffierten Kreidestrichen abgegrenzt. So kann ich hoffentlich wenigstens in meinem Wirkungskreis sicherstellen, dass ich nicht mit Ignoranz, Unwissenheit und bewusster Verweigerung einzelner Dönergäste konfrontiert werde. Und um es noch schöner zu machen, habe ich in unsere Blumenkübel vor dem Fensterverkauf gleich neue Pflanzen eingesetzt – seht ihr das Pflaster an meinem Finger? Leider machen die Menschen außerhalb meiner kleinen heilen Welt auch vor meinen Blumenkästen nicht halt und werfen achtlos Glasscherben hinein, nachdem sie Abends ihre Döner-Reste auf unseren Stufen verschmiert und ihre Bierflaschen umgetreten haben. Die Kippe gleich neben die Scherben in meine Blumen gedrückt. Und es handelt sich hierbei nicht etwa um pöbelnde Betrunkene – nein, es handelt sich um klassische Otto-Normalverbraucher. Leider. Und der Betreiber des Imbisses hat leider noch nicht verinnerlicht, dass er als Gastgeber eben auch die Verantwortung für seine Gäste trägt. Im normalen Alltag ebenso wie jetzt, bei der Umsetzung der Corona-Maßnahmen. Ich sehe es ihm nach, er ist ein hilfsbereiter Nachbar und hat uns ohne zu zögern mit seinen runden Salat-ToGo-Boxen versorgt, weil unsere alle waren.

Menschliches Miteinander ist eben so vielschichtig, wie der Mensch selbst, nicht wahr?

Aber zurück zu den Corona-Maßnahmen: Hier ist Aufklärungsarbeit gefragt. Ja, durch persönlichen Kontakt mit Ordnungsbeamten, denen so auch eine sehr positive Rolle zu Teil wird. Die Zahl der gastronomischen Betriebe in einer Stadt oder einer Gemeinde ist überschaubar. Ein einmaliger, kurzer Aufklärungsbesuch sollte reichen, um über aktuelle Verordnungen zu informieren – und ist organisatorisch machbar. Wer damit nachweislich alle Informationen hat und sie dennoch nicht umsetzt, kann sicher noch einmal verwarnt werden, ja, auch in Krisenzeiten ist Fingerspitzengefühl gefragt, immerhin leben wir in einer Demokratie, in der Kommunikation auf Augenhöhe groß geschrieben wird. Aber wenn dann immer noch keine Einsicht erkennbar ist, dann müssen Ordnungsbeamte die Umsetzung der Regelungen konsequent durch empfindliche Bußgelder forcieren und in letzter Konsequenz die umgehende vorübergehende Schließung des entsprechenden Betriebes durchsetzen. Das wären die korrekten Schritte.

So kann einer Stigmatisierung der Branche Gastronomie entgegengewirkt werden.
So wird Politik dem vorbildlichen Teil unserer Branche gerecht und signalisiert, dass ein gemeinsames, verantwortungsbewusstes Miteinander in unserer Gesellschaft honoriert wird.

PS: Ich spreche als Gastronom zwar für meine eigene Branche. Aber tatsächlich greift dieser Gedanke auch für viele andere vom Lockdown Betroffene: Kulturschaffende oder Veranstalter, stark regional begrenzt auch die Reisebranche, auch hier gab‘ es überzeugend gute Konzepte, die einen Ort der Begegnung, des Austausches und der Inspiration geschaffen haben, in denen eine Infektion unter Dritten unmöglich war.

Dienstag, 03.11.2020

Wir warten auf Hilfe.

Gastronomen. Kulturschaffende. Veranstalter. Die Reisebranche. Mit allen Zuliefereren. Wir alle kämpfen gerade um unsere Existenz. Und warten.

Es handele sich hierbei um keine politische Entscheidung, sagte Angela Merkel in ihrer Ansprache zum Lockdown 2.0. Es handele sich um eine Naturkatastrophe, auf die reagiert werden muss. Dem kann ich leider nicht zustimmen – denn WIE die Bundesregierung auf diese Naturkatastrophe reagiert, ist durchaus eine politische Entscheidung.

Im ersten Lockdown erschien dieser Gedanke noch legitim. Ja, es hätten schon damals deutlichere Rufe laut werden können, warum die Politik nicht schon Anfang 2020 auf eindeutige Warnsignale reagiert hat. Hätte Europa bereits im Januar ein konsequentes Einreiseverbot verhängt, wären wir jetzt nicht in der Situation, in der wir uns befinden, da bin ich mir sicher. Die Rufe wurden nicht laut, denn auch der Politik wurde menschliches Versagen eingeräumt, schließlich war die Naivität, mit der wir hier in Europa und Deutschland den ersten Vorboten der Corona-Pandemie begegneten, in allen Köpfen vorhanden. Wir Menschen der Branchen, die der erste Lockdown am härtesten traf, wir alle haben aus Solidarität die notwendigen Maßnahmen akzeptiert.

Seitdem sind 8 Monate vergangen. Von einem plötzlichen, unerwarteten Ausbruch einer zweiten Welle kann keine Rede sein – jeder von uns wusste, dass diese zweite Welle kommen würde, und pünktlich ist sie da, wie für den Herbst vorhergesehen.

„Wir sind vorbereitet“, hieß es den ganzen Sommer hinweg aus den politischen Reihen. „Wir sind vorbereitet“, ließ das Gesundheitssystem verlauten. „Es wird keinen zweiten bundesweiten Lockdown geben.“

Nun ist die zweite Welle da – und es sind keine Strategien zu erkennen, die einen zweiten bundesweiten Lockdown verhindert hätten.

Auch die Hilfspakete für die betroffenen Branchen – sie sind noch nicht geschnürt. Wir warten. 8 Monate wären viel Zeit gewesen, Pakete nicht nur zu beschließen, sondern auch schon die Formulare zu entwickeln, die Abwicklung zu definieren und die Online-Plattformen aufzusetzen. Mit einem Mausklick hätte alles aktiviert werden können – aber auch hier scheint niemand vorbereitet.

Was wir über die angekündigten Hilfen wissen, ist noch nicht viel. 75 % des Vorjahresumsatzes aus dem November sollen pauschaliert ausgezahlt werden, bei Soloselbständigen mit schwankendem Einkommen auf Wunsch auch der durchschnittliche Jahresumsatz 2019 eines Monats. Das klingt zunächst gut – aber ich betrachte die angekündigten Hilfen im zweiten Lockdown um einiges vielschichtiger, als im ersten.

Denn die Hilfen kamen im ersten Lockdown zu großen Teilen nicht an. Während die Soforthilfen wirklich zügig ausgezahlt wurden, durften sie ausschließlich dazu dienen, die Fixkosten zu decken. Das bedeutet konkret: Im Bestfall erreichte ein betroffener Selbständiger mit den Hilfen während der Lockdown-Monate ein Einkommen von 0,- EUR. Denn jeder Euro mehr wird mit der Soforthilfe verrechnet. „Wovon sollen wir dann leben?“ fragte nicht nur ich mich, sondern hunderttausende weitere selbständige Menschen, die vom Lockdown betroffen waren. „Wovon sollen wir unsere Krankenversicherung bezahlen? Unsere Rentenversicherung? Arbeitslosenversicherung? Private Miete? Essen? Strom und Wasser?“

„Von der Grundsicherung“, lautete die überzeugte Antwort der Politik. Möchtet ihr wissen, wie viele Menschen ich kenne, denen diese Grundsicherung so unbürokratisch, wie angekündigt, ausgezahlt wurde?

Keinen.

Denn die angekündigte unbürokratische Hilfe versank in den Mühlen der Bürokratie. Ich versuchte es zunächst, wie auf der Startseite der Grundsicherungs-Infopage vorgeschlagen, mit der Vorstufe der Grundsicherung namens Kinderzuschlag, die sogar mit Wohngeld hätte kombiniert werden können. Einige Wochen später erhielt ich den Ablehungsbescheid. Begründung? „Mit Kinderzuschlag, Kindergeld und Wohngeld kann der Bedarf nicht gedeckt werden.“ Übersetzt: Sie verdienen während des Lockdowns so wenig, dass wir Ihnen auch nicht helfen können.“

Parallel beantragten selbständige Freunde Harz 4 aka Grundsicherung. Was sie im Briefkasten erwartete? Ein Ablehungsbescheid. Begründung: „Wenn Sie mit Ihrem Unternehmen während des Lockdowns ein Minus erwirtschaften, ist eine Bewilligung der Grundsicherung nicht möglich.“ Übersetzt: Sie erwirtschaften während des Lockdowns keinen Gewinn? Wie schade, dann können wir Ihnen auch nicht helfen.

Die Ablehnungsbescheide wurden noch an die Spitze getrieben: Sachbearbeiter verwechselten Umsatz mit Gewinn, bescheinigten dem Antragsteller damit ein ausreichendes Einkommen und konnten selbst im erbetenen persönlichen Dialog nicht nachvollziehen, wo genau der Unterschied zwischen den beiden Größen liegt, wie mir befreundete Gastronomen berichteten.

Unfassbar. Die Vorgehensweise erinnert mich erschreckend an das berühmte „Haus, das Verrückte macht“, ihr kennt es vielleicht aus der Asterix und Obelix Reihe. Handelt es sich hier um Fehler einzelner Bearbeiter, die nicht korrekt instruiert wurden? Oder ist das ganze System „Grundsicherung“ schlicht nicht durchdacht? Erschreckend ist beides. Denn so oder so – die Hilfen kamen nicht an.

Die Grundsicherung ist kein adäquates Modell, um den Lebensunterhalt Selbständiger in den betroffenen Branchen zu sichern.

Dabei steht der Staat in der Verpflichtung. Denn wenn in der Politik beschlossen wird, dass einzelne Branchen den Kopf für eine ganze Gesellschaft hinhalten müssen, um der Naturkatastrophe Corona Herr zu werden – dann muss das solidarisch durch die Gemeinschaft aufgefangen werden.

Wenn die Regeln der freien Marktwirtschaft – mit dem Ziel der Entlastung des Gesundheitssystems – durch einen erneuten Lockdown einzelner Branchen vorübergehend außer Kraft gesetzt werden, dann ist die solidarische Gemeinschaft, vertreten durch den Sozialstaat, dazu verpflichtet, das Einkommen der Betroffenen zu sichern. Unbürokratisch. Rechtzeitig, um alle Lebenshaltungskosten zu decken. Und nein, damit ist nicht gemeint, dass Betroffene mit Hilfszahlungen 0,- EUR Einkommen erwirtschaften. Jedem direkt vom Lockdown betroffenen Mitglied unseres Sozialstaates muss solidarisch zugestanden werden, dass er mindestens ein mit den Kurzarbeiterregelungen vergleichbares Einkommens auch während des Lockdowns erhält: 60 %, gestaffelt 70 % und dann 80 % seines üblichen Einkommens. Ohne „ein Haus, das Verrückte macht“, denn die psychische Belastungsgrenze ist bereits durch den zweiten Lockdown erreicht.

Wird die versprochene Hilfe dies beachten?

Die Branchen sind skeptisch. Die Klagewelle rollt. Vielleicht kann sie dieses eine Mal noch mit klugen politischen Entscheidungen hinsichtlich der Hilfsmaßnahmen aufgehalten werden.

Montag, 02.11.2020

Fensterverkauf 2.0.
Da ist sie wieder, die ToGo-Box. So groß mein Unverständnis für diesen zweiten Lockdown ist, so groß ist die Dankbarkeit gegenüber unseren wundervollen Gästen:

Am Wochenende wurden unsere kleinen Facebook- und Instagrambeiträge tausendfach geklickt und weiterverbreitet, SocialMedia-Gruppen wie @keeperfurtalive fahren innerhalb von Minuten wieder zu Hochform auf, um virtuell aus voller Kraft zu supporten, es wurden alle Kanäle, von Facebook bis E-Mail und Anrufbeantworter, genutzt, um eine Portion in der ToGo-Box für heute bei uns vorzubestellen. Das erfüllt mich voll warmer Dankbarkeit.

Und dieses Gefühl ist wirklich wichtig. Zu wissen, dass wir uns auf unsere treuen Gäste verlassen können, ist emotional wichtiger als jedes staatliche Hilfspaket.

Natürlich wird ein kleiner Fensterverkauf nicht ausreichen, um alle Verbindlichkeiten zu decken, wenn gleich alle drei Standbeine unseres Peckham’s auf einen Schlag in den Lockdown befördert werden: Café-Bistro, Sandwich- und Suppenverkauf an externe Cafés sowie unser Bed & Breakfast, sie alle sind vom Lockdown betroffen. Die Fixkosten, wie Miete und Versicherungen bleiben bestehen, andere Verbindlichkeiten werden zu großen Teilen im Folgemonat beglichen, einem guten Oktober stehen natürlich auch entsprechend hohe Kosten für Waren und Investitionen gegenüber, die jetzt im November gezahlt werden müssen. Das kann kein Fensterverkauf stemmen – aber er hilft. In Kombination mit der geplanten neuen Hilfe des Bundes vermittelt uns der Fensterverkauf nicht nur das Gefühl, dass wir es finanziell auch durch diesen Lockdown schaffen werden – er gibt uns und unseren Mitarbeitern auch emotional die Kraft, diesen Lockdown durchzustehen.

Die angekündigten Hilfen des Bundes sehe ich in diesem zweiten Lockdown allerdings in einem deutlich vielschichtigeren Licht.

Dazu aber morgen mehr.

Freitag, 30.10.2020

Der letzte Teller.

Dann beginnt der erneute Lockdown. Die vielen Namen des neuen Lockdowns kommen wahrlich einem Euphemismus gleich. Lockdown light. Lockdown deluxe, wie der Postillon mit seinem markanten Humor titulierte und den Euphemismus wie immer satirisch an die Spitze trieb.

Denn dieser Lockdown ähnelt allzu sehr dem ersten, darüber kann eine neue Namensgebung nicht hinwegtäuschen. Die Branchen, die sich noch gar nicht vom ersten Lockdown erholt hatten, trifft es erneut. Obwohl viele Vertreter dieser Branchen einen verdammt guten Job dabei gemacht haben, den Virus mit konsequent umgesetzten Hygienemaßnahmen einzudämmen. Leider nicht alle. Es gab viele schwarze Schafe – in der Gastro genau so wie in der Kultur- und Veranstaltungsbranche.

An diesem Punkt kommen die Bundesregierung, die Ministerien, die Länder und die Kommunen ins Spiel.

Ich habe in den letzten 8 Monaten meine Corona-Hausaufgaben gemacht. Die Politik auch? Sind alle optimal auf die zweite Welle vorbereitet? Wurde konsequent die Implementierung aller erforderlichen Hygienemaßnahmen über alle Branchen hinweg forciert, damit alle bereit stehen und wissen, was zu tun ist, wenn die zweite Welle da ist?

In meinen Augen lautet die Antwort klar: Nein. Denn dann wäre ein zweiter Lockdown nicht nötig gewesen.

8 Monate waren eine lange Zeit der Vorbereitung:

Konsequente Kontrollen hätten sofort die schwarzen Schafe aller Branchen identifizieren müssen. Mit Mitteln wie Bußgeldern oder der vorübergehenden Schließung uneinsichtiger Betriebe, hätte auch der letzte Betrieb die Hygienemaßnahmen beachtet – oder wäre eben für die Zeit aus dem Verkehr gezogen worden. Wie oft wir kontrolliert wurden? Nie. Nicht ein einziges Mal. Was für ein Versäumis! Wie soll denn so sichergestellt werden, dass a) kein unlauterer Wettbewerb entsteht und b) bis zur zweiten Welle alle Hygienekonzepte aus dem ff sitzen?

Regional begrenzte, an das individuelle Infektionsgeschehen angepasste Maßnahmen wären ein guter Schritt gewesen. Aber Erfurt hatte noch nicht einmal die Chance, zu beweisen, dass das Stufensystem funktionieren kann. Denn kaum wurde die regionale Erfurter Allgemeinverfügung veröffentlicht, wurde sie schon vom bundesweiten Lockdown überrollt.

Die fehlenden Reisebeschränkungen haben einen weiteren Teil zum Lockdown 2.0 beigetragen. Wie sollte regional eingedämmt werden, wenn Reisen größtenteils nach Lust und Laune erlaubt blieb? Als kleines Gastgeschenk das Virus in der Reisetasche. Regionale Eindämmung KANN nur mit umfassenden Reisebeschränkungen funktionieren. Kombiniert mit umfassender staatlicher Unterstützung der betroffenen Reisebranche. Warum wurde dies versäumt?

Die Digitalisierung der Schulen hätte in 8 Monaten deutlich vorangetrieben werden können. Passiert ist bis auf eine sogenannte Schulcloud, in deren Nutzung bis heute weder die Schüler noch die Lehrer eingewiesen sind, meines Wissens … nichts. In der letzten Elternversammlung unserer Grundschule gab es zur Digitalisierung nur einen Konsens: Wenn DAS der aktuelle Stand der Digitalisierung ist, dann können wir alle nur hoffen, dass es an Schulen niemals zu einer Phase gelb, rot oder einem Lockdown kommen wird. Denn es ist niemand darauf vorbereitet. Wieder. Und dieses Mal hätte es Zeit zur Vorbereitung gegeben.

Womit wir wieder beim Lockdown light wären – denn neben der Öffnung des Einzelhandels ist die Öffnung der Schulen, Kindergärten & Co. der wesentliche Unterschied zum ersten Lockdown. Selbstverständlich eine große Erleichterung für alle Eltern und Kinder, die ich sehr begrüße. Aber gleichzeitig täuscht dieser light-Punkt über einen Missstand hinweg: Unser Bildungssystem ist nicht auf einen Lockdown vorbereitet und KANN gar nicht in eine strukturierte und gut durchdachte Stufe gelb oder rot übergehen, die die Bildung unserer Kinder gewährleistet.

8 Monate waren viel Zeit. Wo sind die Strategien, die uns vor einem zweiten Lockdown bewahrt hätten?

Donnerstag, 29.10.2020

Der vorletzte Teller vor dem Lockdown 2.0. Dieser Lockdown wird anders.

Während ich bis zu Letzt voll und ganz hinter allen getroffenen Maßnahmen stand, den ersten Lockdown mit eingeschlossen – diesen zweiten Lockdown halte ich für vermeidbar, auch auf aktuellem Stand der Entwicklungen.

Im März begegnete uns allen eine völlig neue Situation, auf die wir als Bürger nicht gefasst waren und die Politik – trotz frühzeitiger Warnsignale – leider auch nicht. In diesem Moment in den Lockdown zu gehen, um zunächst alle Faktoren zu sammeln, zu bewerten und geeignete Maßnahmen und Strategien zu entwickeln, war in meinen Augen völlig legitim.

8 Monate sind seitdem vergangen – der Lockdown hat seine Wirkung gezeigt, es gab Zeit durchzuatmen und sich gut für die erwartete zweite Welle ab Herbst zu rüsten. Viele Gastronomen, wie wir, haben ihren Teil dazu beigetragen, die von der Politik und eigeninitiativ entwickelten Maßnahmen umzusetzen, unter großem emotionalen wie finanziellen Kraftaufwand. Jeder gastronomische Betrieb, der die geforderten Maßnahmen implementiert hat, wurde so zu einem sichereren Ort, der Begegnung und Austausch möglich machte und gleichzeitig der Aufgabe gerecht wurde, auf die Einhaltung aller Regeln durch die Gäste zu achten. Keine leichte Aufgabe, dies mit der freundlichen Leichtigkeit des Dienstleisters, der wir sind, zu verknüpfen. Aber ich wage zu behaupten: Es ist uns gelungen. Gemeinsam mit unseren wundervollen Gästen, die volles Verständnis zeigten, alle Maßnahmen für sich annahmen und trotzdem regelmäßig zu uns kamen.

Hinter uns liegen zwei gute Monate. Die uns gezeigt haben: Wir haben alles richtig gemacht. Und wir waren uns sicher: So wird es funktionieren.

Wir haben strikt auf die Maskenpflicht geachtet, desinfiziert, Plätze reduziert und Abstände gesichert, Plexiglasscheiben montiert, Kontaktdaten gesammelt – in dem festen Glauben: So wird ein bundesweiter Lockdown nicht nötig sein – regional begrenzt, je nach Infektionsgeschehen, ja. Aber ein zweiter Lockdown wie im März – ausgeschlossen.

Gestern wurde dieser Lockdown, den es gar nicht geben dürfte, dennoch ausgerufen.

#jesuisGastronomie, kursiert gerade viral als schmerzvoller Aufschrei der Gastronomie im Netz. Und dieser Aufschrei ist wichtig – denn die immer lächelnde Gastronomie muss, ebenso wie die immer lächelnde Veranstaltungs- und Kulturbranche, ungewöhnlich deutlich darauf aufmerksam machen, was hier passiert.

Ja, der Hashtag ist unglücklich gewählt. Wenn ich ihn – auch im Austausch mit lieben Followern und lieben Gästen im Café – etwas sacken lasse, verstehe ich, dass die Verknüpfung nicht richtig erscheint – natürlich ist die aktuelle Situation in keinster Form mit einem Terrorakt zu vergleichen.

Deshalb werde ich es bei dem gestrigen kurzen Streiflicht belassen und den Feed-Beitrag aus Respekt vor der ursprünglichen Bedeutung des Hashtags aus der Timeline entfernen.

Aber was bei #jesuisGastronomie völlig korrekt mitschwingt: Es geht hier um das Sterben einer Branche. Und dieses Sterben bezieht sich nicht nur auf die Gastronomie, sondern auch auf viele andere Bereiche, beispielsweise im kulturellen Umfeld. Es geht nicht „nur“ darum, dass Menschen ihre Jobs verlieren und sich dann, wenn alles überstanden ist, einfach wieder einen neuen Job suchen. Hier geht es um Existenzen, um Lebenswerke, die einen Lockdown 2.0 teilweise nicht überleben werden.

Und es geht nicht ausschließlich um das Sterben, es geht auch um das Gefühl, überrumpelt und getäuscht worden zu sein: „Habt ihr alles richtig gemacht? Ersten Lockdown überstanden? Check! Hygienekonzept? Check! Konsequente Umsetzung des Konzepts? Check!“ Kontaktdatenerfassung unter erschwerter Umsetzung durch die DSGVO? Check!!! Fantastisch! Dann dürft ihr jetzt schließen.“ Ja, da fühlen sich viele, als seien sie aus dem Hinterhalt angegriffen worden. Insofern verstehe ich ebenso gut, wie dieser Hashtag entstanden ist, in welchem gastronomischen Betrieb er nun auch immer seinen Ursprung hatte.

Was nun ein passenderer Hashtag wäre, um die gleiche Emotion zu transportieren? Ich weiß es nicht. Vielleicht habt ihr einen passenden Gedanken.

Hätte es andere Wege gegeben, als in blindem Aktionismus Unternehmen zu schließen, die mit der korrekten Umsetzung aller Maßnahmen nicht etwa zur Verbreitung sondern zur Eindämmung des Virus beigetragen haben?

In meinen Augen definitiv ja. Aber dazu an einem anderen Tag mehr. Auf eine Box aus dem Fensterverkauf to go.

Mittwoch, 28.10.2020

Montag, 26.10.2020

Wie lange es wohl den Teller in unserem Café-Bistro noch gibt?

Freitag Früh meinte ich im morgendlichen Koch-Klatsch mit den Mädels in unserer Peckham’s Bistro-Küche: „Ich geb‘ dem Ganzen noch 2-3 Tage, dann wird Phase gelb angekündigt, wetten?“. Naja, was soll ich sagen: Ich wünsche mir selten, dass ich nicht recht habe. Aber in diesem Fall wäre es mir lieber gewesen.

Wir sind auf jeden Fall vorbereitet: Sollte es in Erfurt doch nochmal zum Lockdown kommen, starten wir wieder mit dem Fensterverkauf in der ToGo-Box. Es ist auf eine seltsame Art tröstlich zu wissen, dass uns der Fensterverkauf durch Wochen des Lockdowns bringen kann.

Aber wer weiß, vielleicht haben die Menschen auf wundersame Weise dazugelernt und es machen alle mit, bei Phase gelb, das Ziel grün vor Augen – bevor es doch rot wird?

Wir werden sehen.

Und was gibt’s nun eigentlich auf meinem geliebten Teller? Blumenkohl-Curry mit roten Linsen in Kokosmilch mit Kreuzkümmel, Tomate, Joghurt und Chutney auf Reis. Heute brauch‘ ich Kohlenhydrate, auf den Schreck.

Was bisher geschah … Das Corona-Diary 1.0 aus dem ersten Lockdown findest du hier.

Empfohlene Artikel