Corona-Diary: Gastronomin in der Zeit der Krise

Auf ein Mittagessen.

Jetzt wird es bei unserem Plausch auf eine Mittags-ToGo-Box sehr persönlich: Wir alle stecken in einer der schwersten Zeiten in der jüngeren Geschichte – die aber trotz allem viel Wärme und Menschlichkeit mit sich bringt. Ein auf und ab der Gefühle. Jeden Tag passiert etwas Unerwartetes. Etwas, das wir uns erst letzte Woche niemals hätten vorstellen können. Als sei unser Leben ein Science Fiction Film. Aber dieser Film ist real.

Ich nehme euch in meinem Blog-Tagebuch mit und teile meine ganz persönlichen Eindrücke und Gedanken in der Zeit der Krise mit euch.

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Montag, 16.03.2020

Wenn ein Virus droht, dir die Existenz unter den Füßen wegzuziehen …Was jetzt kommt? Ich weiß es nicht. Wir hängen in der Gastronomie gerade ganz schön in der Luft. Ich kann nur hoffen, dass auch in Erfurt bald klare Entscheidungen getroffen werden.

Darf die Gastronomie öffnen? Welche Einschränkungen wird’s geben? Wenn der Betrieb eingestellt werden muss, dürfen wir dann noch ToGo aus dem Fenster verkaufen?Welche Rettungsmaßnahmen sind für die Gastronomie geplant?

Kredite bringen kleinen inhabergeführten Läden gar nichts außer Schulden. Viele Fixkosten, die das eigene Einkommen um ein Vielfaches überschreiten, laufen weiter – es bleibt nur noch die Hoffnung auf viel menschliches Miteinander. Auf gegenseitige Solidarität, Hilfe, Rücksichtnahme.

Jetzt ist die Chance für unsere Gesellschaft zu zeigen, was sie kann. Wir alle – mit Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme. Staat und Behörden – mit wirkungsvollen Hilfen, die wirklich bei denen ankommen, die sie dringend brauchen. Künstler, Veranstalter, Gastronomen und so viele mehr – sie alle leben jetzt nicht nur mit Einschränkungen, sei es finanziell, zeitlich oder räumlich. Sie alle kämpfen jetzt um ihre Existenz. Ich wünsche uns allen, dass wir diese Herausforderungen gemeinsam meistern werden.

Wie geht es euch mit der Krise? Wie macht sie sich bei euch bemerkbar? Für den Moment baue ich jetzt auf’s Glücklich-Essen: In Form von gebackenem Hokkaido-Kürbis auf Grünkohl in Lieblingssauce. Mit Reis, jawoll, heute war mir nach Kohlenhydraten, um meine Energiespeicher aufzufüllen. Energie und Kraft werden wir jetzt alle brauchen.

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Dienstag, 17.03.2020

Die Ereignisse überschlagen sich. Gestern wurde auf Bundesebene beschlossen, dass der Handel ab Mittwoch zu großen Teilen schließen muss. Der Gastronomie wurde der Auftrag zuteil, die Bevölkerung bis 18 Uhr unter Einhaltung der Hygienevorgaben weiter zu versorgen.

Ob wir uns freuen, dass wir noch weitermachen dürfen, wurde ich heute viel gefragt. Meine Antwort: Es ist vor allem eine Aufgabe. Denn verdienen werden wir in dieser Zeit nichts – die Umsätze sind seit Montag um 50 % eingebrochen, unsere Gästezimmer sind in den kommenden Wochen komplett storniert. Unsere Einnahmenwerden noch nicht einmal reichen, um die Fixkosten, wie Miete und Personal, vollständig abzudecken, an ein eigenes Einkommen ist da schon gar nicht mehr zu denken.

Aber wir haben einen Auftrag. Wir sind so oder so Idealisten und jetzt ist es unsere Aufgabe, die Bevölkerung mit Mittagessen zu versorgen. Die Apotheke nebenan arbeitet auf Hochtouren, die Chefin holt jeden Mittag das Essen für die Belegschaft bei uns ab – alle, die in den umliegenden Büros und in der Gegend im Homeoffice arbeiten, freuen sich, schnell ihr Essen bei uns abholen zu können, um ihre Energiereserven aufzufüllen. Und auch mal ein liebes Gespräch zu führen, denn ein wenig sozialen Kontakt brauchen wir alle. Auch das stärkt das Immunsystem.

So kommt immerhin noch fast die Hälfte der üblichen Gäste und wir spüren ihre Dankbarkeit, dass wir noch für sie geöffnet haben. Das ist momentan mein Lohn. Und auch das ist wirklich viel wert.

Mittwoch, 18.03.2020

Kann es noch verrückter werden? Es kann.

Wir hatten uns gerade auf die neue Regelung eingegrooved, alles minutiös geplant, um Schlangen und Wartezeiten zu vermeiden und alle Hygienevorschriften einzuhalten, holen die letzte Auflaufform mit duftendem Shepherd’s Pie aus dem Ofen, schon bis auf die letzte Portion vorbestellt.

Und dann platzt die Bombe:

Wir machen das Gitter auf, ein lieber Gast kommt herein und sagt: „Auf dem Erfurter Wenigemarkt räumen alle Gastronomen panisch ihre Außenbestuhlung weg, Bäcker mit Café verschenken ihre Backwaren, weil ihnen gesagt wurde, sie müssten SOFORT schließen!“ Gott, da ist mir fast die Auflaufform aus der Hand gefallen. Panisch haben wir auch gleich begonnen, die Außenbestuhlung reinzuräumen, währenddessen rattert es in meinem Kopf: Warum sagt uns denn keine offizielle Stelle rechtzeitig Bescheid, bevor ich eingekauft und in stundenlanger Arbeit das Mittagessen gekocht habe? Muss ich jetzt alles wegschmeißen? Und während ich noch panisch auf und ab laufe und versuche einen klaren Gedanken zu fassen, kommen andere Gäste herein und geben Entwarnung: Schließung ja. Aber ab morgen. „Steht hier schwarz auf weiß in der Thüringer Allgemeine! Falls die Polizei kommt und räumen will, legen wir ihnen den Zeitungsartikel vor. Das muss auf dem Wenigemarkt ein riesen Mißverständnis gewesen sein.“

Ahhhh! Was für ein emotionales auf und ab. Wir konnten unseren Shepherd’s Pie also doch noch verkaufen. Unsere lieben Gäste kamen auch alle, wie vorreserviert – und hatten viel Verständnis dafür, dass ich wie ein aufgeschrecktes Hühnchen um Contenance gerungen habe. Selbst ich kann nicht immer alles weglächeln.

Und nun? Werden wir erfinderisch. Ich habe heute Nachmittag gleich bei der Erfurter Stadtverwaltungs-Hotline angerufen und habe das Go bekommen für unsere neue Krisen-Erfindung: Ab morgen werden wir zum Mittagessen-Supermarkt mit ToGo-Fenster. Also nur noch ToGo auf Vorbestellung aus dem Fenster. Es bleibt spannend. Ich halte euch auf dem Laufenden.

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Donnerstag, 19.03.2020

Leben im Shut-Down. Ab heute hat Erfurt die Sitzplatz-Gastronomie geschlossen. Ab morgen alle Geschäfte & Dienstleistungen außer die für die Grundversorgung notwendigen.

Auf einen Schlag fokussiert sich das Leben auf die Dinge, die wirklich lebensnotwendig sind. So angsteinflößend die aktuelle Situation ist: Es schwingt erstaunlicherweise ein positives Gefühl mit. Ein Gefühl von Wärme. Solidarität. Mitmenschlichkeit. Kombiniert mit Kreativität, Erfindungsreichtum & Fokus auf das Wichtige im Leben.

Meine kleine Tochter ist heute Früh aufgewacht und war rundum glücklich. Sie spürt gar nicht, dass das Leben, das wir alle kennen, gerade aus den Fugen gerät. Denn sie hat alles, was sie braucht: ihre Familie, Liebe, ein schönes Dach über’m Kopf und leckeres Essen. Heute Früh hat sie noch vor dem Frühstück so ausgelassen zur Musik in unseren Cafélautsprechern getanzt, dass ich für den Moment auch richtig glücklich war. Behaltet euch diese kindliche Wertschätzung der wesentlichen Dinge im Leben – sie bringt euch am Besten durch die Krise, die gerade auf uns zurollt.

Haltet euch ans #socialdistancing – aber bleibt soziale Wesen mit viel Menschlichkeit. Einfach ist das nicht immer – es fiel mir heute Früh beim Lebensmittel-Einkauf auf: Wenn man sich immer wieder ermahnen muss, 1,5 m Abstand zum nächsten zu halten – dann vergisst man schnell, zu lächeln, ein freundliches Wort oder eine achtsame Geste. Aber es geht – wir werden jetzt viel Zeit haben, genau das zu lernen – Distanz halten und gleichzeitig voller menschlicher Wärme füreinander da zu sein.

#supportyourlocals ist eine dieser herzerwärmenden Bewegungen. Viele eurer Lieblingsläden, Dienstleister, Künstler … haben sich kreative Ideen ausgedacht, um die Krise gemeinsam mit euch zu überstehen. So können wir alle füreinander da sein. Fragt nach, was sie sich ausgedacht haben und nutzt es! Gutscheine, ToGo-Verkauf, Online-Dienste, Buch-, CD-Versand per Post, etc. Unser Café-Bistro z.B. hatte heute seinen ersten Tag als Mittagessen-To-Go-Supermarkt mit Fenster-Verkauf. Ihr helft uns mit jedem gekauften ToGo-Essen – finanziell wenigstens einen Teil unserer Kosten zu decken – und vor allem mit eurer Mitmenschlichkeit.

Ihr wollt in eurer Region helfen? Lieblingsläden, Dienstleister, Künstler & Co könnt ihr in der Krise unter die Arme greifen, indem ihr kreative Angebote nutzt, die sie sich haben einfallen lassen: Gibt es noch ToGo-Verkauf? Wird geliefert? Gibt es einen Online-Shop? Gibt es Bücher, CDs, Merchandise und andere Produkte, die ihr direkt und ohne Umweg über Großhändler bestellen könnt? Fragt nach! Und nutzt es. Jedes bisschen hilft.

Wer unserem Café-Bistro Peckham’s in Erfurt helfen möchte: Bestellt unsere Kochbücher direkt bei uns und nicht bei den großen Online-Händlern, wir schicken sie euch per Post und ohne Versandkosten zu, gerne auch mit einer persönlichen Widmung. Schreibt einfach eine E-Mail an karina@peckhams.de.

Oder, wenn ihr in Erfurt wohnt: Nutzt unser ToGo-Angebot. Wir versorgen euch auch in der Krise mit selbstgekochtem Mittagessen – Glück-in-der-Box aus unserem Mitnahmefenster. Auf Vorbestellung am Vortag, um Warteschlangen zu vermeiden. Ihr seht hier, was es Montag-Freitag Mittag bei uns gibt: https://www.facebook.com/I.like.Peckhams

Freitag, 20.03.2020

Glück zum Mitnehmen. Heute hab‘ ich mir eine unserer ToGo-Boxen für Abends aufgehoben. Einige von euch haben sich heute auch ihr Glück ToGo bei uns abgeholt – und ihr habt euch dabei so vorbildlich in #socialdistancing geübt, dass ich gedacht habe: Wären alle so rücksichtsvoll wie ihr, müsste es gar keine Ausgangssperre geben. Leider haben aber immer noch so viele den Sinn und Zweck des #socialdistancing nicht verstanden, dass es wohl eine Ausgangssperre geben wird. Vielleicht schon ab Montag. Was dann mit unseren „Glück ToGo“-Boxen wird, steht in den Sternen. Wir werden sehen.

Hier in #erfurtcity habe ich tatsächlich Hoffnung. Ich habe die Straßen auf dem Weg zur Post noch nie so leer erlebt. Die meisten waren allein unterwegs, offensichtlich um Besorgungen des täglichen Bedarfs zu erledigen. Wenn zu dritt, dann Mama, Papa & Baby im Kinderwagen, in gebührendem Abstand zu anderen, um etwas frische Luft zu schnappen. Kommt die Ausgangssperre, wird Letzteres bald nicht mehr möglich sein. Es liegt in unser aller Hand.

Redet auch gerne Menschen hier auf Social Media ins Gewissen, viele hat es tatsächlich nicht erreicht, dass es in einer Ausgangssperre münden wird, wenn wir’s nicht von uns aus schaffen, besonnen und nachsichtig zu handeln. Aber auch wenn ihr eurer Aussage Nachdruck verleihen wollt – bleibt nett zueinander. Kraftausdrücke müssen wirklich nicht sein, ganz im Gegenteil, Hashtags + Profilbildrahmen im O-Ton #staythefuckhome bringen Aggressivität in unsere Kommunikation, die wir in Krisenzeiten dringend vermeiden sollten, um menschlich aufeinander zugehen zu können. #wirbleibenzuhause ist eine ganz wundervolle Alternative – da kommt die Kommunikationswissenschaftlerin in mir durch 🙂 Aus der Ich-Perspektive heraus kommuniziert, lädt es völlig gewaltfrei auch diejenigen dazu ein, umzudenken, die es noch nicht verinnerlicht hatten. Nachahmungsverhalten funktioniert schon bei kleinen Kindern besser, als ein mit Kraftausdücken gespickter Befehl. Ja, und eiins, zweiii, dreiiii funktioniert seit jeher auch hervorragend – womit wir wieder beim Thema Ausgangssperre wären.

Also, wartet bitte nicht, bis die 3 ausgesprochen wurde. Handelt jetzt.

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Montag, 23.03.2020

„Wir machen dann jetzt zu“ sagte mir der Döner-Betreiber von nebenan. DER Dönerladen, der IMMER geöffnet hat, von Mittags bis spät in die Nacht, außer 2 Tage an Weihnachten. ZU. Auch kein Fensterverkauf. Dass es das jemals geben wird, ich hätte es nicht für möglich gehalten.

Eine Bitte hat er noch, sagt er mir und reicht mir einen Salat zum Dank – ob ich an unserem Drucker ein Vorübergehend-wegen-Corona-geschlossen Schild für ihn ausdrucken könnte. Denn das Ordnungsamt fotografiere diese Schilder, um zu dokumentieren, wer für die geplanten Hilfsmaßnahmen vorgesehen werden muss.

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Da sind bei mir tatsächlich große Fragezeichen entstanden. Das klang für mich überhaupt nicht nach dem Vorgehen deutscher Bürokratie – ausgedruckt habe ich das Schild trotzdem, es ist ja so oder so gut, die Kunden zu informieren. Und dann hab‘ ich mich an den PC geklemmt und habe gegoogelt. Und es gefunden: Das Land Thüringen hat tatsächlich einen Schutzschirm für Kleinst-, Kleinunternehmen und Freiberufler geplant, die Details werden heute Nachmittag veröffentlicht. Mit Internetportal, Telefonhotline und Formular-Download.

Ich bin gespannt und habe berechtigt Hoffnung, dass die Verantwortlichen erkannt haben, dass die Kleinen andere und schneller Hilfe benötigen, als sie es von Hilfsmaßnahmen für große Konzerne kennen. Während ich noch nach Details googele, steht mein Social Media Netzwerk nicht mehr still – einer nach dem anderen leitet die Info zum Hilfspaket weiter – auch ich checke, wer noch nicht im Verteiler ist und leite weiter.

Nur der Döner-Betreiber von nebenan ist nicht via Social Media erreichbar. Auch keine E-Mail oder Handynummer. Aber ich vertraue auf den Flurfunk – denn auch die Dönerimbisse sind in Erfurt gut vernetzt.

Dienstag, 24.03.2020

Die Server waren dann gestern 16 Uhr platt.

Komplett überlastet. Thüringen hat als eines der ersten Bundesländer das Soforthilfeprogramm Corona für Klein- und Kleinstunternehmer, Solopreneurs, Freiberufler und die wirtschaftsnahe Kreativwirtschaft auf die Beine gestellt.

Auch ich saß 16 Uhr am PC, um das Antragsformular downzuloaden. Dann war die Seite kurz offline – aha, jetzt wird das Formular hochgeladen – und dann? Nicht mehr abrufbar. Seitencrash. Vielleicht saßen 20.000 Menschen genau wie ich vor’m PC und haben auf den gleichen Link geklickt. Community-Support sei Dank hatte ich zwei Stunden und eine übrig gebliebene Mittagessen-inderBox-Portion später das Formular.

Was würden wir in Tagen wie diesen nur ohne die wunderbare Vernetzung via Social Media machen? Und tatsächlich: Das Programm macht Hoffnung. Hier wird tatsächlich recht unbürokratisch Soforthilfe zur Verfügung gestellt – 2 Seiten Antrag, eine ich-habe-in-den-letzten-2-Jahren-keine-andere-Förderung-erhalten-„De-minimis-Erklärung“ (was für ein herrliches Wort!), Gewerbeanmeldung. Fertig. Da habe ich in meinem Leben schon deutlich kompliziertere Formulare ausgefüllt.

Ich bin gespannt, auf welcher Position sich mein Antrag eingereiht hat? Warteposition 10.000? Vielleicht.

Jetzt bin ich gespannt, wie viele Menschen diesen Formularberg bearbeiten und wie lange sie brauchen werden. Am 1. April ist unsere Miete fällig, wie bei den meisten anderen sicher auch.

Was die Verantwortlichen hier wirklich erkannt haben: Die Kleinen brauchen schnell Hilfe, unbürokratisch und nicht als Kredit sondern als nicht-rückzahlbare Förderung. Ohne Rücklagen stehen sie sonst nicht ’nur‘ ohne Einkommen da, sondern bereits zum ersten des Monats vor einem unüberwindbaren Schuldenberg – in Form von Miete, verbleibenden Gehältern trotz Kurzarbeit und anderen Verbindlichkeiten. Aber was dann? Abgefragt und beziffert wird nur der aktuelle Schaden. Da die Shutdown-Verfügung in Thüringen – wie auch in anderen Bundesländern – bis 19. April greift, also bis 19. April. Bis dahin hilft die Förderung auch tatsächlich, den Kopf über Wasser zu halten, vielleicht noch ein paar Tage länger.

Und nach dem 19. April?

Geht dann unser Leben auf einen Schlag wieder weiter wie bisher und alles ist gut? Wohl kaum. Ja, selbst ich, die unverbesserliche Optimistin, glaube nicht daran – die Faktenlage zeigt einfach eine ganz andere Realität. Verzweifeln werde ich trotzdem nicht. Denn ich sehe die Situation als Prozess, in dem jeder Part mit seinen Aufgaben wächst. Der einzelne Bürger ebenso wie der Staat. Wir alle lernen, mit der neuen, sich stetig wandelnden Situation umzugehen – und ich finde, wir machen dabei alle einen verdammt guten Job. Während Menschen sich virtuell vernetzen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten, mit wundervollen Netzwerken, wie z.B. hier in Erfurt die facebookgruppe #keeperfurtalive oder Insta-Hashtags wie #supportyourlocals, und der Nutzung der Angebote, arbeitet der Staat tatsächlich in rasantem Tempo daran, weitere Hilfen auf den Weg zu bringen.

Nur in der Kombination kann es klappen – Wille zur Selbst- und Nächstenhilfe, Solidarität jedes einzelnen plus staatliche Förderung kann schrittweise alles am Leben erhalten, das dem Shutdown zum Opfer gefallen ist – damit wir dann auch noch alle da sind, wenn es heißt: Öffnet wieder die Türen! Es ist geschafft!

Mittwoch, 25.03.2020

Von Entschleunigung ist die Rede. Von Zeit für sich. Zeit für ein gutes Buch. Zeit für die Familie. Endlich Kleiderschrank ausmisten und Stadt Land Fluss spielen. Ganz ehrlich? Ich spüre von dieser Entschleunigung nichts. Viel mehr fühlt sich alles an, wie ein Wirbelsturm – alles wirbelt durcheinander: positive und negative Emotionen, Angst und Hoffnung, mehr Arbeit als jemals zuvor, zumindest jetzt in den ersten Wochen, während neben dem Tagesgeschäft unter komplizierten Bedingungen auch ein Berg an Formularen für Ämter und Versicherungen auf uns wartet. Parallel im Wechsel die Betreuung der Kids, während wir versuchen, unser Café-Bistro am Leben zu erhalten.

Natürlich tun wir das auch für uns – immerhin ist unser Café-Bistro seit 12 Jahren unser Lebensprojekt, in das wir alles gesteckt haben, das wir besitzen. Still und heimlich hat es am Wochenende seinen 12. Geburtstag gefeiert, ganz ohne Gäste. Aber wir tun das auch für unsere Gäste, unsere Mitarbeiter, unsere Familie – damit es das Peckham’s auch noch gibt, wenn alles überstanden ist – um diesen besonderen Ort für alle und Arbeitsplätze für unsere wundervollen Mitarbeiter zu bewahren. In diesem emotionalen Strudel geben mir die Wärme und Mitmenschlichkeit, die verstärkt in unserer Gesellschaft zu spüren sind, viel Kraft. Im Kleinen wie im Großen.

Die Erfurter Initiative #keeperfurtalive, in der wir uns hier in Erfurt alle zusammentun, um uns gegenseitig zu unterstützen, strahlt sogar als inspirierendes Element in einer der heutigen Reden bis in den Bundestag hinaus. Selbst Ämter, die sonst eher ungern kontaktiert werden, sind hilfsbereit, verständnisvoll, zuvorkommend, üben sich darin, Bürokratie abzubauen und arbeiten im Akkord, um die vielen Hilfsanträge auf Soforthilfe oder Kurzarbeit zu bearbeiten. Die Welt wird an allen Ecken und Enden menschlicher und wärmer. Und dann springt mir diese E-Mail entgegen: Unterschreiben Sie die Petition jetzt! FCK60kug90.

Und es wird plötzlich inmitten so viel Wärme kalt.

Während Menschen um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen, möchte Verdi die Rettungsmaßnahmen, die der Staat gerade erst in beeindruckendem Tempo auf den Weg gebracht hat, ins Wanken bringen.

Während Menschen wie ich ihre ganze Kraft investieren, um ihr Unternehmen durch die Krise zu steuern, verzichten wir dabei gänzlich auf ein eigenes Einkommen, müssen als Unternehmer trotzdem unsere Kranken-, Pflege-, Renten-, Arbeitslosenversicherung begleichen, arbeiten unendlich viele Arbeitsstunden, um betriebliche Kosten wie Miete, Strom, Wasser, Versicherungen, Steuerberater, Telefon, Internet und verbleibende Arbeitsstunden der Mitarbeiter zahlen zu können. Und dann muss ich so etwas lesen: Verdi genügt es nicht, dass Angestellte, die in der Krise in Kurzarbeit zu Hause bleiben, um sich Familie, Kindern, Haushalt, Kleiderschrank ausmisten, Stadt-Land-Fluss-Spielen, ein gutes-Buch-lesen und dem Entschleunigen zu widmen, 60 % ihres Nettolohns und alle Versicherungsleistungen, wie Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung erhalten. Nein, der Arbeitgeber, der gerade um’s Überleben kämpft, soll mit 30 % auf 90 % des Einkommens aufstocken. Und nein, wenn ich es richtig verstanden habe, nicht nur Großkonzerne – sondern alle. [Nachtrag: Neben Verdi werden diese Forderungen aktuell auch von anderen Gewerkschaften, wie der NGG (Gastronomie) gestellt – mit „jeder Betrieb“, wie es von NGG und Verdi formuliert wurde, sind aber nur tarifgebundene Arbeitgeber gemeint – wobei auch hier die Frage für mich offen bleibt, ob die Forderung ggf. für viele tarifgebundene Arbeitgeber in der Insolvenz mündet.]

So sehr ich jeden schätze, der sich für Rechte anderer einsetzt – wo bleibt hier das soziale Verständnis und menschliche Miteinander? Was sind denn Unternehmer, wenn nicht Menschen, die auch geschützt werden müssen? Ich wäre unendlich froh, wenn ich mich während Corona mit 60 % meines Lohns und allen Versicherungen im Rücken der Entschleunigung widmen dürfte. Ich würde diese Leistung nicht mit grenzwertigem, aggressiven Vokabular kleintreten und noch mehr fordern – ich würde diese Leistung in Krisenzeiten wie dieser aus tiefstem Herzen wertschätzen.

[Etwas später heute Abend:]

Social Media sei Dank konnte mein Entsetzen durch den spannenden Austausch mit lieben Lesern meines Tagebuchs bis zum Abend etwas abgemildert werden. Das ist das wundervolle daran, ein Tagebuch nicht nur für sich zu schreiben, sondern mit euch zu teilen: Der Austausch bringt ungemein weiter und hilft, die Gedanken zu sortieren.

Jetzt da ich weiß, dass erste Zeitungsartikel zu den Forderungen der Gewerkschaften etwas missverständlich formuliert waren und sich die Forderungen auf tarifgebundene Unternehmen fokussieren (siehe Nachtrag): Sozial und gerecht fühlt es sich für mich dennoch nicht an. Ist es der richtige Weg, in schweren Krisenzeiten wie dieser – ach, was sag‘ ich, der schwersten, die unsere Generation je erlebt hat – Arbeitnehmer in 2 Lager zu spalten (Tarif = 90-kug und nicht-tarif = 60-kug), die Hilfestellung 60-kug mit grenzwertigen Formulierungen wie „fck60“ zu attackieren, anstatt sie zu wertschätzen?

Das Beste für diejenigen herauszuholen, die man vertritt, ist in der freien Marktwirtschaft gut und richtig. Aber in der Krise werden die Regeln der freien Marktwirtschaft zunehmend aufgehoben, wenn Unternehmen auf behördliche Anordnung handlungsunfähig gemacht werden. Dann ist der Ansatz, für einzelne das Beste herauszuholen, plötzlich völlig fehl am Platz. Denn in Krisenzeiten geht es nur noch mit solidarischem und sozialen Miteinander – für Arbeitnehmer ebenso wie Arbeitgeber, die sich alle nicht mehr wünschen, als diese Krise zu überstehen.Wie seht ihr das?

Donnerstag, 26.03.2020

Nudeln. Ein Zeichen. Die neue Zwischenwelt da draußen scheint sich zu stabilisieren.

Wie viele Tage haben wir Menschen in Deutschland gebraucht, um uns der Situation anzupassen? 5+8, also 13 Tage. Rekordzeit, wie ich finde.5 Tage brauchten wir alle, um den wahren Ernst der Lage zu erkennen. Freitag den 13. waren erste Zeichen erkennbar: Jetzt wird unser aller Leben anders. Am 18. startete dann in Einzelschritten der Shutdown, 8 Tage Chaos.

Und heute, Tag 9, gibt’s Nudeln. Geahnt hatte ich ein Gefühl von Bedrohung schon sehr viel früher. „Das wird noch krass“ schrieb ich meiner Mutter, Messenger sei Dank weiß ich auch noch wann, es war schon am 23. Februar. Was krass tatsächlich bedeutet, konnte ich natürlich noch nicht so recht begreifen. Aber das Gefühl war da.Was ich mich frage: Wenn selbst ich, nur aus einem Bauchgefühl heraus, schon Februar erahnen konnte, dass da etwas wirklich Drastisches auf uns zurollt – warum haben die Experten, die wesentlich mehr Informationen haben, nicht schneller reagiert? Flüge gestrichen, die Grenzen dicht gemacht, unser Leben in eine Schutzblase gesteckt?Vielleicht weil die Akzeptanz der Bevölkerung noch nicht da gewesen wäre? Eine Aufschrei des Unverständnisses durch’s Land gegangen wäre? Vielleicht. Jetzt ist die Akzeptanz überraschend hoch – über 80 % der deutschen Bevölkerung stehen hinter den aktuellen Maßnahmen, hat eine aktuelle Umfrage ergeben. Ob das wohl auch schon am 23. Februar der Fall gewesen wäre? Wer weiß.

Aber zurück zu den Nudeln. Sie sind wieder da. Als ein kleines Zeichen für einkehrende Stabilität stehen sie im Supermarktregal, als wäre nichts gewesen. Die Prepper haben fertig gepreppt und bleiben zu Hause – die Tonnen an Nudeln mit Tomaten aus der Dose müssen ja auch irgendwann gegessen werden und der Gang auf’s Klo ist auch für die nächsten Jahre gesichert. Nach nur 13 Tagen haben also auch wir nicht-Prepper wieder Zugriff auf Nudeln und als hätte ich es geahnt, habe ich sie für heute in unserem Fensterverkauf auf die Tageskarte gesetzt, mit Auberginen-Tomatensugo und viel frischem Rucola. Dabei habe ich die Nudeln gar nicht vermisst! Ihr wisst ja, als Paleo-LowCarb-Flexitarier mit Glutenintoleranz … aber so ein paar wenige glutenfreie hab‘ ich mir dann doch schnell noch zu meinen Gemüsegrillsticks in die Box gesteckt. Einfach als kleines Symbol für die neu einkehrende Stabilität in unserer Corona-Zwischenwelt.
Wie ist es bei euch? Spürt ihr auch schon erste Zeichen, dass wir vorübergehend zu einem neuen, irgendwie funktionierenden Alltag während der Krise finden?

Freitag, 27.03.2020

Hoffnungsträger. Sie alle tragen ihren kleinen großen Teil dazu bei, dass wir uns alle etwas besser zurechtfinden, in dieser abstrakten Zwischenwelt, die uns momentan da draußen erwartet.Da ist die Supermarktmitarbeiterin, die mich schon seit jeher mit ihrem fröhlichen Pragmatismus, ihrer Schnelligkeit, Herzlichkeit und ihrem Humor beeindruckt hat – und sich jetzt mit Sicherheitsweste und Gummihandschuhen bestückt darum kümmert, dass jeder Kunde einen Einkaufskorb- oder Wagen nimmt, um die vorgeschriebenen 17 Kunden im Markt besser zählen zu können. „Ist ganz frisch desinfiziert“, strahlt sie und reicht mir den Einkaufskorb. Und ihr Strahlen, ihre Selbstsicherheit vermitteln mir: Alles ist gut – diese verrückte Welt mit ihren neuen Regeln und Handlungsanweisungen geht vorübergehend in Ordnung und wir machen alle gemeinsam das Beste daraus.

Ein ähnliches Bild in der Drogerie ein paar Häuser weiter: Der junge Mann an der Kasse sieht mit seinen dicken, knallgrünen Haushaltsgummihandschuhen aus, wie einem Science-Fiction-Film entsprungen, am Eingang steht ein Security-Mitarbeiter, der sonst nie da steht, und zählt offenbar die Kunden. Und auch hier strahlt mich der Kassierer an, wünscht mir aus voller Überzeugung einen schönen Tag und gibt mir das Gefühl, dass trotz dieser vorübergehenden Verrücktheiten unseres neuen Alltags, trotz Security-Mann und Gummihandschuh, alles gut ist und wir gemeinsam das Beste daraus machen.Zurück zu Hause wartet eine E-Mail auf mich mit der gefühlt hundertsten Stornierung der Übernachtungen in unserem kleinen Bed & Breakfast – während jedoch andere mit einem gewissen Selbstverständnis schreiben, dass sie gerne die kostenfreie Stornierung auf Grund der aktuellen Lage in Anspruch nehmen wollen, ist diese E-Mail anders: Dieser Gast bittet mich gerade wegen der aktuellen Lage um Berechnung der Stornierungsgebühr – und das obwohl die Buchung noch so lange hin ist, dass eine Gebühr selbst ohne Kulanz- und Sonderregelungen nicht angefallen wäre. Und auch diese E-Mail vermittelt mir: Inmitten aller Verrücktheiten steckt auch immer etwas Gutes.Jeden Tag kommen liebe Menschen und kaufen unser Mittagessen aus unserem Fenster-Café, bestellen per E-Mail meine Kochbücher – alles liebevolle Gesten, die die Kraft haben, unsere verrückte Zwischenwelt zum Strahlen zu bringen.Und dann war ich richtig gerührt: Im Briefkasten entdeckte mein Mann eine handgeschriebene Postkarte. Eine liebe Blogger-Freundin schrieb mir ein paar Zeilen – analog per Hand – dass auch meine Zeilen, die ich hier täglich mit euch teile, für sie in dieser verrückten Zeit Hoffnungsträger sind. Und sie wurde mit ihren wundervollen Worten für mich selbst zum Hoffnungsträger.

Kennt ihr die unendliche Geschichte? In der Schlussszene sitzt die kindliche Kaiserin mit Bastian in einem dunklen Raum, der nur von einem kleinen Licht erhellt wird, das sie in ihrer Hand hält. Aus diesem Licht, dem letzten Korn das aus Phantasien übrig geblieben ist, baut Bastian mit Hilfe seiner Phantasie ein neues Phantasien auf, das noch viel bunter und strahlender ist als jemals zuvor.Gebt dieses Licht auch weiter, so wie die Hoffnungsträger die mir tagtäglich begegnen, mit ihren kleinen großen wundervollen Taten. Lasst euch dazu inspirieren anderen auch ein strahlendes Lächeln zu schenken, selbst wenn wir umnebelt vom ‚Duft“ von Desinfektionsspray auf Abstand gehen müssen. Schreibt einem lieben Menschen doch auch mal eine Postkarte mit ein paar aufmunternden Worten. Zeigt mit kleinen Gesten, dass ihr nicht nur an eure eigene Situation denkt, sondern auch voller Mitgefühl seid für die Situation anderer. Gebt das Licht weiter.Ihr habt bestimmt schon eine Idee, die gerade in euch wächst, oder?

Dienstag, 31.03.2020

Tapfere neue Welt. Im ersten Moment lässt sie mich an Huxleys „Brave New World“ denken.

Und doch ist unsere verrückte Zwischenwelt ganz anders. Ja fast wie ein Gegenstück zur düsteren Gesellschaft im Roman.

Ein Beispiel: Während Huxley eine Welt beschreibt, die zur Bedürfnisbefriedigung auf Konsum fokussiert ist, finden wir uns plötzlich in einer Zwischenwelt wieder, in der der Konsum von jetzt auf gleich an Bedeutung verliert, ja, sogar staatlich durch den Shutdown in großen Teilen unterbunden wird. Viele von uns kaufen – zum einen wegen geschlossener Geschäfte und zum anderen durch fehlendes oder reduziertes Einkommen während der Krise – nur noch das, was wirklich nötig ist und merken: So viel ist das gar nicht. Lebensmittel. Drogerie- und Haushaltsartikel. Vielleicht ab und zu Bürobedarf, den die Postfilialen abdecken. Und Medikamente, wenn benötigt.Und sonst? Genügt das, was wir haben, noch sehr lange Zeit, um gut zu leben. Ja, der Fernseher funktioniert, der CD-Player läuft, das gute Buch ist noch nicht gelesen, die Schuhe sind noch intakt, das Kleid noch hübsch, der Pulli kuschelig – und wenn’s mal ein Loch gibt? Stopfen. Und schon ist der Pulli wie neu.Bei meinen täglichen Besorgungen fällt mir auf: Ich lebe seit Jahren nicht anders – denn die Geschäfte, die ich regelmäßig besuche, haben auch jetzt noch alle geöffnet. Das, was ich mir im normalen Alltag kaufe, gibt es auch jetzt, in unserer tapferen Zwischenwelt.

Als Kommunikationswissenschaftlerin, die lange im Marketing gearbeitet hat, hab‘ ich gleich ein Wort dafür im Kopf: Postmaterielle. Menschen, für die nicht Geld und Konsum an oberster Stelle stehen. Sondern andere Werte: Familie. Freunde. Nachbarn. Ein gutes, soziales Miteinander. Zeit füreinander und für sich selbst. Liebe. Wertschätzung und Dankbarkeit für das, was man hat. Bildung und Weiterbildung, Offenheit für Neues, Kreativität in allen Lebenslagen.Was das alles mit Konsum zu tun hat? Genau: Nichts. Materielle Statussymbole? Irrelevant. Und plötzlich sind so viele von uns in dieser tapferen neuen Welt zunehmend ein wenig postmaterieller, ja über das Materielle hinaus. Und merken: Es fehlt, zumindest für eine ganze Weile, an fast nichts Materiellem – und wir gewinnen dafür so viel dazu.

Wie geht es euch damit? Habt ihr in unserer tapferen Zwischenwelt etwas dazugewonnen? Erzählt mal, ich bin gespannt.Ob dieser Effekt wohl anhalten wird, wenn die Krise überstanden ist?

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Mittwoch, 01.04.2020

24/7 Kids. Ganz kurz bleibe ich noch bei Huxley. Denn unsere tapfere neue Welt lässt uns auch in einem ganz anderen Bereich das Gegenstück zu seiner düsteren Gesellschaftsvision üben:

Das Leben als Vollzeiteltern.

Ja. Während in Huxleys Roman die Elternschaft staatlich geregelt komplett ad acta gelegt wird, macht unser Staat genau das Gegenteil. Vorbei das eingetaktete Kinder-Betreuungs-und-Bildungs-Modell, das sicherstellt, dass auch Eltern unser in die Jahre gekommenes Wirtschaftswunder am Laufen halten.Plötzlich sehen wir uns vor eine ganz andere Aufgabe gestellt: Vollzeit für die Kids da zu sein. Und es könnte so schön sein: Morgens gemeinsam ausschlafen, gemütlich frühstücken, Schulaufgaben der Größeren betreuen, während wir gemeinsam mit unseren ganz Kleinen Katzen malen. Mittagsschlaf machen, dann Kräuter und Hornveilchen auf dem Balkon einpflanzen und den Sonnenschein in der kühlen Frühlingsluft genießen, bevor wir – nach einem gemeinsamen Abend-Picknick auf dem Wohnzimmerboden – alle ins weiche Bett fallen und zufrieden lächelnd einschlafen.Wie, das ist bei euch nicht so? Bei uns auch nicht! Denn neben unserem neuen Job als Vollzeiteltern haben wir auch plötzlich die Rolle des Lehrers inne, des Erziehers und natürlich der Spielkameraden, die so sehr fehlen. Gleichzeitig dreht sich unsere verrückte neue Welt weiter, denn, oha, da war ja noch etwas, so viele von uns müssen ja trotzdem noch arbeiten, denn auch die Wirtschaft möchte nicht in vollem Galopp in die Rezession sprinten. Sei es im Wechsel mit dem Partner im Büro, oder beide gleichzeitig im Homeoffice – das Chaos ist vorprogrammiert.

Und jetzt kommt der beruhigende Teil: Es geht allen so! Und so merken wir: Es muss nicht alles perfekt laufen. Die Kids sind 24/7 da und das in jedem Familien-Homeoffice und ja, sie alle brüllen lautstark „Mamaaaa!“ oder „Papaaaa!“ ins geschäftliche Telefonat.Aber am anderen Ende der Leitung tritt kein betretenes Schweigen ein, kein unterschwelliges „Haben Sie denn während der Arbeitszeit keine Betreuung für ihr Kind?“ Nein! Statt dessen: Verständnisvolles Lachen: „Ach, geht es Ihnen auch so?“ Sogar von Nicht-Eltern: „Hach, das ist ja wirklich wie im Fernsehen berichtet, mit den Kids im Homeoffice, gell.“ Oh ja, das ist es. Und noch krasser.

Aber hey – das ist auch das Schöne an dieser verrückten Zwischenwelt. Wir können uns recht ungeniert in den neuen Rollen zurechtfinden, die uns da über Nacht zuteil wurden. Bye bye Perfektionismus. Bye bye bis ins letzte Detail durchgetaktete Tagesplanungs-Jonglage mit Kids und Karriere unter einem Hut. Denn jetzt werden erstmal Kaninchen aus dem Hut gezaubert. Genießt es, dass ihr den Perfektionismus für eine kurze Weile wegzaubern könnt aus eurem Leben. Ja, gebt euer Bestes, für eure Kids, für euch und den Job – aber euer Bestes muss der Welt und euch selbst genügen. Schließlich könnt ihr in Wirklichkeit doch nicht zaubern. Und am Ende des Tages könnt ihr vielleicht wirklich gemeinsam mit euren Kids mit einem zufriedenen Lächeln einschlafen. Einfach nur, weil ihr wisst: Mein Bestes ist genug.

Donnerstag, 02.04.2020

„Warum schreibt sie hier denn grad nix über Rezepte?“ Eine Foodbloggerin, die gerade keine Rezepte veröffentlicht. Ja, vorübergehend: Warum nicht? Denn das, was ich hier mit euch teile, ist vor allem Eines: Das, was mich gerade bewegt.

In unserer alten Welt sind das Montag bis Freitag Mittags die Rezept- und Foodinspirationen, die ich mir an dem Tag für euch ausgedacht habe: Das Essen, das ich den ganzen Vormittag für meine Gäste koche – und wenn wir, du und ich, uns dann virtuell in meiner Mittagspause in meinem Bistro auf einen Teller Mittagessen treffen, dann erzähle ich gerne etwas zu diesem Teller und zu meinen Bistro-Erlebnissen des Tages. Und ja, für alle, die sich das immer schonmal gefragt haben: Meine Teller sind kein vorbereitetes Fotomaterial, sondern echt, jeden Tag das Essen, das ich gerade esse.

Aber jetzt sind die Teller plötzlich weg. Denn jetzt ist Krise – und in der verrückten Zwischenwelt und unserem Leben im Shutdown gibt’s nur noch ToGo-Essen aus dem Fenster in der Box. Ich nehme euch trotzdem unheimlich gerne jeden Tag mit, auf mein Mittagessen, auch wenn’s grad in der ToGo-Box steckt. Während ich esse und wir uns hier austauschen, kreisen meine Gedanken aber gerade nicht um Paleo-LowCarb-Beilagen-Alternativen und vegan-flexitarische Abwandlungen. Denn im Moment passen sich eben nicht meine Rezepte flexibel meinem Leben an. Nee!

Im Moment passt sich mein Leben flexibel an, an die Welt da draußen.

Ein Wirbelsturm der Gedanken und Emotionen, Frühs beim Kochen und Mittags beim Essen genau so. Wie banal wäre es da, jetzt von Schwarzwurzeln und Möhrengrillsticks zu erzählen, wo wir doch gerade alle damit beschäftigt sind, unseren neuen Platz in dieser verrückten Zwischenwelt zu finden?

Gemeinsam schaffen wir das besser – und wenn wir uns zum Gedankenaustausch nicht mehr mit Freunden zum Lunch treffen können, dann treffen wir uns zum Austausch eben hier. Und sortieren gemeinsam unsere Gedanken, fügen sie zusammen, zu einem neuen Ganzen und geben uns so gegenseitig die Kraft, das Coronachaos durchzustehen.

Wenn die ToGo-Box hier verschwunden ist, dann wisst ihr: Es ist geschafft. Der Teller ist wieder da, die Bistros, Cafés und Geschäfte öffnen, das Leben nach dem Shutdown beginnt.

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Wann es wieder so sein wird wie vor Corona? Die Antwort ist so einfach wie einleuchtend: Nie.

Aber das macht nichts. Es wird wieder vieles so sein wie vorher, wir werden uns wieder auf einen echten Teller mit Mittagessen treffen. Aber wir werden anders sein. Nein, es geht nicht darum, dass wir wie Phoenix aus der Asche aufsteigen und durch die Krise die absolute Erkenntnis erlangt, unsere innere Mitte gefunden und nebenbei zwei neue Fremdsprachen gelernt haben werden. Aber die Zeit, die wir gerade zusammen durchstehen, formt uns. Der Gedankenaustausch öffnet uns. Der Rausschmiss aus unserer Komfort-Zone bringt uns dazu, vieles zu überdenken, in die Hand zu nehmen, zu begutachten und neu einzusortieren. Lasst uns das gemeinsam tun, weiterhin auf ein gemeinsames virtuelles Mittagessen. Und wenn’s dann statt Shutdown-Boxen wieder Teller gibt, dann erzähle ich euch auch gerne wieder etwas zu Beilagenalternativen.

Oh ja, und wenn ihr möchtet: So wie jetzt auch gern noch ein bisschen mehr.

Freitag, 03.04.2020

Es gibt in den Medien auch gute Nachrichten. Die Zahl der Einbrüche in Wohnungen ist zurückgegangen. Herrlich! Natürlich sind sie das. Schließlich sind wir ja fast alle Zuhause. Was die Diebe jetzt wohl machen? Kurzarbeit kommt, denke ich, weniger in Frage. Arbeitslosengeld wohl auch eher nicht. „Guten Tag, ja, haben Sie denn die letzten 12 Monate in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt? Nicht? Schade!“, das wäre ein kurzer Gang zum Amt.

Erntehelfer werden wäre doch die optimale Lösung. Vorübergehend. Bis wir alle wieder schön zur Arbeit gehen und Abends ins Restaurant – und vielleicht aus Versehen die Balkontür nicht richtig schließen.

Tatsächlich ist das mit den Erntehelfern ein großes Problem. Die Grenzen wurden wegen Corona dicht gemacht, die ausländischen Erntehelfer fehlen. Aber die Ernte kann nicht warten. Händeringend wird innerhalb Deutschlands nach Freiwilligen gesucht und kaum einer meldet sich. Da fallen mir spontan auch die 23 % der Thüringer Bevölkerung ein, die es sich doch von Herzen gewünscht hatten, dass die Grenzen dicht sind. Der Wunsch wurde erfüllt. Die vielen Arbeitsplätze, die angeblich weggeschnappt würden: Da sind sie! Bitte zugreifen. Wenn nur die Hälfte aller Thüringer, die rechte Strömungen gewählt haben (und sich vielleicht zur Zeit in Kurzarbeit oder arbeitslos zu Hause befinden) mit anpacken würde: Ja, dann wären das über 245.000 Menschen. Da lässt sich auf Thüringer Äckern ordentlich Ernte einbringen, oder?

Wie, so war das nicht gemeint? „Also, ähh ja, grad‘ erst den Netflix-Account optimal eingerichtet und Bierchen geöffnet, also Erntedings, sorry, ist nicht so meins.“ Dann doch lieber die Grenzen öffnen, ja? Tatsächlich passiert gerade genau das – weil es schlicht anders nicht geht. Es haben sich so wenige Erntehelfer innerhalb Deutschlands gemeldet, dass nun doch Erntehelfer aus dem Ausland – unter strengen gesundheitlichen Auflagen – mit dem Flugzeug nach Deutschland eingeflogen werden müssen. Und der ein oder andere unter den 23 % wird es ihnen vielleicht sogar danken, während er den guten Spargel aus Thüringer Ernte vorm Netflix-Heimkino sitzend in die Sauce tunkt.

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Montag, 06.04.2020

Bußgeldkatalog. Ein nicht ungefährliches Instrument. Denn die Stimmung könnte kippen. Während über 80 % bisher einverstanden waren, mit der staatlichen Beschränkung ihrer Freiheitsrechte, spüre ich beim Thema Corona-Bußgeldkatalog:

Hier kommt etwas ins Wanken.

Und ich glaube, das hat viel mit beiderseitigem Vertrauen zu tun. Vertrauen des Bürgers in die dringend notwendigen Entscheidungen des Staates zum solidarischen Schutz aller. Und Vertrauen des Staates in die Vernunft und Solidarität des Bürgers.

Das Instrument Bußgeldkatalog hat aber eine Message an uns: Wir vertrauen euch nicht. Ja, der Staat kommuniziert eindeutig: Ohne Bußgeldkatalog bekommt ihr das nicht hin. Und an diesem Punkt kippt unser schönes Vertrauensverhältnis.

Machtinstrumente fördern nun einmal nicht die Freiwilligkeit.

Da nur einzelne Bürger im Gegensatz zur erstaunlich hohen Mehrheit uneinsichtig waren, wird das Ordnungsamt nun also mit dem Machtinstrument Bußgeldkatalog ausstaffiert. Einzelne Bürger, nämlich die des Ordnungsamtes, spazieren somit durch die Stadt und entscheiden:

„So, sie da, Banane vor’m Supermarkt gegessen? 150,- Euro bitte.“

„Ha, ihr Kind hat sein Eis noch an der Türschwelle der Eisdiele abgeleckt? 150,- Euro bitte.“

„ToGo-Kaffee auf der 5 Meter vom Lieblingscafé entfernten Sitzbank geschlürft?“ Naja, ihr wisst schon, Zahlen bitte.

Besonders interessant wird’s in Ballungsgebieten, wie der Innenstadt, wo sich teilweise ToGo-Verkauf an ToGo-Verkauf reiht und sich der 10 Meter-Umkreis in eine halber Kilometer lange Setz-dich-bloß-nicht-hin-Minen-Zone verwandelt. Sorry, da vertraue ich nicht auf das wohlüberlegte Fingerspitzengefühl einzelner, in der aktuellen Situation völlig unerfahrener, Ordnungsbeamten. Einzelnen Menschen solche Machtinstrumente zur Unterdrückung von Verhaltensweisen in die Hand zu geben, die bisher völlig alltäglich und positiv besetzt waren? Ein gefährlicher Schritt. Ich werde beobachten, was passiert. Was denkt ihr dazu?

Nachtrag 07.04.2020 – Memo an mich selbst:

Der Spaziergang heute hat mir gezeigt, dass doch sehr viele Menschen ihre persönliche Freiheit eher über ein kühles Bierchen am Biergarten-Stehtisch definieren als über die Ansprache auf Augenhöhe ohne Bußgeldkatalog.

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Dienstag, 07.04.2020

Wir sehnen uns nach guten Nachrichten. Nach alldem, das unserer verrückten Zwischenwelt noch mehr Sinn und etwas Optimismus verleiht.

Wie wäre es mit der Natur? Erholt sie sich wirklich?

Es wäre so schön gewesen, wenn die Meldung von Delfinen im plötzlich kristallklaren Wasser Venedigs wahr gewesen wären. Aber, sorry, jetzt müsst ihr stark sein: Die Venedig-Delfine sind ebenso wie der Berlin-Delfin im photoshopoptimierten türkisblauen Wasser der Spree leider nur Eines:

Fake-News.

Nur, dass wir bei Letzterem gleich wussten, dass wir jetzt lachen dürfen. Und beim Venedig-Delfin hingegen so gerne daran geglaubt hätten. Zu groß ist die Sehnsucht nach guten Nachrichten. Ja, das Wasser in Venedig wirkt klarer, aber einfach deshalb, weil alle Schwebstoffe gerade auf den Boden absacken, wenn weniger Wasserverkehr herrscht. In der Lagune vor Venedig gibt’s tatsächlich ab und zu Delfine – aber das war schon immer so. Und der berühmte Delfin im Video? Schwimmt in Sardinien und das liegt bekanntermaßen nicht in Venedig. Schade.

Aber ich gebe nicht auf, bei der Suche nach Good-News. Zwischenzeitlich sorgen sich Umweltschützer um unsere heimischen Stadtvögel – und tatsächlich: Während ich noch den Beitrag lese, flattern mehrere Stadttauben auf unseren Hinterhof, wo ich sie noch nie gesichtet habe. Sie suchen nach Nahrung – und finden wenig, weil wir gerade zuhause bleiben anstatt in der Stadt herumzukrümeln. Aber auch wenn die Bitte der Naturschützer, das Taubenfütterungsverbot vorübergehend auszusetzen, abgelehnt wurde: Ihre Rettung naht in Form von Sonnenschein und Eisdielen. Denn diese dürfen, nach vorübergehendem Verbot von wenigen Tagen, doch im Straßenverkauf öffnen. Und erfreuen Spaziergänger, Tauben und Spatzen gleichermaßen. Vorausgesetzt ihr holt euch Eis in der Waffel und krümelt wieder ordentlich die Stadt voll. Unterstützt vom neuen Bußgeldkatalog, denn im Laufen krümelt es sich bekanntlich besser durch die Straßen.

Unterdessen möchte der Erfurter egapark den Menschen eine Freude machen und für Good-News aus der Natur sorgen: Liebevoll verzierten die Gärtner gestern den Domplatz mit dem Schriftzug „Blumenstadt Erfurt“, bestehend aus tausenden bunter Hornveilchen. Und ab dem 20. April dürfen die Blümchen sogar als Geschenk mitgenommen werden. Eine ganz zauberhafte Geste – nur dass so viele sich den 20. April gar nicht schnell genug herbeisehnen konnten und einfach schon alle Hornveilchen mitgenommen haben. Nein, das ist kein Aprilscherz. Ernsthaft.

Also war’s das jetzt mit positiven Natur-Nachrichten? Nein, denn ein Effekt ist unbestreitbar: Die Luft erholt sich. In Venedig genau so wie in unserer Stadt wie auch weltweit. Weil kaum Flugzeuge fliegen, weil unsere Autos vermehrt stehen bleiben. Wir entdecken Videokonferenzen statt Geschäftsreisen, die Schönheit der heimischen Umgebung statt Gran Canaria. Unser CO2-Fußabruck verbessert sich merklich, während wir zu Hause bleiben. Mittelfristig wird sich unser zwangsläufig reduziertes Konsumverhalten auch auf die Produktion auswirken – am Ende rücken vielleicht sogar Klimaziele ganz unverhofft in greifbare Nähe. Was der Wirtschaft zunächst sicher gar nicht gefällt, ist vielleicht der erste Schritt weg aus unserer ressourcenverschwenderischen Überfluss-Wegwerfgesellschaft.

Wenn wir wirklich schlau sind, dann nehmen wir aus der Zeit der Krise viel mehr Gutes mit als die Nachricht von Delfinen und kostenlose Hornveilchen. Vielleicht schaffen wir es tatsächlich, unser Reise- und Konsumverhalten auch nach der Krise zu ändern. Die Wirtschaft wird sich dann deutlich anpassen müssen, aber so viel Kraft und Erfindungsreichtum traue ich ihr zu, im Aufschwung, der nach der unabwendbaren Rezession winkt.

Wenn wir jetzt die richtigen Denkanstöße für uns mitnehmen und nachhaltig etwas verbessern können – das wären dann wirklich die guten Nachrichten, nach denen wir uns so sehr sehnen.

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Mittwoch, 08.04.2020

Was darf’s sein? Wollt ihr ein „U“ kaufen? Oder lieber ein „V“?

Nein, wir sind grad‘ nicht in der Sesamstraße. Sondern mitten im Beginn einer Rezession. Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber mir hilft es immer, das Damoklesschwert, das gerade über mir schwebt, etwas genauer anzuschauen, um ihm seine bedrohliche Schärfe zu nehmen.

Überraschend kommt sie nicht, diese Rezession, Wirtschaftsexperten hatten ihren Beginn schon im letzten Jahr diagnostiziert, lange bevor Corona ein Thema war. Die Prognose damals ging eher Richtung U. Was das heißt? Während unserem in die Jahre gekommenen Wirtschaftswunder langsam die Puste ausging, hielt unser Konsumverhalten das Ganze noch prima am Laufen. Genährt durch die guten zurückliegenden Jahre hatten viele gerade erst ihre Gehaltserhöhung bekommen. Die EZB steuerte unser Konsumverhalten begleitend durch Niedrigzinspolitik, damit Geld ausgegeben wird, anstatt es anzusparen. Ein verfrühter Schritt, denn jetzt geht auch der EZB die Puste aus, ihr Pulver zur Steuerung des Konsumverhaltens ist schlicht bereits verschossen.

Corona verwandelt das U nun in ein V, die Rezession wird schneller und tiefgreifender, als gedacht. #flattenthecurve für’s Gesundheitswesen hat aus wirtschaftlicher Sicht also den gegenteiligen Effekt, auf dem Buchstabenbasar der Sesamstraße tauschen wir also das eine gegen das andere aus (nur eben umgedreht).

Ich bin kein Wirtschaftsexperte und kann nicht sagen, ob kurz und schmerzvoll besser ist als langsam vor sich dahinsiechend Aber eines weiß ich: Die Kurven der letzten Jahrzehnte haben gezeigt: Wir brauchen offensichtlich die Rezession, um auch wieder in einen gesunden Aufschwung zu finden.

Warum höher, schneller, weiter nicht unendlich funktioniert?

Weil wir Menschen sind und Fehler machen. Unvorsichtig werden. Ressourcen, Umwelt, Natur und die schier unendlich wirkenden Möglichkeiten unserer globalisierten Welt überstrapazieren. Dass dieser Virus unsere Welt nun für eine V-Länge zum Erliegen bringt, hat auch viel mit menschlichem Verhalten zu tun. Mit Reduzierung der Biodiversität, in Kauf nehmen von Artensterben, Massentierhaltung, Viehmärkten unter lebensunwürdigen Bedingungen.

Mit alldem liefern wir den Nährboden für eine Pandemie wie diese, haltlos verbreitet durch die globalisiert per Flugzeug vernetzte Welt. Natürlich ist es Zufall, was da geschehen ist, ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien. Aber dass wir optimale Bedingungen für eine Pandemie wie diese geschaffen haben, ist unbestreitbar. Die Rezession gibt uns die Möglichkeit, unser Handeln neu zu bewerten, Schlussfolgerungen zu ziehen. Marktbereinigung nennen es die einen, wirtschaftliches Handeln auf nachhaltig gesunde Beine zu stellen die anderen.
Da sitzen wir nun und schauen dem tiefen V ins karge Tal. Aber wisst ihr, was das schöne an einem V ist? Das Tal ist verdammt kurz. Und danach folgt ein steiler Aufstieg, am Anfang vielleicht etwas beschwerlich, aber wir können jetzt die Puste finden, um da zügig wieder hochzukommen.

Und wer weiß, wenn wir uns mit dem richtigen Gepäck auf den Weg machen, und alles im Tal da unten an schadendem Ballast abwerfen, erreichen wir sogar den Pfad zum nachhaltig währenden schönen Hochplateau. Dann können wir die Vs und Us unserer Welt für eine ganze Weile da lassen, wo wir sie am liebsten sehen: In der Trenchcoat-Innentasche des Sesamstraßen-Muppets.

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Ostern 2020

Worauf wir uns freuen?

In Zeiten wie diesen erkennen wir klar wie nie, was uns wirklich wichtig ist.
Herausgeworfen aus unserem Alltagstrott mit den immer wieder kehrenden Tagesabläufen, mit immer gleichen Verpflichtungen und Aufgaben, schärft sich unser Blick für das, was wir uns wirklich von Herzen wünschen.

Was ist es, worauf ihr euch am meisten freut, wenn die Krise geschafft ist, fragte ich euch in meinem Instagram-Tagebuch. Ich danke euch für eure vielen wundervollen Antworten:

„Familie und Freunde endlich wiedersehen.

In den Garten an die Ostsee und dort die Kräuter ernten, die schon warten.

Fotografieren.

Reisen.

Kultur im realen Leben.

Kinoclub, Kulturquartier.

Mit Freunden tanzen.

Belebte Altstadt.

Liebe Menschen besuchen, ohne schlechtes Gewissen.

Ein Tag am Meer.

Eltern und Großeltern wieder richtig in die Arme schließen und drücken.

Kinder auf dem Spielplatz toben lassen.

Gemeinsam essen gehen.

Kollegen sehen.

Quatschen bei einem Kaffee.

Spaghettieis in der Lieblingseisdiele.

Freiheit.“

Vieles möchtet ihr aber auch beibehalten. Ihr spürt in dieser Zwischenwelt, in der wir gerade leben, weniger Zwänge, weniger Hektik, viel Solidarität. Ihr empfindet die aktuelle Zeit als viel menschlicher und familiärer.

Behaltet all das in eurem Herzen. Für die Zeit nach der Krise.

Wenn der Alltagstrott und die vielen wiederkehrenden Verpflichtungen wieder zur Stelle sind, um unseren Blick auf das Wesentliche vergessen zu lassen: Bewahrt euch diesen Blick und denkt immer wieder zurück an das, was ihr euch von Herzen gewünscht habt. Den Blick darauf, was euch glücklich macht.

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Dienstag, 14.04.2020

Zwischenstand. Am Freitag, den 13. spürten wir alle das erste Mal so richtig: Jetzt wird alles anders.

Jetzt, rund 4 Wochen später, steht unsere Welt tatsächlich Kopf. Unser Alltag hat sich in einem Ausmaß verändert, das wir uns erst letzten Monat niemals hätten vorstellen können. Das reale Leben als Science Fiction Film.

Erstaunlich ist, wie gut wir uns in der Kürze der Zeit schon zurecht finden, in unserer verrückten Zwischenwelt. Das hat viel mit Vertrauen zu tun – Vertrauen der Bevölkerung in diejenigen, die uns jetzt durch die Krise steuern. Tatsächlich gilt Deutschland laut einer heute im Spiegel veröffentlichten Studie als sicherstes Land Europas und nach Israel als das zweit sicherste Land der Welt im Umgang mit der Corona-Krise. Zum Einen, weil die Maßnahmen wirken, gemeinsam stemmen wir alle erfolgreich das Großprojekt „Flatten-the-Curve“. Aber auch aus wirtschaftlicher Perspektive: Natürlich, die Rezession ist da, das war sie auch schon vor Corona, und ja, sie wird nun deutlich heftiger ausfallen, so viel ist sicher. Aber wir haben ein soziales Sicherheitsnetz, auf das wir in Zeiten wie dieser vertrauen können.

Ein wesentlicher Faktor für unser Vertrauen:

Versprechen wurden gehalten. Die Soforthilfe kam beispielsweise wirklich sofort. Für unser kleines Bistro dauerte es von Antragsstellung bis Geldeingang genau 14 Tage. Für deutsche Verhältnisse und bemessen an den weit über 25.000 Anträgen hier in Thüringen nahezu rasant. Die Schnelligkeit hat aber auch ihren Preis: Viele haben die Thüringer Soforthilfe beantragt, obwohl sie ihnen gar nicht zusteht – unwissentlich. Im Zuge der unbürokratischen, schnellen Bearbeitung konnte keine Einzelfallprüfung vorgenommen werden, sodass diese Kontrollinstanz wegfiel.

Auch an der Kommunikation im Vorfeld wurde gespart, sodass erst im Nachhinein vielen bewusst wurde: Die Soforthilfe ist nur für laufende Kosten da und stellt sicher, dass zumindest in den ersten Wochen Fixkosten, wie geschäftliche Mieten, gezahlt werden können. Es ersetzt aber nicht das ausbleibende eigene Einkommen oder gar einen ausbleibenden Gewinn. Wirklich deutlich wurde dies erst formuliert, als die meisten Anträge bereits bearbeitet waren. Selbst in den – zwischenzeitlich überarbeiteten – offiziellen FAQ auf der Website der Thüringer Aufbaubank war die sehr konkrete Frage, wofür die Soforthilfe eingesetzt werden kann, so schwammig beantwortet, dass es am Tag der damaligen Antragstellung jedem persönlich überlassen war, wie er „Liquiditätsengpass“ und „wirtschaftliche Schieflage“ genau definiert. Hier wurde nun in der Kommunikation nachjustiert, allerdings erst nachdem die meisten Anträge bereits eingegangen waren. Ändern wird es an der Sache nichts: Wer Soforthilfe beantragt hat, um damit sein fehlendes Einkommen auszugleichen, wird es zurückzahlen müssen. Denn ja, worauf jetzt im Sinne einer zügigen Bearbeitung verzichtet wurde, wird im Nachgang spätestens bei der Einkommenssteuererklärung durch die Finanzämter geprüft werden können. Für uns ‚glücklicherweise‘ irrelevant, unser Umsatz ist im März trotz Fensterverkauf dermaßen in den Keller gerutscht, dass selbst die 5.000-Euro-Soforthilfe das Loch wird nicht stopfen können.

Für fehlendes Einkommen greift ein anderes Instrument, das sich verstärkt mit dem Begriff „Grundsicherung“ schmückt. Dahinter verbirgt sich ein alter Bekannter, mit dem viele von uns bisher den Kontakt gemieden hatten: Aufstockung durch ALG II aka Hartz IV. Ja, da rutscht so manchem Selbständigen das Herz in die Hose, der Begriff ist nicht gerade positiv besetzt. Weshalb nun verstärkt von Grundsicherung die Rede ist. Doch obwohl die Grundsicherung nun mit neuer Begrifflichkeit galanter daherkommt und exklusiv für unsere Corona-Zwischenwelt stark vereinfacht wurde, birgt sie immer noch ihre Tücken: Wenn Unternehmer ihr Unternehmen nämlich wie wir noch eingeschränkt weiterführen, um die Schulden nicht ins Bodenlose fallen zu lassen. Ja, dann weiß der Unternehmer erst mit der betriebswirtschaftlichen Auswertung im Nachgang, wie der Monat gelaufen ist. Umsatzprognosen für die kommenden Monate im Ausnahmezustand? Unmöglich.

Wir betreten alle völlig unbekanntes Terrain, wissen nicht, wie es nach dem 19. April und darüber hinaus weitergeht. Es wird nur ein schrittweises, langsames Zurückkehren in die Normalität geben – wer wann wirklich in welchem Umfang wieder öffnen darf und wie sich der Umsatz dann verändert? Eine unmöglich zu prognostizierende Komponente. Grundsicherung auf Basis einer Prognose á la „Weiß ich nicht“ zu beantragen, dürfte allerdings schwierig werden.
Vielleicht springe ich über meinen Schatten und nutze die Telefonhotline. Sie wurde so schön betitelt mit: „Sie möchten zum ersten Mal einen Antrag auf Grundsicherung stellen? Kontaktieren Sie unsere Hotline gebührenfrei.“ Es wirkt fast, als dürfe man sich in unserer verrückten Zwischenwelt auch ganz vertrauensvoll dem Thema Hartz IV – ach, nein, Grundsicherung, natürlich! Grundsicherung! – widmen. Ob mir da am anderen Ende der Leitung wohl wirklich jemand sagen kann, wie man Grundsicherung ohne konstante Faktoren für eine Liquiditätsplanung beantragen kann? Naja, das sicherste Land Europas wird sich auch hierfür einen guten Plan überlegt haben. Kann ich dem netten Menschen am Telefon dann ja sagen. Ich bin gespannt. Auf in neue Unbekannte unserer verrückten Science-Fiction-Zwischenwelt.

Mittwoch, 15.04.2020

Freiheit.

Nie habe ich eine größere Einschränkung von Freiheit erlebt, als jetzt, in unserer verrückten Corona-Zwischenwelt.

Und dennoch: Ich fühle mich frei!

Das hat 2 Gründe:

Ein Faktor ist sicher das Vorübergehende. Nicht umsonst nenne ich die Welt da draußen in meinem Tagebuch ‚Zwischenwelt‘ – denn das ist sie: ein vorübergehender Ausnahmezustand. Der Sinn dieses Ausnahmezustandes ist für mich zudem nachvollziehbar – in etwa so, als sei die Gesellschaft vorübergehend krankgeschrieben. Zum Selbstschutz und zum Schutz anderer. Auch im alltäglichen Kleinen außerhalb der Corona-Welt akzeptieren wir vorübergehende Maßnahmen, wie ärztlich verschriebene strenge Bettruhe – und geben dabei freiwillig, da wir den Sinn erkannt haben, vorübergehend ein Stück unserer Freiheit ab, bis alles ausgestanden ist.

Ein weiterer Grund: Wir können darüber so viel schimpfen oder eben nicht, wie wir wollen. Im Krankenbett dürfen wir das (und sollten dabei am Besten auch darauf achten, dass liebe Menschen, die sich um uns kümmern, uns noch ertragen) ebenso wie jetzt, während der vorübergehenden Krankschreibung unserer Gesellschaft.

Meinungsfreiheit ist in Zeiten wie dieser ein ungemein wertvolles Gut.

Wir können nach wie vor frei denken, sagen und schreiben, was wir von alledem, was passiert, halten. Die sozialen Medien bieten hierfür eine dankbare Plattform und mein täglicher Feed bietet mir die ganze Bandbreite: Von Optimismus bis Zuversicht, Angst, Hoffnung, Verzweiflung, Wut, Unverständnis, Solidarität und Verschwörungstheorien, um nur einige wenige Regungen zu nennen, ist alles dabei. Wir müssen keine Unterdrückung unserer freien Gedanken befürchten – zumindest nicht mehr, als in ’normalen‘ Zeiten außerhalb der Krise.

Die Zeit der größten Einschränkung, nämlich die vergangenen 4 Wochen, gab uns vielleicht sogar mehr Freiheit, als die Zeit, die bald folgt. Wir sehnen uns die Zeit der Lockerung herbei, sind alle gespannt, was diejenigen, die uns durch die Krise steuern, heute entscheiden werden. Und ahnen aber schon jetzt:

Was folgt, wird die wahre Herausforderung. Während wir die letzten 4 Wochen zu Bettruhe angehalten waren, heißt es jetzt: Wieder aufstehen! Wer von euch nach einer Operation wieder aufstehen sollte – Mobilisierung wird das so schön genannt – weiß, wie beschwerlich es werden kann, mit starken Einschränkungen wieder zu laufen. So wird es auch jetzt sein. Es ist leichter, etwas nicht zu tun, als mit starken Einschränkungen wieder loszulegen. Wir werden alle einen Weg finden müssen, damit umzugehen. Dass Geschäfte wieder öffnen, aber nur unter strengen Vorschriften betreten werden dürfen. Oder dass viele, die in Kurzarbeit waren, nun wieder in ihre Jobs zurückgeholt werden – parallel aber die Betreuung der Kinder noch nicht wieder sichergestellt werden kann. Diese Phase des Übergangs ist nötig, um schrittweise wieder zur Normalität zu finden. Ob wir danach freier sind als jetzt? In vielen Dingen vielleicht. Es warten aber auch wieder viele Verpflichtungen und Zwänge des ’normalen‘ Lebens auf uns, die wir für ein paar Wochen zunächst unfreiwillig beiseite schieben mussten – und zwischenzeitlich sogar vielleicht Gefallen daran gefunden haben, kurz befreit durchzuatmen.
Sammelt die Puste, denn bald geht’s los mit der anspruchsvollen, herantastenden Rückkehr in die normale Welt.
Wie geht es euch damit? Freut ihr euch auf die Zeit der Lockerungen? Oder fühlt ihr, dass uns die größte Herausforderung noch bevorsteht?

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Donnerstag, 16.04.2020

Verantwortung. Sie liegt bei uns. Der Staat beweist, dass er uns vertraut: Indem er neben schrittweisen Lockerungen vor allem auf Empfehlungen statt auf neu verordnete Pflichten setzt. Masken auf, im öffentlichen Nahverkehr und beim Einkauf? Tracking-App auf’s Handy, um die Nachverfolgbarkeit von Infektionsketten sicherzustellen? Ja bitte! Aber es ist ein Appell, keine Verpflichtung.

Die Entscheidung liegt bei uns. Im Fall der App ist dieses Vorgehen aktuell sogar unausweichlich – was verpflichtend aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nicht möglich wäre, soll nun freiwillig passieren. Ja, warum nicht. Schließlich geben so viele von uns persönliche Daten schon im normalen Alltag freiwillig preis, werden zum gläsernen Menschen und das nur, um Payback-Rabatt-Coupons zu ergattern und gefällt-mir-s oder Herzchen in den sozialen Medien zu sammeln. Warum dann nicht auch, um Menschenleben zu retten und gleichzeitig in eine neue Normalität ohne Lockdown zu finden?

Die Freiwilligkeit wird funktionieren. Denn es wird einen Punkt geben, an dem das Gefühl der Verpflichtung von ganz allein entsteht. Dann nämlich, wenn die spürbare Mehrheit in Supermarkt und Straßenbahn den Mundschutz aufsetzt. Wenn facebook-Freunde vermehrt ihre Erfahrungen mit der neuen Tracking-App posten. Wenn die solidarischen Eigen-Maßnahmen Wirkung zeigen und der Stolz der Menschen spürbar ist – dann entsteht ein Nachahmungseffekt, der viel wirkungsvoller ist, als jedes von staatlicher Seite verpflichtende Gesetz. Wer möchte denn schon eine der wenigen Personen sein, die ohne Mundschutz und App durch’s öffentliche Leben spaziert und dadurch sich – und vor allem viele andere – gefährdet. Die Blicke der vielen Verantwortungsbewussten werden die meisten, die die Maßnahmen für überflüssig halten, nicht lange ertragen. Ein geschickter politischer Schritt – denn es bewahrt den Staat davor, in totalitäre Strukturen zu verfallen. Wenn wir diesen Vertrauensvorschuss gut zu nutzen wissen, haben wir es selbst in der Hand, wie stark von oben herab reglementiert wird – oder eben nicht.

Das gefällt mir. Es entspricht meinem Bild des mündigen Bürgers und der Kommunikation auf Augenhöhe, die ich beim Bußgeldkatalog so sehr vermisst hatte. Natürlich – unter’m Strich ist der Effekt gleich. Ob nun totalitär von oben herab diktiert  Mundschutzpflicht durchgesetzt und Orwellsche Big-Brother-is-watching-you-Apps auf’s Handy geladen werden – oder ob dies freiwillig und ab einer gewissen Mehrheit in der Bevölkerung durch Nachahmungsmechanismen geschieht. Eingeführt ist die gewünschte Maßnahme dann so oder so. Aber das Gefühl ist ein ganz anderes, wenn es aus Eigenmotivation heraus geschieht, aus Verantwortungsbewusstsein, Solidarität und Verständnis für die Notwendigkeit der Maßnahmen. Das ist für mich ein entscheidender Unterschied.

Wie ist es bei euch? Habt ihr auch schon die Mundschutzmaske im Flur auf der Kommode liegen und hadert noch, ob ihr sie im Supermarkt aufsetzen wollt? Ja, ich hadere auch. Aber ich spüre, wie das gute Gefühl in mir wächst, durch mein Handeln Verantwortung übernehmen zu können. Und dieses Gefühl fühlt sich verdammt gut an.

Freitag, 17.04.2020

Systemrelevant. Ein Anwärter auf das Unwort des Jahres 2020. Ein Begriff spaltet zu unrecht die Gesellschaft, denn er ist schlicht falsch gewählt. Plötzlich werden Unternehmen und Berufsgruppen aufgeteilt in systemrelevant und nicht systemrelevant, schmücken Hinweisschilder Schaufenster, die besagen, dass die Öffnung als – tadaa! – ’systemrelevanter Betrieb‘ gestattet ist, werden Notbetreuungspläne für Kinder ’systemrelevant‘ arbeitender Eltern aufgestellt. Und die anderen, die ’nicht-systemrelevanten‘? Stehen außen vor. Dabei ist diese Unterscheidung schlicht falsch. Denn wir ALLE sind systemrelevant. Wir Menschen, die Einkommen oder Umsätze erzielen, sind schon allein dadurch alle systemrelevant, dass wir mit unseren Steuerzahlungen, wie Einkommens- und Umsatzsteuer, das ‚System‘ am Laufen halten.

Gemeint ist mit den sogenannten systemrelevanten Betrieben und Berufen eigentlich etwas ganz anderes:

Überlebensnotwendig.

Und das fokussiert auf das rein Körperliche: Lebensmittel, Hygieneartikel, Medikamente, medizinische Betreuung. Ach so, und mancherorts auch Baumaterialien und Gartenartikel, natürlich! Wobei ich diese als Ausreißer betrachte, die lediglich sicherstellen sollen, dass wir zu Hause und im Garten genügend Beschäftigung finden, um auch wirklich zu Hause zu bleiben.

Die seelische Komponente dessen, was wir zum Überleben brauchen, wird hinten angestellt. Das mag kurz funktionieren. Wir haben seelische Reserven, auf die wir für den Zeitraum von ein paar Wochen zurückgreifen können. Unser Mittagessen ist schnell verdaut, das Klopapier ruck zuck alle – aber unser seelischer Input wirkt nachhaltiger. Wir finden zudem auch innerhalb der Partnerschaft und Familie in den eigenen vier Wänden seelischen Input, können auf diverse Medien zurückgreifen, vom Buch bis zur CD oder einen Film, können uns telefonisch und online zu einem gewissen Maß auch mit anderen Menschen austauschen. Aber auf lange Sicht ist diese eingeschränkte Form des seelischen Überlebens nicht ausreichend für das komplexe Wesen Mensch. Wir brauchen mehr.

Während wir unserem Magen, sofern wir gut kochen können, alles bieten, was das Herz begehrt, setzen wir unsere Seele auf Wasser und Brot. Dem komplexen Wesen Mensch fehlt schnell der reale Austausch, das Treffen mit Familie und Freunden, das gesellige Beisammensitzen in Café und Restaurant, der inspirierende Theaterbesuch, das emotional aufwühlende Konzert.

Und da sind wir beim zweiten Grund dafür angelangt, warum der Begriff systemrelevant so erschreckend falsch gewählt ist: Denn die seelische Bedürfnisbefriedigung des komplexen Wesens Mensch ist ebenso wichtig, wie die körperliche. Und damit sind Theater, Veranstaltungslocations, Restaurants, Cafés & Co. ebenso systemrelevant, wie Supermarkt und Krankenhaus.

Wir spüren: Der nachhaltige Effekt unserer seelischen Reserven verpufft so langsam, unser seelischer Magen beginnt zu grummeln, eine Magenverstimmung durch zu viel leeres Fastfood kündigt sich an, wir haben zunehmend Hunger auf die Komplexität, die unsere Seele zum Überleben braucht. Aber wir werden uns noch eine Weile gedulden müssen – denn das, was all diese Orte seelischen Inputs und Austausches so wertvoll für uns macht, ist das, was wir zur Zeit noch dringend vermeiden müssen: Der direkte menschliche Kontakt, das Beisammensein, das gemeinsame Erleben und der direkte Austausch. Nutzt aber die Zeit, um euch bewusst zu machen, wie wichtig diese Bereiche für unser seelisches Überleben sind. Bereiche, die gerade massiv um ihr Überleben kämpfen und das Gefühl der Wertschätzung und Unterstützung dringend brauchen. Nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch von Seiten der Politik. Denn gerade im normalen Alltag vergessen wir allzu häufig, wie wertvoll diese Bereiche für uns Menschen, für unsere Gesellschaft sind. Behaltet diese Wertschätzung in eurem Herzen, vom Privatmenschen bis zum Politiker, bis all diese Bereiche wieder für euch da sein können. Und verweist in der Zwischenzeit bitte den Begriff systemrelevant dorthin, wo er hingehört: In den bald schon ad acta gelegten Unwortkatalog des Jahres 2020.

Montag, 20.04.2020

Ungerechtigkeit. Spürt ihr das Gefühl auch langsam in euch aufkeimen? Es scheint vielen so zu gehen.

Eigentlich ist es verrückt – und dennoch so menschlich. Während der 4 Wochen des Lockdowns fühlten wir alle gemeinsam – wir alle saßen in einem Boot mit dem gemeinsamen Gefühl der Verunsicherung, gemeinsamem Hoffen auf Maßnahmen und Hilfen, die uns sicher durch die Krise steuern werden.

Aber jetzt wandelt sich alles.

Lockerungen werden eingeführt, erste Läden dürfen öffnen. Andere nicht. Erste Soforthilfen werden ausgezahlt. Andere nicht. Für Angestellte in Kurzarbeit wird die staatliche Erhöhung des Kurzarbeitergeldes auf 80 oder 90 % diskutiert. Selbständige werden in die Grundsicherung, aka Hartz IV, geschickt. Die Folge ist eine natürliche menschliche Reaktion: Der eine schielt auf den anderen – und fühlt sich häufig in seiner eigenen Situation benachteiligt.

Ich muss gestehen: Mir geht es nicht anders. Ich muss schlucken, wenn ich lese, dass Geschäfte bis 800 qm öffnen dürfen. Aber wir mit unseren 100 qm nicht. Die Gastronomie bleibt geschlossen – voraussichtlich für lange Zeit. Wie lange? Unbekannt. Wir stehen ja erst am Anfang der Corona-Welle. Es ist ein seltsames Gefühl zu lesen, dass viele nahezu normal zur Arbeit gehen oder im Homeoffice arbeiten und ganz regulär Gehalt beziehen. Dass andere in Kurzarbeit freigestellt werden und 60 oder 67 %, bald vielleicht sogar 80 oder 90 % ihres Gehalts beziehen, zuzüglich aller Sozialleistungen, wie Kranken- und Rentenversicherung. Währenddessen arbeite ich, ohne ein Einkommen zu verdienen, um den Schuldenberg in Schach zu halten, der mir in Form von Miete und anderen Fixkosten droht, würde ich es nicht tun. Habt ihr schonmal außerhalb eines Ehrenamtes über Monate hinweg 40 h die Woche gearbeitet, ohne dafür entlohnt zu werden? Nicht? Ich bis Corona auch nicht. Das Paradoxe an der Situation ist: Ich würde es sogar eine Weile aushalten. Erinnert ihr euch an meine Gedanken vom 31. März? Über Postmaterielle? Ja, ich lebe ein postmaterielles Leben, das sich durch ganz andere Dinge definiert, als durch Geld.

Ich wäre in der aktuellen Lage einigermaßen glücklich und zufrieden.

Darüber, dass ich mein Lebensmodell zwar gerade auf einem kleinen Ruderboot durch sehr schwere Zeiten steuern muss, aber es über Wasser halten kann, bis alles geschafft ist. Darüber dass ich, wenn auch wackelig, in Sicherheit bin, mich gut von unserem Gesundheitssystem versorgt weiß. Darüber, dass ich Wege sehe, den betrieblichen Schuldenberg durch Fensterverkauf kleiner zu halten und Grundsicherung beantragen kann, um das Notwendigste an privaten Kosten abzudecken. Über die Soforthilfe, die wenigstens für die Zeit bis 19. April den betrieblichen Schuldenberg in Schach gehalten hat. Aber einmalig 5.000 Euro währen nicht lange, wenn monatlich bei allen Einsparmaßnahmen immer noch rund 7.000 Euro Kosten zu zahlen sind – genau, alle 4 Wochen – von einem eigenen Einkommen gar nicht zu sprechen. Selbst das ertrage ich und lese mit Hoffnung, dass die Politik den Hilferuf der Gastronomie gehört hat und weitere Hilfsmaßnahmen für die Zeit des verlängerten Gastro-Lockdowns diskutiert.

Schwermütig werde ich allerdings, wenn ich lese, dass andere ihr Glück nicht zu schätzen wissen.

Sei es der Freiberufler, der sich darüber ärgert, dass er keine 5.000 Euro Soforthilfe beantragen kann, weil er ja keine Betriebskosten hat. Im Ernst? Ihr möchtet mit mir tauschen und auch Monat für Monat einen drohenden Schuldenberg von 7000 Euro im Nacken sitzen haben, um euch 5000 Euro Soforthilfe sichern zu können? Nein? Doch nicht? Natürlich nicht, nur darüber habt ihr nicht nachgedacht. Niemand, der in Thüringen Soforthilfe beantragt hat, kann dieses für sein eigenes Einkommen nutzen. Ja, noch nicht einmal die eigenen Krankenversicherungsbeiträge dürfen davon bezahlt werden. Uns Selbständigen wie auch euch Freiberuflern bleibt allen nur die Grundsicherung, wenn das eigene Einkommen ausbleibt. Wir sitzen da alle die nächsten Monate in einem kleinen Ruderboot – mit dem einzigen Unterschied, dass eures nicht droht mit einer 4-wöchig wiederkehrenden Welle von Betriebskosten überflutet zu werden. Wisst ihr das zu schätzen?

Dann lese ich die Hilferufe homeofficearbeitender Eltern, die zwar bei vollem Gehalt die Möglichkeit haben, von zu Hause zu arbeiten, die Doppelbelastung Job + Kind in den eigenen 4 Wänden aber nicht mehr ertragen.
Ja, ich verstehe euch. Ich habe auch 2 Kids im Kindergarten- und Grundschulalter, die, während mein Mann und ich unser Pensum bewältigen, betreut werden wollen. Auch wir sitzen im gleichen kleinen Ruderboot – nur eben mit dem Unterschied, dass eures nicht durch wiederkehrende Betriebskostenwellen zu kentern droht, noch eure Vollverpflegung in Form voller Gehaltszahlungen gerade über Bord geht. Wisst ihr diesen Unterschied zu schätzen?

Auch wenn es klingt, als ob ich jammere – ich tue es nur ein bisschen.

Denn eigentlich bin ich zufrieden und glücklich mit meinem kleinen wackeligen Ruderboot, so lange ich es einigermaßen sicher zum nächsten Hafen hinter Corona steuern kann. Aber seid ihr es doch bitte auch.

Ja, natürlich – fordert alles ein, was ihr braucht und euch sinnvoll erscheint, macht euch bemerkbar, die Politik braucht diesen Input, um uns so gut wie möglich beim Rudern unter die Arme zu greifen. Aber zeigt bitte auch etwas Zufriedenheit und Dankbarkeit für das, was wir alle haben. Wenn ich das in meinem kleinen, wackeligen Ruderboot kann, das sicher die Wenigsten gegen ihr eigenes eintauschen wollen, dann könnt ihr es sicher auch. Auch mir fällt es immer mal wieder etwas schwer – aber schielt nicht mit argwöhnischem Auge auf das vermeintlich bessere Ruderboot des anderen, nur weil ihr das vielleicht auch dort langsam hineinsickernde Wasser aus der Entfernung nicht sehen könnt. Denn die gute Nachricht ist: Wir haben alle mindestens ein kleines Ruderboot. Dass uns das bis zum nächsten Hafen bringen wird, dafür können wir alle dankbar sein. Und für jedes Extra, das unser Boot für uns noch zusätzlich in Petto hat, noch um so mehr.

Dienstag, 21.04.2020

Maskenpflicht. Vielleicht hat Herr Bausewein meinen Eintrag vom 16. April nicht gelesen. Unser Erfurter Bürgermeister hat nun also doch verkündet, dass die Maske zur Pflicht wird. Flankiert wird die Maskenpflicht auch vom Land Thüringen, der Vereinheitlichung willen. So wie in bald allen Bundesländern. Bye bye, positives Bild vom mündigen Bürger? Von Eigenverantwortung? Weitsicht? Kommunikation auf Augenhöhe, über die ich mich am 16. so gefreut hatte? Bedingt ja. Immerhin – der Bund hat sich elegant herausgehalten, Föderalismus sei Dank springt nun also das individuelle Bundesland mit dem Zeigefinger herbei.

Werde ich mich jetzt Schimpftiraden ergeben? Virtuell herumschreien, dass ich mich in meinen Freiheitsrechten beschränkt fühle?

Nein. Das werde ich nicht. Denn der Maskenschutz ist sinnvoll. Es ist der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir uns Lockerungen wünschen. Der über das Überlebensnotwendige hinaus gehende Handel wird nur so lange geöffnet bleiben dürfen, so lange die Reproduktionsrate 1 nicht übersteigt: Ein Infizierter steckt maximal einen weiteren an.

Es wird vom Thüringer Ministerium so hübsch formuliert: Dann winken vielleicht sogar weitere Lockerungen.

Was für ein schöner Euphemismus. Wer 1 und 1 zusammenzählen kann, weiß: Steigt die Reproduktionsrate über 1, werden nicht nur keine neuen Lockerungen eingeführt – die erst frisch in Kraft getretenen werden wieder zurückgenommen werden müssen. Ja, ich hatte gehofft, dass die Mehrheit 1 und 1 zusammenzählen kann. Aber meine persönliche Erfahrung in den letzten Tagen hat mir gezeigt: Die Zahl der Menschen, die ich in den letzten Tagen im Supermarkt mit freiwillig aufgesetzter Maske angetroffen habe, beschränkt sich auf einen. 1 Mensch in 6 Tagen seit der Masken-Empfehlung. So fiel es selbst mir schwer die Maske aufzusetzen – ich kam mir zu bescheuert vor, als Einzige mit Maske durch den Supermarkt zu stolzieren. Denn so bringt sie wirklich nichts. Tragen aber alle eine, sieht es entgegen weit verbreiteter Meinung schon ganz anders aus.

Ich fasse das Schaubild mal in Worten zusammen:

Unwissentlich Infizierter (I) – Nicht-Infizierter (N).

4 Szenarien:

(I) keine Maske + (N) keine Maske = sehr hohe Infektionsgefahr
(I) keine Maske + (N) Maske = hohe Infektionsgefahr
(I) Maske + (N) keine Maske = mittlere Infektionsgefahr
(I) Maske + (N) Maske = niedrige Infektionsgefahr

Ein simpler Weg also, die Reproduktionsrate unter 1 zu drücken. Ein wichtiger Schritt, um Lockerungen aufrecht zu erhalten und weitere möglich zu machen. Denn was viele auch nicht begriffen haben: Wir stehen nicht etwa am Ende der Corona-Kurve. Auch nicht in ihrer Mitte. Sondern immer noch an ihrem Anfang. Ja, Flatten-the-Curve bedeutet natürlich auch, dass wir für eine ganze Weile lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Wenn wir uns trotz Virus eine schrittweise Einführung einer neuen, vorübergehenden Normalität wünschen – ja, dann müssen wir damit leben, dass wir diese Masken aufsetzen.

Die Maske ist also nicht wirklich eine Einschränkung. Sondern eine Chance auf eine neue Normalität, bis der Impfstoff da ist.

Wenn es dennoch so viele Menschen gibt, die die Zusammenhänge nicht von alleine begreifen, ja dann muss ich mir auch mein Bild vom mündigen Bürger etwas zurechtrücken. Und diejenigen unter uns, die die Maske schon lange griffbereit halten, sind vielleicht sogar ein bisschen erleichtert darüber, nicht mehr als Masken-Alien durch die Öffentlichkeit spazieren zu müssen.

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Mittwoch, 22.04.2020

Neue Normalität. Wir schlagen ein neues Kapitel auf, in unserer realen Science-Fiction-Reise durch diese verrückte Zwischenwelt.

Kapitel 1 ist geschafft, der große Lockdown neigt sich seinem Ende zu. Aber wir spüren: Wir sind erst am Anfang dieser Geschichte. Wie viele Kapitel noch auf uns warten? Wir wissen es nicht. Niemand weiß es. Also machen wir das Beste daraus. Und finden in eine neue Form der vorübergehenden Normalität.

Ich lese gerade bei vielen von euch, dass ihr Liebgewonnenes aus der Zeit vor Corona wieder aktiviert. Und ich freue mich für euch so sehr darüber:

Der Hobbyfotograf begibt sich wieder auf Fototour durch Erfurt. Yogastunden & Musikunterricht werden online fortgeführt. Lehrer haben sich während des Lockdowns in Rekordzeit fortgebildet & zeigen auch Grundschülern neue Möglichkeiten des digitalen Unterrichts. Ja, am Donnerstag treffen wir uns sogar zum #thüringenbloggt Blogger-Treffen. Virtuell versteht sich. Auch die schrittweise Öffnung des Handels wird etwas mehr Normalität aus der Zeit vor Corona zurück in unser Leben bringen. Immer mehr gastronomische Betriebe lassen sich kreative Ideen einfallen, wie sie mit ToGo-Angeboten wenigstens ein bisschen neue Normalität in ihren und euren Alltag bringen können. Natürlich, es ist dabei alles anders – wie in einer Parallel-Dimension. Digital – oder mit Masken, begrenztem Zugang, Warteschlangen im 1,5 m-Abstand und dem Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase. Aber es ist wenigstens ein Stück neue Normalität. Und davon wird es, wenn wir unsere Sache gut machen, immer mehr geben.

Wir dürfen diese neue Normalität aber nicht verwechseln mit der alten. Wenn wir zu sehr in alte Muster verfallen, unvorsichtig werden, dann wird unsere neue Normalität nicht lange Bestand haben können. Ja, nutzt eure Möglichkeiten! Es wird uns gut tun. Seid kreativ und erfinderisch, es gibt so viele Wege, Liebgewonnenes auf neue Art & Weise auch in unserer verrückten Zwischenwelt wieder zum Leben zu erwecken. Aber tut es behutsam. Denn dieses neue Konstrukt ist zerbrechlich und auf uns angewiesen.

Deshalb: Lasst uns alle darauf achten, dass wir nicht ins Kapitel 1 zurückfallen. Ich bin schon neugierig auf Kapitel 2.

Donnerstag, 23.04.2020

Der richtige Weg.
So einige schielen nach Schweden – und zweifeln an unserem.

Trotz dessen, dass erst kürzlich auf Basis einer Studie bestätigt wurde, dass Deutschland im Umgang mit der Corona-Krise als das beste europäische Land hervorgeht: Die Zweifler schielen unbeirrt hinüber nach Schweden. Also habe ich mir Schweden mal genauer unter die Lupe genommen. Denn selbst uns Ottonormalverbrauchern stehen so viele Informationen zur Verfügung, dass es eher die Herausforderung ist, sie richtig zu filtern und zu interpretieren, als an sie heranzukommen. Warum überhaupt geschielt wird, ist klar: Schweden setzt als einziges europäisches Land auf Empfehlungen statt auf Kontaktverbote, verzichtet auf einen Lockdown. Geschäfte und Gastronomie haben geöffnet und sind gut besucht. Kinder gehen in Schule und Kindergarten, Eltern zur Arbeit – die Wirtschaft freut es. Es ist viel von Vertrauen die Rede, Vertrauen der Regierung in die Eigenverantwortung der Bevölkerung. Und die Bevölkerung freut sich über das Vertrauen – und geht darauf erstmal mit Freunden einen trinken.

Tatsächlich bietet Schweden für so ein Experiment deutlich bessere Bedingungen, als die meisten anderen europäischen Länder. Denn Schweden hat mit 23 Einwohnern pro km2 eine mehr als 10 Mal geringere Bevölkerungsdichte als zum Beispiel Deutschland.
Aber die Zahlen sind trotz vermeintlich guter Grundvoraussetzungen alarmierend. Ja, die Sterberate von rund 10 % in Schweden im Vergleich zu den rund 3 % in Deutschland mag tatsächlich zu großen Teilen in der Verzerrung durch die Zahl der getesteten Personen begründet sein, es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer der Infizierten in Schweden sehr hoch liegt, was die Sterberate etwas relativiert.

Also suche ich nach einer anderen, zuverlässigeren Größe:

Die Zahl der mit und an Covid Verstorbenen pro eine Million Einwohner (Stand Mittwoch, 22. April, 14 Uhr; Quelle Sveriges Television/Johns Hopkins Universität/Worldometer):

Schweden: 173,3
Im Vergleich dazu Deutschland: 60,7

Bei vergleichbarer medizinischer Versorgung, aber einer deutlich niedrigeren Bevölkerungsdichte in Schweden ist das ein sehr erschreckender Wert.

Der lohne sich, wiederholt Schwedens Staatsepidemiologe gebetsmühlenartig in Interviews und spricht dabei von Herdenimmunität. Bereits im Mai seien rechnerisch voraussichtlich erste Anzeichen einer Herdenimmunität in Schweden erreicht.

An sich schon ethisch mehr als fragwürdig – ob sie für diese möglichst schnell etablierte Herdenimmunität bewusst ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen opfern, fragen Kritiker. Natürlich nicht, so das schwedische Statement, man wolle Ansteckungen in jedem Fall vermeiden, nur eben auf Basis von Empfehlungen statt Vorschriften.

Aber Fakt ist: Bisher nimmt Schweden den Tod vieler aus den Risikogruppen in Kauf. Ein Interview mit einer schwedischen Seniorin über 80 ist mir besonders im Gedächtnis haften geblieben. Sie wohnt in einem gemischten Wohnprojekt mit jungen Studenten. Während die Älteren Angst um ihr Leben haben, versuchen, sich komplett zurück zu ziehen, feiern die jungen Studenten im gleichen Haus geselliges Beisammensein, als sei nichts gewesen. Die alte Dame hat Angst. Ihre Cousine ist bereits an Corona erkrankt und verstorben. So viel zum Thema eigenverantwortliches Handeln. Ganz ehrlich – hat wirklich jemand gedacht, dass sich ein schwedischer Jugendlicher ganz anders verhält als ein deutscher?

Und genau das, was Schweden von außen so attraktiv wirken lässt – die belebten Innenstädte und gut gefüllten Geschäfte, Restaurants und Cafés – zeigt doch, dass viele es mit dem verantwortungsvollen Handeln eben doch nicht so genau nehmen. Ähhh, ja – aber am Ende, ja da werde die Sterberate, auf Grund der so früh erreichten Herdenimmunität, insgesamt nicht wesentlich von der hier bei uns abweichen, ist das nächste Argument der schwedischen Wissenschaftler.

Während ich hier noch schreibe, zeigt mir mein Handy eine Eilmeldung aus Schweden an: Die schwedischen Epidemiologen haben sich verrechnet. Hups. Und das unabhängig voneinander gleich zwei Mal. Würde die dem errechneten Zeitpunkt der beginnenden Herdenimmunität zu Grunde liegende Kalkulation stimmen, hätte Stockholm aktuell 6 Millionen infizierte Einwohner. Es leben in Stockholm aber nur 974.000 Menschen. Ja. Hups. Wenn es um Menschenleben geht, ein mehr als bedenklicher Rechenfehler. Die Herdenimmunität könnte damit auch in Schweden in deutlich weitere Ferne rücken. An der extrem hohen Sterberate, die 3 Mal höher liegt als hier, ändert es nichts.

Derweil kehrt Deutschland nach nur 4 Wochen bereits schrittweise in eine neue Normalität zurück. Schritt für Schritt wird aus dem Lockdown wieder hochgefahren. Die Zeit wurde nicht nur genutzt, um sich so gut wie möglich in der medizinischen Versorgung auf die kontrolliert voranschreitende Infektionswelle vorzubereiten. Sie hat vor allem dafür gesorgt, dass die Bevölkerung sensibilisiert und umfassend aufgeklärt ist. Dass der Einkauf, der Schulbetrieb, die Arbeit, der ÖPNV, ja, das ganze öffentliche Leben, unter strengsten Hygieneauflagen erfolgen, wird dank Lockdown nicht als Einschränkung, sondern als Fortschritt wahrgenommen. Das ist viel wert. Und unterstützt ein vertrauensvolles, für die Mehrheit nachvollziehbares Miteinander zwischen Politik und Bevölkerung.

Werden uns nachfolgende Generationen vorwerfen, unsere Generation hätte 2020 mit dem 4-wöchigen Lockdown die Wirtschaft zerstört? Das glaube ich nicht. Denn wir leisten Pionierarbeit, von der unsere nachfolgenden Generationen sehr viel haben werden. Sie werden nie wieder blauäugig in eine Pandemie hineinstolpern müssen und werden wissen, was zu tun ist. Während in Schweden das Experiment zu kippen droht, wachsen wir langsam in unsere Aufgabe hinein und finden schrittweise in eine neue Normalität zurück.

Ganz ehrlich? Für mich fühlt sich das tatsächlich an, wie der richtige Weg.

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Freitag, 24.04.2020

So, Entwarnung, Leute. Mr. Trump hat das Heilmittel gefunden, wir sind alle safe, der Masterplan steht:

Desinfektionsmittel in die Adern spritzen. Natürlich!

Warum sind diese ganzen schlauen Wissenschaftler, die verzweifelt nach der Lösung suchen, nicht von alleine darauf gekommen. Da braucht es Mr. Trump, der seit jeher weiß: Die simpelsten Lösungen sind die besten. Desinfektionsmittel tötet nachweislich alle Bakterien und Viren. Den Patienten leider auch. Aber zumindest kann dann keiner mehr behaupten, dass es an Corona gelegen hätte.

Mr. Trump, was für ein Coup, ihre Statistik ist gerettet. Great Job, great Job!

Und während Mr. Trump noch über seinen zweiten Masterplan philosophiert, wie man die fantastischen UV-Strahlen der täglichen Sonnenbank nicht nur für den perfekten orangefarbenen Teint nutzen, sondern vielleicht sogar bis tief unter die Haut, ins Gewebe, ja bis in die Blutbahn bringen kann, um das Virus zu töten, greifen wir ab heute alle zum einzig bekannten adäquaten Mittel, dem bisher tatsächlich ein wirksamer Effekt nachgewiesen werden kann:

Dem Mundschutz.

Praktisch. Modisch. Garantiert nicht tödlich.

Und so simpel, dass es sogar Mr. Trump gefallen sollte. Heute im Supermarkt sorgte nicht nur Trumps Masterplan für Erheiterung – auch der Mundschutz brachte viele zum Schmunzeln. Wirklich! Ich habe seit Ewigkeiten – oder noch nie? – so viele Erwachsene (okay, maximal 17, dann sind die Pflicht-Einkaufskörbe alle) lachend durch den Supermarkt spazieren sehen. Selbst die Zweifler & Nörgler konnten sich ein seufzendes Lachen nicht verkneifen.

Das Ganze hat etwas von Maskerade spielen und aktiviert eine der besten Eigenschaften in uns: unseren Humor. „Jetzt können wir unser Lächeln gar nicht mehr sehen“, sagte meine Lieblingsverkäuferin heute hinter ihrem Mundschutz zu mir. Doch klar, man kann auch mit den Augen lächeln, stand heute erst als Weisheit des Tages in meinem Facebook-Feed. „Echt? Lächele ich gerade?“ erwiderte sie mit extrem finsterer Mine. „NEE! Jetzt nicht!“ Da musste die ganze Warteschlange im 1,5 m Abstand an der Kasse lachen und ja, man sieht es in den Augen.

Dass die Mundschutz-Premiere mit so viel Freude am Lachen starten würde – ich hätte es kaum für möglich gehalten. Das gefällt sicher auch Mr. Trump.

Denn Lachen ist ja bekanntlich die beste Medizin.

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Montag, 27.04.2020

Widerstand. Er nimmt zu. Die Stimmen der Verschwörungstheoretiker, der selbsternannten Freiheitskämpfer, sie werden lauter. Und die Zahl der Menschen, die ihnen zuhört und ihren Worten Glauben schenkt, es werden mehr. Selbst in meinem eigenen Facebook-Bekanntenkreis sind viele für die emotional aufwühlenden, polemischen und simplen, für den schnellen Konsum in sozialen Medien strukturierten Botschaften sehr empfänglich.

Und genau weil ihre Zeilen ihre Wirkung im schnellen Konsum entfalten, nehme ich mir dafür gerne etwas mehr Zeit.

Ja, ich bin ein Freigeist.

Ich bin ein freiheitsliebender Mensch, der immer das tut, was er für richtig hält. Ich habe meine sichere Festanstellung und rasante Karriere in Werbung und Marketing aufgegeben, um mein Leben so zu leben, wie ich es für richtig halte, um fernab von einer klassischen Laufbahn, die man vielleicht nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften erwarten würde, ein Lebensmodell aufzubauen, das in meinen Augen, ganz unabhängig von gängigen Normen, erfüllend ist.

Geichzeitig gehöre ich in dieser aktuellen schweren Zeit als Gastronomin zu denen, die in Deutschland mit am meisten wirtschaftlich zu kämpfen haben.

Und dennoch: Ich bin für diese Polemik nicht empfänglich.

Gerade weil ich nachdenke, nachforsche, hinterfrage und immer alles genau wissen will. Gerade weil ich ein Freigeist bin und mir nicht von selbsternannten Spirituellen und Verschwörungstheoretikern ins Ohr flüstern lasse, was ich zu denken habe. Denn was da so sanft geflüstert wird, bringt Hass und Wut mit sich.

Ja, aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht sind viele dieser aufwühlenden Social Media Posts nahezu brilliant formuliert und sehr geschickt aufgebaut – und genau deshalb verfehlen sie bei vielen ihre Wirkung nicht. Was sich anfühlt, als würde einem endlich jemand aus der Seele sprechen, ist in Wirklichkeit hoch manipulativ formuliert.

Es handelt sich häufig um Fake-Accounts, auf Facebook mit fiktiven Identitäten und gestohlenen Fotos hübscher Menschen, auf Instagram werden Accounts gehackt, geleert, mit neuem Namen und Inhalten gefüllt und wir wundern uns plötzlich, seit wann wir diesem Account folgen – sofern wir es bemerken.

Viele sind dafür so anfällig wie für das Virus selbst, viele verfügen noch nicht über ein mediales Immunsystem und durchschauen auf Grund mangelnder Erfahrung und Medienkompetenz die Vorgänge, die leider zum medialen Alltag gehören, noch nicht. Während wir sonst nur auf angebliche Tiny House & Supermarkt-Club Gewinnspiele hereinfallen, wird es jetzt ernst. Was zuvor nur dem Datenfang diente, wird jetzt genutzt: Die Fake-Gewinnspiel-Seiten mit mehreren Tausenden Followern werden nun teils mit den Inhalten bestückt, für die sie vorgesehen waren. Immer mehr von uns verbreiten diese Inhalte viral im Netz, indem sie die Posts teilen und ihnen eine persönliche Komponente und dadurch noch mehr Kraft verleihen.

Es sind immer wiederkehrende Muster, die mir in diesen Posts begegnen.

Ein Beispiel von vielen: Es ist immer wieder die Rede davon, dass andersdenkende Menschen in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert worden seien – allen voran eine freiheitskämpfende Anwältin. Die Wenigsten machen sich die Arbeit, diese polarisierenden Aussagen zu überprüfen – ich habe es getan. Ja, es gibt diese Anwältin – was aber wohlweislich nicht erwähnt wird, ist, dass sie nicht etwa wegen ihrer Äußerungen im Internet oder ihrer Klage vor Gericht eine Nacht in einer psychatrischen Abteilung verbracht hat, sondern weil sie Nachts in den Straßen aufgebracht auf mehrere vorbeilaufende Passanten und vorbeifahrende Autofahrer zulief, um ihnen wilde Verschwörungstheorien zuzurufen, die daraufhin die Polizei alarmierten und um Hilfe baten. Nach wenigen Stunden wurde die besagte Anwältin bereits wieder auf freien Fuß gesetzt.

Der Katalog der weiteren wiederkehrenden Trigger ist lang, gerne ist von Enteignung die Rede, von Stasi-ähnlichen Strukturen, da Nachbarn Nachbarn anschwärzen. Diese Trigger zielen kommunikativ vor allem auch auf Menschen hier bei uns in den neuen Bundesländern ab, weil sie selbst Erlebtes oder von den Eltern Gehörtes wieder aufflackern lassen, aufwühlende, negative Emotionen, die Menschen zu einem Kampf motivieren sollen

Aber einen Kampf wogegen?

Wurden wir durch den vorübergehend auferlegten Stillstand wirklich aktiv ‚enteignet‘, wie es zu ‚Ost-Zeiten‘ üblich war? Wird nicht vielmehr Seitens der Politik unaufhörlich und durchaus auch selbstkritisch in einem konstruktiven Prozess nach Lösungen gesucht, um die Bevölkerung so gut wie möglich zu unterstützen? Wurde es uns wirklich untersagt, unsere Meinung kundzutun? Ist denn nicht das Recht zur Versammlung zwecks Meinungsbildung und Meinungsäußerung das erste Gut, das nach dem 4-wöchigen Lockdown wieder aktiviert wird, gerade weil es im Sinne unserer Demokratie so wichtig ist? Müssen wir wirklich Angst haben, zu sagen, was wir denken – oder tun wir es nicht bereits alle, selbst die Verschwörungstheoretiker und selbsternannten Freiheitskämpfer, täglich und angstfrei in aller Öffentlichkeit in den sozialen Medien? Sind Nachbarn, die wegen mißverstandenem Übereifer bei Bagatellen petzen, als seien sie gerade in der Schule, gleichzusetzen mit der Stasi – zumal selbst im Dümmstfall nur ein Bußgeld droht, sofern überhaupt tatsächlich Konsequenzen gezogen werden?

Ich habe keine Angst. Noch nicht einmal vor dem Virus, um den es hier ja eigentlich geht.

Weil ich mich in unserer Demokratie, selbst wenn sie in Teilen – und das ist wichtig: vorübergehend – nicht voll ausgeschöpft werden kann, und in unserem gut aufgestellten Gesundheitssystem sicher aufgehoben fühle.

Das Einzige, das mir wirklich Angst macht, ist, wenn sich zunehmend mehr Menschen nicht eigenständig informieren, Gesagtes nicht hinterfragen, sondern sich von emotional manipulierender Polemisierung mitreißen lassen. Wirklich frei im Denken sind wir nur, wenn wir uns unser eigenes Bild machen. Und ich kenne kaum ein Land, in dem das besser geht als hier.

Dienstag, 28.04.2020

Nichtstun.

Innehalten. Ja, ich bin müde. Und das ist okay so. Diese verrückte Zeit, sie strengt mich an. Aber wen nicht? Selbst wenn Vieles im Stillstand verweilt, in unserem Inneren arbeitet die ungewohnte Situation unaufhörlich. Wir müssen uns jeden Tag auf’s Neue auf Ungewohntes einstellen und haben alle keinen Masterplan, wie es weitergeht. Da tut es gut, ab und zu einfach mal inne zu halten.

Und wisst ihr was? Ich habe heute Grüne Sauce gekocht für uns alle, als kleinen Frühlingsgruß, bevor der warme Frühlingsregen kommt.

Und das reicht für heute.

Vielleicht hallen, während ich meine Portion esse, meine Worte von gestern in der Zwischenzeit noch ein wenig nach. Selbst wenn ich nur ein oder zwei – vielleicht auch mehr – damit zum Umdenken anregen konnte, ist schon viel gewonnen. Noch mehr Menschen konnte ich mit meinen Worten, konntet ihr mit euren wundervollen Kommentaren, euren Herzen und Likes hier und auf Facebook, in dem Gefühl bestätigen, dass doch die meisten von uns ihren Glauben an das, was wir hier alle gemeinsam stemmen, nicht verloren haben. Ihr verbreitet gerade dieses gute Gefühl, wie ein warmer, wohltuender Frühlingsregen, der gerade draußen tatsächlich beginnt auf uns herabzuplätschern, im Web. Ich danke euch von Herzen dafür. Gemeinsam können wir das Zerrbild, das teilweise in den sozialen Medien entsteht, wieder entzerren.

Aber heute, da ruhe ich mich aus. Innehalten und Kraft sammeln, das sollten wir alle ganz bewusst zwischendrin mal tun. Deshalb mache ich jetzt nach meiner Grünen Sauce einfach mal einen wunderbaren Mittagsschlaf. Bis morgen, ihr Lieben.

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Mittwoch, 29.04.2020

Gute Zeichen.

Es gibt so viele davon. Wir müssen nur die Augen offen halten. In unseren Pflanzkübeln vor unserem Bistro-Café steckt seit Beginn des Lockdowns jede Woche ein kleiner Origami-Schwan aus buntem Papier zwischen den Blumen. Erst dachten wir, jemand hätte ihn verloren und wir haben ihn zum Wiederfinden gut sichtbar in unsere Fensterbank gesetzt. Jetzt sitzen da schon ganz viele – denn es kommen immer mehr dazu.

Wir wissen zwischenzeitlich: Sie wurden nicht verloren. Sie sind ein Zeichen. Dafür, dass jemand an uns denkt. Wer immer du bist: Fühl‘ dich gedrückt, wir freuen uns über jeden einzelnen aufmunternden kleinen Papierschwan – jeder für sich ein wunderbares gutes Zeichen inmitten der Verrücktheiten unserer Zwischenwelt.

Aber es gibt noch so viele mehr: Jeden Tag stehen sie vor unserem provisorischen Fenster-Verkauf und zeigen, dass sie für uns da sind: Unsere wundervollen Gäste. Jeder einzelne von euch ist ein gutes Zeichen, ein Zeichen von Zusammenhalt, Kraft und Optimismus. Wir sind euch von Herzen dankbar und freuen uns jeden Tag auf’s Neue, euch zu sehen. Ihr gebt uns mit eurer Solidarität Hoffnung und Zuversicht – und die Möglichkeit, euch auch etwas Gutes zu tun und euch jeden Tag mit unserem Glücklich-Essen in der ToGo-Box zu versorgen.

Selbst die ToGo-Box, auch sie ist ein Zeichen. Sie ist für mich ein Symbol unserer Zwischenwelt und zeigt: Selbst wenn außen herum alles vielleicht gerade anders verpackt ist und nicht genau so funktioniert, wie wir es bisher kennen, kann trotzdem so viel Gutes darin stecken. Wir müssen nur kreativ und erfinderisch sein und dann haben wir auch die Möglichkeit, viel Schönes in unserer Zwischenwelt zu bewahren – und sei es in einer simplen ToGo-Box aus Zuckerrohr.

Ja, selbst die Stühle, die in der Gastronomie zur Zeit leer bleiben – sie werden zu einem Zeichen. Die Gastronomie-Initiative „Leere Stühle“ hat die Not zur Tugend gemacht, und lässt Stühle statt Menschen demonstrieren. Ein kraftvolles Symbol – und auch wenn hier auf Missstände aufmerksam gemacht wird: Es ist ein gutes Zeichen.

Es zeugt von Zusammenhalt, die Stühle geben Gastronomen in ganz Deutschland eine Stimme – selbst wenn sie vielleicht nicht täglich wie ich in den sozialen Medien unterwegs sind, auf dem Land oder in der Kleinstadt vielleicht weniger Präsenz haben, als inmitten der großen Innenstädte, wird allen die Möglichkeit gegeben, ein Zeichen zu setzen. Und es ist ein gutes Zeichen, denn ich spüre: Es wird gesehen.

Erste Hilfen sind bereits beschlossen und umgesetzt, die Soforthilfe für die ersten Wochen des Lockdowns und die Herabsenkung der Mehrwertsteuer für Speisen auf 7 Prozent. Zunächst für ein Jahr, ein erster Schritt. Die leeren Stühle zeigen, es müssen mehr Schritte folgen, um die Gastronomie wirklich zu retten. Wenn der Lockdown in der Gastronomie fortgeführt werden muss, um die Infektionsrate in Schach halten zu können – dann werden für jeden Monat des Lockdowns Hilfen gebraucht.

Wie verletzlich die Gastronomie ist – vielen wird es jetzt erst bewusst. Eine Branche, die schon in normalen Zeiten vom Idealismus der individuellen Gastronomen lebt – sei es der Dorf-Gasthof, das Stadt-Bistro oder das Gourmet-Restaurant, die bereits unter normalen Bedingungen nur mit enormem Kraftaufwand einigermaßen rentabel betrieben werden können – hat in Zeiten der Krise keinen Handlungsspielraum mehr. Die Einführung einer 7 % Mehrwertsteuer auch auf Speisen für den Verzehr vor Ort waren daher bereits seit Jahren ein Hoffnungsschimmer der Branche auf ein wenig Verbesserung – und wurden schon lange vor Corona gefordert. Nun sind sie da, die 7 %, als ein weiteres gutes Zeichen in unserer Zwischenwelt, und wir alle wissen: Die 7 wird auch über das eine Jahr hinaus verweilen müssen, wenn das Kulturgut Gastronomie aufrecht erhalten bleiben soll.

Apropos Kulturgut – auch in privaten Theatern, Kinos, Musikclubs, Musik- und Malschulen und den vielen weiteren Kulturstätten bleiben die Stühle leer. Auch hier gibt es viele Einzelkämpfer, die nicht in öffentlicher Hand sind oder zu Großverdienern mit viel Atem gehören, sondern von von Idealisten mit viel Liebe und Herzblut betrieben werden und Hilfe brauchen. Gibt es dort auch eine vergleichbare Initiative, die auf die leeren Stühle hinweist?

Denn wir brauchen alle ein Zeichen. Gute Zeichen der Hoffnung.

Ich wünsche sie uns allen.

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Nachtrag, etwas später am Abend:

Wie wundervoll! Es haben noch viele mehr von euch die kleinen Origami-Zeichen bei uns in Erfurt entdeckt, danke für eure Nachrichten.

Jemand faltet sie seit dem Lockdown und bringt sie als Zeichen der Hoffnung überall in die Stadt.

Es sind übrigens keine Schwäne, wie ihr mir verraten habt, sondern Kraniche. In der japanischen Origami-Kunst ist der Kranich das Symbol für ein glückliches, langes Leben. Nach einer alten japanischen Legende wird dem, der 1000 Kraniche faltet, von den Göttern ein Wunsch erfüllt.

Ein schöner Gedanke.

Donnerstag, 30.04.2020

DisTanz in den Mai. Dieses Jahr wird sie anders, die Nacht zum ersten Mai. In unserer verrückten Zwischenwelt ist Kreativität gefragt – und tatsächlich, das Netz sprudelt gerade über, vor guter Ideen.

Als Teenager verband ich mit dem 1. Mai den Tanz in die schöne, warme Jahreszeit, Zelten mit Lagerfeuer, den Dorf-Maibaum bewachen, damit das Nachbardorf ihn nicht erobert, kleine Maibäume setzen für die Liebste. In Schaltjahren, wie diesem, umgedreht, da setzen traditionell die Frauen den Baum. Mittlerweile freue ich mich über jeden Baum, der nicht abgesägt wird, im Rheinland, wo ich lange Zeit lebte, wurden die jungen Birken mit den Jahren merklich weniger.
Als ich nach Thüringen zog, fiel mir um so mehr auf, dass hier erstaunlich viele Birken stehen, denn den Brauch, dem Herzensmenschen einen Baum vor das Fenster zu stellen, gibt es hier nicht. Dafür gibt es Kundgebungen, ein ganz anderes, sehr viel politischeres Gesicht des 1. Mai, dem Tag der Arbeit, das mir damals noch völlig fremd war. Ich erinnere mich gut an den Tag, als ich in meinem ersten Studienjahr in Erfurt an unserem WG-Fenster stand, und überrascht auf die demonstrierenden Menschenmassen unter mir schaute.
Nun macht Erfurt deutschlandweit Schlagzeilen, denn auch in diesem Jahr soll demonstriert werden. 10 Kundgebungen wurden in Erfurt angemeldet. Möglich macht es eine Thüringer Verordnung, die auch in Zeiten von Corona sicherstellen möchte, dass das Recht zur Meinungsäußerung und Meinungsbildung ausgeübt werden kann. Wie alles, was nach dem Lockdown schrittweise wieder eingeführt wird, unter strengen hygienischen Auflagen. Die Beschränkung auf 50 Personen im Freien mit 1,5 m Abstand als Standkundgebung soll sicher stellen, dass gleichzeizig eine Ausbreitung des Virus in Schach gehalten werden, und trotzdem das Recht auf Versammlung eingeräumt werden kann.

Während die traditionellen 1. Mai Demonstranten, allen voran die Gewerkschaften, den besonderen Umständen mit Kreativität begegnen, und das Geschehen virtuell ins Netz verlagern, um von dort aus die bis zu 50 Personen zu einer virtuellen Massenbewegung zu machen, sieht sich eine Partei außer Stande bis 50 zu zählen und meldet ihre Kundgebung mit 1.000 Personen an, inklusive Gang per Eilantrag vor Gericht. Und während sich die Mathegenies ressourcenverschwendend mit den Mühlen der Rechtssprechung umherschlagen, haben die Demonstranten, um die es am Tag der Arbeit wirklich geht, bereits den alternativen Plan ausgeklügelt und nutzen die Möglichkeiten der Verbreitung ihrer Demonstrationen im Netz. Das klappt nicht nur politisch gut, zum Tag der Arbeit, sondern auch mit dem spaßigen Tanz in den Mai. Denn der Sommer wird kommen, dem Wetter ist Corona schlicht egal, und ich freue mich schon auf die warmen Sonnenstrahlen. Sie werden uns gut tun. Genau wie das Tanzen.

Habt ihr die virtuellen Parties schon entdeckt? Lasst uns distanzen! In dieser verrückten Zwischenwelt mal jeder zu Hause für sich. Und doch alle gemeinsam.

Montag, 04.05.2020

Energien. Aus der Krise heraus wachsen sie. Positive wie negative gleichermaßen. Ich habe die Verschiedenheit der Energien in unserer Gesellschaft nie deutlicher wahrgenommen als jetzt. Die Krise fördert sie zu Tage.

Woher diese Energien kommen, ist so unterschiedlich wie die Menschen und ihre Lebenssituation selbst. Die Einen spüren positive Energien, finden in der Krise plötzlich Momente der Ruhe und Achtsamkeit, die sie in der Hektik des Alltags vergessen hatten und am liebsten nicht mehr missen möchten.

Andere wiederum beschäftigt genau das Gegenteil, die Hektik und Unruhe um sie herum ist größer als je zuvor, da sie in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen arbeiten oder sich 24/7 im unlösbaren Zwiespalt zwischen Home-office und Kids wiederfinden. Ihre Energie nährt sich aus Adrenalin, dem Gefühl dringend gebraucht und den Anforderungen kaum noch gerecht zu werden.

Wieder andere scharren merklich mit den Füßen, da sie die Langeweile in ihrer häuslichen Umgebung nicht mehr ertragen, endlich wieder in gewohnte Strukturen zurückkehren wollen, Arbeit und Freizeit wieder so gestalten wollen, wie vor Corona. Sie entwickeln Pläne, wie sie möglichst schnell wieder zu alter Hochform auffahren können.

Wieder andere speisen ihre Energie aus Angst – um ihre Existenzen, um ihr Geld, um das eigene Unternehmen oder das mit Krediten finanzierte Haus. Sie wollen handeln, um zu retten was zu retten ist, und warten auf den Startschuss, damit endlich beginnen zu können.

Und manche speisen ihre Energie aus Frustration. Tiefe Unzufriedenheit, die schon lange vor Corona existierte und häufig auf persönlichen Schicksalsschlägen oder Niederlagen beruht, nährt eine Energie des Widerstandes, die ich so noch nie gesehen habe.
Wege diese Energien zu nutzen, beobachte ich in den vergangenen Tagen viele:

Manche lassen sich von Kräften, die auf unruhige Zeiten wie diese nur gewartet haben, zu Hobby-Freiheitskämpfern instrumentalisieren, um dann an zufällig gleichen Orten, wie dem Erfurter Domplatz, zu zufällig gleichen Zeiten ‚Spazieren zu gehen‘, anstatt die Demonstration mit 50 Personen einfach anzumelden.

In Berlin wird derweil ganz offiziell zu einer Demonstration größeren Ausmaßes geladen, die Kräfte bündeln sich in neuem Gewand, lassen von Hassparolen ab und geben sich romantisiert als Teil einer Freiheitspartei für alle. Parolen werden ausgetauscht durch viel effektivere Instrumente, so lassen sich Besucherzähler von Websites doch hervorragend und unfassbar einfach als Zähler für angeblich rasant steigende Mitgliedszahlen verwenden, nicht wahr? Selbst wenn ich alle Cookie-Einwilligungen ablehne, werde ich scheinbar vollautomatisiert auf der Startseite einer dieser Seiten als neues Mitglied begrüßt. Nun ja, die Mühlen des Datenschutzes mahlen langsam, aber sie mahlen. Bis dahin ist es uns Internet-Nutzern selbst überlassen, wachsam zu bleiben. Es birgt eine gewisse tragikomische Ironie in sich: Diejenigen, die sich als Freiheitskämpfer fühlen, stellen sich nichtsahnend in den Dienst der manipulierendsten Kräfte, die ich bisher in meinem Leben wahrgenommen habe.
Glücklicherweise gibt es auch andere Ansätze, frei werdende Energie zu bündeln: Denn die liebsten Möbelhäuser haben wieder geöffnet! Also ab ins Auto, ins nächste Bundesland, um in unendlich wirkenden Menschenschlangen auf dem Möbelhaus-Parkplatz im Regen auszuharren. Es lohnt sich! Auf von stolz geschwellter Brust ist im Social Media Feed noch das verblasste Motto-T-Shirt #supportyourlocals zu sehen, als der 3 Meter lange Einkaufzettel mit hübschen Dekoschnäppchen des Möbelgiganten als Siegestrophäe in die Luft gehalten wird, während in den Innenstädten verzweifelte Einzelhändler auf Kundschaft warten. Jahaa, denn jetzt wird energiegeladen erstmal eingerichtet, wir sollen ja schließlich noch alle schön zu Hause bleiben.

Aber, ganz im Ernst, mir begegnen in unserer verrückten Zwischenwelt wirklich auch ganz wundervolle Beispiele, wofür sich diese ganzen Energien nutzen lassen, die uns schon fast zum Platzen bringen. Ideen, die wirklich inspirieren … diesen möchte ich morgen ein ganz eigenes Kapitel widmen.

Nachtrag, etwas später am Tag: Vielleicht ist der Datenschutz doch schneller als gedacht? Knapp eine Stunde nach meinem Beitrag ist besagte Seite plötzlich offline. Von „Angriffen“ ist im Infobalken der provisorischen Startseite die Rede. Da bin ich gespannt, welcher Art diese Angriffe wohl sein mögen. Vielleicht kamen sie heute einfach auf dem guten alten Postweg per einstweiliger Verfügung?

Dienstag, 05.05.2020

Die Energien, von denen ich euch gestern berichtet habe, entladen sich auch im Positiven.

Häufig im Kleinen: Individuelle, wundervolle Menschen mit kleinen kreativen Ideen, die so große Wirkung haben, dass ihre Strahlkraft auch auf Distanz spürbar ist.

Da ist der Katzenkorb auf der Krämerbrücke. Eine Kinder-Stadtführerin, die in unserer verrückten Zwischenwelt alle Aufträge verloren hat, und Grund hätte, sich Wut hinzugeben, bündelt ihre Energien und lässt Gutes daraus entstehen. Sie gibt Kindern jeden Tag Aufgaben. Denn auch die Kinder wissen kaum wohin mit ihrer Energie, suchen Orientierung, Struktur in ihrem durcheinandergewirbelten Alltag. Jeden Tag hängen diese Aufgaben in einem Katzenkorb: „Wie viele Stufen hat die Treppe zum Dom? Wie viele Häuser stehen auf der Krämerbrücke?“ Jeden Tag eine neue Aufgabe, ein neues Ziel, auf das sich die Kids freuen können. Eine positive Energie, die weiterstrahlt, auf jedes einzelne Kind, das sich eine Aufgabe aus dem Korb nimmt. Und die Energie strahlt auch wieder zur Stadtführerin zurück. Als sie an einem Dönerstand ein paar Straßen weiter in der Schlange steht, hört sie, wie ein Kind zu ihrer Mutter sagt: „Mama, aber bevor wir nach Hause gehen, müssen wir heute noch zum Katzenkorb. Das ist wichtig.“ Und der Stadtführerin geht im Stillen das Herz auf. Könnt ihr dieses warme Gefühl auch spüren, wenn ihr diese Zeilen lest?

Ein Opernsänger, der nicht mehr auf der Bühne stehen darf, sitzt am Küchentisch – und vergräbt nicht das Gesicht enttäuscht in den Händen, sondern denkt nach: Wie können wir Erfurt am Leben erhalten, während der Wochen des Lockdowns? Was kann ich tun, um den vielen Händlern und Gastronomen zu helfen? Und die Idee zur Facebook-Plattform #keeperfurtalive entsteht, eine Plattform der Solidarität, die von einem Menschen in wenigen Wochen zu mehreren tausend gewachsen ist. Natürlich, mit wachsender Zahl mischt sich auch in diese Plattform der ein oder andere Egozentriker, der aggressiv Werbung machen will, es liegt einfach in der Natur einiger Menschen. Aber das Gefühl von Solidarität und Miteinander überwiegt – der persönliche Lieblingsladen wird von Herzen empfohlen, die Community unterstützt sich gegenseitig bei der Suche nach dem passenden Angebot – Torte für die Mama, Kinderschuhe im Lieferservice, das Buch an die Haustür. Und ich spüre, wie der individuelle Einzelhandel, die kleine inhabergeführte Gastronomie nachhaltig einen größeren Platz einnehmen, in den Herzen der Menschen, einen größeren Platz als vor Corona. Zwischenzeitlich haben viele der Läden wieder geöffnet – mit etwas Glück wird ein Teil des Spirits bleiben. Vielleicht schaffen es #keeperfurtalive und der Gedanke #supportyourlocals auch über die Wochen des Lockdowns hinaus weiter zu wachsen, vielleicht sogar beständig über die verrückte Zwischenwelt hinaus.

Die positiven Energien wachsen auch im Großen.

Plötzlich scheint vieles möglich, das zuvor nur am Rande diskutiert wurde oder als Ziel aus dem Blick verloren ging:

Das bedingungslose Grundeinkommen rückt stärker in den Fokus. Natürlich, es handelt sich dabei um ein hochkomplexes Konstrukt, das nicht mit einem Wimpernschlag per Petition in den Bundestag gebracht und dann einfach umgesetzt wird. Es braucht einen langen Prozess, viele Strukturen unseres Sozialsystems müssten ganz neuen Bedingungen angepasst werden und würden teilweise entfallen. Aber wann, wenn nicht jetzt, wäre ein guter Zeitpunkt, damit behutsam und in kleinen Schritten zu beginnen?

Der bewusste Konsum rückt wieder stärker in den Fokus. Ja, und wann, wenn nicht jetzt, ist es selbst dem Letzten klar geworden, wie sehr er mit seinen individuellen Kaufentscheidungen lenken kann. Jeder Einkauf entscheidet: #supportyourlocal or not.
Natürlich werden bequeme und günstige Kaufoptionen nicht in Vergessenheit geraten – aber es ist schon viel gewonnen, wenn vermehrt abgewogen wird: Bestelle ich jetzt schnell beim Giganten online, weil es gerade wirklich nicht anders geht? Fahre ich schnäppchenjagend zum Großkonzern? Oder gehe ich bewusst häufiger zum kleinen Laden um die Ecke, auch wenn es ein paar Euro mehr kostet?

Gleichzeitig stellt sich der lokale Einzelhandel neu auf. Während des Lockdowns wurden viele neue Vertriebswege ausprobiert. Vielleicht ist die ein oder andere Idee dabei, die auch nach dem Lockdown beibehalten werden kann, sei es ein ergänzender Online-Shop mit Versand oder prepacked Abholservice oder ein Showroom mit Versandoption. Die kreativsten Ideen sind häufig aus der Not heraus geboren – und haben, wenn sie gut sind, weit darüber hinaus Bestand.

Die Potentiale der Digitalisierung rücken während der Krise stark wie nie in den Vordergrund: Homeoffice, digitales Lernen, Videokonferenzen über Städte, Länder, Kontinente hinweg. Wir wurden alle ins kalte Wasser geworfen und lernen zu schwimmen – und manch einer findet Gefallen daran. Muss ich wirklich 5 Tage die Woche eingepfercht im Berufsverkehr ins Büro? Kann mein Lehrer mich ergänzend zum Präsenzunterricht auch digital unterstützen? Muss die lange Autofahrt oder gar der Flug sein, für ein Meeting, das genau so gut auch online funktioniert? Ich spüre, wie sich die Erwartungshaltung und Bereitschaft vieler ändert. Auch daraus kann viel Positives wachsen.

Mit im Boot des regionalen Denkens und Handelns wie auch der Digitalisierung sitzen unsere Klimaziele. Ja, sie werden voraussichtlich 2020 erreicht. Ein positiver Effekt, der sich auch bewusst für die folgenden Jahre erhalten lässt: Regionalität und Digitalisierung – sie gehen mit unseren Klimazielen Hand in Hand. Das ist uns jetzt so bewusst wie nie. Und das birgt enormes Potential in sich, wenn wir die Chance ergreifen.

Berufszweige, die bisher viel zu wenig Beachtung fanden, sind in der Wahrnehmung stark wie nie in den Fokus gerückt. Helden des Alltags nennen wir sie, all die sogenannten ’systemrelevanten‘ Berufe, die Berufe, die das Lebensnotwendige am Laufen halten. Ihre gestiegene  Wertschätzung – emotional und finanziell – könnte auch über die Krise hinaus Bestand haben, wenn wir es richtig machen.

Im Großen wie im Kleinen: Es liegt bei uns, wie wir die entstehenden Energien bündeln.

Ja, um nochmal kurz meine gestrigen Gedanken wieder aufzugreifen: Während manche mit ihren Energien zerstörerischen Kräften in die Hände spielen und Hand in Hand mit Verfassungsfeinden spazieren gehen, um für Grundrechte eben jener Verfassung, die die vermeintlichen Gefährten ins Wanken bringen wollen, zu demonstrieren, gehen andere ans Werk, um die schrittweise wieder erwachenden, ja sogar über sich hinaus wachsenden Möglichkeiten unserer Gesellschaft zu nutzen.

Während wieder andere ihre freiwerdende Energie nutzen, um völlig unreflektiert zu alten Verhaltensmustern zurückzukehren, sie sogar exzessiv zu verstärken, sehen viele die Chance, sich weiterzuentwickeln und aus dem Erlebten aus unserer verrückten Zwischenwelt zu lernen.

„In der Krise zeigen Menschen ihr wahres Gesicht.“

Dieser viel zitierte Satz trifft auch die Auswirkungen unserer hervorsprudelnden Energien im Kern – aber es geht in meinen Augen noch viel weiter: In der Krise entscheiden wir, welches Gesicht wir haben möchten. Denn egal welchen Grundvoraussetzungen unsere Energie entstammt, egal ob es positive oder negative Energien sind, die wir spüren – wir selbst sind diejenigen, die entscheiden, wohin wir sie lenken.

Mittwoch, 06.05.2020

Mein Smartphone weiß es als Erstes und jagt mir die Eilmeldung gestern Abend auf’s Display: Zwischen dem 9. und 22. Mai werden in allen Bundesländern gastronomische Betriebe wieder öffnen dürfen. Schrittweise und mit einem strengen Hygienekonzept. Wie genau, ist noch offen und wird in den nächsten Tagen auf Landesebene beraten. Ob ich jetzt jubele? Ganz ehrlich, jetzt kommt der wirklich toughe Part auf uns Gastronomen zu.

Ich hatte es an einem anderen Tag schon einmal angedeutet: Es ist einfacher, etwas nicht zu tun, als Gewohntes unter völlig neuen Bedingungen und strengen Auflagen wieder aufzunehmen. Aber klar, jeder Gastronom, der es bis hierhin geschafft hat, wird auch diese Challenge annehmen. Wir müssen uns schließlich alle irgendwie neu erfinden, in unserer sich stetig wandelnden verrückten Zwischenwelt – und auch wenn diese Pandemie irgendwann geschafft sein wird, werden wir nie blauäugig zu einer Normalität wie vor Corona zurückkehren können. Dafür haben wir zu viel gelernt, in den vergangenen Wochen, über den Umgang mit einer Bedrohung, die wir noch Anfang März nicht für möglich gehalten hätten. Und das ist gut so.

Ein kleines Gedankenspiel hilft mir immer sehr, in kleinen Krisen und, wie ich in den letzten Wochen beobachten konnte, auch in den ganz großen: Ich betrachte unangenehme Erfahrungen gerne als Workshop. Manchmal mit einer wirklich hohen Teilnahmegebühr, und glaubt mir, die Corona-Krise ist der teuerste Workshop ever. Aber nach diesem Workshop sind wir alle sehr viel besser gerüstet, für die Pandemien dieser Welt, das werden selbst die Zweifler nicht anzweifeln.

Jetzt steht also Öffnen unter schwersten Bedingungen auf dem Workshop-Plan:

Welche Hygieneauflagen werden wir genau beachten müssen? Wie lassen sich diese finanzieren? Meine ersten Ideen für günstige Plexiglas-Spuckschutz-Lösungen sprudeln schon los, ich muss sie noch testen und meld‘ mich mit meinem Workshop-Ergebnis. Kommen trotz Kontaktbeschränkungen genug Gäste? Wie können wir die Abstands-Regeln einhalten? Bekommen wir eine Genehmigung für die Nutzung unseres hübschen Hinterhofs, um die fehlenden Möglichkeiten im Innenenraum wieder auszugleichen? Darf unser Wirtschaftsgarten auf dem Bürgersteig vor unserem Café-Bistro schon vor dem Innenraum wieder in Betrieb genommen werden? Und wie passt das zusammen, mit den noch geltenden Vorgaben zum ToGo-Fensterverkauf? Ist Selbstbedienung dann noch erlaubt, ein wesentlicher Faktor unserer günstigen Preise, oder muss am Tisch bedient werden, sodass eine Preiserhöhung notwendig wird? Gilt die ermäßigte Mehrwertsteuer auf Speisen tatsächlich erst ab Juli oder greift sie zur wirksamen Rettung unserer Branche bereits früher? Was ist mit den Kids? Während unsere ganz Kleine bald wieder regulär – in der Kleinstgruppe und ebenfalls unter strengen Hygieneauflagen – zur Tagesmutter darf, greift ein Betreuungsplan für unsere große Kleine in der Grundschule frühestens ab Juni. Frühestens!

Oh yes, ein kleiner Auszug der Jonglage-Bälle, die ich geistig gerade in die Luft werfe – und ich habe sicher noch die Hälfte vergessen.
Also, um zur Ursprungsfrage zurückzukehren: Ja, natürlich freue ich mich, dass wir bald wieder öffnen dürfen. Aber gleichzeitig weiß ich, dass jetzt das Intensiv-Training unseres Verrückte-Zwischenwelt-Workshops auf uns zukommt.

Nachtrag, etwas später heute Abend:

Wieder weiß es mein Handy noch vor mir – die Stadt Erfurt wird bis Ende 2020 auf die Gebühr für die Außenbewirtschaftung auf dem Bürgersteig und auf öffentlichen Plätzen verzichten. Dass ich so einen solidarischen Akt der Stadt, um die krisengeschüttelte Gastronomie zu supporten, erleben darf, das rührt mich. Ganz ehrlich und ohne jeden Sarkasmus. Danke!

Donnerstag, 07.05.2020

Vielleicht haben die kursierenden Falschmeldungen zu einer angeblichen Impfpflicht auch etwas Gutes.
Sie sind ein schönes Lehrstück darüber, wie simpel und effektiv diese manipulierenden Kräfte, wie ich sie in meinem kleinen Tagebuch gerne nenne, agieren:

Behauptung aufgestellt, ein paar seriös wirkende Quellen genannt, ein paar wesentliche Fakten weggelassen und ab damit ins Netz. Den Rest erledigen die gutgläubigen Social-Media-Nutzer, denen diese Falschmeldungen in den Facebook-Feed gestreut werden.
Heute sehe ich dazu sogar analoge Papierflyer, unter Scheibenwischer der Autos in der Nachbarschaft geklemmt, um sicherzugehen, dass die Falschmeldung auch ja außerhalb der digitalen Welt kursiert.

Es funktioniert, wie so oft über Trigger.

Gerade hier in den neuen Bundesländern ist das Thema Impfpflicht ein heikles Thema. Bei vielen sind die Erinnerungen aus Ost-Zeiten noch sehr präsent. Die Trigger treffen also rasant ins Schwarze, aktivieren die emotionalen Areale unseres Gehirns und lassen die Ratio, die solche Aussagen erstmal überprüfen würde, verblüfft in der Ecke stehen.
Nein, um eine Debatte über die Sinnhaftigkeit von Impfungen geht es mir an dieser Stelle mal nicht – zumal Impfbefürworter Impfgegner viel mehr in ihrem Anliegen unterstützen, als letzteren meist bewusst ist, wie der gleich verlinkte Beitrag zeigt. Hier geht es um etwas ganz Anderes: Um ein Lehrstück über Falschmeldungen. Und wer sich ertappt fühlt, dieser Falschmeldung auf den Leim gegangen zu sein – der überdenkt vielleicht auch die anderen Meldungen in seinem Feed.

Denn mir ist etwas aufgefallen: Der Algorythmus unseres Feeds weiß sehr genau, auf welche Art von Meldungen wir ansprechen und spuckt immer wieder die gleichen Trigger aus.

Dahinter steckt keine böse Absicht, der Algorythmus denkt nicht darüber nach, ob ihm etwas sinnvoll erscheint oder nicht, im Grunde besteht er ja nur aus 0-en und 1-en. Er weiß nur: Auf was klickt mein User als Erstes? Wo verweilt mein User am längsten? Der Algorythmus wünscht sich nur eines: Interaktion.

Deshalb: Sollte einer von euch der Impfpflicht-Falschmeldung auf den Leim gegangen sein: Kopiert doch testweise einfach mal ganz andere Quellen in euren Feed.

Ich persönlich fand diese beiden Beiträge sehr aufschlussreich:

1

Link:
https://mobil.ksta.de/panorama/faktencheck-hat-die-regierung-heimlich-die-impfpflicht-beschlossen–36648376

2

Link (Achtung, nach dem Copy-Pasten bitte Leerzeichen vor facebook löschen):
https://www. facebook.com/quer/videos/693638658098806/

Ich poste euch auch gerne noch ein paar mehr. Dieser Beitrag ist für das Experiment zum Beispiel auch ganz nett:

3

Link:
https://www.volksverpetzer.de/analyse/widerstand2020/

Und dann beobachtet mal, in diesem kleinen Experiment, wie sich euer Feed plötzlich verändert. Denn der Algorythmus lernt schnell. Und wenn wir schlau sind, dann tun wir es alle auch.

Freitag, 08.05.2020

Fast hätte meine Tochter ihren Plan wahr gemacht und Kinderdemos ins Leben gerufen. Mit Hula Hoop Reifen an jedem Kind für den 1,5 Meter Abstand und in 50er-Gruppen. Was für ein brillianter Plan!

Als hätte es die Politik geahnt, hat diese sich nun doch beeilt, sich nach Brot & Spielen, aka unbegrenzten Shopping-Möglichkeiten und Bundesliga-Startschuss, zum wirklich wichtigen Teil unserer Gesellschaft zu äußern: den Kindern. Nach Shopping, Gastronomie, Hotels, Campingplätzen, Zoos, Gärten, Bundesliga, Flugzeugen und, natürlich, wie konnte ich sie vergessen! der Autolobby, wird endlich dem systemrelevantesten Part unserer Gesellschaft überhaupt etwas öffentliche Beachtung geschenkt. Der Bildung und Betreuung unserer Kinder. Hallelujah. Nicht auszumalen, wie lange das noch gedauert hätte, hätten sie den Hula Hoop Plan meiner Tochter nicht im Nacken gespürt.

Der Thüringer Fahrplan umfasst:

Ab 18.05. Erweiterung der Kita-Notbetreuung auf Vorschul- und deren Geschwisterkinder, ab 2.6 schrittweiser Einstieg in den eingeschränkten Regelbetrieb in Kita-Kleingruppen von bis zu 10 Kindern.
Da auch die Grundschulkinder der 1. und 2. Klassen ab 02.06 starten sollen, sieht der Plan in meinen Augen mehr als knapp aus. Denn die meisten Lehrer und Erzieher haben selbst Kinder und werden kaum Unterricht und Grundschul-Hort in ausreichendem Umfang anbieten können, wenn ihre eigenen Kinder nicht schon vor dem 02.06. betreut sind. Was zwangsläufig folgt, ist Flickschusterei, die Eltern und Kinder mehr schaden kann, als sie zu unterstützen: Es schweben konkrete Pläne im Raum, die den wochenweisen Wechsel von Schule und Homeschooling vorsehen sowie eine Abholung der Kids in der Schulwoche bereits um kurz nach 11.

Purer Stress für’s Kind durch fehlende Beständigkeit und eine nahezu unmöglich zu meisternde Herausforderung für alle Eltern, die gehofft hatten, wenigstens ab 02.06. wieder in ein etwas normalisiertes Arbeitsleben zurückkehren zu können. Nicht nur für uns, da unser straffes Mittagsgeschäft im Bistro natürlich Punkt 11 Uhr startet, sondern auch für die meisten anderen Berufszweige.

„So Chef! Ich bin dann jetzt wieder da, aber erst so ab 8.30, denn vorher muss ja mein Kind in die Schule, ach so, und dann muss ich aber leiiiider um 10.30 schon wieder los, mein Kind abholen, nix für ungut, aber in der Zeit schaffe ich es immerhin schonmal den PC hochzufahren, meinen Büro-Kaffee zu kochen und den PC dann auch wieder ordnungsgemäß runterzufahren. Den Rest mach‘ ich dann im Homeoffice, ich hab da ein gemütliches Plätzchen in der Sofakissenhöhle meiner Kleinen bekommen und mit etwas Glück, rammt mir heute keins meiner Kids wieder das Headset ins Auge, bevor sie von meinem Bauch springend auf die Delete Taste meines Laptops hüpfen.“

Und ich? Hab‘ auch schon einen Masterplan und werde dann einfach parallel mein Kind in der Schule abholen, WÄHREND ich das Essen ausgebe. Wir Eltern sind ja per se schon multitasking-fähig und wir Gastronomen doch erst recht. Derweil überlegt meine Tochter, ob das mit meinem Multitasking-Plan wirklich so ausgeklügelt ist und legt sich lieber doch schonmal den Hula Hoop Reifen zurecht.

Also, ihr lieben Politiker, gebt dem Bildungsministerium mal ein bisschen Gehör, da liegen bestimmt schon sehr viel ausgefeiltere Pläne auf den Schreibtischen und hier warten sehr viele große und kleine Menschen darauf, dass ihr die wirklich guten Pläne mit uns teilt. Gebt Lehrern und Erziehern bitte mit oberster Priorität die Chance, ihre Kinder wieder in Betreuung zu geben, auch wenn der Partner nicht in einem ’systemrelevanten‘ Job arbeitet, sonst setzt sich das Problem nicht wegen des Virus‘ sondern wegen Planungsfehlern fort.

Wo wir schonmal dabei sind: Wenn ich hier immer wieder beschwöre, dass wir alle auch Chancen aus dieser Krise ziehen können, dann meine ich damit auch die Politik. Jetzt ist die perfekte Zeit, richtige Signale zu setzen, die Bereiche finanziell und strukturell zu fördern, die wirklich für unsere Gesellschaft wichtig sind. Leistungsbewertung so weit? Autolobby vor Bildung? Ernsthaft? Für diesen Schritt: Setzen, sechs.

Aber das ist zum Glück nur das Zwischenzeugnis. Damit gibt es also noch die Chance, bis zum Endzeugnis an der Prioritätensetzung zu arbeiten, gell?

Und falls unser kleines Zwischenfeedbackgespräch hier nicht hilft, dann steht der Hula Hoop Reifen bereit. Und 13 Millionen Kids mit ihren Eltern bestimmt ebenfalls. In 50er Gruppen versteht sich. Dann können wir mal sehen, wer hier am lautesten schreien kann – die Autolobby, Shopping- und Fußballfans oder 13 Millionen Kinder und ihre Eltern.

Sonntag, 10.05.2020

Es ist Sonntag. Die ToGo-Box ist leer. Denn normalerweise nutze ich diesen Tag, um Kraft zu sammeln. Aber heute, da fällt es mir schwer. Ich schreibe euch heute auf eine leere Box toGo – in der Hoffnung, aus diesen Zeilen wieder Kraft schöpfen zu können. Schlicht weil sie sagen, was dringend gesagt werden muss.

An die ‚Hygiene‘-Demonstranten.
Ich habe die Wochen des Lockdowns wesentlich weniger Kraft gebraucht, die Dinge zu akzeptieren wie sie sind, als jetzt. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung verloren, selbst mit dem unbekannten Virus und der Sorge um die Existenz unseres Café-Bistros im Nacken. Aber ich spüre, wie ihr jetzt beginnt, mir die Zuversicht zu nehmen. Weil ihr mir immer mehr den Glauben in den rationalen Verstand und das solidarische Denken der Menschen nehmt.
Denn mir wird klar: Auch wenn ich alle Kraft aufwende, nicht selbst Wut und Hass zu verfallen, während ich euch inmitten der Menschen sehe, die allem Infektionsrisiko zum Trotz nicht mit 50 Teilnehmern auf Abstand, sondern zu tausenden auf die Straße gehen: Ich bin den Auswirkungen eures Handelns dennoch schutzlos ausgeliefert.

Die meiste Kraft kostet es mich, zu ertragen, dass ihr bei vollem Bewusstsein eine neue Ansteckungswelle riskiert. Dass ihr wissentlich in Kauf nehmt, einen erneuten Lockdown zu provozieren, da ihr geleitet von Falschmeldungen, Verschwörungsmythen und fehlender Reflektion glaubt, für Freiheit kämpfen zu müssen, die zwar vorübergehend eingeschränkt, uns aber nie wirklich genommen war. Ihr pilgert aus Gebieten, in der die Ausbreitung des Virus nach den harten Wochen des Lockdowns tatsächlich in Schach gehalten werden kann, nach Berlin, Frankfurt, Stuttgart, München, und bringt das Virus wieder zurück in eure Heimat. Wir werden in 2 Wochen sehen, ob ihr unverschämt großes Glück haben werdet und warme Sommertemperaturen auf eurer, auf unser aller, Seite stehen.
Aber wenn nicht, dann möchte ich, dass ihr eines wisst: Kommt es hier in den folgenden Wochen wieder zu vermehrten Neuinfektionen, Menschen auf der Intensivstation, Toten, einem neuen, abermals existenzbedrohenden Lockdown, dann sehe ich nicht in erster Linie den Virus und nicht die Politik in der Verantwortung dafür.

Sondern euch.

Wir hatten hier in Erfurt am Samstag, den Tag eurer Demonstrationen, eine Zahl von 4 offiziell erfassten Infektionen.

Behaltet euch diese Zahl im Gedächtnis.

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Montag, 11.05.2020

„Da war wohl zu viel Wahrheit drin.“ Ein simpler Satz, aus dem Affekt von irgendjemandem unter einen gelöschten, auf Facebook viral geteilten Beitrag gepostet. Einer von vielen Sätzen, einer von vielen standardisierten Textbausteinen, die bewusst gestreut und in unserer verrückten Zwischenwelt immer häufiger ungefiltert in ein festes Vokabel-Repertoire aufgenommen werden: „Geld regiert die Welt“. „Wacht auf“ „Da war wohl zu viel Wahrheit drin“ – Formulierungen wie diese stecken nicht zufällig in vielen Köpfen, sie werden bewusst gestreut. Die Instrumentalisierung funktioniert sehr simpel:

1 – Glaubwürdigkeit der klassischen Medien ins Wanken bringen

2 – Falschmeldungen und Verschwörungsmythen in den sozialen Medien streuen

3 – Aufkeimende Zweifel durch gefestigte Phrasen eindämmen

Fertig. Es ist wahrlich kein Kunststück und dennoch gibt es so viele, die diese Struktur nicht durchschauen – daher, lasst mich einen kurzen Moment genauer darauf eingehen und sei es nur, um besser zu verstehen, warum so viele Menschen dafür anfällig sind:

Im ersten Schritt werden Zweifel in die Glaubwürdigkeit klassischer Medien gestreut, um den Medienkonsum der Menschen, die dafür empfänglich sind, verstärkt in die virtuelle Welt zu verlagern. Denn erst die virtuelle Welt bietet eine großartige Plattform, um Falschmeldungen zu verbreiten, Verschwörungsmythen aufzubauen und viral durchs World Wide Web zu streuen. Unterschwellig werden diese Meldungen und Mythen mit dem passenden Vokabular versehen, um vielleicht doch zwischenzeitlich entstehende Zweifel an der Richtigkeit dieser Meldungen im Keim zu ersticken. Der Algorythmus sozialer Medien tut, wofür er gedacht ist, und spült Menschen, die ein Mal dafür anfällig waren, immer wieder Meldungen ähnlicher Struktur in den Feed, um Interaktion zu erzielen. Den Rest erledigt die sich aufbauende Community, die diese 3 Schritte immer wiederkehrend im Netz verbreitet.

Die sozialen Plattformen, allen voran YouTube und facebook, versuchen seit geraumer Zeit, Mechanismen wie dieser keine Plattform mehr zu geben. Schon lange vor Corona wurden sie dazu angehalten, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und nicht alle Inhalte ungefiltert auf ihren Seiten stehen zu lassen.

Die klassischen Medien unterliegen seit jeher journalistischer Genauigkeit. Redakteure durchlaufen nicht umsonst erst Studium, dann ein jahrelanges Volontariat. Redaktionsleiter und Chefredakteure überprüfen alles, was gedruckt werden soll, auf ihre journalistische Richtigkeit. Rutscht doch mal eine Falschmeldung durch, muss umgehend eine Richtigstellung gedruckt werden. Ich spreche hierbei nicht von Boulevardblättchen, die die Möglichkeiten der manipulativen Headlines und Zitatverkürzungen ausreizen, bis es wehtut – sondern von den klassischen Tageszeitungen und Nachrichtenformaten. Wenn auch hier allzu häufig auf reißerische Headlines gesetzt wird – journalisticher Genauigkeit und Redaktionsstrukturen sei Dank, ist es dennoch kaum möglich, in den klassischen Medien Falschmeldungen zu streuen.
Ganz anders in der Welt der sozialen Medien: Betrachten wir doch Youtube, Facebook und Co. mal als Redaktionen, die mit Milliarden freier, selbsternannter Redakteure zusammenarbeiten. Es ist ihnen als Redaktion dieser Medien nahezu unmöglich, all diese Inhalte einer Prüfung auf ihre Richtigkeit zu unterziehen. Und trotzdem stehen sie in der Verantwortung. Lange vor Corona haben sich daher alle großen Plattformen zu ihrer Verantwortung bekannt, und zugesichert, Falschmeldungen nach Möglichkeit zu identifizieren und zu entfernen, um Menschen vor Fehlinformationen zu schützen. Was bislang von der breiten Mehrheit sehr begrüßt wurde, führt nun in der Community der Verschwörungsgläubigen zu Entsetzen. „Staatliche Zensur! Wo bleibt die Meinungsfreiheit?“ wird virtuell gebrüllt, zwei weitere Begriffe in ihrem instrumentalisierten Vokabel-Repertoire. Aber es ist keine Zensur. Hier werden keine Meinungen zensiert. Und erst recht nicht vom Staat.

Denn hier prüfen lediglich Facebook, YouTube & Co., die sich zunehmend ihrer redaktionellen Verantwortung bewusst werden, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Informationen auf ihre Richtigkeit. Wie wir es seit jeher von Medien erwarten.
Lasst mich diesen Gedanken mit einer kleinen Geschichte zu Ende bringen:

Wenn ich Lust hätte, dann könnte ich jetzt ein Video drehen und behaupten, der Handel habe beschlossen, Klopapier, Hefe und Nudeln aus dem Programm zu nehmen, weil Bill Gates alle Weltvorräte aufgekauft habe. Wende ich obige Mechanismen an – glaubt mir – dann schaffe ich es, genug Menschen in den sozialen Medien zu finden, die dieser Behauptung Vertrauen schenken. Vielleicht einfach, weil sie das Gefühl haben, dass es im Handel ja wirklich nie das gibt, was sie gerade brauchen. Und Klopapier, Nudeln und Hefe bekanntermaßen erst recht nicht. Geld regiert ja die Welt. Wacht auf! Natürlich! Da steckt viel Wahrheit drin!“ Und schon lassen sie sich mobilisieren, und stehen mit Transparenten vorm Supermarkt um die Ecke, um für ihr Recht auf Klopapier zu demonstrieren. Da werden die Marktleiter nicht schlecht staunen: „Aber wir haben doch Klopapier.“, sagt der Marktleiter. „Lügenpresse, Lügenpresse!“ schreit die aufgebrachte Meute. „Und Hefe ist auch da, kommen Sie doch einfach mal herein.“ Aber es geht unter, im Sprechgesang: „Lügenpresse! Wacht auf! Wir sind das Volk! Geld regiert die Welt. Hefe, Hefe, Hefe!“ Und dann löscht YouTube mein Video. Schlicht weil es eine Falschmeldung ist. Und der Marktleiter und die kopfschüttelnden Kunden, die doch einfach nur mal in Ruhe einkaufen gehen wollten, atmen auf. Nur die Demonstranten nicht. Denn diese ändern einfach ihren Sprechgesang und brüllen: „Zensur, Zensur! Da war wohl zu viel Wahrheit drin.“

Dienstag, 12.05.2020

Wir haben unser Café-Bistro noch gar nicht wieder geöffnet, da überlegen die ersten schon, in welchem Haushalt sie gerne während des zweiten Lockdowns leben möchten. Der Corona-Familien-Tausch, klingt fast wie ein neues Sendeformat für RTL II. Worüber der Galgenhumor nicht hinwegtäuschen kann: Sie haben recht – die Gefahr eines baldigen zweiten Lockdowns ist hoch.

Wenn ich dieser Tage durch die Straßen unserer Innenstadt laufe, könnte ich mich außerhalb der Geschäfte und der Straßenbahn fast der Illusion ergeben, wir seien plötzlich in einer Welt ohne Corona. Fröhliche Menschen tummeln sich in 5er-, 6er-, 7er-Gruppen Seite an Seite zum nächsten Grüppchen auf den Sitzbänken hinter der Krämerbrücke, mit Cocktails, Bier, Eiscreme und Bratwurst in der Hand, nebenan wird zur Gartenparty geladen. Ein kleines Wimmelbild der Glückseeligkeit, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Haben denn alle Ihren rationalen Verstand und ihr solidarisches Denkvermögen als Glaspfand an der Cocktailbar abgegeben? Während erste behutsame Lockerungen der Kontaktbeschränkung erst ab morgen greifen, die Gastronomie nur toGo verkauft und der Handel mir großem Aufwand Abstands- und Hygieneregelungen umsetzt, um Menschenansammlungen zu vermeiden, kreiert ihr euch in der Zwischenzeit schonmal ein kleines Eldorado der unbekümmerten Geselligkeit.
Haben wir alle wirklich bald 8 Wochen Lockdown hinter uns, um alles für einen lustigen Nachmittag auf eine Bratwurst im Freundeskreis wieder aufzugeben? Kämpfen Händler, Gastronomen, Beherbergungsbetriebe, Freiberufler, Künstler und so viele mehr dafür um ihre Existenz? Damit ihr euch endlich alle wieder auf einem Haufen mit einem Cocktail in der Hand hinter der Krämerbrücke treffen könnt? Ist #mefirst jetzt nach #supportyourlocals der neue Trend-Hashtag? Ist Solidarität nicht mehr en vogue?

Während die einen sich auf Hygienedemos tummeln, und den Virus wie eine Trophäe zurück in ihre Heimat schleppen, kümmert sich der Rest der #mefirsts um seine Verbreitung bei Bratwurst und Eis. Das Haltbarkeitsdatum der Solidarität in unserer Gesellschaft: 7 Wochen. Da hält ja ein Joghurt länger.

Ab Freitag soll die Gastronomie wieder öffnen dürfen, so übereilt, dass Land und Kommunen gar nicht hinterher kommen, rechtzeitig die Hygienerichtlinien aufzusetzen und zu kommunizieren. Gaststättenverband und Berufsgenossenschaft springen in die Bresche, um Gastronomen übergangsweise mit ein paar rudimentären Informationen zu versorgen. Und ich ahne, warum die Öffnung so übereilt erfolgt: Um Entwicklungen wie diese zu kanalisieren. Denn wenn alle wieder Biergärten, Bistros, Restaurants und Cafés nutzen können, wird es den Gastronomen obliegen, auf die Einhaltung der Regelungen zu achten. Keine leichte Aufgabe, wie der Handel bereits erfahren musste. Ob sich ein gastronomischer Betrieb auf diese Art wirtschaftlich betreiben lässt, wird sich zeigen. Wir nehmen die Challenge bis dahin an. Wir werden dieses Wochenende nutzen, um wenigstens die ersten bekannten Hygienerichtlinien umzusetzen und planen, am Montag wieder zu öffnen.
Ja, wenn bis dahin nicht schon der nächste Lockdown kommt.

Ob Handel und Gastronomie, die die erste Welle überlebt haben, wohl auch nach einer allzu raschen zweiten Welle noch existieren, wenn sie sich gerade erst kosten- und zeutaufwändig für die Wiedereröffnung gewappnet haben? Ich weiß es nicht.
Deshalb, liebe #mefirsts, gebt uns eine Atempause, bevor die nächste Welle kommt. Provoziert nicht einen vorzeitigen Lockdown, der vermeidbar wäre. Seid doch so gut, gebt euer Cocktailglas einfach wieder hinter der Krämerbrücke ab und löst euren Pfand ein. Denn ein Bild unserer hübschen Innenstadt ohne Handel und Gastronomie ist kein Wimmelbild mehr – sondern eine leere Seite im Corona-Bilderbuch mit dem Titel #mefirst.

Mittwoch, 13.05.2020

Nicht jede Krise bringt Chancen mit sich. Aber diese tut es. Ich glaube immer noch daran.

Nur: Werden wir diese Chancen wirklich nutzen? In diesem Punkt bin ich verunsichert.

Als die ersten Lockerungen in Aussicht gestellt wurden, schrieb ich in meinem Corona-Tagebuch: „Was mit den Lockerungen folgt, wird die wahre Herausforderung.“ Das war am 15. April. Wie recht ich mit diesem Gedanken haben sollte, wird mir jetzt erst bewusst, fast einen Monat später.

Die Gesellschaft spaltet sich zwischenzeitlich in 3 Lager. Da gibt es die lauteste Gruppe und auch wenn sie in sozialen Medien und auf den Straßen omnipräsent ist, es ist die Kleinste: Der Widerstand. Eine bunte Mischung aus Freiheitskämpfern aller politischen Richtungen, Reichsbürgern, Rechtsextremisten, Antisemiten und Verschwörungsideologen, eine absurde Mischung voller Gegensätze, die vor allem eines eint: Falschmeldungen. Die einen streuen sie, die anderen glauben sie und dann gehen sie gemeinsam Hand in Hand auf die Straßen und brüllen „Diktatur“, wo keine ist. Was mögen wohl die Menschen davon halten, die wirklich in Diktaturen leben. Menschen, die Demonstrationen wie diese in wahren Diktaturen mit ihrer Freiheit, ja oft mit ihrem Leben bezahlen würden – während hier vereinzelt die Personalie aufgenommen, vielleicht auch mal ein Bußgeld verhängt wird. Es muss klingen, wie der reine Hohn.

Dann gibt es die Gruppe derer, die den Beginn der Lockerungen gleichsetzen mit „Corona ist vorbei. Gut, Maske muss jetzt beim Shoppen halt sein, kann ich dann jetzt auch weiter online machen, soll der Handel halt sehen, wo er bleibt, aber sonst reichts ja jetzt mal langsam. Liebe Risikogruppe, nix für ungut, aber ihr seid ja eh bald tot, gell. Das halbe Jahr mehr oder weniger, habt euch mal nicht so. Das Leben geht ja weiter. Also, für mich.“ Und dann gibt es da eine Gruppe – und ja, ich beharre darauf, dass das die meisten sind, schlicht, weil ich es anders nicht ertragen könnte: Die Gruppe derer, die das warme Gefühl der Solidarität und die Klarheit der rationalen Denkens für sich über die Zeit der ersten Lockerungen hinaus hinwegretten konnten. Diese Gruppe ist nicht homogen, da gibt es Menschen, die die Maßnahmen komplett befürworten, andere stellen Schritte in Frage, viele diskutieren und informieren sich, andere genießen die Abgeschiedenheit des #stayathome ohne soziale Medien. Aber sie eint Eines: Das emotional-solidarische und faktenbasiert-rationale Denken und Handeln. Wenn demonstriert wird, dann in 50er-Gruppen auf Abstand, verstärkt durch kreative Aktionen und soziale Medien. Wenn diskutiert wird, dann auf Basis faktischen Wissens statt auf Basis von Falschmeldungen und Verschwörungsmythen. Es muss nicht jeder einer Meinung sein, denn Diskurs ist und bleibt auch in Krisenzeiten wichtig. Die Politik braucht diese Impulse, um alle Maßnahmen auf den richtigen Weg zu bringen und ja, ich nehme tatsächlich wahr, dass sich etwas tut. Der faktenbasierte Diskurs, er bringt etwas. Ich sehe Bewegung in der Politik, die ich in diesem Ausmaß noch nie wahrgenommen habe.

Und genau da sehe ich unsere Chancen in der Krise: Hinausgeworfen aus unserem Alltagstrott vor Corona, denken wir alle verstärkt darüber nach, was wir wollen und in welche Richtung wir uns Entwicklung wünschen. Wir setzen uns plötzlich intensiv mit Themen auseinander, wie Freiheitsrechte, Konsumverhalten, nachhaltige Wirtschaftsförderung, Bildung, Betreuung, Pflege und so viele mehr, für die wir im Trubel des normalen Lebens den bewussten Blick verloren hatten. Und wir erreichen damit auch die Politik.

Aktionen wie #leerestühle#keeperfurtalive#supportyourlocals #coronaeltern – verknüpft durch Hashtags in der Welt der sozialen Medien – verschaffen sich Gehör. Und werden nicht ignoriert. Während Minister Tiefensee umgehend die Thüringer Leere Stühle Aktivistin Tanya Harding anrief, um auf ihren offenen Brief zu antworten, werde ich mich nächste Woche auf einen Kaffee mit Ministerin Siegesmund treffen. Virtuell versteht sich. Denn die Politik liest mit, hört mit. Und tritt in den Dialog, um kontinuierlich zu prüfen, wo wirklich Optimierungen auf den Weg gebracht werden können, die wir als Gemeinschaft hartnäckig einfordern.

Und was ist das, wenn nicht eine Chance.

Donnerstag, 14.05.2020

Morgen haben auch wir Gastronomen den ersten Shutdown ever geschafft. Ich warte schon lange auf diesen Tag. Am 2. April, vor einer gefühlten Ewigkeit, schrieb ich in meinem Tagebuch: „Wenn die ToGo-Box hier verschwunden ist, dann wisst ihr: Es ist geschafft. Der Teller ist wieder da, die Bistros, Cafés und Geschäfte öffnen, das Leben nach dem Shutdown beginnt.“ Die letzte ToGo Box, die ich am Freitag mit euch teilen werde, wird auch mein letzter Corona Diary Eintrag sein. Denn dann widmen wir uns mit unserem Bistro-Café der größten Herausforderung: Zurechtfinden in der neuen Normalität in einer Welt mit Corona.

Ich bin gespannt, was diese neue Normalität für uns Gastronomen mit sich bringen wird. Eines ist sicher, es wird nicht wie vorher werden. Dennoch: In meinem Herzen überwiegt die Hoffnung.
Wir sind seit jeher mit einem recht ungewöhnlichen Konzept ins Gastroleben gestartet, weil uns immer andere Werte wichtiger waren, als das große Geld zu verdienen. Ja, manchmal haben wir damit in den letzten 12 Jahren sehr zu kämpfen gehabt, immer dann, wenn das Geld doch nicht zum Leben zu reichen drohte, der Mindestlohn zwar für alle Angestellten gesichert war, wir selbst aber als Selbständige einen Stundensatz von 3,50 EUR bei einer 60-bis-80-Stunden-Woche in Kauf nehmen mussten. Oft habe auch ich, bei allem Idealismus, hinübergeschielt zu Betrieben, die mit ähnlichem Ressourcen- und Zeitaufwand im Abend-, Wochenend- & Feiertagsgeschäft drei bis vier Mal mehr Umsatz generieren konnten, als wir mit unserem Mittagessen, schlicht weil die Gäste naturgemäß im Abendgeschäft nicht darauf achten, die 10,- Euro Grenze möglichst nicht zu überschreiten, sondern für Essen in vergleichbarer Qualität das Doppelte oder Dreifache bezahlen, nicht nach dem kostenlosen Wasserkrug fragen, sondern gerne und viele Getränke konsumieren, wovon die Gastronomie seit jeher lebt.

Aber dann habe ich mich immer wieder darauf besonnen, was uns wirklich wichtig ist: nachhaltig & ressourcenschonend in guter Qualität zu arbeiten, ein beständiges, freundschaftliches Miteinander mit unseren Gästen und Mitarbeitern aufzubauen, Menschen mit unserem Tun glücklich zu machen, das gesellschaftliche Zusammenleben zu bereichern, die Vereinbarkeit unseres Lebens- und Geschäftsmodells mit Familie und Kindern. Und ja, das ist uns gelungen.

Jetzt, mit dem Start in die neue Normalität nach dem Shutdown habe ich das Gefühl, dass uns unser ungewöhnliches Modell tatsächlich sogar noch hilfreich zur Seite springen wird: Wir haben unser Einkommen nie mit Touristenströmen, Businessmeetings, alkoholgeschwängerten Abenden und konsumfreudigen Wochenenden verdient – durchweg Bereiche, die es jetzt sehr schwer haben werden, in der neuen Corona-Normalität. Unsere lieben Gäste kommen regelmäßig zum Mittagessen, manche täglich, sie haben uns in der Zeit des Shutdowns und provisorischen Fensterverkaufs über die vielen Wochen unterstützt und haben nun für die nächste Woche bereits damit begonnen, ihre Tische zu reservieren. Wir arbeiten seit jeher mit Vorbestellungen der Portionen, teilen die Tische zu festen Uhrzeiten zu. Bisher schlicht, um nachhaltig und ressourcenschonend arbeiten zu können, ohne etwas wegzuschmeißen – nun dient es automatisch auch der Einhaltung der Corona-Richtlinien. Unsere Gäste und wir, wir sind da seit 12 Jahren ein wunderbar eingespieltes Team. Und das lässt mich sehr zuversichtlich in die kommende Zeit blicken.

Natürlich wird es auch bei uns nicht wie zuvor, unsere Tischordnung in Wohnzimmeratmosphäre ist zwar schon immer sehr viel luftiger, als es in den meisten anderen Lokalitäten üblich ist, aber selbst wir werden ein paar Tische und Stühle entfernen müssen, um die Mindestabstände einhalten zu können. Wenn das Wetter auf unserer Seite ist, werden wir das vielleicht durch unsere Außensitzplätze ein wenig abpuffern können. Ab 1.07. greift ergänzend dir reduzierte Mehrwertsteuer auf Speisen – und ich denke mir: Hallelujah, endlich ein Schritt, der die Kunst des Kochens wirtschaftlich fördert, denn auf andere künstlerische Darbietungen wird seit jeher 7% verlangt. Das macht mir Hoffnung – auch wenn mir bewusst ist, dass die Politik den Vergleich mit der Kunst dabei sicher nicht im Hinterkopf hatte. Der Vergleich fühlt sich dennoch sehr richtig an. Tatsächlich kämpft die Kunst des Kochens seit jeher mit der gleichen Tatsache, wie andere Künste auch: Sie kann häufig nicht so viel für sich verlangen, wie sie es eigentlich müsste, um profitabel zu sein.

Die Senkung der Mehrwertsteuer bringt ein wenig mehr Gerechtigkeit in dieses Ungleichgewicht. Warum erst ab 01.07. und warum nur für 1 Jahr? Diese Fragen stehen für mich noch ungelöst im Raum. Die Politik ist aber zur Zeit beweglich wie nie zuvor. Vielleicht werden diese Punkte noch korrigiert.

Am Wochenende werden wir uns ans Werk machen, Plexiglasscheiben montieren, Tische rücken, Abstände sichern und den Hygiene-Maßnahmenplan schmieden. Und am Montag, da machen wir wieder für unsere Gäste auf. Ich freue mich schon so sehr darauf, alle endlich nach der langen Zeit wieder persönlich bei uns willkommen zu heißen. Und darauf, mein glücklich-Essen wieder auf einem Teller zu servieren.

Unser Austausch hier auf eine ToGo-Box zu unserer verrückten Zwischenwelt wird mir bei aller Freude fehlen. Aber morgen, da sehen wir uns virtuell nochmal. Auf eine letzte Box toGo.

Freitag, 15.05.2020

Die letzte Box toGo. Was für eine verrückte Zwischenwelt. 8 Wochen des Shutdowns für die Gastronomie. 8 Wochen, in denen es mir schlicht unmöglich war, mich mit alltäglichen Dingen wie Rezeptideen, Beilagenalternativen und Ernährungsformen auseinanderzusetzen, wie ich es sonst in meinen täglichen Blog-Beiträgen getan habe.

So lange der Teller verschwunden war, habe ich die Zeit genutzt, ein wenig über den Tellerrand hinausblicken. Selbst beim Kochen der Gerichte jeden Vormittag für unseren provisorischen Fensterverkauf, mit dem wir versucht haben, uns über die Wochen des Shutdowns hinwegzuretten, kreisten meine Gedanken nur um Eines: Unsere verrückte Zwischenwelt. Ich danke euch, dass ihr mich begleitet habt, dass ich meine Gedanken hier mit euch teilen konnte, die einfach heraus mussten, aus meinem Kopf, aus meinem Herzen. Ich hätte es nicht ertragen, diese Gedanken einfach für mich zu behalten – der Austausch mit euch war für mich unendlich wertvoll. Und vielleicht der ein oder andere Gedanke für euch auch. Gemeinsam konnten wir uns diese verrückte Zwischenwelt etwas genauer anschauen, die so surreal wirkt, als sei sie ein Science Fiction Film, aber tatsächlich unser reales Leben ist.
Später einmal, werde ich mir dieses Tagebuch wieder zur Hand nehmen – das erste übrigens, das ich je geschrieben habe. Denn die Erinnerungen an diese unglaublich intensive Zeit, sie werden verblassen. Dinge von denen wir jetzt glauben, dass sie sich für immer in unser Gedächtnis eingebrannt haben, werden der neuen Normalität, in der wir uns mit Ende des Shutdowns zurechtfinden müssen, weichen. Deshalb werde ich all die Gedanken der 8 Wochen Shutdown in diesem Tagebuch bewahren – und später einmal wieder zur Hand nehmen, um mich an den Science Fiction Film zu erinnern, der unser wahres Leben war. Wir werden den nachfolgenden Generationen davon berichten, wie wir aus dem Nichts blauäugig in die erste weltweite Pandemie unserer modernen Welt stürzten – denn Eines ist sicher: Alles was wir jetzt lernen, jede Erkenntnis, die wir jetzt gewinnen konnten, wird unseren nachfolgenden Generationen den Weg durch Pandemien wie diese weisen.

Ab Montag ist der Teller wieder da. Ich gehe wieder in meine Bistro-Küche und stürze mich in die Herausforderung, die da draußen auf uns wartet: Die neue Normalität nach dem Shutdown, in einer Welt mit Corona.

Das ist hier nicht das Ende, sondern der Anfang der Geschichte. Der wahre Überlebenskampf unserer Branche?
Er beginnt jetzt.

 

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