Corona Diary 2.0 – auf eine Box to go.

Samstag, 28.11.2020

Wie schön, dass so viele von euch von Insta mit rüber gekommen sind, auf meinen Blog. Ich kann hier zwar nicht mehr sehen, wer mitliest, aber ich kann an euren Zugriffszahlen auf diesen Beitrag sehr gut erkennen, dass so viele von euch da sind. Ich danke euch, dass ihr das Interesse habt, mich noch eine Weile durch diesen zweiten Lockdown zu begleiten und mit mir gemeinsam über den Tellerrand hinauszuschauen.

Wie geht es euch? Ich merke, wie eine seltsame Ruhe in mir einkehrt. Wenn ich durch die Straßen Erfurts spaziere, um mit Maske so gut frische Luft zu schnappen, wie es eben geht, spüre ich diese Ruhe auch in den Straßen.

Ich sehe Einzelhändler durch die Schaufensterscheiben, neben gut gefüllten Regalen, aber sie stehen in ihren Läden allein – an einem Samstagnachmittag. Das Reisebüro daneben ist dunkel – dabei hatte es vor 8 Wochen erst wieder aufgemacht.

3 Künstler durchbrechen für den Moment des Vorbeilaufens die Stille und spielen virtuos Weihnachslieder, ich vermute Mitglieder eines Ensembles, das gerade nicht in den großen Häusern spielen kann. Im vorbildlichen Abstand zueinander von mehr als 2 Metern und trotzdem in perfekter Harmonie, es gelingt ihnen ganz wunderbar, alle Hygienemaßnahmen umzusetzen und den Menschen dennoch ein wenig Inspiration mit auf den Weg zu geben. Ich muss spontan an den Satz von Bundestagsmitglied Bartsch denken, der vor wenigen Tagen ganz treffend mit Blick auf die hervorragenden Hygienekonzepte der Kulturschaffenden bemerkte: „Jedes Theater hat sich besser auf den Corona-Winter vorbereitet als die Bundesregierung.“ Sie wurden dennoch geschlossen. Am Freitag hätte ich im Theater Erfurt mein Corona Diary aus dem ersten Lockdown präsentiert, im literarischen Gespräch mit Máté Sólyom-Nagy, der die Plattform #keeperfurtalive ins Leben gerufen hatte. Es ist paradox: Ohne Corona hätte es diese Lesung nie gegeben. Mit Corona aber auch nicht.

In Cafés, Restaurants, selbst in vielen Imbissen ist kein Licht zu sehen, viele haben ihren Fensterverkauf wieder eingestellt. Ja, unser Fensterverkauf unter der Woche funktioniert. Wir haben unfassbar großes Glück, dass unsere Gäste uns durch diese Zeit begleiten, es fühlt sich an, wie ein kleiner Kokon aus Solidarität, in den sie uns hüllen, jede Bestellung ein Lichtblick, der uns die Sicherheit gibt, durch diese Krise kommen zu können. Aber was ist mit all den anderen? Die nicht schon seit jeher mit einem bewährten Vorbestellsystem arbeiten, deren Gäste nicht regelmäßig auf ihr tägliches Mittagessen vorbeischauen? Oder denjenigen, die gar nicht die Möglichkeit für einen Fensterverkauf haben? Selbst wir bangen darum, ob die Abschlagszahlung der Novemberhilfe rechtzeitig kommt, am Dienstag ist die Miete fällig und die Einnahmen aus dem Fensterverkauf haben noch nicht einmal gereicht, um alle Kosten aus dem Oktober zu decken, die im November fällig waren. Die Hilfen lassen auf sich warten, das Formular wurde vom Bundesministerium erst diese Woche für die Steuerberater freigeschaltet, die Bearbeitung wird dauern. All das wäre durch eine langfristige, vorausschauende Planung vermeidbar gewesen. Ja, schon allein der Lockdown selbst. Aber auch die große zeitliche Lücke in der Finanzierung, die viele zwingt, auf kostenintensive Dispokredite zurückzugreifen. Selbst wenn den Planenden kein anderes Mittel, als ein erneuter Lockdown, adäquat erschien, dann hätte doch wenigstens dieser Lockdown vorausschauend geplant werden müssen. Dass das Prozedere für die Novemberhilfe erst Ende November definiert ist, ist mehr als ein Indiz dafür, dass der Lockdown kein Teil vorausschauender Strategien war.

Dabei ist der Virus so erstaunlich berechenbar, dass Satireblätter bereits formulieren: „Viele selbsternannte Experten hätten gerne recht. Drosten lieber nicht.“ Aber er hatte recht. Die zweite Welle kam im Herbst mit der Stärke wie vorhergesagt. Auch die Bevölkerung reagiert nahezu berechenbar unberechenbar, es war schon im ersten Lockdown und im Sommer abzusehen, dass sich eine Mehrheit, aber eben bei weitem nicht alle an die Maßnahmen halten würden. Selbst dieser Faktor kann zuverlässig in die Planungen einbezogen werden, Forscher kalkulieren bereits gut durchdachte Szenarien durch und sind sich in den wesentlichen Eckpunkten sehr einig. Was also spricht gegen eine langfristig geplante Strategie?

Am Mittwoch wäre die große Chance gewesen, nachzuholen, was bisher versäumt wurde. Natürlich, die aktuellen Beschlüsse von Bund und Ländern umfassen nichts Unerwartetes. Aber ich vermisse nach wie vor die langfristige Strategie. Erneut wird nur reagiert, für den Zeitraum von vier Wochen, statt vorausschauend agiert für den Zeitraum bis März. Denn danach werden die Zahlen mit steigenden Temperaturen von Natur aus beherrschbarer werden.

Wir alle brauchen eine Möglichkeit der Planung. Nicht nur wir Gastronomen, sondern alle Kulturschaffenden und weitere Branchen, die zur Zeit nicht wissen, wie es weitergeht. Statt dessen heißt es:

‚Nochmal vier Wochen Lockdown, dann feiern wir alle mal schön mit 10 Personen aus 5 Haushalten und 8 Kindern oben drauf Weihnachten und dann schaumer mal, gell?‘

Ich nehme die Enttäuschung nicht nur bei mir wahr, überall um mich herum fragen sich die Menschen die gleiche Frage, beim Schwatz auf dem Wochenmarkt, beim Warten vor Schule und Kindergarten: Wo bleibt die Strategie? Die Perspektive? Die langfristige Planung?

Oder gibt es sie bereits und sie wird nur nicht kommuniziert? Das wäre meine kleine Hoffnung. Sollte es so sein: Ich denke, wir alle sind mit der Krise gewachsen und sind für eine Kommunikation auf Augenhöhe bereit. Wir alle wissen, dass diese Pandemie uns mindestens bis in die wärmeren Monate hinein noch in den Ausnahmezustand versetzen wird. Wie lautet die Strategie für die nächsten Monate?

Wir alle brauchen Perspektiven.

Mittwoch, 25.11.2020

Ich weiß nicht, ob ihr es hier auf meinem Blog wisst: Den Ursprung nahm mein Corona Diary auf Instagram. Dort postete ich vor Corona bereits seit Jahren jeden Tag meinen Teller mit Rezepttipps und Inspirationen. Bis der erste Lockdown kam und es mir schlicht unpassend, ja völlig fehl am Platz, erschien, über geschwenkte Möhren und Süßkartoffelstampf zu schreiben. Als mein Teller der To go Box im Fensterverkauf wich, wichen auch meine Rezepttipps auf Instagram diesem Corona Diary.

Ich schreibe heute mein Corona Diary das letzte Mal auf Instagram. Denn mit Verlängerung des Lockdowns ist es sicher, dass dieses Projekt noch eine ganze Zeit in Anspruch nehmen wird.

Parallel sprudeln die Ideen, Krisenzeiten können erstaunlicherweise auch viel Schönes hervorbringen, sie fördern ungemein die Kreativität und den Einfallsreichtum der Menschen.

Überall um mich herum entstehen neue Ideen, neue Konzepte, Produkte und Läden. In unserer Pergamentergasse eröffnete diese Woche ein zauberhafter kleiner Laden für besondere Geschenkideen mit Gutscheinen von Künstlern und anderen Kulturschaffenden für die Zeit nach der Krise, ins Leben gerufen von der Inhaberin einer Eventagentur, deren Aufträge vollständig weggebrochen waren. Sie reagierte schnell und kreativ und ließ diesen neuen Laden entstehen. Andere funktionieren sich ebenfalls zum Geschenkeshop um, gastronomische Betriebe verkaufen statt Speisen schöne regionale Kleinigkeiten, die ein wenig Weihnachtsstimmung aufkommen lassen.

Auch in mir wächst Platz für viele neue Ideen:

Ich tüftele gerade an Gewürzmischungen, die bei uns und bald auch in vielen der kleinen lokalen Geschenke-Pop-up Stores verkauft werden. Ich habe ein Punsch Rezept entwickelt, das alkoholfrei in unserem Fensterverkauf ein wenig wohlige Wärme verbreitet und habe ihn „Feel Good Punsch“ getauft – ich teile hier bald das Rezept mit euch. Und wir backen Kuchen. Ganze Kuchen auf Vorbestellung, damit es sich unsere lieben Gäste mit ihrem Lieblingskuchen zu Hause gemütlich machen können. Wir haben diese Woche damit gestartet und es wird so wunderbar angenommen, dass es wirklich eine Freude ist. Während ich mich Vormittags über die wohltuende Beständigkeit unserer Mittagsrezepte freue, die ich nach wie vor täglich in meiner geliebten morgendlichen Routine für unsere Gäste im Fensterverkauf koche, backe ich gerade Abends ganz Neues, Lebkuchen zum Beispiel, und entwickle ein neues Rezept ganz ohne Mehl und passend für viele Ernährungsformen

Diese Ideen brauchen Platz – und deshalb habe ich beschlossen, Ihnen diesen Platz in meinem Instagram-Feed wieder frei zu räumen.

Der Instagram Algorithmus wird sich freuen – denn mehrteilige Corona Diary Beiträge passen so gar nicht in sein Konzept. Ich bin wirklich dankbar, dass meine Instagram-Follower trotz des ungewöhnlichen Experiments dabei geblieben sind, es sind sogar stetig mehr Follower dazu gekommen, was ich in dieser Zeit kaum erwartet hätte. In dem schnelllebigen Medium Instagram ist das nicht selbstverständlich.

Wenn ihr Lust habt, mich weiter auf meiner Reise mit Szenen aus dem realen Leben eines Gastronomen in dieser Pandemie zu begleiten, dann besucht mich gerne hier auf meinem Blog.

Ich werde, neben den vielen sprudelnden Ideen, an dieser Stelle weiterschreiben. Nicht mehr täglich, denn der verlängerte Lockdown wird nur hier und da neue Entwicklungen mit sich bringen. Aber immer dann, wenn ich eine neue Entwicklung spüre und sie in diesem kleinen Experiment ‚Zeitkapsel‘, auf dem ihr mich begleitet, gerne bewahren möchte.

Dienstag, 24.11.2020

Morgen ist der große Tag. Der Mittwoch, an dem verkündet wird, was wir alle schon wissen: Der Lockdown 2.0 wird verlängert. Mindestens bis 20. Dezember. Wie soll es auch anders sein, bei den stetig steigenden Zahlen. Wirklich überrascht sind da die Wenigsten.

Trotzdem habe ich mich am vergangenen Wochenende fast verschluckt, als die Eilmeldung in meinen Handyfeed gespült wurde. Denn die Headline lautete:

„Mittwoch wollen Bund und Länder eine längerfristige Strategie erarbeiten, wie Deutschland durch den Corona-Winter kommen soll.“

Und ich frage mich: Jetzt?!
Haben die politischen Entscheidungsträger denn die Sommermonate nicht genutzt? Erarbeiten sie tatsächlich jetzt, Ende November eine Strategie für diese Herbst-Wintersaison – frei nach dem Motto, lieber zu spät als nie?

Es deutete sich schon Ende Oktober an – um es sanft zu formulieren – dass eine durchdachte Strategie für diese erwartete zweite Welle fehlte. Obwohl die zweite Welle bereits seit Frühjahr prognostiziert wurde. Obwohl die drastisch steigenden Zahlen in der kühlen Jahreszeit auf der Hand lagen und schon lange vorhergesagt wurden. Obwohl bekannt war, dass ein Impfstoff frühestens zum Start ins neue Jahr vorliegen wird.

Ja, ich halte viel von unserem politischen System hier in Deutschland. Und dementsprechend hoch ist meine Erwartungshaltung. Ich war mir sicher, dass in den 8 Monaten seit Beginn des ersten Lockdowns unaufhörlich und mit großer Anstrengung an langfristigen Strategien gearbeitet wurde, die uns mit gut durchdachten Maßnahmen durch diese zweite Welle im Winter bringen werden. Dass die Implementierung dieser Strategien bereits seit Sommer im Hintergrund erfolgt, dass Bund, Länder, Ministerien, Kommunen und Ämter – mit den nötigen Instrumenten ausgestattet und geschult – wissen, welche Möglichkeiten sie haben, gezielt und vorausschauend auf das Infektionsgeschehen einzuwirken.

Statt dessen wird diese Strategie jetzt erst erarbeitet. Ende November, inmitten der großen Welle, in der nur noch Reaktion anstatt Aktion möglich ist.

Die Gesellschaft wird damit zum Spielball der Pandemie. „Ping Pong Lockdown“, begegnete mir erst kürzlich als neuer Begriff für dieses Corona-Spiel. Den Schläger hält allerdings nicht der Staat, sondern das Virus selbst.

Ein gefährliches Spiel, vor allem wenn es, wie zur Zeit, auf dem Rücken einzelner Branchen ausgetragen wird, die die Last allein kaum stemmen können, während die Mehrheit staunend am Rand steht.

Ja, ich hatte mehr erhofft. Und vor allem rechtzeitig.

Jetzt bleibt nur noch, das bereits laufende Spiel anzunehmen, bis es zu Ende gespielt ist. Und dann? Eine neue Partie „Ping Pong Lockdown“ werden die wenigsten akzeptieren.

Umso gespannter bin ich auf morgen. Wenn es der Politik gelingt, wenn auch spät, langfristig und vorausschauend durchdachte Strategien zu kommunizieren und umzusetzen, dann ist morgen wirklich ein großer Tag.

Montag, 23.11.2020

Das Leben ist wahrlich verrückt.

Es passieren gleichzeitig so schöne Dinge, dass ich vor Freude die ganze Welt umarmen möchte (wenn ich es denn dürfte).

Und fast im selben Moment verschlucke ich mich fast an meinem Mittagessen in der Togo-Box, wenn ich die aktuellen Nachrichten lese.

Aber wisst ihr was? Heute freue ich mich einfach über die Good News. Denn die haben nichts mit Corona zu tun. Sondern mit Plätzchen. Die backe ich heute mal im ZDF.

Habt ihr auch Lust auf ein bisschen Plätzchen-Eskapismus? Dann schaut in der ZDF Mediathek vorbei, im Magazin Drehscheibe widme ich mich den schönen Dingen des Lebens. Mit Alternativmehlen – ein kleiner Ausflug in meine Küche und eine kleine Welt mal ganz ohne Corona.

Ja, und mit den anderen News, da lasse mir einfach ganz entspannt Zeit bis morgen.

Plätzchen-Eskapismus kann so schön sein.

[etwas später]

Wow, da sind ja jetzt in wenigen Sekunden so viele neue Follower hier dazugekommen, dass ich euch einfach allen mal Hallo sagen möchte:

Herzlich willkommen in meiner Küche, ihr Lieben. Ich freue mich riesig über die Resonanz… was so ein zauberhafter kleiner Fernsehbeitrag so alles bewirken kann.

Ich bin im normalen Alltag Küchenchef in meinem eigenen kleinen Bistro-Café in Erfurt, entwickle flexible Rezepte für verschiedenste Ernährungsformen, schreibe Kochbücher und blogge leidenschaftlich gerne Rezepte auf meinem issdichgluecklich.blog.

Normalerweise.

Wundert euch daher nicht – zur Zeit ist in meiner kleinen Welt Ausnahmezustand, ich stecke als Gastronom mitten im Lockdown 2.0 und kann mein Essen nur noch in der To-Go-Box aus dem Fenster verkaufen. Im Lockdown 1.0 habe ich damals ein kleines Experiment gestartet und meine lieben Follower mitgenommen, auf meiner ganz persönlichen Reise durch diese außergewöhnliche Zeit. Entstanden ist daraus mein erstes Buch, das kein Kochbuch ist: Mein „Corona Diary“ , das ich sogar in diesem November im Theater Erfurt hätte präsentieren dürfen.

Aber dann kam der Lockdown 2.0.

Wenn ihr Lust habt, dann begleitet mich durch diese außergewöhnliche Zeit aus der Perspektive eines Gastronomen – bis ich dann wieder in den Alltag und die schöne Welt der Rezepte zurückkehre. Zwischendrin verrate ich euch auch jetzt im Ausnahmezustand immer mal ein paar schöne Rezeptideen. Aber vorübergehend auch noch so einige Gedanken mehr. Täglich auf eine meiner Fensterverkauf-Boxen to go.

Freitag, 20.11.2020

Der Gedanke geht mir seit gestern nicht mehr aus dem Kopf: Corona als Brennglas für die Missstände in unserer Gesellschaft.

Was mich anhaltend grübeln lässt: Diese Missstände sind nicht vorübergehender Natur. Sie waren schon vor Corona da. Und sie werden auch nach Corona noch bleiben.

Der einzige Unterschied: Die Missstände werden plötzlich so sichtbar wie nie.

Das Leben vor Corona ermöglichte es uns, bequem so Vieles auszublenden, das jetzt, während Corona, offensichtlich wird. Corona verändert unseren Blick auf die Welt, wie eine Brille, die Unsichtbares zu Tage treten lässt.

Habt ihr Menschen vor Corona beim Vorbeilaufen an der Nasenspitze angesehen, dass sie ignorant sind? Dass Solidarität für sie bleiben kann, wo der Pfeffer wächst? Nein? Ich auch nicht, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Corona-Brille macht es plötzlich offensichtlich: Es ist einfach auf den ersten Blick zu erkennen, wer in der vollen Innenstadt Maske trägt oder auf Abstand achtet und wer nicht. Wer sie im Einzelhandel unter Nase und Kinn zieht und wer nicht. Wer sie im Nahverkehr aufsetzt und wer nicht. Wer jeden Tag auf’s neue im Supermarkt über die Maskenpflicht diskutiert und wer nicht. Ich bin in Zeiten vor Corona gerne durch die Innenstadt gelaufen. Mit der Corona-Brille ist es momentan aber einfach zu bedrückend. Denn es ist nicht vereinzelte Ignoranz, die sie enttarnt. Es betrifft so unfassbar viele, dass mir jeder Spaziergang die Kehle zuschnürt. Und ich frage mich: Werde ich nach Corona mit dem gleichen, offenen, unvoreingenommenen Blick durch die Erfurter Straßen laufen können, wie zuvor?

Habt ihr vor Corona gesehen, welche Missstände in unserer Kulturlandschaft herrschen? Unter welchen prekären Arbeitsbedingungen Kulturschaffende aller Art häufig leben? Arbeitsbedingungen, die schon zu normalen Zeiten kaum ein Überleben möglich machen, Arbeitsbedingungen, die – genährt von Idealismus und Glauben an Kunst und Kultur ebenso wie von Freiheitsliebe und dem Gefühl der Selbstverwirklichung sowie die Chance auf ein wenig Ruhm – akzeptiert wurden, aber in Wahrheit völlig inakzeptabel sind? Die Corona-Brille fördert es zu Tage.

Und was mindestens ebenso schwer wiegt: Kulturschaffende, die genährt von der Begeisterung und Wertschätzung ihres Publikums diese prekären Arbeitsbedingungen auf sich genommen haben, spüren: Wenn’s darauf ankommt, ist von der Begeisterung und Wertschätzung ihres geliebten Publikums oft nicht mehr viel zu spüren. Auch das fördert die Corona-Brille zu Tage – und schmerzt mehr, als jeder finanzielle Verlust. Wird dieser Schmerz nach Corona einfach wieder verschwinden?

Habt ihr vor Corona gesehen, wie viele Menschen empfänglich sind für Verschwörungsmythologien? Die Corona-Brille macht es sichtbar: Zu Tausenden stehen sie dicht gedrängt auf Demonstrationen, um gegen Mikrochips, Zwangsimpfungen und Ermächtigungsgesetze zu demonstrieren, die gar nicht existieren, fliehen vor dem angeblich mit Impfstoff versehenen Sprühregen der Wasserwerfer, aber postieren Kinder als Schutzwall gegen eben jenen. Heißen Feinde der Demokratie in ihrem Kampf um demokratische Rechte herzlich willkommen und flankieren Fähnchen und Luftballon schwenkend Rechtsextreme, Reichsbürger und andere Gruppierungen, bei ihrem Versuch, unsere demokratische Gesellschaft ins Wanken zu bringen. Wird die Fassungslosigkeit, die diese Szenen hinterlassen, nach Corona wieder verblassen?

Oder wird all das und so viel mehr nachhaltig im Gedächtnis haften bleiben?

Vielleicht.

Aber, und das ist die gute Nachricht: Wenn Missstände zu Tage gefördert werden und sichtbar bleiben, dann ist das der erste Schritt, ja die große Chance, an dem ein oder anderen Missstand zu arbeiten. Ich bleibe eben, trotz Corona-Brille, ein unverbesserlicher Optimist. Auch das fördert sie zu Tage.

Donnerstag, 19.11.2020

Wie sehr wünschte ich, dass es fake wäre. Ich habe lange online recherchiert, in der Hoffnung, dass das, was ich im Facebook-Feed las, nicht wahr ist. Oder wenn es wahr ist, dass es dann wenigstens nicht in die Tat umgesetzt wurde.

Ich wurde in beiden Punkten enttäuscht.

Die Meldung ist wahr. Und es wurde in die Tat umgesetzt: Kinder wurden gestern in Berlin als menschliche Schutzschilde in die erste Reihe der demonstrierenden Masse aus Querdenkern, Verschwörungsmythologen, Verschwörungsgläubigen, Impfgegnern, Rechtextremen und Reichsbürgern gestellt. Von ihren eigenen Eltern. Der Aufruf lautete in der Telegram Gruppe „Berlin 18.11.2020“ im Wortlaut:

„Also, wir von Elternstehenauf ❤ ❤ ❤ haben jetzt beschlossen, eine bunte kinderfront vornweg zu schicken. MIT ROTEN HERZLUFTBALLONS! Achtet morgen auf die roten herzluftballons in der Nähe vom Bundestag! Dort seid ihr vor Wasserwerfern sicher. Die Kinder werden uns mit ihrem Licht und ihren reinen Herzen beschützen, so wie wir sie vor dem Impfen beschützen. Kommt alle zu den roten herzchenluftballons. morgen! Egal ob Nazi, hool oder andere Gruppierungen! Jeder ist willkommen…“

Verfasser und Text sind zwischenzeitlich gelöscht. Doch der Screenshot kursiert an verschiedenen Stellen im Netz, mehrere Mitglieder der Telegram Gruppe hatten vor Verschwinden des Posts einen Screenshot erstellt. Nachzulesen ist er auch auf der Website von „Eltern stehen auf“, einem Elternnetzwerk gegen Impfung, Abstand und Maskenpflicht, deren Mitglieder in verschiedenen Telegram-Gruppen bundesweit miteinander kommunizieren – sie distanzieren sich in aller Form von dem Post. Aber auch das Elternnetzwerk kann durch die Distanzierung nicht ungeschehen machen, dass dieser Post von einem Mitglied ihres Netzwerks verbreitet wurde. Und vor allem können sie nicht ungeschehen machen, dass die Kinder wirklich dort standen, vor dem Polizeiaufgebot und als Schutzschild in der ersten Reihe postiert wurden, wie eine kleine Kinderfront.

Die Eltern, die ihre Kinder dort hingestellt haben, scheinen paradoxerweise trotz anhaltender Proteste ein großes Urvertrauen in unseren Rechtsstaat zu haben. Und tatsächlich: Die Polizei bewies, dass sie mehr Verstand und Herz hat, als die Eltern selbst, und schützte die Kinder nach allen Kräften – so wurden die Wasserwerfer als Sprinkleranlage umfunktioniert und weit über die Kinderfront hinweg gen Himmel gerichtet, in der Hoffnung, die Menschenmenge der bereits wegen Missachtung der Mindestabstände und Maskenpflicht für beendet erklärten Demonstration wenigstens durch unangenehmen Nieselregen auflösen zu können. Ich verfolge die Bilder auf http://www.tagesschau.de (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-784421.html), als der Reporter vom Rundfunk Berlin Brandenburg live über die Kinder in der ersten Reihe berichtet – und bin fassungslos.

Ja, es wurde mehrfach gesagt: Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas für gesellschaftliche Missstände. Aber welche unfassbaren Ausmaße diese Missstände annehmen würden – es macht mich zum ersten Mal seit Langem sprachlos.

Mittwoch, 18.11.2020

Heute gönne ich mir etwas ganz Verrücktes: Zeit.

Bis morgen, ihr Lieben.

Dienstag, 17.11.2020

Zwischenstand.

Während Kanzleramt und Ministerpräsidenten in aufgeheizten Videokonferenzen ein Zwischenfazit ziehen und beschließen, nichts zu beschließen, da über Empfehlungen hinaus keine Einigkeit besteht, lasse ich auf meine kleine Box to Go auch mal die vergangenen 2 Wochen Revue passieren.

Die Zahlen, sie stiegen in den vergangenen zwei Wochen unaufhörlich, sie liegen auf heutigem Stand bei 815.746 in Deutschland. In diesem einen Monat werden, so die aktuelle Prognose, so viele Neuinfektionen gezählt werden, wie in den vergangenen 9 Monaten zusammen. Ja, die Zahlen stiegen nicht exponentiell, hier und da zeigte der Lockdown light eine lighte Wirkung, die Kurve verlangsamt durchaus ihre Steigung. Jedoch bei weitem nicht genug.

Während sich nun einige fragen, allen voran das Kanzleramt, ob die getroffenen Maßnahmen des Lockdown light einfach zu light waren und ob zügig mit noch strengeren Beschränkungen nachgelegt werden muss, stelle ich mir seit Beginn dieses zweiten Lockdowns eine ganz andere Frage:

Hat der Lockdown light überhaupt an den richtigen Stellen angesetzt?

War es richtig, ganze Branchen – Kulturschaffende, von Künstlern bis Veranstaltern, Kreativwirtschaft und Gastronomen – über einen Kamm zu scheren und unabhängig von Qualität und konsequenter Umsetzung ihrer Hygienekonzepte zu schließen? Diese Branchen haben die Kraft, Orte der Begegnung zu schaffen, die bei der Pandemiebekämpfung mehr Sicherheit geben, als das private Umfeld. Sie haben die Kraft, als Verbündete im Kampf gegen diese Pandemie sichere Bedingungen zu schaffen, die ein dringend notwendiges Mindestmaß an Normalität, wirtschaftlicher Stabilität, Begegnung, Austausch, Kultur möglich machen. Das ist es, was ich unter einer „neuen Normalität“ in Pandemiezeiten verstehe, eine „neue Normalität“, die der Psyche des Menschen ebenso wie der Marktwirtschaft und gleichzeitig auch der Stabilität des Gesundheitssystems im Rahmen des Möglichen gerecht wird.

Aber ich sollte besser sagen: Sie hätten diese Kraft gehabt.

Denn als der erwartete Fall eintrat, für den sich die vorbildlichen Betriebe in den vergangenen 8 Monaten intensiv gewappnet hatten – die steigende zweite Welle im Herbst – als alles vorbereitet und gut eingespielt war, für den gemeinsamen Kampf gegen die Pandemie: Da wurden sie geschlossen. Statt gesicherter Begegnung auf Abstand mit Maskenpflicht und umfassendem Hygienekonzept, verlagerte sich die Begegnung verstärkt in den privaten Raum ohne jede Kontrolle. Wer von euch seit Anfang an hier mitliest, kennt diese Zeilen – ich hatte den befürchteten Effekt bereits auf einen letzten Teller im noch geöffneten Café-Bistro beschrieben, bevor der Lockdown in Kraft trat. Es war keine Vorhersehung – es lag schlicht in der Natur der Dinge.

Kopfschüttelnd nahm ich den aktuellen Beschluss des Gerichts zur aktuellen Klagewelle der Gastronomie hier in Thüringen zur Kenntnis. Die Sammelklage wurde abgelehnt. Begründung: Die Schließung der Gastronomie sei rechtmäßig, da damit tatsächlich Kontaktbeschränkungen durchgesetzt werden. Natürlich. Das ist wahr. Aber ich möchte diesen Gedanken gerne zu Ende denken: Der Kontakt, der nicht mehr im sicheren Umfeld des gastronomischen Betriebes erfolgt, fiel dann nicht etwa aus. Nein, er wurde – ohne Hygienemaßnahmen – ins private Umfeld verlagert. So ist es kein Wunder, dass die Zahlen unaufhörlich weiter steigen.

Ob ich folglich dafür plädiere, diesen Lockdown zu beenden? Nein, keinesfalls. Denn jetzt ist es zu spät. Es wird keine andere Lösung mehr geben können, als in einen härteren Lockdown zu gehen, der verstärkt dort ansetzt, wo er wirklich Wirkung zeigt: im privaten Umfeld. Auch wenn sich Ministerpräsidenten und Kanzleramt diese Woche nur auf Empfehlungen verständigt haben, ist klar: Die neue Verfügung für Dezember wird nicht etwa Lockerungen enthalten, wie sollte sie auch – der Lockdown wird fortgeführt werden und verpflichtend um die umfassenden Kontaktbeschränkungen erweitert, die bisher nur als Empfehlungen formuliert wurden. Anders ist die Lage wohl kaum noch unter Kontrolle zu bringen.

Ich bin ein pragmatischer Mensch – Pragmatismus ist, neben der realistischen Betrachtung der Lage, für mich persönlich der Schlüssel zu meiner immer noch optimistischen Haltung. Nein, ich bin nicht begeistert von diesem Lockdown 2.0, den es meines Erachtens niemals hätte geben dürfen – aber um eine kleine Metapher aus den Grundregeln des Straßenverkehrs zu bemühen: Wenn die Fußgängerampel auf deinem Weg über die Straße auf rot springt, dann laufe nicht zurück, sondern gehe zielgerichtet bis zur anderen Straßenseite. Mit der Ampel auf rot ist es der einzig pragmatische Weg, diesen Lockdown zielgerichtet zu Ende zu bringen, und zwar so lange, bis die Infektionswelle tatsächlich wieder auf ein kontrollierbares Maß eingedämmt werden konnte.

Und dann? Stehen wir wieder auf Start. Während ich mir bis zum enttäuschenden politischen Spielzug im November sicher war, dass „neue Normalität“ während der Pandemie keinesfalls einen erneuten Lockdown bedeutet, kann ich mittlerweile nur noch hoffen, dass der nächste Spielzug besser wird. Mischt die Karten neu. Und bedenkt, dass wir Kulturschaffenden aller Art, die sichere Begegnung, Austausch und Inspiration während der Pandemie möglich machen, euer Ass im Ärmel sein könnten.

Montag, 16.11.2020

Mal was zum Lachen. Lachen ist ja schließlich gesund. Und Gesundheit können wir alle gebrauchen. Vor allem in Zeiten wie diesen.

Habt ihr die neuen Videos der Bundesregierung schon gesehen? Ich kenne bislang zwei: Ein Herr gesetzten Alters, im zweiten Video in Begleitung seiner Ehefrau, berichtet rückblickend von seinen Heldentaten, aus dem Jahr der Pandemie.

Er erinnert sich an den Winter 2020, als er all seinen Mut zusammennahm und das tat, was von ihm erwartet wurde. Das einzig Richtige.

Er tat … nichts.

Cut. Rückblende. Wir sehen den Herrn als jungen Studenten auf dem Sofa, als Couchpotato par excellence. Mit Fernseher, Chips, Cola bewaffnet ist er einer der großen Helden des Winters 2020, bei der Bekämpfung der zweiten Welle dieser Pandemie.

Ich habe mich köstlich amüsiert. Wirklich. Gelungene Videos. Fein pointierter Humor. Liebe Agentur, das habt ihr richtig gut gemacht. Ich konnte wirklich, so schwer die aktuellen Zeiten sein mögen, herzhaft lachen.

Allerdings nicht lange: Denn diese Videos fokussieren sich auf den Teil der Gesellschaft, der weder größere finanzielle Einbußen hat, noch Kinder. Dann, aber nur dann, ist das wirklich witzig.

Aber tatsächlich, es wäre schon viel geholfen, wenn diejenigen, die die gleichen Möglichkeiten haben wie die dargestellten Hauptakteure, sich komplett ihrer Heldenrolle ergeben. Da machen die Videos wirklich Sinn, um diese simple wie einleuchtende Message rüberzubringen.

So. Und jetzt, liebe Agentur, könnt ihr aber mal zeigen, was ihr so drauf habt, wenn wir über weitere Teile der Gesellschaft reden.

Macht das auch mal in lustig, ja?

Den Corona-Alltag von Eltern zum Beispiel. Ganz klassisch mit 2 Kids, okay? Oh oh, lasst uns den Schwierigkeitsgrad noch erhöhen: Im Homeschooling. Erste und vierte Klasse. Was darf nicht fehlen? Homeoffice, natürlich, für beide Elternteile. Das wird ein spaßiges Video. Zoom-Konferenz mit der Abteilung plus Chef, Präsentationsabgabe: morgen. In einer 3-Zimmer-Wohnung. Mit nur einem PC.

Oder, oder: Die Inhaberin eines kleinen Lädchens, alleinerziehend mit Kleinkind. Kita hat leider gerade wegen Corona-Ausbruch geschlossen. Großeltern kommen wegen Infektionsrisiko nicht in Frage – keine Betreuung. Kein Laden. Also ist er dicht. Mama sitzt mit Kind beim Memory-Spielen am Küchentisch, daneben die Rechnungen ausgebreitet. Miete für den Laden, fällige Rechnung Wareneinkauf des Vormonats. Daneben die Unterlagen für die privaten Kosten, Miete, Versicherung. Was darf auf dem Stapel nicht fehlen? Ah ja, die Ablehnungsbescheide. Novemberhilfe? „Leider ist ihr Geschäft von den getroffenen Maßnahmen nicht direkt betroffen. Eine Bewilligung der Novemberhilfe ist daher nicht möglich.“ Daneben: Kinderzuschlag. Ablehnungsbescheid. Daneben: Grundsicherung. Ablehnungsbescheid. Daneben der Stapel Unterlagen für den Widerspruch. „Mama! Du bist dran! Mama? Lass uns spielen!“

Ach, Mensch, den Möglichkeiten der #besonderehelden sind ja schier keine Grenzen gesetzt. Die Liste lässt sich unendlich weiterführen. Habt ihr noch ein paar Vorlagen für die Agentur auf Lager?

Und dann macht ihr, liebe Agentur, damit auch ein paar schöne Videos. Mal bitte auch in witzig.

Damit wir alle schön lachen können, ja?

Freitag,13.11.2020

Heute ist mein Geburtstag.

Geburtstag hat etwas magisches, auch in diesen schweren Corona-Zeiten. Denn Geburtstag hat die Kraft, uns Menschen für den Moment mit einer Schutzhülle zu umgeben, durch die nur Gutes zu uns durchdringt. Wenn es einen Tag gibt, an dem ich dieses wohlige, verlockende Angebot gerne annehme, mich nur auf das Schöne zu fokussieren, dann heute. Und ich fühle, wie sich warme Dankbarkeit in mir ausbreitet.

Dankbarkeit, dass ich von so vielen wundervollen Menschen umgeben bin.

Meine Kinder und mein Mann, die mich morgens mit selbstgebackenen Parmesanchips überrraschen, weil ich Käse so viel mehr liebe als Kuchen und Torten. Die selbstgebastelte Karte neben dem Bauernstrauß ist mit Bedacht gewählt – das aufgeklebte Foto hatte ich im Thüringer Wald dieses Jahr selbst geschossen, ohne mir seiner symbolischen Bedeutung bewusst zu sein. Da sitzen sie, meine Kinder und mein Mann, und zeigen auf dem Bild ins Licht. Und ich spüre: Gemeinsam haben wir die Kraft, auch aus diesen Zeiten das Beste zu machen und unseren Weg zu gehen.

Meine Eltern, die mir die liebevolle Gewissheit geben, immer für mich da zu sein. Die mir alles mitgegeben haben, das ich brauche, um unsere Welt zu verstehen und meinen ganz eigenen Weg in ihr zu gehen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich dennoch immer auch Kind bleiben darf, selbst in Zeiten wie diesen. Denn kindliche Geborgenheit birgt sehr viel Kraft in sich. Jeden Tag lesen auch meine Eltern diese Zeilen hier mit und begleiten mich auch aus 288 km Entfernung auf meiner Reise durch unsere verrückte Corona-Welt. Ebenso wie unsere Familie, die immer weiter über alle Generationen hinweg wächst, sie begleitet uns, wenn auch zur Zeit auf Abstand aus der Ferne.

Meine Freunde, die ich jetzt noch seltener sehe, als im üblichen Wahnsinn des Alltags berufstätiger Eltern. Freunde, die mir – egal wie groß die Entfernung sein mag, egal wie oft wir einander sehen oder hören – die Gewissheit geben, dass wir füreinander da sind. Freundschaften aus der Schulzeit, aus der Zeit des Studiums, meiner Agenturtätigkeit, aus unserem Café und Freunde, die ich erst in diesem verrückten Jahr kennen gelernt habe

Freundschaften jeden Lebensabschnitts, die alle eint, dass sie die Kraft geben, auch Zeiten wie diese durchzustehen.

Meine Gäste, Mitarbeiter und Nachbarn, mit denen mich nach den vielen Jahren auch ein Gefühl von Freundschaft verbindet. Denn es ist nicht nur ein Marketing-Konzept, dass wir mit unserem Peckham’s einen Ort in der Erfurter Pergamentergasse geschaffen haben, an dem man sich fühlt, als sei man zu Besuch bei Freunden. Wer regelmäßig zu uns kommt, spürt, dass dieses Gefühl echt ist. Und das spüre ich auch. In Zeiten wie diesen, ganz besonders. Denn jeder, der solidarisch in unserem Fensterverkauf steht, fiebert mit uns mit und gibt uns Unterstützung und Kraft in diesen Zeiten.

Und ihr. In diesem virtuellen Raum, in dem wir uns täglich auf eine Box to Go treffen, geht es plötzlich nicht mehr nur noch um die Welt der schnellen Rezeptideen. Ich konfrontiere die schöne Instawelt vorübergehend mit sehr viel mehr, als wofür sie gedacht war. Dennoch bleibt ihr alle da, in diesem virtuellen Raum, mehr noch, es kommen immer weitere hinzu. Und ich bin euch dankbar, dass auch ihr mich auf dem Weg durch die verrückte Corona-Welt begleitet. Bis dann wieder die richtige Zeit kommt, in die wohltuend leichte Kost der schönen Rezeptewelt überzugehen.

Diese wohlig warme Dankbarkeit halte ich fest, ich spüre sie tief im Herzen. Denn von so vielen wundervollen Menschen umgeben zu sein, die diese Dankbarkeit möglich machen, das ist das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich mir wünschen kann.

Donnerstag, 12.11.2020

Wenn ich durch die Innenstadt laufe, fühle ich zunehmend tiefe Traurigkeit in mir aufkeimen. Einen schweren Kloß im Hals, der Meter für Meter, den ich an anderen Menschen vorbeilaufe, immer dicker wird. Ich muss schlucken, wenn erst der eine und dann der nächste ohne Maske an mir vorbeiläuft, ausdruckslose Ignoranz in den starr nach vorne gerichteten Augen.

Zwischendrin finde ich sie, auf meinem morgendlichen Weg Richtung Wochenmarkt, die kleinen Hoffnungsschimmer. Menschen, die kurz durch Blicke Kontakt aufnehmen, sobald sie sehen, dass wir die 1,5 m Abstand nicht werden einhalten können, ihre Maske selbstverständlich über die Nase ziehen. Manche nicken sogar freundlich, obwohl ich sie gar nicht kenne. Aber diese Lichtblicke sind selten. Zu selten.

Im Supermarkt tragen einzelne Kunden die Maske unter der Nase. Regale werden währenddessen von fröhlichen Mitarbeitern eingeräumt, die gleich ganz auf sie verzichten, während sich die Kunden im Abstand von wenigen Zentimetern an ihnen vorbeipressen.

Auf dem Weg zurück quillt gerade eine Menschentraube aus der überfüllten Straßenbahn, die Hälfte reißt sich noch im Pulk die Maske vom Kinn, obwohl im Innenstadtbereich ebenso Maskenpflicht gilt, wie im Nahverkehr.

Ein Grüppchen junger Erwachsener unterhält sich angeregt unter einem Pfeiler mit frisch aufgehängten „Maskenpflicht in der Innenstadt-“Plakaten, die abgebildete Puffbohne ist allerdings der einzige Maskenträger weit und breit. Zwei Ordnungsbeamte laufen vorbei, ins Gespräch vertieft, als sei nichts geschehen.

Eine Bekannte kommt zufällig um die Ecke, begleitet mich ein paar Meter. „Schon verrückt, was hier gerade so alles passiert, gell?“ meint sie. „Naja, zum Glück ist ja bei mir auf Arbeit alles normal, kann nicht klagen. Dann mach’s mal gut“. Sie biegt ab, in die Marktstraße. Ohne Maske. Ohne Abstand. Und ich denke mir „Wie schön, dass bei so vielen alles normal läuft. Ich mach’s dann mal gut.“

Ich flüchte mich mit meinem Einkauf zurück Richtung Café und spüre wie Traurigkeit aufkeimender Wut weicht. Da klopft jemand an die Scheibe – ob ich mal kurz herauskommen könnte, er habe die Maske nicht dabei.

Und ich frage mich: Wie ist er denn ohne Maske durch die Innenstadt überhaupt bis hierhergekommen? Auf dem Hof Baubesprechung, Vertreter verschiedener Firmen, Schulter an Schulter in geschäftigen Dialog vertieft – Maske? Fehlanzeige.

Es ist sicher nur die Spitze des Eisbergs. Kleine Alltagsgeschichten eines Wimmelbildes der Erfurter Straßen und Gassen, die mir nur eine böse Ahnung geben, wie die Maßnahmen im privaten Raum tatsächlich Anwendung finden. Es sind nicht etwa Querdenker, Aluhutträger und Verschwörungstheoretiker. Nein. Es sind Menschen, die sich der Lage bewusst sind. Sie gehören vielleicht sogar zu den 62 %, die in Umfragen sagen, dass sie die Maßnahmen wie Maskenpflicht und Kontaktbeschränkung selbstverständlich für sinnvoll halten. Die sich in der Öffentlichkeit für Solidarität aussprechen, ein aufmunterndes „gemeinsam schaffen wir das“ auf den Lippen.

Und ich frage mich: Wofür werden Restaurants, Cafés, Theater, Museen & Co, die sich wirklich für die Einhaltung aller Hygienemaßnahmen eingesetzt hatten, geschlossen?

Wofür kämpfen gerade ganze Branchen um ihre Existenz?

Wofür kämpfe ich hier gerade um meine Existenz?

Jeder einzelne, der sich nicht an die Maßnahmen hält, macht unseren Überlebenskampf zu einer einzigen Farce.

Mittwoch, 11.11.2020

Ich hatte mir den Moment ganz anders vorgestellt. Lange warte ich, wie viele, auf die erlösende Nachricht, dass ein Corona-Impfstoff gefunden wurde. Nun ist der Moment da: Der gemäß Studien wirkungsvolle Impfstoff BNT162b2 steht kurz vor seiner Zulassung.

Mein innerer Jubel bleibt jedoch unerwartet aus. Denn der Wirkstoff klingt nicht nur nach Sciencefiction, in gewissem Maße ist er das auch. Er durchdringt bisher Undenkbares, etwas, das bisher nur in fiktionalen Drehbüchern á la Gattaca durchdacht wurde: Der Impfstoff dringt in die Genstruktur einzelner Zellen unseres Körpers ein.

Ganz ehrlich? Puh, harter Tobak. Gleich vorweg: Ich halte Impfungen für sinnvoll. Ich informiere mich über Impfungen und ihre Wirkung gut, wäge ab, und habe mich bisher bewusst, allen möglichen Nebenwirkungen zum Trotz, zumindest für die Basis-Impfungen entschieden, die die ständige Impfkomission empfiehlt. Denn im Fokus meiner Überlegungen ist nicht nur mein individuelles Wohl, sondern vor allem auch gesellschaftliche Solidarität – Impfungen können schlicht nur dann Wirkung zeigen, wenn die Mehrheit der Gesellschaft geimpft ist. Und dazu möchte ich meinen Teil beitragen.

Aber dieser Impfstoff ist anders. Er basiert nicht auf bisher bekannten Methoden, die entweder unschädlich gemachte Erreger (aktive Immunisierung) oder Antikörper (passive Immunisierung) einsetzen. Es ist der erste Impfstoff seiner Art, ein sogenannter mRNA-Impfstoff: Es werden Erbinformationen des Corona-Virus gespritzt, mit dessen Bauplan menschliche Zellen dazu fähig sind, einzelne Bestandteile von Sars-CoV-2 nachzubauen und die fiktive Infektion als Proteine auf ihrer Oberfläche abzubilden. Sobald das menschliche Immunsystem diese fremden Proteine erkennt, kann es bereits mit der Bildung von Antikörpern beginnen und ist gewappnet, sobald das echte Coronavirus in den Körper eindringt. Vorausgesetzt, ich habe das jetzt alles richtig verstanden.

Nun bin ich, was die Reaktion des Immunsystems auf eigene Zellen angeht, sehr skeptisch. Jeder, der Zöliakie hat – eine Autoimmunerkrankung, innerhalb derer der Körper eigene Darmzellen angreift – weiß, wovon ich spreche.

Zum Anderen wird hier eine Hemmschwelle überschritten, die bisher als undenkbar galt: Das Eingreifen in die DNA-Struktur des Menschen. Geforscht wird daran bereits seit mehr als 20 Jahren, mit dem eigentlichen Ziel, eine Impfung gegen Krebs zu finden. Eine Impfung gegen Krebs wäre natürlich ein ebenso großer medizinischer Durchbruch, wie die Möglichkeit zur Impfung gegen aggressive Erreger wie Covid-19 und später auch weitere, pandemierelevante Erreger seiner Art.

Aber die Heransgehensweise lässt mich erschaudern, zumindest auf meinem aktuellen Kenntnisstand. Zumal Langzeitwirkungen unbekannt sind und mit Zulassung auch noch unbekannt sein werden, schließlich wird der Impfstoff erst seit den Sommermonaten an 43.000 Probanden getestet.

Wir fühlt ihr euch, mit dieser Nachricht?

Dienstag, 10.11.2020

Es keimt wieder auf, das Gefühl von Ungerechtigkeit.

Wie bereits im ersten Lockdown – nur dieses Mal ist es stärker. Das hat sicher viele Gründe.

Zum einen sind viele zermürbt, so einige haben weder finanzielle noch Kraft-Reserven für diesen zweiten Lockdown.

Zum anderen wird dieser Lockdown sehr viel mehr in Frage gestellt, als der Erste. Viele spüren, dass immer wiederkehrende Lockdowns keine Lösung sein können, für eine Pandemie, die uns noch lange Zeit in Atem halten wird. Das ist nicht nur mein Bauchgefühl. Selbst eine Umfrage unserer Lokalzeitung kommt zu dem selben Bild der Stimmung in unserer Gesellschaft: Umfassende Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht & Co.: ja! Mehr als 62 % befürworten diese Maßnahmen und halten sie für absolut sinnvoll. Aber der Lockdown einzelner Branchen wird von der Mehrheit stark hinterfragt: 57 % empfinden die Schließung von Gaststätten und Restaurants als den falschen Weg, befürwortet wird der Schritt nur von knapp 30 % (der Rest enthält sich). Eine fast ebenso kleine Zahl, konkret nur 39,5 %, befürwortet die Schließung kultureller Einrichtungen, die Mehrheit hält eine Wiederaufnahme des Betriebs unter Einhaltung strenger Hygieneauflagen für sinnvoll. (Quelle: https://www.thueringer-allgemeine.de/wirtschaft/mehrheit-der-thueringer-gegen-lockdown-schliessung-der-gastronomie-abgelehnt-id230857864.html)

Die Gründe für das Gefühl von Ungerechtigkeit gehen aber noch viel tiefer.

Viele, die der Lockdown direkt oder indirekt betrifft, haben das Gefühl durch das bürokratische Raster der Hilfen zu fallen. Die Einen sind schlicht falsch informiert – die anderen schätzen die Lage aber durchaus richtig ein, die Hilfen bergen auch dieses Mal so einige Tücken in sich.

Wieder tritt auch das Phänomen auf, dass Vereinzelte nicht verstehen, dass alle Hilfspakete, die für den Novemberlockdown auf den Weg gebracht werden, darauf abzielen, ausschließlich betriebliche Kosten zu decken. Das Ziel ist 0. Die Hilfen sind nicht als Einkommen für Selbständige vorgesehen und dürfen hierfür auch nicht verwendet werden. Wie bereits beim ersten Lockdown scheint diese Information noch nicht überall durchgedrungen zu sein, was wiederum ein Gefühl von Ungerechtigkeit aufkeimen lässt.

In all diesen Bereichen spüre ich jedoch Bewegung, den Willen, wirklich niemanden, der nachweislich betroffen ist, durch das Hilfsraster fallen zu lassen. „Die Politik“, wie ich sie immer nenne, sie scheint noch daran zu arbeiten. Und diese Bewegung birgt viel Hoffnung in sich.

Es ist eine ganz andere Frage, die in mir verstärkt das Gefühl von Ungerechtigkeit aufkeimen lässt. Es ist die Frage: Was ist mit denjenigen, die finanziell nicht vom Lockdown betroffen sind?
Ein Teil unserer Gesellschaft, der selten bis nie thematisiert wird. Und doch trägt dieser Teil der Gesellschaft einen wesentlichen Anteil daran, dass ein Gefühl von Ungerechtigkeit entsteht. Denn diese Pandemie geht uns alle an. Solidarität wird zu recht von jedem Mitglied unserer Gesellschaft eingefordert. Aber ist es gerecht, wenn dieser solidarische Kampf finanziell von den Schultern einzelner getragen wird – während andere Mitglieder unserer Gesellschaft keinerlei Einbußen haben?

Ich bin ein Kind des Kapitalismus – im Westen groß geworden, kannte ich es auch nie anders. Ich sehe seit jeher die Vorteile einer freien Marktwirtschaft – auch mit all ihren Schattenseiten – vor allem, wenn sie mit einem funktionierenden Sozialstaat verknüpft ist. Sozialkapitalismus nenne ich es manchmal, auch wenn sich dieser in meinen Augen noch sehr viel sozialer gestalten lässt. Aber das ist ein anderes Thema. Mit Blick auf die Auswirkungen des zweiten Lockdowns geht es mir vielmehr um die Frage, ob wir während eines Lockdowns überhaupt noch von einer freien Marktwirtschaft sprechen können. Wenn einzelne Branchen ausgewählt werden, im Rahmen eines Lockdowns zu schließen oder aber ihren Betrieb stark einzuschränken, dann durchbrechen wir alle Regeln der freien Marktwirtschaft und eines funktionierenden Kapitalismus. Was dann vom Sozialkapitalismus noch bleibt? Natürlich! Sozial. Und hier kommen nun all diejenigen ins Spiel, die bisher nicht ausgewählt wurden, die Auswirkungen der Pandemie solidarisch mitzutragen.

Gibt es Wege, alle Menschen unserer Gesellschaft in einen gemeinsamen Kampf gegen die Pandemie einzubeziehen? Gibt es Wege sicherzustellen, dass nicht ein ausgewählter Teil der Gesellschaft pandemiemaßnahmenbedingt unter oder gerade so am Existenzminimum lebt, während ein anderer Teil unserer Gesellschaft keinerlei Einbußen hat?

Eine schwere Frage. Ich bin mit meinen Gedanken hierzu noch nicht zu einem Schluss gekommen. Um so mehr interessiert mich eure Meinung dazu.

Wie seht ihr das?

Montag, 09.11.2020

Wie viel ist unserer Gesellschaft Kultur wert? Und welchen Wert gibt Kultur unserer Gesellschaft?

Diese zwei Fragen beschäftigen mich schon das ganze Wochenende. Während ich in unserem Garten zwei Tage ein wenig Eskapismus fröhnte und meine kleine Welt ohne Corona genoß, Pilze und Gänseblümchen neben herbstbuntem Ginkgo-Laub fotografierte, Schnittlauch und Petersilie vor dem nächsten Frost als Kräutertopping für unser heutiges ToGo-Essen erntete, ratterte es in meinem Kopf dennoch die meiste Zeit weiter. So viel zum Eskapismus. Meinen Kopf habe ich nunmal immer dabei.

„Sucht euch doch einfach einen anderen Job, einen mit mehr Zukunft. Mit anständiger Bezahlung. Und krisensicher.“ Sätze wie diese begegnen mir zur Zeit in den sozialen Medien häufig. Und sie verpassen mir jedes Mal einen Stich ins Herz.

Gemeint sind die Berufe, die zur Zeit am stärksten von der Corona-Krise betroffen sind. Sie alle eint, dass sie im weitesten Sinne Kultur in unserer Gesellschaft bewahren, erhalten, weiterentwickeln und vermitteln. Sprich: Sie alle halten Kultur in unserer Gesellschaft am Leben. Kulturschaffende sind nicht nur Künstler, wie Maler, Musiker oder Schauspieler, das Feld derjenigen, die Kultur schaffen, ist sehr viel breiter: Alle, die unsere Kultur durch ihr Wirken bereichern, zählen – wie auch wir Gastronomen und so viele andere vom Lockdown Betroffene – in meinen Augen zum Kreis der Kulturschaffenden dazu.

Wie wäre denn unsere Gesellschaft, wenn wir diesen Ratschlag alle annehmen würden? Wenn wir alle krisensichere, gut bezahlte Jobs suchen und unser kreatives Wirken aufgeben? Während diese Gedanken in meinem Kopf kreisen, lande ich umgehend wieder bei Huxley. War er doch eine Art Nostradamus seiner Zeit? Hat er Entwicklungen, wie diese vorhergesehen? Bereits beim ersten Lockdown musste ich unweigerlich an Brave New World denken. Während ich damals im Lockdown jedoch eher Ansätze eines mitmenschlichen Gegenmodels zu seiner dystopischen Gesellschaft erkennen konnte, führen Ratschläge wie der obere jedoch zielgerichtet in eine Gesellschaft á la Brave New World:

Die Einen verwalten, die Anderen produzieren und konsumieren. Jeder hat seine Rolle in einer hervorragend funktionierenden Gesellschaft, mittels Konditionierung zufrieden gestellt. Jeder hat seinen funktionierenden Platz in der Gesellschaft. Mit anständiger Bezahlung und krisensicher. Ein verbleibendes Restbedürfnis nach Inspiration oder emotionaler Tiefe wird durch die „Feelies“ bedient und damit ruhiggestellt. Ein Schatten von Kultur, eine illusionistische Kinoform, die mittels synthetischer Ton- und Geruchsorgeleffekte oder Tasteffekte als Ersatz dient, für unmittelbare Erfahrung und Stimulation unserer sensorischen Kanäle.

Ich habe daher auch eine Bitte an alle, die Ratschläge wie den oberen in sich spüren oder bereits formuliert haben: Lest Huxley. Lest Brave New World. Und fühlt tief in euch hinein, ob das wirklich eine Welt ist, in der ihr leben wollt.

Kulturschaffende sollen sich einen Job mit Zukunft suchen? Das haben wir bereits. Denn eine Gesellschaft ohne Kultur hat keine Zukunft. Sie wäre kalt und leer. Bei allem Reichtum, den eine funktionierende, gut verwaltete Konsumgesellschaft sicher anhäufen kann – wie arm wäre unsere Gesellschaft gleichzeitig, wenn jeder nur noch schauen würde, wo sich das meiste sichere Geld verdienen lässt.

Daher: Seid dankbar, dass es Menschen gibt, die den Kampf um ihr Überleben erneut aufnehmen. Denn sie kämpfen nicht nur um ihr eigenes Überleben, sondern auch um das Überleben der Kultur in unserer Gesellschaft. Lasst uns Kulturschaffende bei diesem Kampf nicht allein. Zeigt Kulturschaffenden, dass ihr ihre Arbeit nicht nur dann wertschätzt und gerne nutzt, wenn es uns allen gut geht. Zeigt Kulturschaffenden, dass ihr sie auch in Krisenzeiten wertschätzt und unterstützt. Solidarität wird zur Zeit groß geschrieben – gemeint sind meist diejenigen, die eine Corona-Infektion nicht überleben würden. Solidarität umfasst aber deutlich mehr. Ja, unsere Gesellschaft muss zeigen, dass sie auch solidarisch ist mit denen, die zur Zeit für die getroffenen Maßnahmen am Limit leben. Und sei es nur, indem ihr Ratschläge, wie den oben zitierten, gut überdenkt. Es wäre ein erster Schritt zurück, weg von einer Gesellschaft á la Brave New World.

Freitag, 06.11.2020

Habt ihr Prognosen?

Ich meine damit nicht die US-Wahl, auch wenn ich immer noch gefühlt jede Stunde nach den Ergebnissen gucke.

Sondern die Frage, wann „Corona“ wohl vorbei sein wird.

Meine persönliche Prognose: So richtig nie. Keine Angst, ich bin jetzt nicht plötzlich zum Pessimisten geworden. Ganz im Gegenteil: Ich ziehe meinen Optimismus meist aus der möglichst realistischen Betrachtung der Situation. Denn dann fühle ich mich etwas besser vorbereitet.

Natürlich, diese konkrete Corona-Pandemie wird irgendwann so weit eingedämmt sein, dass sie zumindest unser Leben nicht mehr durcheinander wirbeln wird. Aber unsere globalisierte Welt bietet nun einmal perfekte Bedingungen für Pandemien wie diese – insofern sollten wir, um wirklich gut vorbereitet zu sein, davon ausgehen, dass es nicht die letzte Pandemie bleiben wird. Die erste gibt uns die Chance zu lernen. Und damit umzugehen. Vielleicht werden sogar Strategien entwickelt, die Kontinenten und Ländern die Möglichkeit geben, schneller zu reagieren, um eine weltweite Verbreitung das nächste Mal wirklich zu stoppen, so lange es noch möglich ist.

Unser Lehrstück Corona wird uns, denke ich, noch etwa bis Ende nächsten Jahres in Atem halten. Als im Sommer so einige ihre Sätze begannen mit „Jetzt, wo Corona vorbei ist …“ saß ich nur mit großen Fragezeichen in den Augen da, weil ich es kaum glauben konnte, dass sich manche tatsächlich nicht dessen bewusst waren, dass die große Welle erst noch kommen wird.

In diesem Herbst und bald folgenden Winter werden die Zahlen, denke ich, weiter steigen – wir haben bei der zweiten Welle nicht das Glück wie bei der ersten, dass die kalte Jahreszeit soeben endet. Sie beginnt gerade erst und wird zum Treiber der Pandemie. Wenn soziale Kontakte durch die Kälte nach drinnen und – verstärkt durch die Schließung aller Freizeit-, Kultur, Veranstaltungs- und Gastronomie-Betriebe – umso mehr in den privaten Raum verlagert werden, ist in meinen Augen schlicht mit steigenden Zahlen zu rechnen. Wirklich greifen werden die Maßnahmen denke ich erst, wenn es gelingt, soziale Kontakte im privaten Raum wirklich auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

Gerade jetzt zur Advents-und Weihnachtszeit eine sehr schwere Aufgabe.

Angela Merkel lockte kürzlich mit der Aussicht auf ein möglichst normales Weihnachtsfest – aber wenn eine solche Aussicht verbunden ist mit der steigenden Wahrscheinlichkeit eines neuen bundesweiten Lockdowns im Januar, dann klingt das für mich nicht nach Weihnachten. Ganz ehrlich: Ich verbringe dieses Jahr gerne mal ein ganz besinnliches Weihachtsfest mit meiner kleinen Familie bei uns zu Hause. Und falls jemand allein lebt, dann spricht nichts dagegen, dass er für die Weihnachtsfeiertage seinen Lieblingshaushalt besucht. Aber gesellige Großfamilienfeiern, Weihnachtsessen mit Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen plus angeheiratete Verwandschaft und alle Kids – möchte das wirklich jemand, wenn dann mir großer Sicherheit ein Januar-Lockdown folgt? Und auch hier frage ich mich: Wie seht ihr das?

Im Frühjahr wird mit etwas Glück mit den Impfungen begonnen werden können, aber es wäre naiv zu glauben, dass das in ein paar Wochen geschieht. Wenn ich die Berichte richtig verfolgt habe,wird es allein aus organisatorischen Gründen bis Ende 2021 dauern, bis genug Menschen geimpft sind, dass wir wirklich aufatmen können.

Wollen wir bis dahin von Lockdown zu Lockdown springen? Ich würde mir als kleines Weihnachtsgeschenk wünschen, dass wir statt dessen lernen, mit Pandemien wie diesen in einem neuen Alltag umzugehen. Dass unsere Gesellschaft Strategien entwickelt, die uns nicht in Wellenbewegungen von einem bundesweitem Lockdown in den nächsten stürzen lassen. Und damit meine ich nicht die schwedische Strategie. Ich meine eine Strategie, die die Möglichkeiten der Eindämmung ohne Lockdown nutzt – von Masken bis Kontaktbeschränkungen – aber auf Schließung ganzer Branchen verzichtet. Und statt dessen diese Branchen mit guten Hygienekonzepten im Kampf gegen Corona zu ihren Verbündeten macht. Im Oktober hatte ich noch das Gefühl, dass wir auf einem richtigen Weg sind: Regionales Handeln auf Basis des individuellen Infektionsgeschehens. Dieses Handeln muss gut durchdacht, in vielen Punkten optimiert und vor allem konsequent umgesetzt werden.

Wir werden noch etwas Zeit haben, um diesen Gedanken Realität werden zu lassen. Aber ich denke, es lohnt sich. Wenn wir es geschafft haben, dann haben wir das Lehrstück Corona gut für uns genutzt, denn dann sind wir für Pandemien wie diese gewappnet.

Wie ist eure Prognose?

Donnerstag, 05.11.2020

Good News, endlich!

Gastronomen dürfen sich mit Fensterverkauf ein kleines Einkommen erarbeiten. Der ToGo-Verkauf während des Lockdowns wird nicht von den Hilfen abgezogen. Mein Weltbild, es wird wieder ein wenig gerade gerückt.

Fast hätte ich die Meldung verpasst. Während ich immer wieder den Refresh-Button meines Browsers klickte, um den Wahl-Krimi Biden vs Trump zu verfolgen, veröffentlichte Tageschau.de von mir unbemerkt bereits gestern um 18:39 Uhr die erlösende Nachricht: „Sonderregelung für Takeaway. Einnahmen aus dem Außer-Haus-Geschäft sollen Gastronomen behalten dürfen.“ Ich sah es heute Früh auf dem Handy, direkt nach dem Aufstehen. Besser hätte der Tag kaum beginnen können – zumindest während eines Lockdowns 2.0.

Die Stimmung bei uns heute Früh in der Küche war entsprechend gut. „Da hat „die Politik“, wie du sie nennst, wohl am Dienstag bei dir mitgelesen. Programm-Punkt 1 der Sondersitzung ‚Gastronomie im Lockdown‘: „Update Stand der Lage, was schreibt Karina in ihrem heutigen Post?“ lachte mein Mann, als er sich seinen Espresso holte. „Immerhin – die Medien, und da schließe ich Blogger jetzt mit ein, gelten nicht ohne Grund als 4. Pfeiler der Demokratie.“

„Was sind nochmal genau die anderen Pfeiler der Demokratie?“, fragte ich Miri, während wir Kürbis und Äpfel für’s ToGo-Mittagessen hackten. „Judikative, Legislative…?“ Okay, ich musste es googlen: „Exekutive“ fehlte.

Aber spaßige Spinnereien am Morgen mal beiseite – auch wenn ich weiß, dass tatsächlich Politiker auf kommunaler oder Landesebene hier mitlesen, so denke ich kaum, dass die Zeilen eines Bloggers es bis auf Bundesebene schaffen, um gehört zu werden. Wir sind schließlich nicht alle Rezo.

Dennoch: Die aktuelle Entscheidung zum Hilfspaket geht wirklich in die von mir erhoffte Richtung. That’s fair enough, würde die Britin in mir es formulieren: Die politischen Entscheidungsträger haben erkannt, dass es nicht Ziel der Hilfsmaßnahmen sein darf, Gastronomen dazu zu verdammen, sich mit Fensterverkauf und harter Arbeit durchzukämpfen, um ihnen dann zu untersagen, auch nur einen Cent Einkommen damit zu erwirtschaften.

Denn so wäre es ohne diese Sonderregelung gekommen: Jeder Cent über 0,- EUR Einkommen wäre vom Hilfspaket abgezogen worden.

Natürlich, wir werden mit dem Fensterverkauf in der aktuellen Lage nicht viel verdienen können. Aber darum geht es auch gar nicht. Wer seit Anfang an bei mir mitliest weiß: Als Postmaterielle geht es mir um ganz andere Dinge als um Geld. Gerechte Lösungen, zum Beispiel. Oder darum, dass die Solidarität unserer zauberhaften Gäste so ankommt, wie sie gedacht ist: Nämlich dafür, dass meine Familie und ich unsere Miete, Strom und Lebenshaltungskosten bezahlen können. Und nicht dafür, dass die Solidarität am Ende der Staatskasse zu Gute kommt. Hilfe zur Selbsthilfe – es war das Mindeste, das ein funktionierender Sozialstaat in der aktuellen Lage hätte tun können. Und ich bin dankbar, dass mein Weltbild wenigstens ein wenig wieder zurecht gerückt wird.

Womit wir wieder beim Wahl-Krimi Biden vs. Trump wären: Wird etwa auch hier mein Weltbild wieder zurechtgerückt? Wird die erschreckende Ära Trump abgewählt? Ich formuliere es bewusst so, denn ich muss gestehen, dass ich kaum Zeit hatte, mich mit der Person Biden wirklich auseinander zu setzen. Aber wie so vielen, geht es auch mir so: Ich habe das Gefühl, dass es hier nicht darum geht, dass ein bestimmter Präsidentschaftskandidat gewinnt – sondern vielmehr darum, dass der aktuelle Präsident abgewählt wird. Vielleicht ist es für Trump ja tröstlich zu wissen, dass er die Zügel seiner Abwahl selbst in der Hand hält. „Oh yes, wenn mich jemand ins politische Abseits befördert, dann ja wohl ich selbst, nicht wahr?“ Great Job Mr. President, great Job! Wie briliant ist es da, sich noch zum krönenden Abschluss per Twitter als Feind der Demokratie zu positionieren. Selbst aus den eigenen Reihen scheint ihn keiner davon abgehalten zu haben, vielleicht hoffen die Beteiligten selbst auf ein baldiges Ende dieses politischen Kapitels.

Aber zurück nach Deutschland: So sehr ich die aktuelle Entscheidung zum Fensterverkauf begrüße: Was ist mit den anderen? Was ist zum Beispiel mit Einzelunternehmern, die nicht die Möglichkeit haben, ein Produkt aus dem Fenster zu verkaufen?

Freie Theater zum Beispiel, die ebenso wie wir Fixkosten wie geschäftliche Mieten zu tragen haben und auf Grund ihrer wirtschaftlichen Komplexität voraussichtlich an den bürokratischen Hürden der Grundsicherung scheitern werden?

Ja, auch sie haben Anspruch auf das Hilfspaket. Aber von welchem Einkommen sollen diese Menschen dann leben? Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Es gibt noch so viel Ungerechtigkeit in den aktuellen Entscheidungen. Kann es unser Sozialstaat schaffen, auch hier Lösungen zu finden, die immerhin „fair enough“ sind?

Follower-Kommentar vom 06.11.2020:

„Bedeutet das, man bekommt 75% vom Vorjahresumsatz (bei den meisten dürfte das deutlich mehr als der tatsächliche Gewinn sein) und aktuelles Einkommen (ob gut oder weniger gut) wird nicht angerechnet? Soll das dann den Branchen gegenüber sozial sein, die nicht in die Förderprogramme fallen, aber vielleicht als Zulieferer noch größere Einbußen haben?“

Meine Antwort: vom 06.11.2020:

Ich danke dir für deine Rückfrage, denn sie ist wirklich sehr wichtig. Mein Mann hat mich gestern erst gefragt: Warum machst du dir eigentlich die Arbeit, statt über Essen – was viel einfacher wäre – jetzt über den Corona-Lockdown zu bloggen. Die Antwort ist: Vor allem auch um aufzuklären. Und deine gute Rückfrage gibt mir die Gelegenheit, noch weiter in die Tiefe zu gehen:  In deiner Frage schwingt mit, dass die Größen Umsatz und Gewinn nicht ganz richtig voneinander abgegrenzt sind. Der Umsatz eines Unternehmens dient in erster Linie zunächst dazu, die Kosten zu begleichen. Was übrig bleibt, ist der Gewinn. Gehen wir von einer Umsatzrentabilität (das, was nach Abzug der Kosten übrig bleibt) von 10 % aus, bleiben dem Gastronomen also von 10.000 EUR Umsatz im Monat 1.000 EUR Gewinn. Hiervon muss er noch seine Rentenversicherung, Kranken- und Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung sowie eine fiktiv durch den Staat festgelegte Pauschale für Eigenverzehr (für sich und jedes Mitglied seiner Familie) abziehen. Was übrig bleibt, ist das Einkommen eines Gastronomen als Einzelunternehmer. Die Kosten bleiben im November im Lockdown nahezu vergleichbar mit dem Vormonat. Zum Einen verändern sich Fixkosten, wie Miete nicht, zum anderen wird der Wareneinsatz häufig, wie auch bei uns, zu großen Teilen im Folgemonat beglichen. Das bedeutet, von den 75 % des November-Vorjahresumsatzes werden wir noch nicht einmal alle Kosten begleichen können, um auf 0,- zu kommen. Um keine Schulden aufzubauen, dient der Fensterverkauf also erst einmal dazu, das noch verbleibende Loch zu stopfen. Wenn dann noch etwas übrig bleibt, dann kann ich als Einzelunternehmer davon noch meine Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung zahlen. Und wenn dann immer noch etwas aus dem Fensterverkauf übrig bleibt, dann schaffe ich es vielleicht sogar noch meine Miete und die mindestens notwendigen Lebenshaltungskosten meiner Familie zu decken. Ist das sozial gerecht? Ja, ich würde sagen, gerade so. Richtig sozial gerecht wäre es, wenn unser Sozialstaat den Balanceakt schaffen würde, sicherzustellen, dass JEDER von den aktuellen Corona-Maßnahmen Betroffene mindestens 60 % seines Einkommens erhält. Ob das machbar ist, das kann allein ‚die Politik‘, wie ich sie immer nenne, entscheiden.

Ergänzend gleich zu deinem zweiten Punkt ‚Verteilung der Fördermittel‘: Ich habe mich naturgemäß vor allem in die Hilfsmittel für meine Branche eingelesen, aber ein wenig bekomme ich dabei auch aus anderen Branchen mit: Meines Wissens ist für jede von den Corona-Maßnahmen betroffene Branche ein Hilfspaket geplant. Und auch für indirekt Betroffene, die ganz oder zu großen Teilen Zulieferer der betroffenen Branchen sind, greifen die Hilfspakete. Selbständige, die kaum Fixkosten haben, werden vermutlich nicht an den bürokratischen Hürden der Grundsicherung scheitern. Komplexere Einzelunternehmen schon, und sei es allein, weil die zuständigen Sachbearbeiter die Größen Umsatz und Gewinn nicht korrekt interpretieren konnten, wie es leider im praktischen Fall passiert ist. Große Sorgen mache ich mir um alle vom Lockdown Betroffenen, die nicht die Möglichkeit haben, sich durch Ideen wie Fensterverkauf ein kleines Einkommen zu erarbeiten und gleichzeitig an den bürokratischen Hürden der Grundsicherung scheitern, weil diese offensichtlich nicht mit komplexeren Wirtschaftsstrukturen eines im Lockdownmodus befindlichen Betriebes vereinbar ist. Bist du denn auch betroffen und fällst durch ein bürokratisches Raster, wenn ich fragen darf? Vielleicht möchtest du deine Erfahrungswerte auch gerne teilen. Je mehr wir alle wissen, desto besser können wir verstehen. ❤️

Nachtrag 07.11.2020: Die aktuell veröffentlichte Ausgestaltung der Sonderregelung „Fensterverkauf Gastronomie“ umfasst ergänzend die Begrenzung aller Hilfsmittel bezogen auf den Inhouse-Verkauf des Vergleichsmonats 2019. Der ToGo-Anteil des Vergleichsmonats 2019 wird für die Berechnung der Hilfen nicht herangezogen, entsprechend weniger Hilfsmittel erhalten alle gastronomischen Betriebe.

Mittwoch, 04.11.2020

Bewirkt die Schließung der Gastronomie einen Rückgang der Zahlen?

Die aktuelle Schlagzeile in meinem Handyfeed lautet: Trotz Lockdown steigen die Infektionszahlen drastisch. 16.498 bisher bundesweit gemeldete Neuinfektionen für Mittwoch müssen sogar vom RKI noch weiter nach oben korrigiert werden.

Die aktuelle Entwicklung, sie lässt mich immer mehr an den aktuellen Schritten zweifeln.

Denn der Teil der Gastronomie, der sich vorbildlich an die Umsetzung aller Maßnahmen gehalten hatte, hat einen sehr wesentlichen Teil zur Eindämmung des Infektionsgeschehens beigetragen, da bin ich mir sicher. Wir haben einen sicheren Ort der Begegnung geschaffen, in dem eine Infektion unter Dritten nahezu ausgeschlossen werden konnte. Ja, es geht eben nicht nur darum, dass in keinster Weise nachgewiesen werden kann, dass diese Gastronomie zum voranschreitenden Infektionsgeschehen beigetragen hätte. Ganz im Gegenteil: Sie hat das Infektionsgeschehen aufgehalten.

Durch die Schließung der Gastronomie verlagert sich nun das gesellige Beisammensein in den privaten Raum.

Ohne Maske, ohne Abstand. Ohne jede Kontrolle – denn diese ist im privaten Raum schlicht nicht möglich. Oder habt ihr zu Hause eine Karina sitzen, die euch fröhlich entgegenruft: „Denkt ihr bitte an eure Maske?“ „Abstand halten bitte!“ „Bitte nur zwei Haushalte an einem Tisch“ „Vielen Dank, ihr Lieben!“. Ganz ehrlich, das wäre ja auch echt schrecklich. Aber bei uns im Café-Bistro funktioniert das – und macht uns zu einem sicheren Ort der Begegnung.

Die aktuelle Klagewelle der Gastro hat gute Aussichten auf Erfolg – aus eben diesen Gründen.
Und dann? Dann muss die Bundesregierung ihre Chance nutzen, korrekt anzusetzen:

Wenn die Gastronomie wieder öffnen darf, muss dringend unterbunden werden, dass schwarze Schafe der Branche wieder handeln können, wie es ihnen beliebt. Da ist zunächst Aufklärungsarbeit gefragt – ich habe Gespräche geführt, mit Betrieben, die sich offensichtlich nicht an alle Regeln halten, und tatsächlich schwingt häufig Unwissenheit in den Worten mit. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund, die noch nicht hundertprozentig in unsere Gesellschaft integriert sind, teils auch die deutsche Sprache noch nicht perfekt beherrschen, tun sich schwer mit der Informationsbeschaffung. Sie durchforsten nicht wie ich online jede Verordnung, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben – und würden sie es tun, wären auch sicher auf Grund von Sprachbarrieren nicht alle Punkte verständlich und werden schlicht überlesen.

Die Unterschiede werden im Lockdown plötzlich auch außen sichtbar. Während unsere zauberhaften Gäste „Zeit-Slots“ buchen, um im 5-Minuten-Takt ihr vorbestelltes Essen abzuholen, damit jede Schlange vermieden werden kann, auf Abstand achten, selbstverständlich Masken tragen, sieht es außerhalb unserer kleinen heilen Welt schon sehr anders aus. Heute musste ich unsere kleine heile Welt daher markieren – und ja, ich habe die Erfahrung gemacht, dass bewusst gewählte kindliche Naivität eine unglaubliche Kraft haben kann: Ich habe die Kreide meiner Tochter verwendet und unseren Abholbereich vom benachbarten Imbiss mit schraffierten Kreidestrichen abgegrenzt. So kann ich hoffentlich wenigstens in meinem Wirkungskreis sicherstellen, dass ich nicht mit Ignoranz, Unwissenheit und bewusster Verweigerung einzelner Dönergäste konfrontiert werde. Und um es noch schöner zu machen, habe ich in unsere Blumenkübel vor dem Fensterverkauf gleich neue Pflanzen eingesetzt – seht ihr das Pflaster an meinem Finger? Leider machen die Menschen außerhalb meiner kleinen heilen Welt auch vor meinen Blumenkästen nicht halt und werfen achtlos Glasscherben hinein, nachdem sie Abends ihre Döner-Reste auf unseren Stufen verschmiert und ihre Bierflaschen umgetreten haben. Die Kippe gleich neben die Scherben in meine Blumen gedrückt. Und es handelt sich hierbei nicht etwa um pöbelnde Betrunkene – nein, es handelt sich um klassische Otto-Normalverbraucher. Leider. Und der Betreiber des Imbisses hat leider noch nicht verinnerlicht, dass er als Gastgeber eben auch die Verantwortung für seine Gäste trägt. Im normalen Alltag ebenso wie jetzt, bei der Umsetzung der Corona-Maßnahmen. Ich sehe es ihm nach, er ist ein hilfsbereiter Nachbar und hat uns ohne zu zögern mit seinen runden Salat-ToGo-Boxen versorgt, weil unsere alle waren.

Menschliches Miteinander ist eben so vielschichtig, wie der Mensch selbst, nicht wahr?

Aber zurück zu den Corona-Maßnahmen: Hier ist Aufklärungsarbeit gefragt. Ja, durch persönlichen Kontakt mit Ordnungsbeamten, denen so auch eine sehr positive Rolle zu Teil wird. Die Zahl der gastronomischen Betriebe in einer Stadt oder einer Gemeinde ist überschaubar. Ein einmaliger, kurzer Aufklärungsbesuch sollte reichen, um über aktuelle Verordnungen zu informieren – und ist organisatorisch machbar. Wer damit nachweislich alle Informationen hat und sie dennoch nicht umsetzt, kann sicher noch einmal verwarnt werden, ja, auch in Krisenzeiten ist Fingerspitzengefühl gefragt, immerhin leben wir in einer Demokratie, in der Kommunikation auf Augenhöhe groß geschrieben wird. Aber wenn dann immer noch keine Einsicht erkennbar ist, dann müssen Ordnungsbeamte die Umsetzung der Regelungen konsequent durch empfindliche Bußgelder forcieren und in letzter Konsequenz die umgehende vorübergehende Schließung des entsprechenden Betriebes durchsetzen. Das wären die korrekten Schritte.

So kann einer Stigmatisierung der Branche Gastronomie entgegengewirkt werden.
So wird Politik dem vorbildlichen Teil unserer Branche gerecht und signalisiert, dass ein gemeinsames, verantwortungsbewusstes Miteinander in unserer Gesellschaft honoriert wird.

PS: Ich spreche als Gastronom zwar für meine eigene Branche. Aber tatsächlich greift dieser Gedanke auch für viele andere vom Lockdown Betroffene: Kulturschaffende oder Veranstalter, stark regional begrenzt auch die Reisebranche, auch hier gab‘ es überzeugend gute Konzepte, die einen Ort der Begegnung, des Austausches und der Inspiration geschaffen haben, in denen eine Infektion unter Dritten unmöglich war.

Dienstag, 03.11.2020

Wir warten auf Hilfe.

Gastronomen. Kulturschaffende. Veranstalter. Die Reisebranche. Mit allen Zuliefereren. Wir alle kämpfen gerade um unsere Existenz. Und warten.

Es handele sich hierbei um keine politische Entscheidung, sagte Angela Merkel in ihrer Ansprache zum Lockdown 2.0. Es handele sich um eine Naturkatastrophe, auf die reagiert werden muss. Dem kann ich leider nicht zustimmen – denn WIE die Bundesregierung auf diese Naturkatastrophe reagiert, ist durchaus eine politische Entscheidung.

Im ersten Lockdown erschien dieser Gedanke noch legitim. Ja, es hätten schon damals deutlichere Rufe laut werden können, warum die Politik nicht schon Anfang 2020 auf eindeutige Warnsignale reagiert hat. Hätte Europa bereits im Januar ein konsequentes Einreiseverbot verhängt, wären wir jetzt nicht in der Situation, in der wir uns befinden, da bin ich mir sicher. Die Rufe wurden nicht laut, denn auch der Politik wurde menschliches Versagen eingeräumt, schließlich war die Naivität, mit der wir hier in Europa und Deutschland den ersten Vorboten der Corona-Pandemie begegneten, in allen Köpfen vorhanden. Wir Menschen der Branchen, die der erste Lockdown am härtesten traf, wir alle haben aus Solidarität die notwendigen Maßnahmen akzeptiert.

Seitdem sind 8 Monate vergangen. Von einem plötzlichen, unerwarteten Ausbruch einer zweiten Welle kann keine Rede sein – jeder von uns wusste, dass diese zweite Welle kommen würde, und pünktlich ist sie da, wie für den Herbst vorhergesehen.

„Wir sind vorbereitet“, hieß es den ganzen Sommer hinweg aus den politischen Reihen. „Wir sind vorbereitet“, ließ das Gesundheitssystem verlauten. „Es wird keinen zweiten bundesweiten Lockdown geben.“

Nun ist die zweite Welle da – und es sind keine Strategien zu erkennen, die einen zweiten bundesweiten Lockdown verhindert hätten.

Auch die Hilfspakete für die betroffenen Branchen – sie sind noch nicht geschnürt. Wir warten. 8 Monate wären viel Zeit gewesen, Pakete nicht nur zu beschließen, sondern auch schon die Formulare zu entwickeln, die Abwicklung zu definieren und die Online-Plattformen aufzusetzen. Mit einem Mausklick hätte alles aktiviert werden können – aber auch hier scheint niemand vorbereitet.

Was wir über die angekündigten Hilfen wissen, ist noch nicht viel. 75 % des Vorjahresumsatzes aus dem November sollen pauschaliert ausgezahlt werden, bei Soloselbständigen mit schwankendem Einkommen auf Wunsch auch der durchschnittliche Jahresumsatz 2019 eines Monats. Das klingt zunächst gut – aber ich betrachte die angekündigten Hilfen im zweiten Lockdown um einiges vielschichtiger, als im ersten.

Denn die Hilfen kamen im ersten Lockdown zu großen Teilen nicht an. Während die Soforthilfen wirklich zügig ausgezahlt wurden, durften sie ausschließlich dazu dienen, die Fixkosten zu decken. Das bedeutet konkret: Im Bestfall erreichte ein betroffener Selbständiger mit den Hilfen während der Lockdown-Monate ein Einkommen von 0,- EUR. Denn jeder Euro mehr wird mit der Soforthilfe verrechnet. „Wovon sollen wir dann leben?“ fragte nicht nur ich mich, sondern hunderttausende weitere selbständige Menschen, die vom Lockdown betroffen waren. „Wovon sollen wir unsere Krankenversicherung bezahlen? Unsere Rentenversicherung? Arbeitslosenversicherung? Private Miete? Essen? Strom und Wasser?“

„Von der Grundsicherung“, lautete die überzeugte Antwort der Politik. Möchtet ihr wissen, wie viele Menschen ich kenne, denen diese Grundsicherung so unbürokratisch, wie angekündigt, ausgezahlt wurde?

Keinen.

Denn die angekündigte unbürokratische Hilfe versank in den Mühlen der Bürokratie. Ich versuchte es zunächst, wie auf der Startseite der Grundsicherungs-Infopage vorgeschlagen, mit der Vorstufe der Grundsicherung namens Kinderzuschlag, die sogar mit Wohngeld hätte kombiniert werden können. Einige Wochen später erhielt ich den Ablehungsbescheid. Begründung? „Mit Kinderzuschlag, Kindergeld und Wohngeld kann der Bedarf nicht gedeckt werden.“ Übersetzt: Sie verdienen während des Lockdowns so wenig, dass wir Ihnen auch nicht helfen können.“

Parallel beantragten selbständige Freunde Harz 4 aka Grundsicherung. Was sie im Briefkasten erwartete? Ein Ablehungsbescheid. Begründung: „Wenn Sie mit Ihrem Unternehmen während des Lockdowns ein Minus erwirtschaften, ist eine Bewilligung der Grundsicherung nicht möglich.“ Übersetzt: Sie erwirtschaften während des Lockdowns keinen Gewinn? Wie schade, dann können wir Ihnen auch nicht helfen.

Die Ablehnungsbescheide wurden noch an die Spitze getrieben: Sachbearbeiter verwechselten Umsatz mit Gewinn, bescheinigten dem Antragsteller damit ein ausreichendes Einkommen und konnten selbst im erbetenen persönlichen Dialog nicht nachvollziehen, wo genau der Unterschied zwischen den beiden Größen liegt, wie mir befreundete Gastronomen berichteten.

Unfassbar. Die Vorgehensweise erinnert mich erschreckend an das berühmte „Haus, das Verrückte macht“, ihr kennt es vielleicht aus der Asterix und Obelix Reihe. Handelt es sich hier um Fehler einzelner Bearbeiter, die nicht korrekt instruiert wurden? Oder ist das ganze System „Grundsicherung“ schlicht nicht durchdacht? Erschreckend ist beides. Denn so oder so – die Hilfen kamen nicht an.

Die Grundsicherung ist kein adäquates Modell, um den Lebensunterhalt Selbständiger in den betroffenen Branchen zu sichern.

Dabei steht der Staat in der Verpflichtung. Denn wenn in der Politik beschlossen wird, dass einzelne Branchen den Kopf für eine ganze Gesellschaft hinhalten müssen, um der Naturkatastrophe Corona Herr zu werden – dann muss das solidarisch durch die Gemeinschaft aufgefangen werden.

Wenn die Regeln der freien Marktwirtschaft – mit dem Ziel der Entlastung des Gesundheitssystems – durch einen erneuten Lockdown einzelner Branchen vorübergehend außer Kraft gesetzt werden, dann ist die solidarische Gemeinschaft, vertreten durch den Sozialstaat, dazu verpflichtet, das Einkommen der Betroffenen zu sichern. Unbürokratisch. Rechtzeitig, um alle Lebenshaltungskosten zu decken. Und nein, damit ist nicht gemeint, dass Betroffene mit Hilfszahlungen 0,- EUR Einkommen erwirtschaften. Jedem direkt vom Lockdown betroffenen Mitglied unseres Sozialstaates muss solidarisch zugestanden werden, dass er mindestens ein mit den Kurzarbeiterregelungen vergleichbares Einkommens auch während des Lockdowns erhält: 60 %, gestaffelt 70 % und dann 80 % seines üblichen Einkommens. Ohne „ein Haus, das Verrückte macht“, denn die psychische Belastungsgrenze ist bereits durch den zweiten Lockdown erreicht.

Wird die versprochene Hilfe dies beachten?

Die Branchen sind skeptisch. Die Klagewelle rollt. Vielleicht kann sie dieses eine Mal noch mit klugen politischen Entscheidungen hinsichtlich der Hilfsmaßnahmen aufgehalten werden.

Montag, 02.11.2020

Fensterverkauf 2.0.
Da ist sie wieder, die ToGo-Box. So groß mein Unverständnis für diesen zweiten Lockdown ist, so groß ist die Dankbarkeit gegenüber unseren wundervollen Gästen:

Am Wochenende wurden unsere kleinen Facebook- und Instagrambeiträge tausendfach geklickt und weiterverbreitet, SocialMedia-Gruppen wie @keeperfurtalive fahren innerhalb von Minuten wieder zu Hochform auf, um virtuell aus voller Kraft zu supporten, es wurden alle Kanäle, von Facebook bis E-Mail und Anrufbeantworter, genutzt, um eine Portion in der ToGo-Box für heute bei uns vorzubestellen. Das erfüllt mich voll warmer Dankbarkeit.

Und dieses Gefühl ist wirklich wichtig. Zu wissen, dass wir uns auf unsere treuen Gäste verlassen können, ist emotional wichtiger als jedes staatliche Hilfspaket.

Natürlich wird ein kleiner Fensterverkauf nicht ausreichen, um alle Verbindlichkeiten zu decken, wenn gleich alle drei Standbeine unseres Peckham’s auf einen Schlag in den Lockdown befördert werden: Café-Bistro, Sandwich- und Suppenverkauf an externe Cafés sowie unser Bed & Breakfast, sie alle sind vom Lockdown betroffen. Die Fixkosten, wie Miete und Versicherungen bleiben bestehen, andere Verbindlichkeiten werden zu großen Teilen im Folgemonat beglichen, einem guten Oktober stehen natürlich auch entsprechend hohe Kosten für Waren und Investitionen gegenüber, die jetzt im November gezahlt werden müssen. Das kann kein Fensterverkauf stemmen – aber er hilft. In Kombination mit der geplanten neuen Hilfe des Bundes vermittelt uns der Fensterverkauf nicht nur das Gefühl, dass wir es finanziell auch durch diesen Lockdown schaffen werden – er gibt uns und unseren Mitarbeitern auch emotional die Kraft, diesen Lockdown durchzustehen.

Die angekündigten Hilfen des Bundes sehe ich in diesem zweiten Lockdown allerdings in einem deutlich vielschichtigeren Licht.

Dazu aber morgen mehr.

Freitag, 30.10.2020

Der letzte Teller.

Dann beginnt der erneute Lockdown. Die vielen Namen des neuen Lockdowns kommen wahrlich einem Euphemismus gleich. Lockdown light. Lockdown deluxe, wie der Postillon mit seinem markanten Humor titulierte und den Euphemismus wie immer satirisch an die Spitze trieb.

Denn dieser Lockdown ähnelt allzu sehr dem ersten, darüber kann eine neue Namensgebung nicht hinwegtäuschen. Die Branchen, die sich noch gar nicht vom ersten Lockdown erholt hatten, trifft es erneut. Obwohl viele Vertreter dieser Branchen einen verdammt guten Job dabei gemacht haben, den Virus mit konsequent umgesetzten Hygienemaßnahmen einzudämmen. Leider nicht alle. Es gab viele schwarze Schafe – in der Gastro genau so wie in der Kultur- und Veranstaltungsbranche.

An diesem Punkt kommen die Bundesregierung, die Ministerien, die Länder und die Kommunen ins Spiel.

Ich habe in den letzten 8 Monaten meine Corona-Hausaufgaben gemacht. Die Politik auch? Sind alle optimal auf die zweite Welle vorbereitet? Wurde konsequent die Implementierung aller erforderlichen Hygienemaßnahmen über alle Branchen hinweg forciert, damit alle bereit stehen und wissen, was zu tun ist, wenn die zweite Welle da ist?

In meinen Augen lautet die Antwort klar: Nein. Denn dann wäre ein zweiter Lockdown nicht nötig gewesen.

8 Monate waren eine lange Zeit der Vorbereitung:

Konsequente Kontrollen hätten sofort die schwarzen Schafe aller Branchen identifizieren müssen. Mit Mitteln wie Bußgeldern oder der vorübergehenden Schließung uneinsichtiger Betriebe, hätte auch der letzte Betrieb die Hygienemaßnahmen beachtet – oder wäre eben für die Zeit aus dem Verkehr gezogen worden. Wie oft wir kontrolliert wurden? Nie. Nicht ein einziges Mal. Was für ein Versäumis! Wie soll denn so sichergestellt werden, dass a) kein unlauterer Wettbewerb entsteht und b) bis zur zweiten Welle alle Hygienekonzepte aus dem ff sitzen?

Regional begrenzte, an das individuelle Infektionsgeschehen angepasste Maßnahmen wären ein guter Schritt gewesen. Aber Erfurt hatte noch nicht einmal die Chance, zu beweisen, dass das Stufensystem funktionieren kann. Denn kaum wurde die regionale Erfurter Allgemeinverfügung veröffentlicht, wurde sie schon vom bundesweiten Lockdown überrollt.

Die fehlenden Reisebeschränkungen haben einen weiteren Teil zum Lockdown 2.0 beigetragen. Wie sollte regional eingedämmt werden, wenn Reisen größtenteils nach Lust und Laune erlaubt blieb? Als kleines Gastgeschenk das Virus in der Reisetasche. Regionale Eindämmung KANN nur mit umfassenden Reisebeschränkungen funktionieren. Kombiniert mit umfassender staatlicher Unterstützung der betroffenen Reisebranche. Warum wurde dies versäumt?

Die Digitalisierung der Schulen hätte in 8 Monaten deutlich vorangetrieben werden können. Passiert ist bis auf eine sogenannte Schulcloud, in deren Nutzung bis heute weder die Schüler noch die Lehrer eingewiesen sind, meines Wissens … nichts. In der letzten Elternversammlung unserer Grundschule gab es zur Digitalisierung nur einen Konsens: Wenn DAS der aktuelle Stand der Digitalisierung ist, dann können wir alle nur hoffen, dass es an Schulen niemals zu einer Phase gelb, rot oder einem Lockdown kommen wird. Denn es ist niemand darauf vorbereitet. Wieder. Und dieses Mal hätte es Zeit zur Vorbereitung gegeben.

Womit wir wieder beim Lockdown light wären – denn neben der Öffnung des Einzelhandels ist die Öffnung der Schulen, Kindergärten & Co. der wesentliche Unterschied zum ersten Lockdown. Selbstverständlich eine große Erleichterung für alle Eltern und Kinder, die ich sehr begrüße. Aber gleichzeitig täuscht dieser light-Punkt über einen Missstand hinweg: Unser Bildungssystem ist nicht auf einen Lockdown vorbereitet und KANN gar nicht in eine strukturierte und gut durchdachte Stufe gelb oder rot übergehen, die die Bildung unserer Kinder gewährleistet.

8 Monate waren viel Zeit. Wo sind die Strategien, die uns vor einem zweiten Lockdown bewahrt hätten?

Donnerstag, 29.10.2020

Der vorletzte Teller vor dem Lockdown 2.0. Dieser Lockdown wird anders.

Während ich bis zu Letzt voll und ganz hinter allen getroffenen Maßnahmen stand, den ersten Lockdown mit eingeschlossen – diesen zweiten Lockdown halte ich für vermeidbar, auch auf aktuellem Stand der Entwicklungen.

Im März begegnete uns allen eine völlig neue Situation, auf die wir als Bürger nicht gefasst waren und die Politik – trotz frühzeitiger Warnsignale – leider auch nicht. In diesem Moment in den Lockdown zu gehen, um zunächst alle Faktoren zu sammeln, zu bewerten und geeignete Maßnahmen und Strategien zu entwickeln, war in meinen Augen völlig legitim.

8 Monate sind seitdem vergangen – der Lockdown hat seine Wirkung gezeigt, es gab Zeit durchzuatmen und sich gut für die erwartete zweite Welle ab Herbst zu rüsten. Viele Gastronomen, wie wir, haben ihren Teil dazu beigetragen, die von der Politik und eigeninitiativ entwickelten Maßnahmen umzusetzen, unter großem emotionalen wie finanziellen Kraftaufwand. Jeder gastronomische Betrieb, der die geforderten Maßnahmen implementiert hat, wurde so zu einem sichereren Ort, der Begegnung und Austausch möglich machte und gleichzeitig der Aufgabe gerecht wurde, auf die Einhaltung aller Regeln durch die Gäste zu achten. Keine leichte Aufgabe, dies mit der freundlichen Leichtigkeit des Dienstleisters, der wir sind, zu verknüpfen. Aber ich wage zu behaupten: Es ist uns gelungen. Gemeinsam mit unseren wundervollen Gästen, die volles Verständnis zeigten, alle Maßnahmen für sich annahmen und trotzdem regelmäßig zu uns kamen.

Hinter uns liegen zwei gute Monate. Die uns gezeigt haben: Wir haben alles richtig gemacht. Und wir waren uns sicher: So wird es funktionieren.

Wir haben strikt auf die Maskenpflicht geachtet, desinfiziert, Plätze reduziert und Abstände gesichert, Plexiglasscheiben montiert, Kontaktdaten gesammelt – in dem festen Glauben: So wird ein bundesweiter Lockdown nicht nötig sein – regional begrenzt, je nach Infektionsgeschehen, ja. Aber ein zweiter Lockdown wie im März – ausgeschlossen.

Gestern wurde dieser Lockdown, den es gar nicht geben dürfte, dennoch ausgerufen.

#jesuisGastronomie, kursiert gerade viral als schmerzvoller Aufschrei der Gastronomie im Netz. Und dieser Aufschrei ist wichtig – denn die immer lächelnde Gastronomie muss, ebenso wie die immer lächelnde Veranstaltungs- und Kulturbranche, ungewöhnlich deutlich darauf aufmerksam machen, was hier passiert.

Ja, der Hashtag ist unglücklich gewählt. Wenn ich ihn – auch im Austausch mit lieben Followern und lieben Gästen im Café – etwas sacken lasse, verstehe ich, dass die Verknüpfung nicht richtig erscheint – natürlich ist die aktuelle Situation in keinster Form mit einem Terrorakt zu vergleichen.

Deshalb werde ich es bei dem gestrigen kurzen Streiflicht belassen und den Feed-Beitrag aus Respekt vor der ursprünglichen Bedeutung des Hashtags aus der Timeline entfernen.

Aber was bei #jesuisGastronomie völlig korrekt mitschwingt: Es geht hier um das Sterben einer Branche. Und dieses Sterben bezieht sich nicht nur auf die Gastronomie, sondern auch auf viele andere Bereiche, beispielsweise im kulturellen Umfeld. Es geht nicht „nur“ darum, dass Menschen ihre Jobs verlieren und sich dann, wenn alles überstanden ist, einfach wieder einen neuen Job suchen. Hier geht es um Existenzen, um Lebenswerke, die einen Lockdown 2.0 teilweise nicht überleben werden.

Und es geht nicht ausschließlich um das Sterben, es geht auch um das Gefühl, überrumpelt und getäuscht worden zu sein: „Habt ihr alles richtig gemacht? Ersten Lockdown überstanden? Check! Hygienekonzept? Check! Konsequente Umsetzung des Konzepts? Check!“ Kontaktdatenerfassung unter erschwerter Umsetzung durch die DSGVO? Check!!! Fantastisch! Dann dürft ihr jetzt schließen.“ Ja, da fühlen sich viele, als seien sie aus dem Hinterhalt angegriffen worden. Insofern verstehe ich ebenso gut, wie dieser Hashtag entstanden ist, in welchem gastronomischen Betrieb er nun auch immer seinen Ursprung hatte.

Was nun ein passenderer Hashtag wäre, um die gleiche Emotion zu transportieren? Ich weiß es nicht. Vielleicht habt ihr einen passenden Gedanken.

Hätte es andere Wege gegeben, als in blindem Aktionismus Unternehmen zu schließen, die mit der korrekten Umsetzung aller Maßnahmen nicht etwa zur Verbreitung sondern zur Eindämmung des Virus beigetragen haben?

In meinen Augen definitiv ja. Aber dazu an einem anderen Tag mehr. Auf eine Box aus dem Fensterverkauf to go.

Mittwoch, 28.10.2020

Montag, 26.10.2020

Wie lange es wohl den Teller in unserem Café-Bistro noch gibt?

Freitag Früh meinte ich im morgendlichen Koch-Klatsch mit den Mädels in unserer Peckham’s Bistro-Küche: „Ich geb‘ dem Ganzen noch 2-3 Tage, dann wird Phase gelb angekündigt, wetten?“. Naja, was soll ich sagen: Ich wünsche mir selten, dass ich nicht recht habe. Aber in diesem Fall wäre es mir lieber gewesen.

Wir sind auf jeden Fall vorbereitet: Sollte es in Erfurt doch nochmal zum Lockdown kommen, starten wir wieder mit dem Fensterverkauf in der ToGo-Box. Es ist auf eine seltsame Art tröstlich zu wissen, dass uns der Fensterverkauf durch Wochen des Lockdowns bringen kann.

Aber wer weiß, vielleicht haben die Menschen auf wundersame Weise dazugelernt und es machen alle mit, bei Phase gelb, das Ziel grün vor Augen – bevor es doch rot wird?

Wir werden sehen.

Und was gibt’s nun eigentlich auf meinem geliebten Teller? Blumenkohl-Curry mit roten Linsen in Kokosmilch mit Kreuzkümmel, Tomate, Joghurt und Chutney auf Reis. Heute brauch‘ ich Kohlenhydrate, auf den Schreck.

Was bisher geschah … Das Corona-Diary 1.0 aus dem ersten Lockdown findest du hier.